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NEUES FEATURE
Ingos Fernsehsessel – "Summer Stock"

Wir sind mitten in der Sommertheater-Saison und deshalb habe ich mich für „Summer Stock“ entschieden – leichtgewichtige 50er-Jahre-Unterhaltung mit Judy Garland und Gene Kelly. So unterhaltsam der Film an sich daherkommt, so beschwerlich waren die Dreharbeiten.

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Jane Falbury (Judy Garland) betreibt mühevoll eine finanziell angeschlagene Farm. Ihre Schwester Abigail (Gloria DeHaven) lebt in New York und arbeitet an ihrer Broadway-Karriere. Eines Tages taucht sie unangemeldet, dafür mit einer ganzen Künstlertruppe im Schlepptau, auf dem Hof auf und will die Scheune als Proben- und Aufführungsort für ein neues Musical nutzen – als sogenannter „Summer Stock“, bei dem in den Sommermonaten Scheunen oder Zelte aus Aufführungsorte bespielt werden. Um Kosten zu sparen, stammen Kostüme und Bühnenbilder dabei aus einem Fundus („Stock“). Jane ist wenig begeistert, willigt aber ein, wenn die Damen und Herren Künstler auch auf der Farm mit anpacken. Leider ist Landwirtschaft keine Grundkompetenz des Ensembles und der Schauspieler Herb (Phil Silvers) fährt sogar den funkelnagelneuen knallroten Traktor zu Schrott. Chef der Gruppe ist Joe (Gene Kelly), Abigails Freund. Und man kann es sich schon denken: Joe entdeckt nicht nur Janes Gesangs- und Tanztalent, sondern verliert auch sein Herz an die Farmerin. Kurz vor der Premiere verlassen Abigail, deren Starallüren inzwischen kaum noch zu übersehen sind, und der Hauptdarsteller die Show. Jane und Joe müssen einspringen.

Richtig originell ist an „Summer Stock“ wenig. Aber es ist einfach gut gemachtes, kurzweiliges buntes Hollywood-Kino. Außerdem enthält das Drehbuch einen Dialog, den sich Musical-Fans in Gold gerahmt an die Wand hängen sollten:

Joe: Wir versuchen, eine Geschichte mit Musik, Liedern und Tanz zu erzählen. Also nicht nur mit Worten. Wenn der Junge dem Mädchen zum Beispiel sagt, dass er sie liebt, dann sagt er es nicht einfach – er singt es.

Jane: Warum sagt er es nicht einfach?

Joe: Warum? Keine Ahnung. Aber irgendwie ist das doch ganz schön.

Die dünne Geschichte hangelt sich von einer Gesangs- und Tanznummer zur nächsten. Die sind aber mehr als ansehnlich. Ob Judy Garland, die fröhlich ihren funkelnagelneuen Traktor lenkt und stolz ihre Nachbarn grüßt („Howdie Neighbours / Happy Harvest“), die aus der Spur laufende Chaos-Probe einer Meerjungfrauen-Nummer („Mem’ry Island“) oder der Dorftanzabend, auf dem eigentlich brave, traditionelle Musik gespielt und entsprechend getanzt werden soll, der aber von den Tänzern und Musikern mit Jazz gekapert wird – das ist spritzig, flott und sehr unterhaltsam. Gene Kellys „Newspaper Dance“, in dem er erst eine knarzende Diele im Bühnenboden und dann eine herumliegende raschelnde Zeitung in seine Steppnummer einbaut (was auch toll in das musikalische Arrangement eingeflochten wird), die energetische Nummer „Dig-Dig-Dig Dig For Your Dinner“ mit der elegant schwebenden Kamera und Garlands stilprägende Nummer „Get Happy“ sichern diesem Streifen einen Platz im Filmmusical-Olymp.

Wenn man jedoch ein bisschen genauer hinsieht, hat die glatte Oberfläche von „Summer Stock“ einige Risse. Die Produktion verlief alles andere als problemlos. Regisseur Charles Walters nannte sie im Nachhinein sogar „eine Qual“.

Hauptproblem war Judy Garland. Sie war einer der größten Stars bei Metro-Goldwyn-Mayer. Das Filmstudio baute sie kontinuierlich vom Kinderstar zur erwachsenen Leading Lady auf. Damit sie dem Leistungsdruck stand- und ihr Gewicht beibehielt, wurden ihr als Teenager Amphetamine und Barbiturate verabreicht. Das führte zur starker Medikamentenabhängigkeit, später kam noch der Alkohol dazu. Auch ihr Privatleben war alles andere als einfach und sie litt unter Depressionen.

Das Arbeiten mit Garland wurde immer schwieriger. Sie galt als unzuverlässig, erschien spät oder auch manchmal gar nicht zum Dreh. Bei „Summer Stock“ musste spontan aus dem Trio von „Heavenly Music“ ein Duo gemacht werden, weil sie nicht auftauchte. Die Choreografie wurde umgestellt und nach dem Dreh mussten Gene Kelly und Phil Silvers das Playback des Songs neu aufnehmen. Das Projekt stand mehrfach auf der Kippe, weil Garland nicht nur unentschuldigt, sondern auch auf ärztlichen Rat oft fehlte, die Produktion sich in die Länge zog und das Budget überschritten wurde. Da nicht kontinuierlich gedreht werden konnte, ergaben sich Anschlussfehler, die im Schnitt notdürftig kaschiert wurden. Auch Garlands Gewicht schwankte und ihre Kostüme mussten ständig geändert werden.

