Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Mit „Es war einmal“ fangen die meisten Märchen an und mit „Sie lebten glücklich bis an ihr Ende“ hören sie auf. Bei Stephen Sondheim gibt es kein „Happy End“, sondern nur eine „Happy Mitte“. In seinem Musical geht die Handlung nämlich noch weiter und wird zusehends düsterer. Rob Marshalls Verfilmung von 2014 ist prinzipiell ein sehr ansehnlich umgesetzter Film mit einer Schar gut aufgelegter mal mehr, mal weniger gesangserfahrener Hollywoodgrößen. Mit einigen schmerzhaften Kürzungen und Veränderungen fremdele ich allerdings.
Die Transformation auf die Leinwand bietet sich hier schon in der Struktur des Buchs an, denn der Einstieg ist im Original ausgesprochen filmisch.
Bühnenstück und Film beginnen mit dem Prolog, der in gut 15 Minuten alle Figuren und deren Beweggründe vorstellt. Da kann die Handlung wunderbar zwischen Cinderella (Anna Kendrick), dem Bäcker (James Corden) und seiner Frau (Emily Blunt), dem armen Hans (Daniel Huttlestone), der von seiner Mutter (Tracey Ullman) den Auftrag bekommt, ihre einzige Kuh zu verkaufen, und Rotkäppchen (Lilla Crawford) hin und her springen. Für das Publikum sind nur kurze Stichworte nötig, denn mit den einzelnen Märchen, die hier miteinander in Beziehung gebracht werden, ist es bestens vertraut.
Das Bäckerpaar bildet den Kern der Handlung und stammt auch nicht aus einem klassischen Märchen der Brüder Grimm. Sie wünschen sich sehnlichst ein Kind. Da erscheint bei ihnen eine Hexe (Meryl Streep) und verkündet, dass sie die Familie vor einigen Jahren mit einem Fluch belegt hat. Der Vater des Bäckers hatte Salat aus ihrem Garten gestohlen. So kommt auch das Rapunzel-Märchen in die Handlung, denn die Hexe hatte damals auch noch die neugeborene Schwester des Bäckers zu sich genommen und in einen Turm gesperrt. Außer Salat hatte der Vater auch noch Zauberbohnen mitgehen lassen. Die Hexe bietet an, den Fluch aufzuheben, wenn die Bäckersleute ihr vier Dinge besorgen, die ihr Jugend und Schönheit wiedergeben sollen: eine Kuh, so weiß wie Milch, einen Umhang so rot wie Blut, Haare so gelb wie Mais und einen Schuh aus Gold.
Rotkäppchen, Hans, Cinderella und der Bäcker ziehen also getrennt voneinander „ab in den Wald“, jeder aus anderen Beweggründen. Das alles passiert in der Eröffnungsnummer und ist – typisch Sondheim – knackig getextet und wie ein Uhrwerk miteinander verzahnt.
Nach dramatischen Verwicklungen wendet sich für die Beteiligten alles (erst mal) zum Guten. Hans, der als Bezahlung für die Kuh vom Bäcker die zufällig wiederentdeckten Zauberbohnen bekommen hat, kann an einer aus ihnen gewachsenen riesigen Bohnenranke in den Himmel klettern und einem dort lebenden Riesen diverse wertvolle Dinge klauen, was der Riese nicht überlebt. Cinderella kriegt nach dem Schuh-Tohuwabohu ihren Prinzen (Chris Pine). Bei Rapunzel (MacKenzie Mauzy) läuft es wie im zugrundeliegenden Märchen zwar recht bitter ab, aber ihr winkt ebenfalls die Hochzeit mit einem Prinzen (Billy Magnussen). Rotkäppchen kommt wie allgemein bekannt aus dem Bauch des Wolfs wieder frei und der Bäcker und seine Frau können der Hexe alle von ihr verlangten Dinge übergeben, was sie wieder jung und schön macht, und flugs ist die Frau schwanger.
Hier endet im Original der 1. Akt. Nach der Pause geht es in einer völlig anderen Stimmung weiter. Der leicht parodistische Grundton wird finsterer. In der Filmversion gibt es keine Zäsur nach dem Moment allgemeiner Fröhlichkeit. Da vollzieht sich der Wechsel schon bei den Hochzeiten von Cinderella, Rapunzel und ihren Prinzen. Ein Erdbeben erschüttert die Burg und lässt sie teilweise einstürzen. Ausgelöst hat es die Witwe des Riesen. Sie will sich an dem Mörder ihres Mannes rächen. Generell herrscht bei den gerade noch so glücklichen Charakteren nicht mehr eitel Sonnenschein. Der Bäcker fremdelt mit seinem Baby und Cinderella findet das Leben im Schloss öde, außerdem geht ihr Mann fremd. Hans‘ Mutter stirbt bei einem vom Kammerdiener des Aschenputtel-Prinzen verschuldeten Sturz und die Hexe hat durch die Rückkehr von Schönheit und Jugend ihre Zauberkraft verloren.
