Ein singender Boxer? Das funktioniert überraschend gut, weil diese Show den Hauptfiguren ihre Einfachheit lässt und (trotz großen Spektakels) nicht in die Kitsch-Falle tappt. Wer sich auf die Story einlässt, kann sich mitreißen lassen.
Am Anfang kann man schon ein bisschen fremdeln mit dieser Show – auch, weil die ersten Songs schwach sind. Ob es an den Akzenten der Darsteller oder am Ton liegt: Beim Ensemble-Opener „Er fällt noch nicht“, der Rockys Kampf in einer Boxspelunke begleitet, ist der Text nur als Brei zu verstehen. Und wenn Rocky kurz darauf in seiner Wohnung „Die Nase hält noch“ singt, klingt das nach betulichem Country. Tut man dem Stoff wirklich einen Gefallen, indem man ihn zum Musical macht?
Ja, tut man! Denn trotz (oder wegen) der Schnodderigkeit der Figuren und der fast beiläufigen Erzählweise ist der erste „Rocky“-Film voll von starken, intimen Momenten. Diese auf die große Musicalbühne zu bringen, ohne sie groß zu ziehen und zu verkitschen: Das ist die Leistung des Kreativteams um Buchautor Thomas Meehan und Regisseur Alex Timbers.
Rocky (Drew Sarich) ist auch im Musical kein Charmeur und nicht einmal ein trauriger Held, sondern ein junger und doch schon abgehalfterter Mann, der zwischen Resignation und trotzigem Optimismus, zwischen Anständigkeit und Zynismus schwankt. Adrian (Wietske van Tongeren) entwickelt sich zwar vom verhuschten Mauerblümchen zur standhaften Frau, die auch die Auseinandersetzung mit ihrem aggressiven Bruder nicht scheut – fällt aber sofort in alte Schüchternheitsmuster zurück, wenn Rocky ihr widerspricht. Und wenn der alte Trainer Mickey (Uwe Dreves) im Walzertakt seine Lebensbilanz zieht, ist das so lakonisch, dass es schon wieder großes Theater ist: „Hatte nie ne Frau, hatte nie nen Sohn, immer nur gekämpft, und das war es auch schon.“
„Rocky“ ist keine Heldensaga, sondern eine Geschichte über einfache, kleine Leute. Genau das transportiert auch die Musicalversion wunderbar.
Wohl, damit die Show nicht zu düster wird, wurde die Rolle der Ladenbesitzerin Gloria (Alex Avenell) umgedeutet und deutlich ausgebaut. Sie und ihre Freundinnen (Franziska Lessing, Juliane Dreyer) scheinen geradewegs „Mamma Mia!“ entsprungen zu sein, lästern über ihre Männer und wollen sich amüsieren. Zudem fungiert Gloria nun als (immer mal wieder Ex-) Freundin von Adrians Bruder Paulie (Patrick Imhof).
Das ist eine von vielen inhaltlichen Änderungen. Zum Glück wiederholt „Rocky“ den Geburtsfehler von „Dirty Dancing“ nicht. Dort war die Show (wohl auch auf Drängen der Rechteinhaberin) beinahe eine 1:1-Kopie des Films – wobei zwangsläufig viel verloren geht, weil ein Film erzählerisch andere Stärken hat als ein Bühnenstück. „Rocky“ bleibt zwar inhaltlich eng am Film, erlaubt sich aber viele formale Freiheiten: Szenen fallen weg, werden stark gekürzt, verschoben oder nur angedeutet (der Gruß an Adrian im TV-Interview), neue kommen dazu (ein unspektakuläres Tannenbaumschmücken als Symbol für das private Glück), Randaspekte aus dem Film werden zu Leitmotiven (die Bewunderung für Rocky Marciano und die noch nicht gebrochene Nase). Und weil das Publikum mit den Namen früherer Boxlegenden vielleicht nicht viel anfangen kann, heißen Rockys Schildkröten nun schlicht K und O.
