© Pamela Raith
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"Das Publikum muss spüren, dass das Ensemble begeistert ist, es auf eine Zeitreise mitzunehmen." - Sam Rayner im Interview

Seit seiner Premiere begeistert „Back to the Future“ am Londoner West End mit einer Mischung aus rasanter Comedy, spektakulärer Bühnentechnik und einer Geschichte über Freundschaft, Mut und die Kraft, sein eigenes Schicksal zu gestalten. Damit eine Produktion dieser Größe über Jahre hinweg ihre künstlerische Qualität behält, braucht es im Hintergrund ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Kreativität und technischer Präzision. Hier spielt der Resident Director die zentrale Rolle: Er ist der Hüter der Show, der Abend für Abend für die erzählerische Klarheit und die emotionale Wahrheit der Figuren sorgt. Im folgenden Gespräch gibt Sam Rayner Einblick in diese komplexe Arbeit hinter den Kulissen – von der täglichen Feinjustierung mit dem Ensemble über die Pflege ikonischer Szenen bis hin zur Frage, wie „Zurück in die Zukunft“ nun den Sprung nach Deutschland meistern wird.

© Sam Rayner

Was sind deine wichtigsten Aufgaben als Resident Director bei „Back to the Future“, gerade im Hinblick auf die künstlerische Qualität während der laufenden Spielzeit?

Als Resident Director sorge ich dafür, dass die kreative Vision von Regisseur John Rando erhalten bleibt, wenn er nicht vor Ort ist. In London kommen jedes Jahr neue Darstellerinnen und Darsteller zum Ensemble, deshalb beginnt ein großer Teil meiner Arbeit im Probenraum – mit Studio- und technischen Proben, die ich gemeinsam mit unserem Musical Director Jim Henson und unserer Resident Choreographer Laura Mullowney leite. Gemeinsam bereiten wir neue Performer auf ihre Rollen vor, bevor John wieder zur Produktion stößt.

Sobald eine neue Besetzung Premiere gefeiert hat, beginnt eine intensive Phase der sogenannten Cover-Proben. Jede Hauptrolle wird von mindestens zwei Ensemblemitgliedern abgedeckt, deren Rollen wiederum von Swings übernommen werden können. In der Praxis bedeutet das: Wir spielen fast jeden Abend eine leicht andere Version der Show.

Während der laufenden Vorstellungen achte ich vor allem darauf, die Präzision der Inszenierung zu bewahren. Es gibt bestimmte szenische Abläufe, Wegeführungen und rhythmische Punkte, die unbedingt erhalten bleiben müssen – sie bilden gewissermaßen die Architektur der Show. Innerhalb dieser Struktur sollen die Darsteller aber lebendig aufeinander reagieren.

Im Kern erzählt das Musical von Ehrgeiz und wissenschaftlicher Neugier, eingerahmt von verschiedenen Liebesgeschichten. Comedy und spektakuläre Effekte funktionieren nur, wenn die Beziehungen zwischen den Figuren glaubwürdig bleiben. Mehrmals pro Woche gebe ich daher sogenannte Show-Notes, arbeite eng mit Ensemble, Kreativteam, Stage Management und den technischen Abteilungen zusammen und achte darauf, dass Story, Tempo, Humor und emotionale Klarheit scharf und präzise bleiben.

Und natürlich gibt es immer wieder Überraschungen, wie Sonderveranstaltungen, zurückkehrende Darsteller oder Pressevorstellungen. Keine Woche gleicht der anderen. Genau das macht den Reiz dieser Arbeit aus.

Welche Strategien nutzt du, um die künstlerische Weiterentwicklung einer lang laufenden West-End-Produktion zu fördern und gleichzeitig die Identität der Show zu bewahren?

In unserer Company herrscht eine ausgeprägte Kultur der Offenheit und Zusammenarbeit. John Rando und Bob Gale haben die Schauspieler stets ermutigt, einen eigenen Zugang zu diesen ikonischen Figuren zu entwickeln. Wenn Darsteller das Innenleben ihrer Rolle wirklich verstehen, entstehen die typischen Eigenschaften der Charaktere ganz natürlich.

Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung in der inneren Haltung einer Figur, um eine Szene völlig neu zu beleben. Häufig besteht meine Arbeit darin, einen neuen Gedanken anzubieten – den Fokus eines Schauspielers wieder stärker darauf zu lenken, was er von seinem Gegenüber empfängt, statt nur darauf, was er selbst zeigen möchte. Eine kleine Verschiebung kann sich durch eine ganze Szene ziehen und die Beziehungen innerhalb des Ensembles weiter vertiefen.

