Margaret Qualley, Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
Margaret Qualley, Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Blue Moon
Kinofilm / 2025

Ethan Hawke glänzt als Songschreiber Lorenz Hart, der nach Team-Erfolgen mit dem Komponisten Richard Rodgers dessen Triumph mit „Oklahoma!“ – allerdings jetzt mit den Texten von Oscar Hammerstein II – verdauen muss. Der Film wirkt zwar wie elegant abgefilmtes Theater, besticht aber durch ein Drehbuch mit großartigen Dialogen und nuancierten Darstellerleistungen. Ein tragikomischer Blick in die Broadway-Geschichte.

Andrew Scott, Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Rodgers und Hart waren von den 1920ern bis in die 1940er Jahre das erfolgreichste Komponisten-Texter-Duo am Broadway und in Hollywood. Doch die Zusammenarbeit gestaltete sich zusehends schwieriger, weil Lorenz Hart durch persönliche Krisen und Alkoholismus immer unzuverlässiger wurde. Außerdem wollte Richard Rodgers weg vom damals gängigen Musical-Schema, bei dem eine dünne Handlung um mehr oder weniger zusammenhangslose Songs gestrickt war, hin zu einer charaktergetriebenen Geschichte und einer engeren Verbindung von Buch und Musik. Zwar erarbeiteten sie gemeinsam noch neue Songs für das Revival von „A Connecticut Yankee“, aber ihre eigentliche Kooperation endete, als Rodgers „Oklahoma!“ in Angriff nahm und Hart mit dem Stück nichts anfangen konnte (oder wollte) – von der komplizierten Arbeitsweise mit ihm mal abgesehen. Seine Stelle nahm Oscar Hammerstein II ein.

Richard Linklaters Film spielt am 31.03.1943, dem Tag der Premiere von „Oklahoma!“, in der „Sardi’s“-Bar, dem Treffpunkt von Kulturschaffenden in New York. Hart wartet dort auf Elizabeth Weiland. Seitdem sie an der Produktion des Musicals „By Jupiter“ beteiligt war, steht er in Briefkontakt mit der jungen Frau, die Bühnen- und Kostümbildnerin werden möchte und hat sie auch schon am Wochenende besucht. Er kokettiert mit dem Barkeeper Eddie darüber, womöglich ein sexuelles Verhältnis mit ihr zu haben. Was sehr seltsam anmutet, denn Hart ist mehr als 20 Jahre älter als Elizabeth und mit seiner Größe von 1,52 m und seinem über kahle Stellen gekämmten Haar wahrlich kein Adonis. Außerdem ist seine Homosexualität ein offenes Geheimnis.

Was in der Bar passiert, ist völlig erfunden. Drehbuchautor Robert Kaplow stieß auf den Briefwechsel von Weiland und Hart und konstruierte daraus die Handlung. Wobei man nicht wirklich von einer Handlung sprechen kann. Es wird eigentlich nur geredet und das vor allem von Hart. Aber der Text ist so pointiert, dass man den ausschweifenden, wortgewandten, selbstbezogenen, mal auch sarkastischen oder vulgären Hart-Monologen zu gerne folgt. Auch weil ihn Ethan Hawke wunderbar mit einer bemitleidenswerten Grandezza spielt. Wenn Hart über „Oklahoma!“ herzieht, das er von der Handlung (ein Cowboy-Musical!) über Hammersteins Songtexte bis zum Ausrufezeichen im Titel verabscheut, ist ihm sein unterschwelliger Neid anzumerken, denn er weiß genau, dass die Show ein Hit werden wird. Hawke schafft die Gratwanderung, seine auf den ersten Blick wenig sympathische Figur so zu zeichnen, dass das Publikum trotzdem mitfühlt. Dafür wurde er für einen Oscar nominiert.

Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Auch Kaplow erhielt eine Nominierung – sehr verdient, nicht nur wegen der Dialoge, sondern auch für die leichte Hand, mit der er Infos über die Charaktere einfließen lässt, denn das Publikum befindet sich mehr oder weniger ohne Einführung direkt in der Bar. Lorenz Hart erwähnt nebenbei, die beste Textstelle aus dem Film „Casablanca“ sei „Niemand hat mich je so geliebt“ (Hart hatte nie eine feste Beziehung), die beste aus der Oper „Porgy and Bess“: „Wen Gott zum Krüppel gemacht hat, den hat er einsam gemacht.“ (Hart litt unter seiner geringen Körpergröße). Beides sind Geschichten, in denen der Liebende am Ende allein zurückbleibt.

