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Der Oper Dortmund ist mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Everybody’s Talking About Jamie“ unter dem Titel „Alle reden nur noch von Jamie“ ein Coup gelungen: Mit einer feinfühlig zusammengestellten, diversen Besetzung und einem klaren Regieblick für den Kontext der Geschichte wird der Musicalerfolg würdig in Deutschland etabliert.
Der auf der wahren Geschichte von Jamie Campbells Weg zum jungen Drag-Performer im ländlichen England basierende West-End-Erfolg mit der Musik von Dan Gillespie Sells und dem Buch von Tom MacRae hat in den vergangenen Jahren einen wahren Siegeszug um den Globus begonnen. Zudem wurde das Musical 2018 als Live-Aufnahme filmisch veröffentlicht, und knapp ein Jahr später folgte ein in der Musicalszene viel beachteter Spielfilm. Nun hält Jamie auch endlich Einzug in hiesige Gefilde. Die Ehre der deutschen (und deutschsprachigen) Erstaufführung kommt der Oper Dortmund zu, während Ende des Jahres die österreichische Erstaufführung am Stadttheater Baden bei Wien erfolgen wird. Die gelungene Übersetzung von Werner Sobotka überträgt die britisch geprägte Geschichte sprachlich und kulturell einwandfrei auf das deutsche Zielpublikum. Die Songtextübersetzungen fangen den Esprit des Originals gut ein und funktionieren rhythmisch wie bildlich hervorragend. Damit sind beste Voraussetzungen geschaffen, um das Stück einem musicalaffinen, offenen Publikum hierzulande zu präsentieren.
Die Story bleibt identisch: Jamie New kämpft sich als junger Homosexueller gegen Mobbing und die Ablehnung seines Vaters durchs Leben und verfolgt seinen Traum, als Drag Queen mit seiner Drag-Persona ‚Mimi Me‘ beim Abschlussball aufzutreten. Dabei wird er von seiner liebenden Mutter Margaret, der engen Familienfreundin Ray und seiner besten Freundin Pritti unterstützt, während sein Vater, die gestrenge Schulleiterin und einige Mitschüler ihn abweisen, mobben und sogar verprügeln. Als Jamie auf den Dragshop-Besitzer Hugo trifft, der ihm Einblicke in seine Vergangenheit als legendäre Queen Loco Chanelle gewährt und ihn unter seine Fittiche nimmt, fasst er den Mut, sich seiner Umwelt zu stellen und findet letztendlich über sein Alter Ego Mimi Me zu sich selbst – eine botschaftsstarke Geschichte über Toleranz und Diversität, die Probleme queerer Jugendlicher in Familie und Gesellschaft sowie die Kunstform des Drag.
Regisseur Alexander Becker löst sich inszenatorisch deutlich vom etablierten Original: Die Bildsprache ist zurückhaltender, dafür aber fokussierter und oft aussagekräftiger. Im Vergleich zur 16-köpfigen Besetzung des Originals stehen hier rund 60 Ensemblemitglieder auf der Bühne, bestehend aus den OpernYoungsters, Schüler:innen des Märkischen Gymnasiums Iserlohn und Profi-Schauspieler:innen, wodurch das Stück deutlich größer und lebendiger wirkt. Das Schulsetting wird durch die vielen jungen Darsteller:innen sehr plastisch in Szene gesetzt. Mit großem Feingefühl widmet sich die Produktion dem über der Geschichte schwebenden Thema der Kunstform Drag, was bereits beim Betreten des Zuschauerraums deutlich wird: Fotos und Illustrationen werden auf den großen Bühnenvorhang projiziert, u.a. von Pionier:innen des Drag, bekannten Travestiekünstler:innen und historischen Äquivalenten aus vergangenen Jahrhunderten Noch wichtiger für das Setting ist, dass man fünf Drag-Performer, größtenteils aus dem Münsteraner House of Blænk, für die Produktion gewinnen konnte. Sie prägen die Inszenierung spürbar und verleihen ihr nicht nur Glamour, ‚Sass‘ und ‚Fierceness‘, sondern liefern auch den für die Geschichte wichtigen Kontext.