Meine wichtigste Aufgabe ist es dabei immer, Klarheit und gutes Storytelling zu schützen. Wenn Schauspieler wirklich zuhören und mit klaren Zielen spielen, bleibt die Show lebendig und frisch, ohne ihre Identität zu verlieren.

Fans haben hohe Erwartungen an ikonische Momente wie die Hill-Valley-Sequenz oder Martys Gitarrenauftritt. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Probeneindrücke der Hamburger Produktion © Morris Mac Matzen

Diese ikonischen Szenen sind echte Meisterleistungen der Zusammenarbeit. Sie hängen nicht nur vom Darsteller auf der Bühne ab, sondern entstehen durch das präzise Zusammenspiel vieler Bereiche: Stage Management, Automation, Illusion, Kostüm, Ton, Licht und Orchester – eine ganze Armee von Menschen, die perfekt koordiniert arbeitet.

In den Proben trainieren wir diese Momente sehr intensiv: Skateboardtraining, Gitarrenarbeit, Kampf- und Illusionsproben – viele Stunden Wiederholung, bis die Abläufe im Muskelgedächtnis sitzen.

Meine Aufgabe ist es, immer wieder zu prüfen, was diese Szenen so aufregend macht, und dafür zu sorgen, dass sie mit größter Präzision, Klarheit, echtem Engagement und technischer Genauigkeit umgesetzt werden.

„Back to the Future“ lebt von einer Balance aus Comedy, Science-Fiction und emotionalem Erzählen. Wie hältst du dieses Gleichgewicht über die gesamte Laufzeit der Show aufrecht?

Die Tonalität der Show funktioniert, weil alles den Beziehungen im Zentrum der Geschichte dient.

Im Kern geht es um einen siebzehnjährigen Jungen, der verzweifelt versucht, seine Familie zu retten – obwohl ihn deren chaotisches Leben oft zur Verzweiflung bringt. Es geht um einen Wissenschaftler, der sein Leben einem scheinbar unmöglichen Traum gewidmet hat. Und es geht um junge Menschen, die ihren Platz in der Welt suchen.

Comedy und spektakuläre Effekte stehen deshalb nie für sich allein. Wir lachen über die Figuren, weil wir uns in ihnen wiedererkennen – in ihrer Unsicherheit, ihrem Ehrgeiz, ihrem Wunsch nach Anerkennung. Und wenn uns die großen technischen Momente den Atem rauben, dann nicht nur wegen ihrer visuellen Wirkung, sondern weil wir wissen, was für die Figuren auf dem Spiel steht.

Genau deshalb funktioniert diese Balance. Einige der spektakulärsten und zugleich lustigsten Momente der Show rühren mich bis heute zu Tränen – weil sie von Ehrgeiz, Möglichkeiten und dem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Liebe und Akzeptanz erzählen. Wenn man diesen Kern nicht aus dem Blick verliert, erreicht die Show ihr Publikum Abend für Abend.

Zeitreisen sind ein zentrales Element von „Back to the Future“. Welche technischen Anforderungen stellt die Zeitreise-Sequenz im Musical?

Probeneindrücke der Hamburger Produktion © Morris Mac Matzen

Ich kann dazu nicht allzu viel verraten – aber es handelt sich um eine außergewöhnlich ausgeklügelte Illusion.

Die Szene arbeitet mit einer riesigen Leinwand hinter dem DeLorean und einer Projektionsgaze davor, wodurch eine vollständig immersive Welt entsteht. Hinzu kommen komplexe Automation, kontrollierte Pyrotechnik und ein sehr präzises Lichtdesign – eine der technisch anspruchsvollsten Sequenzen im Musicaltheater.

In frühen Workshops schob das Stage-Management-Team noch eine hölzerne Attrappe des DeLorean durch den Probenraum. Zu sehen, wie sich das zu der heutigen Maschine entwickelt hat – die sich dreht, kippt, leuchtet und Rauch erzeugt, und noch vieles mehr, das ich nicht verraten darf – ist beeindruckend. Es ist ein echtes Zusammenspiel aus Ingenieurskunst und Theaterfantasie, entwickelt von Twins FX.

Wenn du an die deutsche Produktion denkst: Welche Rollen oder Momente der Show sind besonders sensibel in Bezug auf kulturelle Übersetzung?

Die Show zeigt ihre amerikanische Herkunft ganz bewusst – vor allem durch das Setting der 1950er-Jahre und die Bezüge zu gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit. Dieser historische Kontext ist wichtig. Im englischsprachigen Raum sind wir so stark von amerikanischer Popkultur geprägt, dass wir vieles intuitiv verstehen. Gleichzeitig wirkt das Leben in den USA selbst für uns manchmal vertraut und zugleich ein wenig surreal.

