Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Als ich die Verfilmung von „Anatevka“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich ziemlich verwundert. Ich wusste grob, dass es um den jüdischen Milchmann Tevje und seine Familie in einem Dorf geht, und erwartete gefällige Unterhaltung mit folkloristischer Musik. Dass die Geschichte zutiefst tragisch ist und man eigentlich drei Stunden dabei zusieht, wie Tevjes Welt auseinanderbricht, wusste ich nicht. Norman Jewisons Verfilmung hält sich zwar eng an die Vorlage von Jerry Bock (Musik), Sheldon Harnick (Songtexte) und Joseph Stein (Buch), geht aber formal weg von der stilisierten Optik des Broadway-Originals hin zu einem fast dokumentarischen, um Authentizität bemühten Realismus. Für das Medium Film eine gute und mutige Entscheidung.
Normalerweise verwende ich in meiner Fernsehsessel-Kolumne ja die Originaltitel, aber weil „Anatevka“ hierzulande gängiger ist, weiche ich von meiner Regel ab und benutze in dem Zuge auch die deutschen Songtitel.
Die Inspirationen zum englischen Titel „Fiddler on the Roof“ waren verschiedene Gemälde von Marc Chagall, die u.a. Motive aus seiner Heimatstadt Witebsk im heutigen Belarus zeigen, eben auch einen Geiger auf einem Dach. Diese Figur wird als Metapher für den Versuch verwendet, in einer schwierigen, sich ständig verändernden Welt zu überleben. Tevje interagiert auch mit ihr – wobei nicht klar ist, ob es diesen Geiger wirklich gibt.
Das Bühnenbild der Uraufführung orientierte sich an Chagalls typischem Stil und brachte bewusst keinen optischen Realismus auf die Bühne. Norman Jewison geht in der Verfilmung einen anderen Weg und zeigt uns in realistischen Bildern den Alltag im fiktiven Ort Anatevka Anfang des 20. Jahrhunderts. Das jüdische Shtetl liegt in der damals zum Russischen Reich gehörenden Ukraine. Die Geschichte dreht sich um den Milchmann Tevje (Chaim Topol). Die Aufrechterhaltung von Tradition ist ihm sehr wichtig, da diese ihm Halt gibt und Ordnung in sein Leben bringt. Umso härter trifft es ihn, wenn gerade diese Tradition gesellschaftlichen Veränderungen und harten politischen Entscheidungen weichen muss. Die gesellschaftlichen Veränderungen zeigen sich bei den ältesten seiner fünf Töchter. Sie heiraten Männer, die sie sich selbst aussuchen – ein Unding! Dass Zeitel (Rosalind Harris) lieber den armen Schneider Mottel (Leonard Frey) ehelichen will als den für sie bestimmten alten Metzger Lazar Wolf (Leonard Mann), kann ihr Vater noch nachvollziehen. Der politische Umbruch kommt durch den Studenten Perchik (Paul Michael Glaser) nach Anatevka, der im Widerstand gegen den russischen Zar aktiv ist, und dem Tevjes zweite Tochter Hodel (Michele Marsh) in die sibirische Verbannung folgt. Die dritte Tochter Chava (Neva Small) heiratet den Nicht-Juden Fedja (Raymond Lovelock) und wird aus der Familie verstoßen. Ein Erlass zwingt die jüdische Bevölkerung schließlich, das Dorf zu räumen. Tevje, seine Frau Golde (Norma Crane) und die beiden verbliebenen Töchter wollen nach Amerika auswandern.
Gedreht wurde vor allem im heutigen Kroatien in einer ziemlich kargen, unwirtlich und verlassen wirkenden Gegend. Zwar gibt es gelegentliche Farbtupfer durch blühende Felder oder den leuchtend roten Sonnenaufgang zu Beginn, doch das harte und karge Dorfleben findet seine optische Entsprechung in dunklen Erdtönen wie Braun, Grau und Grün. Kameramann Oswald Morris, für seine Arbeit hier mit dem Oscar ausgezeichnet, bringt uns in den intensiven Nahaufnahmen die Figuren näher. So können sie ein Eigenleben neben der überdimensionalen Figur des Tevje entwickeln. Auch die Regie-Entscheidung, Ensemble-Nummern nicht wie ein klassisches Musical zu inszenieren, sondern einen Chor im Hintergrund singen zu lassen, während etwa bei „Tradition“ die Dorfbewohner ihrer Arbeit nachgehen oder bei „Anatevka“ die großartig gecasteten Statisten einfach durch Blicke und Gesichter wirken, macht diese Szenen intensiv. Bei der Trauung von Zeitel und Mottel wurde auf künstliches Licht verzichtet; nur der Schein von Kerzen erleuchtet die Szene. Hier wirken für mich die Nahaufnahmen besonders gut; man sieht beispielsweise den verschmähten Lazar Wolf mit Tränen in den Augen. Große Totalen mit viel Landschaft gibt es wenige und wenn, dann wirken die darin stehenden Personen einsam und verloren.
Ich finde auch Tevjes innere Monologe schön umgesetzt. Lazar Wolf friert ein, als er bei Tevje um Zeitels Hand anhält, und Tevje wägt die Vor- und Nachteile ab. Wenn die Töchter ihrem Vater ihre Pläne mitteilen, sehen wir ihn beim Monolog in Nahaufnahme, während in Zwischenschnitten oder im Hintergrund schemenhaft die Töchter in einiger Entfernung zu sehen sind. Also insgesamt hat mir die optische Seite von „Anatevka“ sehr gefallen.
