Theater Koblenz © Arek Głębocki
Theater Koblenz © Arek Głębocki

NEUES FEATURE
3 Fragen an ... Denis Riffel

Lange hat es gedauert – nun feiert „Kristina“ in Koblenz ihre deutschsprachige Erstaufführung. Ein schwedisches National-Epos um eine Gruppe armer Dorfbewohner, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen und sich in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben erhoffen. Darunter ist auch Robert, der Schwager der Titelfigur. Wir haben mit Denis Riffel gesprochen, der die Rolle alternierend mit Til Ormeloh übernimmt.

 Robert ist ein Träumer, den die Realität auf tragische Weise einholt. Wie viel „Robert“ steckt in „Denis„?

Ich bin längst von der Realität eingeholt worden – und ich liebe es. Ich kann mir im Moment nichts Schöneres vorstellen, als in meinen Dreißigern zu sein. Robert wurde bei Weitem nicht so alt. Ich habe sozusagen das Privileg, oft hingefallen und sogar krank geworden zu sein und daraus lernen zu dürfen.

Denis Riffel, Kind – Theater Koblenz © Arek Głębocki

Man muss Robert nicht nur bemitleiden. Er ist seinen Weg gegangen, einen Weg voller Schmerz und Bedauern, und er ist früh gestorben. Aber wer sagt denn, dass das schlimm ist? Er hat gemacht, was er wollte, und unendlichen Schmerz erlebt. Genau das gibt ihm die Möglichkeit, am Ende Frieden zu schließen und seiner Nichte eine andere Sichtweise zu ermöglichen.

Ich glaube, dass die Schönheit meines Lebens davon abhängt, wie viel Ungewissheit ich ertragen kann. Ich bin nicht mehr naiv, und mit Realitätsbezug zu träumen, ist sowieso viel schöner, als es ohne zu tun. Ich möchte spielen wie ein Kind, aber mit dem Bewusstsein eines Erwachsenen.

Wir haben viele Kinder auf der Bühne, und wenn ich diesen „Geschichten-Erzähl-Experten“ zusehe, komme auch ich ins Träumen. Ich frage mich, wie es wäre, diesen Beruf noch einmal mit ihren Augen zu sehen. Wie es wäre, keine Verpflichtungen und Schmerzen zu haben. Einfach für einen Moment Frieden zu finden, ohne etwas dafür tun zu müssen.

Aber nein, das soll bitte ein Traum bleiben. Denn als Kind war ich abhängig von meinen Bedürfnissen. Als Erwachsener habe ich jederzeit die Möglichkeit, mich hinzusetzen und wahrzunehmen, wie meine Emotionen fließen. Wenn ich sie nicht bewerte, bin ich zufrieden. Und das möchte ich nie wieder missen.

In „Kristina“ darfst du eine Figur für den deutschsprachigen Raum neu kreieren – wie auch schon in „Dear Evan Hansen“ und „Saving Mozart“. Findest du das fordernder, als einer bereits bekannten Figur – wie etwa Tony in „West Side Story„ – neue Facetten abzugewinnen?

Tony hat mich viel mehr unter Druck gesetzt, weil ich gesanglich in viel zu kurzer Zeit etwas erreichen wollte, das gar nicht möglich war. Das habe ich nach fünf Vorstellungen endlich begriffen. Ab der sechsten habe ich losgelassen und meine Stärken ausgespielt.

Spielerisch gibt es für mich keinen Unterschied. Ich schaue mir vorher nichts an, sondern beschäftige mich selbst mit der Figur. Neue Facetten findet man immer. Inhaltlich ist es natürlich sehr spannend, wenn ich noch gar nichts über die Geschichte und die Musik weiß. Bei Quasimodo und Tony bekommt man über die Jahre nebenbei immer etwas mit: wer was denkt und wer was wie singt. Bei Evan, Wolfgang und jetzt Robert gab es dagegen zunächst nur eine Geschichte, die ich zum ersten Mal lesen durfte. Dadurch kann ich auch ein bisschen unbeeinflusster von außen an die Figuren herangehen.

Bei „Kristina“ bestand die Herausforderung darin, dass ich die Vorlage nicht kannte. Immerhin sind es vier Romane mit insgesamt über 2.000 Seiten. Daraus wurde zunächst, glaube ich, ein etwa sechsstündiges Stück, das später auf ungefähr vier Stunden gekürzt wurde. Mittlerweile sind wir bei etwas mehr als drei Stunden angekommen. Das führt zu riesigen Zeitsprüngen. Um die Jahre dazwischen zu füllen und die Motivationen der Figuren besser zu verstehen, habe ich die Bücher gelesen – was mir auch großen Spaß gemacht hat.