James Lapine, Autor des Bühnenstücks und Regisseur der Uraufführung, steuerte auch das Drehbuch zur Leinwandadaption bei. Stephen Sondheim war in das Projekt ebenfalls stark involviert. Pläne für eine Verfilmung hatten beide schon in den frühen 1990er Jahren. Sie sollte in Zusammenarbeit mit „Muppets“-Erfinder Jim Henson als eine Mischung aus realem Ensemble und Puppen entstehen. Regisseure und Cast wechselten mehrmals (beispielsweise sollte einmal Cher die Rolle der Hexe übernehmen), umgesetzt wurde sie nie.
Rob Marshall („Chicago“, „Nine“) fühlte sich bei einer Rede von Barack Obama zum 11. September an den Song „No One Is Alone“ erinnert und trieb das Unternehmen wieder voran. Marshall war vertraglich an Disney gebunden. Dort nickte man das Projekt ab, genehmigte aber ein für einen Film dieser Größenordnung nicht sehr üppiges Budget von 50 Mio. Dollar und beschränkte die Laufzeit auf zwei Stunden. Deshalb mussten Lapine und Sondheim ihr Werk ordentlich straffen. Der Erzähler wurde gestrichen. Das ist für mich nachvollziehbar, denn diese Figur, so großartig sie auch ist, funktioniert auf der Bühne besser als auf der Leinwand. Der Vater des Bäckers, der als Mysterious Man verkleidet in die Handlung eingreift, wurde auf ein kurzes Treffen zwischen Vater und Sohn ohne den Song „No More“ zusammengestrichen. Den Part des Erzählers übernimmt jetzt der Bäcker, der die Geschichte an seinen Sohn weitergibt, wichtige Textzeilen des geheimnisvollen Fremden gingen an die Hexe. Aus dem ursprünglich einfältigen jungen Mann Hans wurde ein ziemlich pfiffiges Kind; vielleicht um einem angepeilten Familienpublikum eine Identifikationsfigur zu geben.
Sondheim veränderte auch einzelne Textzeilen, etwa um die Pädophilie-Anspielungen in „Hello Little Girl“, dem Song des bösen Wolfs (Johnny Depp), abzuschwächen.
Dass Rapunzel im 2. Akt die emotionale Wucht genommen wird, ist dagegen ärgerlich – besonders weil vorher ihre Geschichte nah am Original erzählt wird – abgesehen von ihrer Schwangerschaft dank der prinzlichen Turmbesuche. Mutmaßlich wurde diese Änderung vorgenommen, um das Bild der Disney-Animations-Prinzessin aus „Tangled“ („Rapunzel – Neu verföhnt“, 2010) nicht zu beschädigen. Ursprünglich wird sie, durch die Zeit im Turm und ihre darauffolgende Verbannung traumatisiert, von der Riesin zu Tode getrampelt. Im Film will sie einfach nichts mehr mit der Hexe zu tun haben und reitet mit ihrem Prinzen weg. Das ist flau und nimmt dem folgenden Song „Witch‘s Lament“ erheblich die Schlagkraft. Der ist auch noch stark gekürzt, weil Sondheim direkt dort anschließend einen neuen Song vorgesehen hatte, in dem sich die Hexe ihr Verhalten schönredet. „She‘ll Be Back“ wurde gedreht, aber dann wieder entfernt, weil man fand, er bremse die Handlung aus. Sondheim schrieb noch einen weiteren Song („Rainbows“, ein Duett für die Bäckersleute), der aber schon früh wieder verworfen wurde. Neue Songs in Musicalverfilmungen einzufügen, hat selten inhaltliche Gründe. Man erhofft sich dadurch eine Oscar-Nominierung, denn dort können nur Originalsongs ins Rennen gehen. Nominiert werden solche Songs oft, gewonnen hat den Preis bislang nur Andrew Lloyd Webber für „You Must Love Me“ aus „Evita“.