Als die Vorbereitungen zur Verfilmung Ende der 1960er Jahre begannen, war ein großes Hollywood-Musical ein Wagnis. Nicht jede der mit Pomp und Stars gedrehten Filmversionen von Broadway-Erfolgen spielte damals ihre hohen Kosten ein. Vor diesem Hintergrund war es ein ziemliches Risiko, eine so teure Produktion wie „Anatevka“ ohne bekannte Namen anzugehen. Zero Mostel hatte auf der Bühne der Rolle des Tevje seinen Stempel aufgedrückt. Norman Jewison fand ihn aber in seiner Art der Darstellung zu „überlebensgroß“ für die Leinwand und für das Regie-Konzept unpassend. Danny Kaye und Frank Sinatra bemühten sich um die Rolle – Gott sei Dank ohne Erfolg, denn ich kann mir weder den einen noch den anderen darin vorstellen. Chaim Topol war eigentlich viel zu jung für die Rolle. Bei den Dreharbeiten war er erst 35. Doch er hatte Tevje schon in seiner Heimat Israel und in der Londoner Erstaufführung gespielt. Er ist die perfekte Besetzung! Eine hemdsärmelige Urgewalt voll hintergründigem Witz, subtil und emotional. In der deutschen Synchronfassung spricht der ebenfalls aus Israel stammende Yossi Yadin die Rolle. Mit geschlossenen Augen ist seine Interpretation auch ausgesprochen gut. Er klingt etwas schwerer und wuchtiger als Topol im Original. Allerdings vereint sich die Stimme nicht mit dem Bild und bleibt ein Fremdkörper.
Ein Grundproblem schon der Vorlage ist der so überpräsent im Zentrum der Handlung stehende Tevje. Alle anderen Figuren haben es schwer, gebührend wahrgenommen zu werden und Konturen zu entwickeln. Durch die schon angesprochenen Nahaufnahmen und die einfach ungemein frisch und emotional packend agierenden Darstellerinnen und Darsteller kann diese Unwucht etwas ausgeglichen werden. Leider fand ich Norma Crane als Golde relativ schwach. Sie spielt mit theaterhafter Mimik etwas zu grantig und damit wenig subtil.
Ich habe mich immer gewundert, dass Leonard Frey für seine Darstellung des Mottel für einen Oscar als Bester Nebendarsteller nominiert wurde. Vielleicht habe ich beim jetzigen Ansehen etwas mehr auf ihn geachtet, aber ich muss schon sagen, dass er den schüchternen Schneider sehr gut und gefühlvoll spielt. Man nimmt ihm und Rosalind Harris als Zeitel ihre Liebe ab. Selbst „Wunder, ein Wunder“, was ich eigentlich langweilig und verzichtbar finde, hat mir wegen der Freude, die die beiden versprühen, gefallen.
Michele Marsh als Hodel und Neva Small als Chava liefern herzzerreißende Darstellungen ab und Paul Michael Glaser ist ein revolutionärer Perchik voller Energie. Und bei „herzzerreißend“ sind wir dann bei einem Schwachpunkt des Films: Jewison drückt bei allem sonstigen Realismus zu gezielt auf die Tränendrüse. Da waren mir etwa bei den Abschieden von Tevjes Töchtern die Überblendungen mit Bildern aus der Kindheit zu viel. Sehr gut hat mir dagegen gefallen, dass er sich am Ende viel Zeit zum Abschied von Anatevka nimmt. Es ist schon sehr ergreifend, wenn der Rabbi unter Tränen die Synagoge ausräumt und Tevje sich im Stall von seinen Tieren verabschiedet. Oder auch der zunächst noch gemeinsame Zug der Dorfbewohner über Wege, Brücken und auf einem Floß – und dann, von oben gefilmt, wie sie in verschiedene Richtungen weggehen.
Der antisemitische Hintergrund der politischen Entscheidungen bekommt durch zusätzliche Szenen auch etwas mehr Gewicht als in der Bühnenvorlage.
Trotz fehlender zugkräftiger Namen auf der Besetzungsliste und einem eher dem New Hollywood als dem glamourösen Studio-Musical verpflichteten Look war „Anatevka“ der erfolgreichste Film des Jahres 1971. Von den acht Oscar-Nominierungen (u.a. als Bester Film, für die Regie und den Hauptdarsteller) konnten die Beteiligten drei Trophäen mit nach Hause nehmen – außer für Kamera noch für den Ton und die Musik-Bearbeitung. Für die spätere Filmmusik-Legende John Williams war dies der erste seiner fünf Oscars. Er erweiterte Jerry Bocks Partitur um einige virtuose Violinensoli, um den Geiger mehr einzubinden – allerdings auch um ein Tschingderassabum-Finale beim Abspann, nachdem die Original-Partitur eigentlich mit einem Geigensolo ausklingt, was mir sehr viel besser gefällt.
Ich mag „Anatevka“ generell sehr gern. Der Film bietet mit seiner für ein Musical ungewöhnliche Optik Abwechslung zu den Hochglanzbildern, die man von Hollywoodfilmen dieses Genres gewohnt ist. Ich bin aufs Neue begeistert von Chaim Topols ebenso wuchtiger wie nuancierter Darstellung, von Jerry Bocks eingängigen Songs und vom Buch, das Humor und Drama sehr publikumswirksam verbindet. Die Transformation von der Bühne zum Film ist ausgesprochen gut gelungen.
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