Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Es war ein letztes, trotziges Aufbäumen des alten Hollywood, als die Oscar-Academy „Oliver!“ zum besten Film des Jahres 1968 kürte. Aus heutiger Sicht wegweisende Filme wie „Rosemaries Baby“, „Planet der Affen“ oder „2001 – Odyssee im Weltraum“ hatten es erst gar nicht unter die letzten fünf Hauptpreis-Nominierten geschafft. Womöglich fühlten sich die Stimmberechtigen in Gegenwart von Kindertaschendieben wohler als bei Satanisten, in einer von Affen beherrschten Welt oder auf einer Raumstation, wo keiner verstand, worum es da eigentlich ging. Ich begebe mich also via Fernseher ins England der 1830er Jahre, dorthin, wo es am schmuddeligsten ist.
Oliver Twist (Mark Lester) fristet sein Dasein in einem Waisenhaus, wo die elternlosen Kinder harte Arbeit verrichten müssen. Als er beim Essen um einen Nachschlag bittet, wird das als Aufsässigkeit angesehen und der Aufseher verkauft ihn als Arbeitskraft an einen Bestatter. Oliver kann von dort fliehen und schlägt sich nach London durch. Dort trifft er auf den Straßenjungen Jack Dawkins (Jack Wild), besser bekannt unter seinem Spitznamen The Artful Dodger. Er führt ihn in eine Bande von Kindertaschendieben ein, die von dem Kriminellen Fagin (Ron Moody) geleitet wird. Fagins Partner ist der kaltschnäuzig-brutale Einbrecher Bill Sikes (Oliver Reed). Zu dessen Freundin Nancy (Shani Wallis) fasst Oliver Vertrauen. Er wird mit Dodger auf einen Streifzug geschickt. Dabei versucht Dodger dem Passanten Mr. Brownslow (Joseph O’Connor) die Brieftasche zu stehlen. Das geht schief und Oliver wird als Täter verdächtigt. Doch Mr. Brownslow hat Mitleid und nimmt den Jungen bei sich auf. Sikes und Fagin befürchten nun, dass Oliver sie verraten könnte und wollen ihn sich schnappen.
Lionel Barts Musicalversion von Charles Dickens berühmtem Roman „Oliver Twist“ war 1960 ein Riesenerfolg im West End und danach am Broadway. Dickens kreierte mit seinen Romanen quasi ein eigenes Genre. Er mixte Sozialkritik mit Humor, Sentimentalität und plakativen Unwahrscheinlichkeiten – mit denen wollte er wohl seine Leser bei der Stange halten, denn die Geschichten erschienen als Fortsetzungsromane. Lionel Bart musste verständlicherweise die 500 Seiten starke Vorlage kürzen, milderte die Handlung aber auch deutlich ab. Am stärksten fällt das bei Fagin auf. Im Original beutet er die Kinder für seine Verbrechen aus und misshandelt sie. Dazu ist die Figur stark antisemitisch gezeichnet. Als Ron Moody die Rolle für die erste West-End-Produktion angeboten wurde, wollte er sie deshalb nicht annehmen; Moody war selbst Jude. Erst als er Barts Bearbeitung las und Fagin mehr als eine Art Clown sah, sagte er zu. Fagin wird hier zu einer Art Beschützer, der den Straßenkindern ein Obdach gibt. Die kriminellen Aktivitäten erscheinen mehr als spielerische Kavaliersdelikte, mit denen er seine Altersversorgung sichern will. Moody war für die Verfilmung nicht die erste Wahl. Die Rolle wurde u.a. an Peter Sellers und Peter O’Toole herangetragen, die aber ablehnten. Moody spielt Fagin koboldhaft, schlitzohrig und ein bisschen als großes Kind.
Für die Titelrolle wurde der damals neunjährige Mark Lester ausgewählt. Typgerecht besetzt, ist er die personifizierte Unschuld, wirkt aber weniger wie ein Straßenkind, sondern eher wie aus gutem Hause – was sich ja (Spoiler!) später auch herausstellen wird. Insofern macht er seine Sache gut. Nach „Oliver!“ drehte er noch ein paar Filme, aber je älter er wurde, umso kritischer wurden seine schauspielerischen Leistungen beurteilt. Er hängte die Schauspielerei an den Nagel und wurde Osteopath. Und noch ein bisschen Klatsch und Tratsch: Lester war eng mit Michael Jackson befreundet und es hält sich hartnäckig das Gerücht, er sei der biologische Vater von Jacksons Kindern.
