In Linz wird das Musical nicht als Beigeschmack, sondern als eigenständige Sparte gelebt. Mit einem festen Ensemble und einer klaren Ausrichtung auf Uraufführungen sowie Erstaufführungen besetzt das Landestheater eine Nische, die über regionale Bedeutung weit hinausgeht. Hinter diesem Erfolg stehen zwei Männer, die das Haus seit über einem Jahrzehnt prägen: Matthias Davids, der künstlerische Leiter der Musicalsparte, und Arne Beeker, der Dramaturg und Produkionsleiter. Wir haben uns mit den beiden getroffen, um über das ‚System Linz‘ zu sprechen. Im Interview blicken wir hinter die Kulissen der Spielplan-Gestaltung: Wie entsteht zwischen logistischen Zwängen und künstlerischen Visionen ein Programm, das sowohl Klassiker pflegt als auch das Wagnis des Unbekannten sucht? Wir sprechen über die Herausforderungen bei der Entwicklung neuer Stoffe, die Bedeutung eines festen Ensembles und darüber, warum Musical weit mehr ist als reines Wohlfühl-Entertainment. Und natürlich lüften wir das Geheimnis um die Highlights der kommenden Spielzeit.
Ein festes Musical-Ensemble ist im deutschsprachigen Raum fast ein Luxus. Schränkt diese Struktur eure Stückauswahl ein, weil ihr für vorhandene Köpfe statt für ideale Rollenprofile planen müsst – oder ist genau das der Motor für eure Kreativität?
Matthias Davids: Na ja, also erstmal würde ich das Wort Luxus gar nicht benutzen wollen. Ich finde, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass dieses Genre genauso wie Oper, Tanz oder Schauspiel seine Leute am Haus hat. Insofern zucke ich ein bisschen zusammen, wenn ich das Wort höre, weil ich es als Normalität empfinden möchte.
Natürlich gibt es zwei Herangehensweisen: Entweder man sucht die Stücke nach dem Ensemble aus – oder man schaut, was man machen will, und entscheidet, ob das Ensemble dazu passt oder ob man Darsteller:innen gehen lassen und andere engagieren muss, die besser in die Rollen passen. Wir casten aber nicht wie Long-Run-Produktionen, wo Leute oft exakt so aussehen wie die Originale in Amerika. Das empfinde ich als große Freiheit: Natürlich können das auch Menschen spielen, die ein bisschen größer oder dicker sind.
Arne Beeker: Wir haben unsere Vorgehensweise mit den Jahren auch verändert. Wir haben mit sieben fixen DarstellerInnen angefangen und sind nun bei 13, was uns eine größere Flexibilität gibt. Wir achten beim Engagement darauf, dass es Leute sind, die sowohl Pop und Rock als auch klassisches Musical bedienen können. Insofern haben wir selten Probleme.
Wir haben zudem die Freiheit, bei Spezialrollen Gäste hereinzuholen. Natürlich gibt es Stücke, die sich zunächst ausschließen – wir haben zum Beispiel kein Ensemble, das die „West Side Story“ spielen kann, ohne dass unsere männlichen Darsteller bei Rollen wie Doc oder Glad Hand landen, was für sie wenig zufriedenstellend wäre. Aber was tatsächlich schön ist: Wir haben oft gesehen, wie Leute sich in Herausforderungen hineingefuchst haben und einer Rolle gerecht geworden sind, bei der man das vielleicht nicht sofort erwartet hätte. Durch so eine Struktur bringt man die Leute viel weiter, weil sie sonst immer nur in ihre üblichen Rollen-Schemata hineingecastet worden wären. Andererseits wäre es auch fatal, Ensemblemitglieder in Rollen zu pressen, in die sie überhaupt nicht reinpassen.
Apropos Ensemble: Die Verwandlung von Daniela Dett ist bemerkenswert – von der unterkühlten Machtpolitikerin Elisabeth I. in „Die Königinnen“ zur völlig überdrehten Herzkönigin in „Wonderland“. Das muss man als Darstellerin erst mal so abrufen können!
Matthias Davids: Ja, das ist für die Ensemblemitglieder fast wie ein Hochleistungstraining. Auf dem freien Markt springt man oft von einem Stadttheater zum nächsten, oder man landet für Monate in einem Long-Run. Aber die Schlagzahl, die unser Ensemble hier leistet, ist außergewöhnlich. Gast-Regisseure bemerken jedes Mal, wie schnell unsere Leute Inszenierungsideen umsetzen können.