Bei aller Reduziertheit der Figuren ist „Rocky“ trotzdem kein Kammermusical, sondern eine große Show. Bühnenbildner Chris Barreca zeigt, was die Technik des Operettenhauses hergibt: Von den Seiten werden ganze Wohnungen hereingefahren, große Videoleinwände schweben über die Bühne, der Boxring senkt sich ebenso aus dem Bühnenturm herab wie eine Armee Rinderhälften. Zur berühmten „Eye of the Tiger“-Trainingssequenz gibt es Anfang des zweiten Aktes einen wilden Mix aus Videoprojektionen, rennenden Rocky-Doubles und der berühmten Freitreppe, die sich um die eigene Achse dreht.
Bei dem Zusammenspiel von gut erzählter Geschichte und Theaterzauber fällt es kaum ins Gewicht, dass die Songs von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens nicht der große Wurf sind. Die Mischung aus Pop, Rock, Jazz, Disco und Balladen ist zweckdienlich, aber sicher nicht stilbildend. Sie stellt die Sänger auch vor keine großen Herausforderungen.
Die Titelrolle dürfte trotzdem einer der körperlich anspruchsvollsten Musicalparts überhaupt sein – mit einer Vielzahl an Szenen und Songs, dem Boxkampf am Anfang, der schweißtreibenden Trainingssequenz und vor allem dem Fight am Schluss. Drew Sarich meistert das sehr präsent und scheinbar mühelos. Wenn man an Wietske van Tongeren etwas kritisieren wollte, dann höchstens, dass ihre Interpretation der Adrian an die ebenfalls von van Tongeren kreierte Ich („Rebecca“) erinnert – aber die Figuren sind sich nunmal sehr ähnlich, und für beide ist die Niederländerin eine starke Besetzung. Terence Archie ist als Apollo Creed smart und zugleich ein glaubwürdiger Boxchampion. Schade, dass man ihn wegen seines starken Akzents nur schwer versteht.
Wie kaum ein anderes Musical steht und fällt „Rocky“ mit dem Finale. Auch der Film besteht ja eigentlich aus zwei Teilen: die Vorbereitung für den Kampf und der Kampf selbst. Aber funktioniert ein solcher Kampf, der im Film von den Schnitten, den wechselnden Geschwindigkeiten und den Nahaufnahmen lebt, auch auf der Bühne? Ja, weil die Macher auch hier die Freiheit hatten, die Stärken einer Liveshow zu nutzen.
Spektakulär ist schon die Idee, den Ring ins Publikum zu stellen (80 Zuschauer ziehen dafür auf die Bühne um). Dann kommt das volle Trommelfeuer für die Sinne: rockige Musik, diverse Videoprojekten auf der Bühne, an den Theaterwänden und auf dem großen Würfel über dem Boxring, zwei Kommentatoren im US-Stil. Live-Videoübertragungen bieten Nahaufnahmen, lenken den Blick des Publikums und schaffen zugleich die Möglichkeit, in der anderen Ecke die Kämpfer umschminken zu können.
Und im Kampf selbst wird das Tempo ständig variiert: normaler Schlagabtausch, Zeitlupen und Beschleunigungen, wenn leicht bekleidete Mädchen im Ring anzeigen, in welcher Runde wir uns gerade befinden. Dazu das Stakkato der Kommentatoren und die kluge Dramaturgie im Kampf: Wer vorher bereit war, sich auf die Story und die Titelfigur einzulassen, den wird diese furiose Inszenierung mitreißen.
Musical von Stephen Flaherty (Musik), Thomas Meehan (Buch) und Lynn Ahrens (Texte). Deutsche Texte von Wolfgang Adenberg (Songs) und Ruth Deny (Dialoge). Basierend auf dem Drehbuch von Sylvester Stallone.
Denise Obedekah, Kisha Howard, Dörte Niedermeier, Mickey Petersson, Stefan Leonard, Joachim Kaiser, Alex Brugnara, Darryll Smith, Alessandro Cococcia, Francisco del Solar, Vladimir Hub, Ricky Watson, Fernando Spengler
Swings
Silke Braas-Wolter, Joana Fee Würz, Kristina Love, Julia Denise Hyangho, Detlef Leistenschneider, Dominik Schulz / David Arnsperger [ab 01.06.2013], Michael Clauder, Adam Floyd, Dave Mandell, Sasha Di Capri
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