Jack Wild hatte die Rolle des Artful Dodger bereits auf der Bühne gespielt und kam durch sie zu kurzzeitigem Starruhm, bevor er tragischerweise in die Sucht abrutschte. Die Verfilmung machte ihn so populär, dass er bei der Oscarverleihung als sicherer Sieger in der Kategorie “bester Nebendarsteller“ galt. Die Auszeichnung ging aber an Jack Albertson für “The Subject was Roses“ (“Rosen für die Lady“). Angeblich entschuldigte sich Albertson bei ihm deswegen. Wild ist als Dodger hervorragend. Er hat eine selbstbewusste Präsenz, wirbelt großspurig durch die Szenen und wirkte auf mich in einigen Momenten trotzdem wie ein verlorenes Kind.
Als herzensgute Nancy, die von dem sie misshandelnden Bill Sikes nicht loskommt, hat mich Shani Wallis sehr berührt. Sie spielt natürlich, ist sympathisch und ihre Figur tat mir sehr leid. Wallis stand lieber auf der Bühne als vor der Kamera, deswegen ist ihre Filmografie überschaubar. Als Nancy war auch Julie Andrews im Gespräch; Regisseur Carol Reed hätte am liebsten Shirley Bassey besetzt, aber die Produzenten fanden, das Publikum sei noch nicht reif für eine schwarze Nancy. Es gab auch Überlegungen das Paar Nancy / Bill mit Elizabeth Taylor und Richard Burton zu besetzen.
Wirklich fantastisch fand ich aber Oliver Reed als Bill Sikes. Ich habe ihn ja schon in vielen Filmen als Drecksack gesehen, aber diese Darstellung ist eine andere Güteklasse. Er bewegt sich relativ langsam, aber wie unter ständiger Anspannung und strahlt dabei eine ruhige Bedrohung aus. Jede Faser seines Körpers löst beim Gegenüber Unbehagen aus. Mark Lester erzählte später, Reed sei am Set durchgehend in seiner Rolle geblieben; deshalb hätten alle Kinder vor ihm Angst gehabt. Sein Gesang war dagegen nicht überzeugend, deswegen wurde Bills Solo „My Name“ gestrichen. Produzent John Woolf hatte ihn, ohne zu wissen, dass er der Neffe des Regisseurs Carol Reed war, für die Rolle vorgeschlagen. Der war nicht auf Anhieb von der Besetzung überzeugt und sein Neffe musste wie alle anderen zum Casting antreten.
Ursprünglich sollte Lewis Gilbert den Film inszenieren, der mit „Alfie“ („Der Verführer lässt schön grüßen“, 1966) und dem Bond-Film „You Only Live Twice“ („Man lebt nur zweimal“, ebenfalls 1966) gerade große Erfolge gehabt hatte. Doch sein Regiekonzept stieß beim Produktionsteam auf heftigen Widerstand und man entließ ihn. Daraufhin kam Carol Reed ins Spiel, eine eher ungewöhnliche Wahl für ein Musical. Er wurde durch drei der besten und atmosphärischsten Werke des britischen Kinos bekannt: „Odd Man Out“ („Ausgestoßen“, 1947), „The Fallen Idol“ („Kleines Herz in Not“, 1948) und „The Third Man“ („Der dritte Mann“, 1949). Seine Filme waren sozialkritisch mit einem nahezu dokumentarischen Stil. Später drehte er bildgewaltigere, aber nicht immer erfolgreiche Filme mit großen Stars. Reed war unsicher, ob ein Musical die richtige Aufgabe für ihn sei. Die Inszenierung der Musikszenen überließ er der Choreografin Onna White. In einigen Einstellungen kann man noch das Spiel mit Licht und Schatten aus seinen früheren Schwarz-Weiß-Filmen erkennen, etwa der erste Auftritt von Bill Sikes, von dem man erst den immer größer werdenden Schatten sieht. Auch das überraschend gewalttätige Finale hat er sehr spannend umgesetzt.
Die Optik des Films ist beeindruckend. Das Filmteam belegte die kompletten Shepperton Studios, wo ganze historische Straßenzüge nachgebaut wurden. Auch einige Innen-Sets haben gewaltige Ausmaße. Das sind Bilder, die nach einer großen Leinwand schreien. Settings und Kostüme sind meist in schmuddelig-blassem Grau-Braun gehalten. Umso mehr stechen gezielt gesetzte Farben, wie etwa Nancys rotes Kleid, heraus.