Am offensichtlichsten ist der Gewichtsunterschied bei der Nummer „Get Happy“. Nachdem die eigentlichen Dreharbeiten beendet waren, entschied man, dass dem Film noch ein großes Garland-Solo fehlte. Sie wählte „Get Happy“ aus und begab sich zwei Wochen in eine Hypnosetherapie, aus der sie zehn Kilo leichter wieder am Set erschien. Ihr cooler Auftritt in schwarzem Anzug und mit Hut sowie die Choreografie mit den sie umtanzenden Männern zählt zu ihren bekanntesten und meistkopierten Nummern.

„Summer Stock“ war der letzte Film, den Garland für MGM drehte, danach wurde ihr Vertrag gekündigt. Sie stand von 1937 bis 1950 in 26 Filmen vor Kamera und die meisten waren große Erfolge. Offen gesagt: Sie wurde verheizt.

Nachdem sie während der Dreharbeiten zu „The Barkleys of Broadway“ („Tänzer vom Broadway“, 1949) durch Ginger Rogers und der Verfilmung von „Annie Get Your Gun“ (1950) durch Betty Hutton ersetzt worden war, sollte „Summer Stock“ ihre letzte Chance bei MGM sein. Deshalb sprangen ihr Freunde zur Seite, die eigentlich von dem Stoff wenig angetan waren.

Ursprünglich sollte Busby Berkeley den Film inszenieren. Doch Garland hatte bei „Girl Crazy“ (1943) und den ersten Aufnahmen zu „Annie Get Your Gun“ unter seiner autoritären Arbeitsweise gelitten und bestand auf einem anderen Regisseur. Stattdessen wurde Charles Walters engagiert, der schon bei „Easter Parade“ („Osterspaziergang“, 1948) die Kohlen aus dem Feuer geholt hatte, als Garland wegen ihrer kriselnden Ehe nicht mit ihrem damaligen Ehemann Vincente Minnelli drehen konnte.

„Summer Stock“ sollte das Leinwandpaar Judy Garland / Mickey Rooney wieder vereinen – das wäre dann ihre zehnte Zusammenarbeit geworden. Doch Rooney stand aktuell nicht besonders hoch in der Publikumsgunst, deswegen suchten die Produzenten Ersatz. Auf Garlands Bitte hin übernahm Gene Kelly. Er mochte weder die Figur noch das Drehbuch, aber weil sie ihm zu seinem ersten Filmerfolg („For Me an My Gal“, 1942) verholfen hatte, nahm er die Rolle des Joe an.

Kelly war auch mit dem für die Choreografie zuständigen Nick Castle nicht zufrieden – es gab oft Streit am Set – und so übernahm er bei drei Nummern die Tanzregie. Das ikonische „Get Happy“ kreierte Regisseur Walters, der früher Choreograf gewesen war, selbst. Diese drei unterschiedlichen Stile erkennt man sehr deutlich. Castles Nummern sind zwar komödiantisch, aber eigentlich etwas bieder, Walters‘ „Get Happy“ fällt durch seine Coolness auf und Kellys Tänze sind akrobatisch-elegant, wie man es bei ihm oft sieht. Mir sind die verschiedenen Stile beim Ansehen des Films aufgefallen, gestört haben mich die Unterschiede aber nicht. Walters‘ Choreografie hat mich – auch wenn sie genau genommen ein Fremdkörper im Film ist – besonders positiv überrascht. Ich halte ihn sonst eher für einen etwas zu gefälligen, wenig kreativen Regisseur.

„Gefällig“ trifft eigentlich auf den ganzen Film zu. Mich hat er durch seinen Schwung und seine Musiknummern mitgenommen. Judy Garland ist nicht anzusehen, welche persönlichen Probleme sie mit sich herumschleppte. Sie spielt Jane frisch und munter, auch wenn man ihr die Farmerin nur bedingt abnimmt. Die Chemie zwischen ihr und Gene Kelly stimmt, der professionell überspielt, dass er eigentlich keine Lust auf die ganze Chose hatte. Phil Silvers legt den trotteligen Schauspieler Herb etwas zu knallchargig an, aber diese Figur war im damaligen Filmmusical Standard, ebenso wie Janes dusselig-weltfremder Verlobter Orville, dem Eddie Bracken aber etwas mehr Charme verleiht. Gloria DeHaven als Janes Schwester Abigail glänzt mit ihrem beeindruckenden Gesang, aber um darstellerisch Eindruck zu hinterlassen, ist ihre Rolle zu flach gezeichnet.

„Summer Stock“ bietet 105 unterhaltsame, solide gemachte Musical-Minuten – nicht mehr. Aber auch auf keinen Fall weniger. Für mich war das perfekte Sommer-Unterhaltung.

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