Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Der Film, den ich diesmal ausgesucht habe, ist ein Vorschlag aus der MUZ-Redaktion. Ich kannte bislang nur den Titel, habe mir eine Aufnahme angehört und war dann sehr neugierig. Für diese hervorragend besetzte, abgedrehte, respektlose Satire braucht man allerdings ein Humorzentrum, das vor religiösen Scherzen nicht zurückschreckt.
Das Bühnenmusical „Reefer Madness“, 1998 in Los Angeles uraufgeführt, basiert auf einem erzkonservativen Propagandafilm von 1936, auf den ich später noch eingehe. An der Verfilmung 2005 waren vor und hinter der Kamera viele beteiligt, die auch in Los Angeles und am Off-Broadway in die Produktion involviert waren.
Die Geschichte wird als „Film im Film“ erzählt. In einer US-amerikanischen Kleinstadt im Jahr 1936 zeigt ein Dozent (Alan Cumming) bei einer Elternversammlung den Aufklärungsfilm „Tell Your Children“, eine Dramatisierung des „Falls Harper“. Dieser Jimmy Harper (Christian Campbell), ein Schwiegermutterliebling wie aus dem Bilderbuch, und seine Mitschülerin, die ebenso keimfreie Mary Lane (Kristen Bell), sind ein Paar. In einem Diner wird Jimmy Zeuge eines heißen Jazztanzes und will Mary damit beeindrucken. Der zwielichtige Jack (Steven Weber) lockt ihn unter dem Vorwand, Tanzunterricht anzubieten, in die von ihm und seiner Lebensgefährtin Mae (Ana Gasteyer) betriebenen Drogenhöhle. Dort kommt Jimmy in Kontakt mit Marihuana und verfällt sowohl der Droge als auch der abhängigen Prostituierten Sally (Amy Spanger). Mary will ihn zurück auf den Pfad der Tugend bringen und bezahlt diesen Plan mit dem Leben. Der fiese Jack dreht die Beweise so, dass nicht er, sondern Jimmy in Verdacht gerät, sie erschossen zu haben. Dem Unschuldigen droht nun der elektrische Stuhl.
Der Ursprungsfilm „Reefer Madness“ hat eine diffuse Entstehungsgeschichte. Er wurde 1936 unter dem Titel „Tell Your Children“ von einem unabhängigen Produzenten gedreht. Angeblich waren die Geldgelber hinter ihm eine kirchliche Gruppierung oder das FBI oder die Anti-Cannabis-Liga oder konservative Politiker … es gibt dazu widersprüchliche Angaben. Egal, wer ihn finanziert hat – es ist ein ausgesprochen schlechter Film. Die Dialoge sind unfreiwillig komisch, das Drehbuch unlogisch, die darstellerischen Leistungen für die Tonne und die Spezialeffekte indiskutabel. Vieles, was in diesem Film mit erhobenem Zeigefinger als Fakt präsentiert wird, ist schlicht falsch – dieser Streifen ist populistische Stimmungsmache. Auffällig ist, dass dieser Film, was Darstellung von Gewalt und Sex angeht, über das hinausgeht, was die großen Hollywood-Studios zeigen durften. Zu dieser Zeit galt der „Hays Code“, eine streng überwachte moralische Richtlinie darüber, was in Filmen gezeigt werden durfte und was nicht. Dieser Code griff aber nicht bei Filmen zu Bildungszwecken und unter diesem Deckmäntelchen konnte das schmuddelige B-Picture die Auflagen umgehen.
In den 1970er Jahren wurde diese Trash-Perle von einem studentischen Publikum wiederentdeckt und hat seitdem Kultstatus. Auch ich habe mich beim Ansehen sehr amüsiert und mehrmals, besonders wenn die Darsteller „stoned“ spielen, lauthals gelacht.
Für ihr Bühnenmusical wichen Kevin Murphy (Buch und Songtexte) und Dan Studney (Buch und Musik) in einigen inhaltlichen Details vom Film ab, für die Verfilmung nahmen sie weitere Änderungen vor, die danach in die Bühnenfassung übernommen wurden.
