Düster, brutal und in höchstem Maße beklemmend ist Barrie Koskys starke Inszenierung von Stephen Sondheims Musical-Thriller „Sweeney Todd“ an der Komischen Oper Berlin. Obwohl die Geschichte um den mordenden Barbier aus der Londoner Fleet Street ohnehin nichts für zart besaitete Gemüter ist, schafft es Kosky, den Grad des Entsetzens noch einmal zu steigern.
Das Adjektiv ‚abstoßend‘ trifft auf viele und vieles zu, was auf der Bühne zu sehen ist: Abstoßend und bisweilen furchteinflößend sind die meisten Figuren, abstoßend und dreckig die Orte, an denen sie hausen. Wer würde aus freien Stücken den versifften Laden von Mrs. Lovett für eine Mahlzeit aufsuchen, wer sich freiwillig auf dem zerfledderten Frisierstuhl von Todd niederlassen? Das Ambiente ist alles andere als heimelig und einladend. Dafür hat Katrin Lea Tag mit ihren Kostümen und ihrem Bühnenbild gesorgt. Das London des 19. Jahrhunderts, in dem die Mär von Sweeney Todd sich ereignet, ist grau, trostlos und hoffnungslos. Die Straßenzüge sind beengend und beklemmend und drohen die vom Leben gezeichneten Charaktere zu verschlingen. Schornsteine rauchen in einer Vielzahl und künden vom Zeitalter der Industrialisierung, doch damit verbunden auch von Tristesse, Elend, Hunger, Not und Tod.
Die Kostüme hat Katrin Lea Tag an diese Atmosphäre angepasst. Besonders im ersten Akt gibt es wenig Farbe. Das riesige Ensemble, zusammengesetzt aus Chor und Komparserie, ist gänzlich in Grautönen gehalten, ähnlich sieht es mit der Kleidung der Hauptfiguren aus. Einzig Johanna und Pirelli dürfen farblich ein wenig herausstechen. Dies ändert sich im zweiten Akt: Die Ermordung Pirellis beschert Sweeney Todd und Mrs. Lovett zahlreiche Kundschaft und wirtschaftlichen Aufschwung. Der neue Wohlstand zeigt sich nicht nur im neuen Mobiliar (ein trendiger Pies-Store, ein hoch moderner Frisierstuhl, ein gemütliches rosa-plüschiges Wohnzimmer), sondern auch im nun ansprechenden Erscheinungsbild des morbiden Paares. Mrs. Lovett trägt eine neue Frisur und ein pinkes Kleid, Sweeney Todd tritt im schicken Anzug auf. Der kaltblütige Wahnsinn, der die beiden antreibt, ist jedoch keineswegs verschwunden.
Thematisch ist „Sweeney Todd“ keine leichte Kost. Es geht um Neid und Missgunst, sexuellen Missbrauch und Machtmissbrauch, Hunger und Elend, Lug und Betrug, Morde und Kannibalismus. Und ja, auch um Liebe. Tatsächlich sehnen sich alle Charaktere nach Liebe, wenn auch auf die ihnen eigene bzw. eigenartige Weise. Barrie Kosky inszeniert diese Themen dergestalt, dass sie das Publikum nicht kalt lassen, ihm im Gegenteil Gänsehautschauer über die Körper huschen lassen. Und zugleich ist da der makabre schwarze Humor, der Sondheims Musical-Thriller auszeichnet und von Barrie Kosky perfekt in Szene gesetzt wird.
Neben all der Grausamkeit und Brutalität ermöglichen die absurd-komischen Momente ein (wenn auch nur kurzes) befreiendes Auflachen. So ist es zum Beispiel einfach lustig, wenn die Ermordeten vom Frisierstuhl herunterrutschen und aus dem Blickfeld des Publikums verschwinden. Ebenso erheiternd sind viele Aussagen von Mrs. Lovett im Zusammenspiel mit Todd. Die Chemie zwischen Christopher Purves und Rosie Aldridge, die sich die Rolle der Mrs. Lovett mit Dagmar Manzel teilt, stimmt. Ein Highlight ist der Song „By the Sea“, in dem Mrs. Lovett von einer rosaroten Zukunft mit Todd träumt.
Überhaupt weist der zweite Akt sehr viele musikalische und inszenatorische Höhepunkte auf. Zu nennen sind hier neben „By the Sea“ auch „Johanna“, „The Letter“, „Not While I’m Around“, „Parlour Songs“ und „City on Fire“. Von gezielt eingesetzter Grausamkeit ist die Ermordung Mrs. Lovetts gekennzeichnet. Die Inszenierung an der Komischen Oper wird in englischer Sprache aufgeführt. Aufgrund der Textlastigkeit des Stückes ist es ein Segen, dass es Übertitel auf deutsch und englisch gibt. Die Schwere, die dem ersten Akt innewohnt, fehlt im zweiten Akt. Er ist kurzweiliger, humorvoller und dynamischer und gibt allen Hauptpersonen (abgesehen vom bereits ermordeten Pirelli) die Möglichkeit, ein weiteres Mal ihr Potential zu entfalten. Großartig!
Großartig sind auch das Orchester unter der musikalischen Leitung von James Gaffigan und der riesige Chor, der für Ohren und Augen ein Genuss ist. Alle Solist*innen präsentieren ihr Können auf höchsten Niveau und interagieren wunderbar miteinander, allen voran Christopher Purves und Rosie Aldridge als dämonisches Mörderduo. Das Zusammenspiel aller Gewerke vor, auf und hinter der Bühne macht „Sweeney Todd“ zu einem intensiven und noch länger nachhallenden Theatererlebnis.
Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim Buch von Hugh Wheeler nach dem gleichnamigen Stück von Christopher Bond Orchestrierung von Jonathan Tunick Koproduktion mit der Opéra national du Rhin Strasbourg
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