Das liegt an der ständigen Abwechslung: Mal stecken sie in einem Wildhorn-Stück, dann wieder in einem Hammerstein-Klassiker – das sind völlig unterschiedliche Spielweisen. Genau das macht Linz attraktiv. Das Ensemble rutscht von einer Welt in die nächste und sammelt dabei eine enorme Erfahrung.
Ihr setzt in jeder Spielzeit auch auf deutschsprachige Erst- und Uraufführungen und gebt damit auch unbekannten Teams eine Chance. Wie viel ‚Entwicklungshilfe‘ steckt in so einem Prozess? Ihr seid wahrscheinlich in diesem Fall weit mehr als nur eine Spielstätte – ihr entwickelt das Stück quasi mit. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Matthias Davids: Wir bekommen natürlich Unmengen an Anfragen, neue Stücke zu produzieren. Da wir ein subventioniertes Haus sind, sehen wir es als unsere Aufgabe an, gerade auch junge oder unbekanntere Teams zu fördern. Dabei muss man die Balance finden: Einerseits brauchen die Teams Freiraum für ihre künstlerischen Entscheidungen. Andererseits stellen wir natürlich Weichen und fragen: „Wie wäre es, wenn …?“ Ich will dabei nicht als derjenige auftreten, der alles besser weiß, sondern eher helfen, Probleme zu lösen. Am Ende steht und fällt alles mit der ersten Entscheidung: Finden wir eine Geschichte, die relevant, emotional und spannend ist – und die zu unserem Ensemble passt?
Arne Beeker: Wo du gerade „Die Königinnen“ erwähnt hast: Das war zum Beispiel so eine Geschichte, wo wir sehr weit im Vorfeld mit Zaufke und Mason nach einem Nachfolger für „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gesucht haben. Sie kamen mit verschiedenen Ideen, die wir aber entweder nicht relevant genug oder nicht als Musicalstoff geeignet fanden. Als dann der Vorschlag mit Maria Stuart und Elisabeth I. kam, wussten wir sofort: Das ist ein Stoff für die große Bühne und das Bruckner Orchester.

© Barbara Pálffy
Ein schönes Beispiel neben Daniela Dett ist David Arnsperger. Er kam zu uns und war eigentlich auf dramatische Baritonrollen abonniert. Plötzlich landete er bei uns in „Die spinnen, die Römer“ in einer reinen Comedy-Rolle. Niemand hatte vorher ausprobiert, ob er Comedy kann – und er war am Ende, glaube ich, selbst am meisten überrascht, wie gut ihm das lag.
Die Entwicklungszeit beträgt bei uns üblicherweise zwei Jahre ab Auftragserteilung. Wir geben den Teams immer die Möglichkeit für einen einwöchigen Stückentwicklungsworkshop, bestehen aber darauf, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein fertiges Stück vorliegt. Wir wollen keine Workshops mit halben Sachen. Nur wenn das Gerüst steht, können wir gezielt schauen: Wo sind noch Änderungen nötig, um die bestmögliche Uraufführung zu garantieren?
Ihr habt vorhin die Relevanz der Stoffe angesprochen. Wie entsteht daraus eigentlich ein konkreter Spielplan für Linz? Steht am Anfang ein übergeordnetes Motto, oder entscheidet ihr eher nach praktischen Parametern, was gerade für das Haus wichtig ist?
Matthias Davids: Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Ein Spielplan ist wie ein Brotteig, den man ganz lange gehen lassen und immer wieder füttern muss. Zur Frage mit dem Motto: Nein. Das Motto kommt meistens erst ganz am Ende, und dann hoffen wir inständig, dass es irgendwie passt.
Die Planung läuft eher über feste Stellschrauben: Wann haben wir die Slots für das Bruckner Orchester? Das ist ein hochbeschäftigtes Opern- und Konzertorchester. Wenn wir dort einen Slot haben, setzt das meist voraus, dass wir etwas Klassischeres machen oder eine spezielle Geschichte wie „Die Königinnen“. Dazu kommen Fragen wie: Können wir mit TANZ LINZ zusammenarbeiten? Ist der Opernchor verfügbar? Und natürlich das Budget – wir können finanziell nicht für jedes Stück 15 Gäste engagieren.
Ein wichtiger Faktor ist für mich seit „School of Rock“ die Besetzung von Kindern und Jugendlichen. In Oberösterreich gibt es durch das Landesmusikschulwerk so viel Talent, dass man Stücke wie zum Beispiel „Mitte der Welt“ toll besetzen kann. Es ist unsere Aufgabe zu schauen, wer unser Publikum in fünf bis zehn Jahren sein wird. Wenn Kids aktiv auf der Bühne stehen, wird Theater für sie, ihre Freunde und Verwandten plötzlich „normal“. Ich bin deshalb mutiger geworden, Kinder in wichtigen Rollen zu besetzen und nicht nur als „Oh, wie süß“-Beilage.