Theater Koblenz © Arek Głębocki

Die größte Herausforderung an diesem Stück ist der Bogen der Figuren. Zwischen den meisten Szenen gibt es Zeitsprünge. Wir haben schön gearbeitete Szenen, aber fünf aufeinanderfolgende „spannende Szenen“ machen noch kein spannendes Stück. Wenn ich verschiedene Momentaufnahmen habe, die sich aber scheinbar aus nichts und sich in nichts entwickeln, fällt es mir schwer, für die Figuren etwas zu empfinden. Ich brauche das aber als Zuschauer, ich muss wissen wollen, was mit Karl-Oskar, Kristina, Robert, Arvid, Daniel, Ulrika und den Anderen passiert, wenn sie auswandern. Werden Sie die Fahrt überleben? Finden sie wirklich besseres Ackerland? Werden sie dort glücklich? Dafür muss ich aber am Anfang des Stückes spüren, dass diese Menschen Träume haben. Ob die dann in Erfüllung gehen oder nicht, ist egal. Hauptsache, ich sehe diese Menschen emotional investiert in ein Ziel. Ich muss sehen, dass sie ihre Zustände nicht mehr ertragen und es nur einen Weg gibt: nach Amerika – oder dabei sterben.

Der Chor singt am Ende: „Rings um uns Mord und Schandtat. Rings um uns Blut und Brand.“ Epen, die eine Geschichte über so viele Jahre erzählen, sind auch immer eine Geschichte über das Leben. Das Leben ist sozusagen ein weiterer Hauptdarsteller. Das Wunderschöne am Leben ist doch, dass es hart ist, aber mit unseren Liebsten wärmer wird. Diese Liebe muss ich am Anfang spüren und das darf nicht bei den Szenenübergängen verloren gehen.

Zu Robert kann ich sagen, dass es mir großen Spaß macht, Jugendliche zu spielen, die im Laufe des Stücks ihre Naivität verlieren und am Ende fast wie andere Menschen wirken. Das ist mir eine riesige Freude, und ich freue mich sehr darauf, das am Samstag gemeinsam mit allen erleben zu dürfen..

Musicalfans haben lange auf eine deutsche Fassung des Musicals gewartet. Die Erwartungen sind entsprechend hoch. Wie sehr setzt dich das – oder sogar alle an der Produktion Beteiligten – unter Druck?

Ich empfinde diesen Druck sehr, wenn ich an meine „Karriere“ denke – so ein scheußliches Wort, das einem einfach jeden Spaß nimmt. Plötzlich werden mir Kritiken wichtig. Eine Kritik zu „West Side Story“, in der mir gesangliche Überforderung attestiert wurde, hat mich sehr getroffen. Bei dieser Vorstellung war ich krank und sehr heiser, und mir war das ohnehin schon sehr peinlich. Die Kritik am nächsten Tag hat mich erst einmal eine Woche lang im Boden versinken lassen. Dass dort auch nichts über meine schauspielerische Leistung stand, hat mich wieder einmal auf den Boden der Tatsachen geholt. Aber so ist das: Die eine Kritik sagt dies, die andere das.

Theater Koblenz © Arek Głębocki

Als Schauspieler bin ich ständig damit beschäftigt, Menschen zu Premieren einzuladen und Folgejobs zu generieren. Gesanglich spüre ich dabei immer mehr Druck als spielerisch. Aber wenn ich diesen Druck loslassen kann, passiert etwas Wunderschönes:

Ich gehe mit Respekt und Spielfreude an das Stück. Am Ende kommt eine Wahrheit auf die Bühne. Ich habe dann alles gegeben, und es muss mir vollkommen egal sein, ob das gefällt oder nicht.

Ich bin hier, um etwas Wahrhaftiges zu finden. Wenn der Regisseur das mag, ich selbst zufrieden bin und die Menschen um mich herum sich wohlfühlen – „Was soll ich mich mit Gott denn dann streiten?“, um Robert zu zitieren.

Alles ist vergänglich, nichts bleibt. Es gibt zum Beispiel bereits drei neue „Evans“ in Deutschland, und alle machen ihr Ding. Der Rest ist sowieso Schall und Rauch. Niemanden wird es in einem Jahr noch interessieren, was der Riffel 2026 gemacht hat – oder wenn das Stück irgendwann neu gespielt wird. Und das ist gut so. Es ist immer neu. So muss es sein, so soll es bleiben.

Für das Theater ist das gut, fürs Privatleben manchmal hart, weil ich nie ein Zuhause im Beruf finde. Ich habe mir immer gewünscht, eine Regieperson zu finden, mit der ich fest an ein Haus gehe, mit der ich mich gegenseitig inspirieren und mit der ich dann jahrelang zusammenarbeiten kann. Wer weiß, vielleicht wird das irgendwann der Fall sein.

So viel zum Träumer Denis. Die Realität sieht anders aus, und dieses Scheitern hat mir sehr gutgetan. Ich habe dadurch gelernt, mein Leben außerhalb des Theaters zu lieben.

Und ich kann euch sagen: Es gibt nichts Schöneres, als morgens neben meiner Freundin in unserer Wohnung aufzuwachen, mich in meinen Opasessel zu setzen und Kaffee zu trinken. Und dann das nächste Stück zu lesen.

Vielen Dank, lieber Denis – und toi toi toi für euch alle!

 
Overlay