Zwar nicht im Oscar-Rennen, dafür aber bei der Berlinale als bester Nebendarsteller ausgezeichnet: Andrew Scott als Richard Rodgers. Die „Oklahoma!“-Premierenfeier findet ebenfalls bei „Sardi’s“ statt und so treffen die beiden Ex-Kompagnons aufeinander. Rodgers ist durch Körperhaltung und subtile Mimik anzumerken, dass er nicht mit Hart sprechen will. Er ist höflich, aber ausweichend, mitfühlend, aber fast ein bisschen angeekelt von dem mittlerweile ziemlich betrunkenen Lorenz, während dieser dem Komponisten fast unterwürfig die Zusammenarbeit bei einem Musical über Marco Polo vorschlägt.

Margaret Qualley, Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Margaret Qualley bleibt als Elizabeth ein wenig blass, als könne selbst ihre Darstellerin nicht das erreichen, was Hart in sie projiziert. Bobby Cannavale gibt den Barkeeper Eddie mit dem offenen Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Gäste mit maskulinem Charme, Jonah Lees den Barpianisten Morty Rifkin zur Rolle passend verhuscht und schüchtern in Gegenwart eines Teils des Schöpferpaars, dessen Songs er Abend für Abend spielt und das er bewundert.

Diese Hintergrundmusik – Klavierversionen von George-Gershwin-, Cole-Porter- und natürlich Richard-Rodgers-Songs – sorgt zusammen mit der in warmen Holztönen gehaltenen Ausstattung für die wohlige Atmosphäre einer edlen Bar.

Jonah Lees, Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Dass Hart sich im Laufe des Abends mit immer anderen Personen und an anderen Positionen innerhalb der Bar unterhält, verhindert, dass er an der Theke festhängt und sich der ganze Film nur dort abspielt. Shane F. Kellys elegante Kameraarbeit und Richard Linklaters ruhige Inszenierung finden unaufdringliche Bildideen, die das Theaterhafte des Films etwas aufbrechen können. Eine Herausforderung war, Ethan Hawke auf Harts Originalgröße zu schrumpfen. Das gelingt durch Kameraperspektiven oder Podeste, auf denen seine Mitspieler stehen und ihn so überragen.

Der Film steckt voller Anspielungen auf die Musicals jener Zeit. Ein schöner Kniff ist, dass Oscar Hammerstein II seinen Nachbarjungen mit auf die Premierenfeier bringt; ein altkluges Bürschchen namens Stevie, das später auch einmal Musicals schreiben will. Und das wird er, denn dieses wandelnde Musical-Lexikon ist Stephen Sondheim. Dessen „Merrily We Roll Along“ wird seit 2019 von „Blue Moon“-Regisseur Linklater als Langzeitproduktion verfilmt. Er will über einen Zeitraum von 20 Jahren drehen, über den sich die Handlung des Musicals erstreckt. Etwas Ähnliches hatte er bei seinem Film „Boyhood“ gemacht, an dem er zwölf Jahre arbeitete, um die Entwicklung seiner Hauptfigur vom Kind zum jungen Erwachsenen glaubhaft zu zeigen,

Man kann sich „Blue Moon“ ohne Vorkenntnis ansehen und als großartiges Schauspieler-Kino genießen. Mit etwas mehr Hintergrundwissen macht der Film noch mehr Spaß. Es wäre nicht überraschend, wenn in absehbarer Zeit eine Schauspielfassung des Drehbuchs am Broadway oder im West End herauskommen würde. Für Fans klassischer Musicals ist der Film ein Muss – auch wenn nicht gesungen wird.

Ethan Hawke, © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Lorenz Hart starb am 22. November 1943, wenige Monate nach der „Oklahoma!“-Premiere. Die Dramatikerin und Produzentin Theresa Helburn schrieb in ihrer Autobiografie, Rodgers‘ Erfolg ohne ihn habe ihm „das Herz gebrochen und seinen Tod beschleunigt“.

 
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