Arne Beeker: Bei „Mitte der Welt“ waren die Autoren ganz baff, als wir auf ihre schüchterne Frage nach Kinderrollen sofort „Ja, natürlich“ gesagt haben. Das ist anderswo eben nicht üblich. Wir haben hier das Vertrauen: Wenn wir ein Stück mit Kindern planen, dann können wir das auch besetzen.
Matthias Davids: Genau. Dann geht es um Entdeckungen – Erstaufführungen – aber auch um die Berücksichtigung der Musicalgeschichte; wir müssen Klassiker zeigen, ohne die es moderne Musicals gar nicht gäbe. Dabei achte ich auf die Bedürfnisse unseres Ensembles. Ein Stück wie „Sunset Boulevard“ ist toll, hat aber nur drei Hauptrollen, der Rest ist Chor. Da gehen mir die Solist:innen „spazieren“ oder werden unzufrieden. Deshalb suche ich Stücke wie „Come From Away“, die das Ensemble zusammenschweißen, weil jeder wichtig ist.
Es ist eine Verabredung mit allen: Sie haben mindestens einmal im Jahr eine große Rolle, spielen aber auch mal im Ensemble. Am Ende kommt es auf die Mischung an: Ist das alles Komödie? Ist das Drama? Wenn die Mischung gut ist, entsteht so ein Plan wie der für die nächste Spielzeit.
Wir sitzen hier ja schließlich zusammen, um über euren neuen Spielplan zu sprechen. Jetzt reden wir schon eine ganze Weile über die Theorie, und da jetzt endlich das Stichwort „neue Spielzeit“ gefallen ist, hibbele ich hier auf meinem Stuhl rum – also schießt endlich los!
Matthias Davids: [lacht] Also, um dich nicht länger auf die Folter zu spannen, sage ich es jetzt einfach mal in einem Rutsch runter: Wir machen „Matilda“. Das ist die Produktion, mit der wir in die Spielzeit starten. Dann bringen wir Alanis Morisettes „Jagged Little Pill“ als Deutschsprachige Erstaufführung ebenfalls in den Großen Saal.
Arne Beeker: Dazu kommt „The Band’s Visit“ ebenfalls als deutschsprachige Erstaufführung, in die BlacBox des Musiktheaters. Und als Klassiker haben wir uns für „Carousel“ von Rodgers und Hammerstein entschieden.
Matthias Davids: Und dann machen wir noch „Noch ein Teelöffel Feenstaub“. Das ist ein Konzert, des diesjährigen Disney-Konzerts „Ein Teelöffel Feenstaub“.
Hui, ein beachtliches Paket! Wenn wir ins Detail gehen: Alanis Morissette im Großen Saal klingt nach einer Ansage. Ist das ein Stück, das die große Bühne braucht, oder wäre das eigentlich eher Stoff für ein intimeres Setting?
Matthias Davids: Nee, das muss in den Großen Saal. Und es wird, glaube ich, spannend: Simon Eichenberger übernimmt die Inszenierung und Choreografie und gestaltet zum Teil auch die Bühne gemeinsam mit Manfred Nikitser. Manfred ist ein Video-, Licht- und Bühnendesigner, der oft diese ganz großen Projekte stemmt – er hat hier in Linz zum Beispiel die letzte „Klangwolke“ ab der Donau gemacht.

© Reinhard Winkler
Wir sind auf die Idee gekommen, dass „Jagged Little Pill“ das ideale Stück ist, um einen völlig anderen ästhetischen Ansatz zu wählen: Wir verzichten fast komplett auf ein physisches Bühnenbild und lösen alles über Licht- und Videodesign. Wir überlegen ja ständig, ob wir Ästhetiken zeigen können, die wir hier in der Form noch nicht hatten. Bei „Ghost“ hatten wir zwar schon viel mit Projektionen gearbeitet, aber bei „Jagged Little Pill“ wollen wir noch einen Schritt weiter gehen.
Arne Beeker: Simon begleitet uns ja schon seit der allerersten Spielzeit. Er hat mit Matthias in der BlackBox „Seven in Heaven“ gemacht – das war die Vorstellung unseres Ensembles mit einer Premiere direkt am zweiten Tag nach der Eröffnung des Musiktheaters. Seitdem ist er immer wieder bei uns – früher vor allem als Choreograf, in den letzten Jahren aber auch oft als Regisseur für die großen Produktionen.