Der größte Unterschied in der Struktur ist wohl, dass die Handlung von „Tell Your Children“ immer wieder unterbrochen wird, um die Reaktion der Eltern zu zeigen, die von dem Dozenten daraufhin abgeklopft werden, ob sich unter ihnen nicht so gesellschaftsgefährdende Subjekte, wie etwa Kommunisten, befinden. Im Theater spricht der Dozent zum Publikum.
„Reefer Madness“ feierte seine Premiere auf dem Kabelsender Showtime, erst danach lief er in einigen Kinos. Der Aufwand, der in punkto Ausstattung und Choreographie betrieben wurde, ist für einen TV-Film beachtlich. Jimmys Drogenfantasien sind irre umgesetzt (besonders „Listen to Jesus, Jimmy“), behalten aber einen bewusst künstlichen, theaterhaften Look. Die Rahmenhandlung mit der Filmvorführung ist in Schwarz-Weiß gehalten, die Haupthandlung erstrahlt in knalligen Farben.
Regisseur Andy Fickman, der auch die die Bühnenshows in Los Angeles und New York inszenierte, konnte auf ein ausgezeichnetes Ensemble zurückgreifen. Die Rolle des Jimmy bekam Christian Campbell durch seine jüngere Schwester Neve Campbell. Dan Studney arbeitete an der Serie „Party of Five“ mit, in der sie eine der Hauptrollen spielte. Studney suchte einen Jimmy-Darsteller für die Bühnenfassung und Neve empfahl ihn. Zur Zeit der Verfilmung war Neve Campbell durch den Erfolg der „Scream“-Filme der bekannteste Name auf der Besetzungsliste. Weil Jimmy sowohl mit Sally als auch Mary Jane „romantisch verbunden“ ist, Christian aber als Jimmy gesetzt war, wurde für Neve aus der Rolle des Diner-Betreibers Mr. Poppy eine Miss Poppy. Sie hat nur einen kurzen, aber prägnanten Auftritt.
Alan Cummings tritt zusätzlich zum trocken-diabolischen Dozenten auch in verschiedensten kleinen Rollen auf. Der ganze Mumpitz und die rassistischen Beleidigungen des Dozenten sind übrigens aus echter Anti-Marihuana-Propaganda der 1930er Jahre entnommen.
Christian Campbell hat das perfekte unschuldige Jungen-Gesicht für Jimmy, wechselt aber wunderbar zur wahnsinnigen Mimik des durchgedrehten Drogenabhängigen. Steven Weber ist ein kaltblütiger Jack, Ana Gasteyer schafft in dieser aberwitzigen Handlung unerwartet emotionale Akzente und Amy Spanger überzeugt als dauerbekiffte, sexwillige Sally. Kristen Bell glänzt als jungfräuliche Mary Lane, die am Ende sogar als Engel zum Himmel fahren darf. Das Ensemble haut ordentlich auf die Pauke und übertreibt, dass es eine Freude ist. In diesem Rahmen passt das.
„Reefer Madness“ ist eine überdrehte, bissige, gesellschaftskritische Satire. Der Humor ist zwar intelligent, aber wenig subtil, oft derb und blasphemisch. Ich kann sowas ab, deshalb habe ich mich 90% des Films prächtig amüsiert. Dann wird es unerwartet blutig, wenn es dem Bösewicht an den Kragen geht und Mae durch eine überhöhte Horrorfantasie dazu gebracht wird, sich zu wehren. Das ist weit davon entfernt, realistisch zu wirken, trotzdem war es mir zu viel.
Zum bitteren Finale „Tell `Em the Truth“ versammeln sich, angeführt von dem Dozenten und begleitet von einer Militärparade inklusive Blaskapelle, die Eltern und Figuren aus dem Film zu einer Bücherverbrennung und singen davon, dass man dafür sorgen muss, ihr schönes Land vor Drogen, Aufklärung, Kommunisten und Schwulen zu schützen. Der Dozent fährt zufrieden lächelnd davon – er hat seine Mission erfüllt.
| Bericht | Galerie | ||||||||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|