Außer Lapine und Sondheim waren auch der Original-Orchestrator Jonathan Tunick und der Dirigent der Uraufführung Paul Gemignani mit von der Partie. Der Orchesterklang ist opulenter als gewohnt, das Tempo etwas gemächlicher. Damit machte man es wohl den gesangsunerfahrenen Darstellern leichter. Stimmlich muss sich keiner von ihnen verstecken. Nur Meryl Streep wurde an einigen Stellen von Donna Murphy gedoubelt, alle anderen singen komplett selbst. Regisseur Marshall benutzte eine Mischung aus drei Aufnahmen für den fertigen Film: eine mit Gesang zu einem vorher aufgezeichneten Orchester, eine mit Live-Orchester und zusätzlich sangen alle beim Dreh, was immer mehr Authentizität verleiht als reines Playback.
Das Schauspielerensemble ist insgesamt gesehen harmonisch. Meryl Streep bekam mehr Aufmerksamkeit und Filmpreis-Nominierungen (als beste Nebendarstellerin) als andere Castmitglieder, weil sie Meryl Streep ist. Und vielleicht weil sie eben Meryl Streep ist, konnte ich ihre darstellerische Leistung nicht richtig fassen. Trotz der Energie und der Emotionen, die fraglos da sind, hatte ich immer das Gefühl, ich sehe „die verkleidete Frau Streep“ und nicht „die Hexe“. James Corden hat mich auch nicht komplett mitgenommen. Er scheint immer mit einem Auge Richtung Publikum zu schielen, um sich nach dem Motto „Findet ihr nicht auch, dass ich ein toller Schauspieler bin?“ Bestätigung abzuholen. Emily Blunt als Bäckersfrau ist dagegen sehr überzeugend und trotz meiner Bedenken bei Corden, bilden sie ein Paar, das sich pointiert die Bälle zuwirft. Johnny Depp ist als Wolf ein Verführer der ekelhaften Sorte, Chris Pine und Billy Magnussen sind Prinzen wie aus dem Bilderbuch und die Leistungen der Kinder-Darsteller Lilla Crawford und Daniel Huttlestone sind grandios. Rapunzel MacKenzie Mauzy entspricht optisch ganz dem Prinzessinnen-Klischee. Das Drehbuch gibt ihr leider keine Gelegenheit, ihre Rolle facettenreicher anzulegen. Da hat Anna Kendrick als Cinderella schon allein durch ihre Geschichte mehr Möglichkeiten.
Ausstattung und Kostüme sind fabelhaft. Der Wald scheint einem Bild von Caspar David Friedrich entsprungen. Die Spezialeffekte sehen weniger fotorealistisch als nach Animationsfilm aus, aber das passt zu dem Märchenthema.
Und ich muss Rob Marshall, den ich eigentlich als Regisseur nicht so mag, zugestehen, dass er wirklich gute Bilder findet. Die Handlung mit den vielen Ortswechseln kommt ihm dramaturgisch entgegen und er kann auch Momente zeigen, die beim Bühnenstück im Off passieren müssen oder von denen nur berichtet wird, etwa Rotkäppchen und die Großmutter im Bauch des Wolfes. Auch die Umsetzung von „Agony“ mit den beiden selbstverliebten Prinzen am Wasserfall ist gelungen.
Weil im Kino natürlich nicht auf Applaus nach einem Song gewartet werden muss und kein Umbau nötig ist, geht es nach dem letzten Ton sofort weiter. Das erhöht das Tempo, aber dadurch fand ich den 1. Akt schon fast ein bisschen hektisch. Da gibt es keinen Moment zum Verschnaufen.
„Into the Woods“ kam an Weihnachten 2014 in die US-amerikanischen Kinos (in Deutschland im Februar 2015) und wurde im Trailer als schauerromantisches Weihnachts-Disney-Märchen vermarktet. Von „Musical“ war da nur versteckt in den Schrifttafeln am Ende die Rede. Entsprechend verwirrt waren Familien, die keine so düstere, dramatische Geschichte, oder Zuschauer, die kein Musical erwartet hatten. Eine Frau hinter mir sagte damals im Kino „Oh Gott, singen die etwa die ganze Zeit?“. Nichtsdestotrotz war der Film sehr erfolgreich und spielte ein Vielfaches seiner Produktionskosten ein.
Für mich war dieser Gang in den Wald zwar ausgesprochen kurzweilig, allerdings verliert die Geschichte durch die Kürzungen an Tiefe. „Into the Woods“ geht weg vom kitschigen Märchenbild, zu dem ja auch Disney seinen Teil beigetragen hat, zurück zu den dunklen Ursprüngen. Ich mag gerade den zweiten Akt, der sich an einen Satz von Kurt Tucholsky anlehnen könnte: „Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt“.
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