Wer wagt sich denn bei diesem Projekt an die Übersetzung? Die Texte von Alanis Morissette sind ja fast schon Heiligtümer.
Arne Beeker: Das macht Robin Kulisch. Die Übersetzung ist gerade noch in der Mache. Netterweise schickt mir der Verlag die verschiedenen Entwürfe zu, sodass ich draufschauen und meine Meinung abgeben kann. Das müssten sie natürlich nicht, aber sie wollen ja auch, dass wir am Ende mit dem Ergebnis zufrieden sind.
Es ist sicher ambitioniert, das auf Deutsch zu spielen, und manche Fans werden vielleicht verzweifeln, weil sie so an den Originalen hängen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht – etwa bei „The Who’s Tommy“ –, dass man ’story-driven‘ Songs, die die Handlung wirklich weitertreiben, übersetzen sollte. Der normale Zuschauer kapiert sonst die Geschichte nicht mehr, auch wenn er die Musik aus seiner Jugend kennt. Aber das allerletzte Wort ist da noch nicht gesprochen; wir müssen erst prüfen, ob die Übersetzung am Ende wirklich ’smooth‘ ist und gut mit der Musik funktioniert.
Ihr habt vorhin erklärt, dass die Arbeit mit Kindern auf der Bühne spätestens seit „School of Rock“ ein fester Bestandteil eurer Planung ist. Mit „Matilda“ steht jetzt das nächste Mammutprojekt dieser Art an. Wie geht man so ein Casting logistisch an? So einen Apparat an jungen Darstellern zu koordinieren, klingt ja nach einer Herkulesaufgabe.
Arne Beeker: Wir haben im November eine Ausschreibung gemacht, auf die sich etwa 300 Kinder gemeldet haben – zum Glück auch sehr viele Buben. Man hat ja immer ein bisschen Angst, dass am Ende 298 Mädchen und zwei Jungs dastehen, aber das war hier nicht der Fall.
Wir haben 120 Kinder ausgewählt und sie an zwei Wochenenden von morgens bis abends angeschaut. Das war eine helle Freude! Beeindruckend ist, dass die Kinder heute viel professioneller sind als noch vor 20 Jahren; durch Castingshows wissen sie genau, wie sie sich vor einer Jury aufstellen müssen. Da brach kein Kind in Tränen aus. Wir spielen mit neun Kindern auf der Bühne und haben eine Alternativ-Besetzung, also insgesamt 18 Kinder – plus eine dritte Matilda zur Sicherheit. Die sind jetzt schon seit Monaten im Training und werden musikalisch und tänzerisch vorbereitet, bevor im Mai die szenischen Proben starten.
Matthias Davids: Es wird eine sehr eigenständige Inszenierung werden; Melissa King übernimmt die Regie. Da wir in Linz das Privileg – aber auch den Fluch – einer Riesenbühne haben, muss das Bühnenbild mit ganz anderen Mitteln arbeiten als in anderen Produktionen, die man vielleicht kennt. Das wird visuell eine völlig andere Geschichte.
„The Band’s Visit“ kommt danach. Das Stück schlägt sehr leise Töne an und ist atmosphärisch extrem dicht. Wie kam es zu der Entscheidung für dieses Werk, und wie löst ihr die sehr spezifischen Casting-Anforderungen?
Matthias Davids: Ja, das Casting ist schwierig, weil die ägyptischen Musiker stimmig besetz sein müssen. Es müssten im Zweifelsfall Menschen sein, die aus Ägypten kommen könnten – unser Ensemble sieht jetzt nicht unbedingt geschlossen so aus. Aber wir haben einen Weg gefunden. Das Stück passt perfekt zu unserem Anspruch, dem Publikum zu zeigen, dass es im Musical so viel mehr gibt als das, was man vermeintlich schon kennt. Da es ein eher kleines, intimes Werk ist, wird es in der BlackBox laufen; Stephanie Mohr übernimmt die Inszenierung.
Arne Beeker: Wir waren überrascht, dass es bisher keine deutschsprachige Erstaufführung gab. Das lag wohl vor allem daran, dass viele Theater angesichts der aktuellen Lage im Nahen Osten Berührungsängste hatten. Wir waren eher der Meinung: Gerade wegen der jetzigen Lage sollten wir dieses Stück machen.