Im Kern feiert die Geschichte einen abenteuerlichen Individualismus – den Glauben daran, dass man sein eigenes Schicksal gestalten kann. Interessanterweise passt dieser zukunftsgerichtete, technikbegeisterte Geist durchaus auch gut zu einer deutschen Perspektive.

Welche Beobachtungen aus dem täglichen Betrieb am West End hältst du für besonders wertvoll für ein neu startendes internationales Team in Hamburg?

© Pamela Raith

Diese Show verlangt außergewöhnlich gute Kommunikation. Sie ist technisch komplex und entwickelt sich ständig weiter. Jede Abteilung braucht deshalb nicht nur technisches Können, sondern auch ein tiefes Verständnis für das Drama, das diese ganze Maschine antreibt.

In London bin ich immer wieder beeindruckt davon, wie stark das dramaturgische Bewusstsein in unseren Teams für Stage Management, Automation und Sound ausgeprägt ist. Das Tempo der Geschichte hängt genauso sehr von ihnen ab wie von den Darstellern.

Und jenseits aller logistischen Abläufe braucht es vor allem Freude. Das Publikum muss spüren, dass das Ensemble begeistert ist, es auf eine Zeitreise mitzunehmen. Wenn das Team den Ehrgeiz – und auch ein bisschen den Wahnsinn – dieser Show wirklich annimmt, überträgt sich diese Energie unmittelbar auf das Publikum.

Wie gehst du damit um, dass deutsche Zuschauer oft ein anderes Verhältnis zu Humor, Ironie und Popkultur-Referenzen haben als britische Zuschauer?

War es nicht Mark Twain, der einmal sagte: „A German joke is no laughing matter“? Gleichzeitig glaube ich, dass der freche, direkte amerikanische Humor der deutschen Mentalität nähersteht, als man zunächst denkt. Schließlich hat eine gewisse Skepsis gegenüber Sprache in Deutschland in den 1920er-Jahren auch zur Entwicklung des Slapstickfilms beigetragen.

In der Show gibt es viel körperlichen Slapstick, aber auch Humor, der aus Tabus entsteht – etwa aus der peinlichen Situation, dass eine Mutter unwissentlich versucht, ihren eigenen Sohn zu verführen, und aus der dramatischen Ironie, die daraus entsteht. Deutsche sind bekannt für ihre klare Trennung von Arbeit und Freizeit, und vielleicht macht gerade diese Liebe zu Ordnung und Logik die Momente, in denen Regeln überschritten werden, besonders reizvoll.

Der amerikanische Kern der Show passt gut zu einer sehr körperlichen, klar strukturierten Form von Humor, wie sie auch in Deutschland geschätzt wird. Die Produktion hat bereits in Japan großen Erfolg gehabt – und ich bin sicher, dass sie auch in Deutschland funktionieren wird. Natürlich wird sie dabei sensibel an das deutsche Publikum angepasst.

Welche Herausforderungen siehst du bei der Übertragung einer Produktion, deren Filmvorlage in Deutschland zwar sehr bekannt ist, aber nicht ganz denselben Kultstatus hat wie im englischsprachigen Raum?

Ich sehe darin vor allem eine große Chance. Wenn die Erwartungen etwas geringer sind, kann das Publikum das Musical stärker aus sich selbst heraus erleben. Die Show hat ihre eigene Theatersprache, ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene emotionale Dramaturgie.

Wenn sie in Japan – einer Kultur, die sich stark vom amerikanischen Ursprung des Films unterscheidet – so erfolgreich sein kann, dann wird sie sicher auch in Deutschland funktionieren. Die Themen sind universell: Familie, Risiko, Opfer, Hoffnung, Liebe und die unbeholfene Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Diese Themen gehören keiner einzelnen Kultur. Wenn die Show Menschen über kulturelle Grenzen hinweg berühren kann, bin ich überzeugt, dass sie auch in Deutschland ihre volle Wirkung entfalten wird.

Sam, vielen Dank für diese spannenden Einblicke in den ‚Maschinenraum‘ von Hill Valley. Es ist beeindruckend zu sehen, wie viel Herzblut und dramaturgisches Detailverständnis in jeder einzelnen Sekunde stecken, damit die Magie des DeLorean auch nach Jahren noch frisch bleibt. Wir sind sehr gespannt, wie das deutsche Publikum die Show annehmen wird. Dem gesamten deutschen Team viel Erfolg für die Hamburger Produktion und dir weiterhin eine gute Reise durch die Zeit!

 
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