Onna White nutzt die großen Sets für ihre mit viel Personal umgesetzten Tänze. Sie sind detail- und ideenreich umgesetzt, allein ihr Stil ist mir zu altbacken, auch wenn das ganz sicher höllenschwer zu tanzen ist. Da werden Beine wie wild geworfen und alle sind penetrant fröhlich. „Consider Yourself“ und „Who Will Buy“ wirken auf mich wie Paraden in einem Vergnügungspark. Allein für diese beiden Nummern brauchte man drei, bzw. sechs Wochen Drehzeit. „Who Will Buy“ ist ein Song, in dem – von Oliver vom Fenster aus beobachtet – Blumenmädchen, Wasserträgerinnen, Fensterputzer und Passanten durch eine Straße wirbeln. Er bringt die Handlung nicht weiter, dauert dafür aber fast neun Minuten. Das ist ohne Frage fantastisch gefilmt, mir aber zu lang. Doch allein die logistische Planung dieser Szenen verdient Respekt. Die Choreografien mit Fagin und seiner Kinderbande haben mir dagegen sehr gut gefallen. Onna White bekam für ihre Arbeit an „Oliver!“ einen Sonder-Oscar.
Die Choreografien gehen Hand in Hand mit der von Johnny Green für den Film bearbeiteten Musik. In der Regel müssen die Kompositionen für die Verfilmung angepasst werden, weil sie nicht 1:1 übernommen werden können. Mir hat sehr gut gefallen, wie Green die Musik auf Dinge im Bild angepasst hat. Beispielsweise zieht Dodger bei „Consider Yourself“ einen Stock über Flaschen und wir hören ein Xylophon-Glissando oder Türen fallen zu und es gibt eine Entsprechung in der Musik. Sowas mag ich.
Dass in Musicalfilmen die Darsteller beim Gesang gedoubelt wurden, war damals keine Seltenheit. Mark Lester war völlig unmusikalisch, deshalb wurden seine Lieder von zwei Jungen eingesungen und beim Dreh als Playback benutzt. Doch diese Stimmen passten nicht zu Lesters Sprechstimme. Johnny Greens Tochter Kathe, damals schon über 20, konnte nicht nur singen, sondern auch Stimmen imitieren und übernahm Olivers Gesangspart.
„Oliver!“ war der große Abräumer bei der Oscar-Verleihung 1969. Für elf Trophäen nominiert, konnte er fünf reguläre und Whites Spezial-Preis mit nach Hause nehmen – für Regie, Szenenbild, Ton, Musikbearbeitung und als bester Film. Danach sollte es 34 Jahre dauern, bis mit „Chicago“ wieder ein Musical den begehrten Hauptpreis bekam.
Aber nicht nur bei den Oscars war der Streifen erfolgreich, er spielte auch mehr als das Dreifache seiner hohen Produktionskosten ein. Im Kino am Londoner Leicester Square lief er satte 90 Wochen!
Insgesamt muss ich sagen, dass mir „Oliver!“ gut gefallen hat, sogar besser als ich ihn in Erinnerung hatte. Die Songs sind toll, das Ensemble ist stark und die Bilder sind atemberaubend, allerdings manchmal trotz Schmuddel-Look zu glatt. Auch wenn ich die Tänze zu lang finde, sind sie doch von höchster Perfektion. Carol Reeds Inszenierung ist solide, reicht aber keinesfalls an seine stärksten Arbeiten heran. Deswegen ist sein Oscar-Gewinn auch eher als Ausgleich für frühere erfolglose Nominierungen zu sehen.
Als besten Film des Jahres sehe ich „Oliver!“ aber auf keinen Fall. Allerdings sind auch seine Konkurrenten um den besten Film zwar fraglos gute Filme, aber keine echten Perlen der Filmgeschichte. Vier der fünf Titel – außer „Oliver!“ noch „Funny Girl“, „The Lion in Winter“ („Der Löwe im Winter“) und „Romeo und Juliet“ („Romeo und Julia“) – spielen in der Vergangenheit, nur das Drama „Rachel, Rachel“ („Die Liebe eines Sommers“) erzählt eine zeitgenössische Geschichte. In Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen, Studentenprotesten und Vietnamkrieg scheint es, als hätte die Academy bewusst die Augen verschlossen. Das änderte sich im folgenden Jahr, als das pessimistische Stricher-Drama „Midnight Cowboy“ („Asphalt-Cowboy“) gewann.
Nichtsdestotrotz ist „Oliver!“ gute Musical-Unterhaltung, die mir unterm Strich einen schönen Fernsehabend beschert hat. Nun bin ich auf das Original-Bühnenmusical gespannt, das ich demnächst in London sehen werde.
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