Matthias Davids: Genau, denn am Ende ist das Stück ein Appell an uns alle, dass wir einander begegnen und miteinander reden. Das ist nicht agitatorisch-politisch, sondern zutiefst menschlich. Sollte tatsächlich jemand dagegen protestieren, dass wir ein Stück mit einem israelischen Film als Vorlage spielen, dann ist diese Diskussion führbar. Man darf im Musical auch darüber streiten. Sonst kriegen die Leute recht, die behaupten, Musical sei immer nur ein „Wohlfühl-Ding“.
Arne Beeker: Schon Meilensteine wie „Show Boat“ oder „Jesus Christ Superstar“ hatten ihre gesellschaftliche Relevanz und haben die Leute ‚getriggert‘. Bei „The Band’s Visit“ ist es wichtig, den Kontext zu setzen – etwa durch Einführungen oder Publikumsgespräche. Aber man kann das Stück in seiner Aussage so stehen lassen, wie es ist.
Kommen wir zum Klassiker im Spielplan: „Carousel“. Werden solche Stücke heute eigentlich noch gerne gesehen, oder ist das etwas, das ihr wegen der staatlichen Förderung spielen ‚müsst‘, um den Bildungsauftrag zu erfüllen?
Matthias Davids: Nein, wir müssen das nicht machen. Und es gibt Klassiker, die heute schwierig sind, wie zum Beispiel „South Pacific“ – das muss man heutzutage sehr genau einordnen. „Carousel“ ist da eine rühmliche Ausnahme. Es war ein Meilenstein: ein ernsthaftes Thema, keine Revue, weg von diesem operettenhaften Stil mit Leading- und Buffo-Paar. Es hat durch die Vorlage „Liliom“ eine faszinierende, düstere Anmutung.
Heutzutage merke ich, dass Musicals immer konfektionierter werden. Man weiß oft schon vorher, wie die Applausordnung aussieht. Ich habe ein bisschen Angst vor so einer vorhersehbaren dramatischen Struktur, bei der man – wie bei Netflix – in den ersten fünf Minuten eine Knallernummer braucht, um die Leute bei der Stange zu halten. „Carousel“ hingegen beginnt mit einer elfminütigen, rein pantomimischen Ballettnummer, die nur die Atmosphäre einfängt. So etwas traut sich das kommerzielle Musical inzwischen kaum noch.
Das klingt, als hättest du dich schon sehr intensiv mit der Regiearbeit für dieses Stück befasst. Besonders die Thematik der häuslichen Gewalt ist ja heute ein hochemotionales Feld.
Matthias Davids: Das ist so, ja. Man muss genau hinschauen, was man heute wie zeigt. Es gibt diesen berühmten Satz von Billys Frau Julie: „Da war ein Mann, der hat mir auf die Hand geschlagen, aber es hat nicht wehgetan! Es war, als hätte er mir die Hand geküsst!“ Da muss man als Regisseur extrem aufpassen, wie man das auf der Bühne übersetzt, damit das Publikum nicht denkt: „Na ja, der hat zwar zugeschlagen, war aber eigentlich ganz lieb.“ Genau diese Ambivalenz macht das Stück aber auch heute noch so spannend.
Neben den großen Produktionen habt ihr noch ein Konzert angekündigt: „Noch ein Teelöffel Feenstaub“. Warum habt ihr euch entschieden, dieses Format erneut in den Spielplan aufzunehmen?
Matthias Davids: Es gibt einfach so viel Material. Aus dem Ensemble kommt immer wieder der Wunsch: „Ich will unbedingt diesen oder jenen Song singen.“ Und das ist doch großartig. Warum also nicht? Wir schauen jetzt, welche Nummern wir durch neue Songs ersetzen. Das Konzert wird übrigens mit dem Landestheater-Kinderchor stattfinden.
Matthias Davids: Und wir haben das riesig besetzte Bruckner Orchester dabei. Da sitzen 70 Leute im Graben. Das ist also ‚maximal groß‘.
Lieber Arne, lieber Matthias, unsere Zeit ist leider schon um. Mit „Matilda“, „Jagged Little Pill“ und „The Band’s Visit“ habt ihr euch da ja wieder einen megaspannenden Spielplan gebastelt. Gerade mit diesen zwei so unterschiedlichen deutschsprachigen Erstaufführungen – einmal der große Rock-Abstecher mit Alanis Morissette und dann die ganz leise, menschliche Schiene in der BlackBox – ist das schon ein ordentliches Brett. Wir sind sehr gespannt auf die Umsetzung der Shows und drücken euch die Daumen, dass alles so wird, wie ihr es euch vorstellt. Vielen Dank für eure Zeit und die vielen Einblicke!
| Galerie | |||||||||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|