Carlos Vázquez leitet die elfköpfige Band der YoungSymphonics schwungvoll und souverän durch die poppige Partitur, die durch Gertfried Lammersdorfs Tondesign zusätzlich an Kraft gewinnt, stellenweise jedoch vor allem die Ensemblenummern etwas übertönt. Jutta Maas entwirft eine für alle tanzbare Choreographie, die sich Elementen des Contemporary Dance, Gruppentanzformationen, Hip-Hop-Moves und den Voguing-Techniken der Ballroom-Szene bedient. Dadurch ergänzen die Ensemblenummern „Raus aus dem Dunkel“, „Alle reden nur noch von Jamie“ und „Wo wir dazugehör’n“ die Lieder und Szenen dynamisch und modern.
Florian Franzens Lichtdesign und Dustin Krügers Videodesign, das über eine LED-Projektionsfläche im Hintergrund eingespielt wird, tragen maßgeblich zur Atmosphäre der Inszenierung bei. Das Spiel mit Licht und Schatten, exaltierten Glitzer- und Fantasiewelten sowie düsteren Lebensrealitäten in Jamies innerer und äußerer Welt ist eindrucksvoll durch die Regie erdacht und von Franzen und Krüger optimal umgesetzt worden. Besonders stark geraten sind die beiden Aktfinales: Im ersten Teil macht sich Jamie als Mimi Me bereit und betritt schließlich unter Jubel- und Hassrufen gleichermaßen an der Seite seiner Mentorin Loco Chanelle die Bühne des Dragclubs. Allein im Rampenlicht stehend wird er im Halbdunkel von den Tribünen und Gästetischen aus beobachtet. Am Ende des zweiten Aktes laufen über den Bildschirm zahlreiche Bilder bekannter internationaler und deutscher Drag-Performer, darunter Olivia Jones, Lilo Wanders, RuPaul, Dame Edna und Divine, die Jamies Triumph auf dem Abschlussball in die Tradition jener stellen, die vor ihm für ihre Rechte gekämpft und gesiegt haben. Auch ruhigere Momente wie die Szenen zwischen Jamie und Margaret oder Jamie und Pritti überzeugen durch ihren intimen visuellen Fokus.
Für die Kostüme zeichnet Nina Albrecht-Paffendorf verantwortlich. Sie verortet Jamies Umfeld optisch in Schwarz-Weiß-Tönen, die opportunistische und biedere Schulrektorin trägt ihren Ausschnitt sinnbildlich nicht vorne, sondern am Rücken, und die Schüler:innen bilden eine visuelle Einheit. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch individuelle Facetten, die symbolisieren, was sich gegen Ende der Geschichte zunehmend herauskristallisiert: Die meisten Menschen in Jamies Welt feiern Einzigartigkeit und Diversität. Besonders schön sind Jamies Kostüme, die bewusst einen Kontrast zum übrigen Farbkonzept setzen und ordentlich funkeln. Die Kleider der Drags sind naturgemäß die größten Hingucker der Inszenierung. Sie spiegeln unterschiedliche Facetten dieser Kunstform wider und übertragen Jamies Faszination für die Performer auf das Publikum. Die großen Auftritte der Loco Chanelle wirken durch das Kostümbild zudem besonders pompös.
Das gesamte Ensemble liefert auf einem Niveau ab, das die Grenzen zwischen Laientheater und professionellen Leistungen an vielen Stellen verschwimmen lässt. Dabei gelingt es den Darsteller:innen aus Jamies Schulklasse, ihren Figuren Individualität zu verleihen und mit eigenen Akzenten die Dynamik um die Hauptfigur mitzugestalten. Auf Jamies Seite stehen dabei Becca (Carla Tiemann), Bex (Jule Giesenkirchen), Fatima (Lina Fischer), Vicky (Flora Esser) und Cy (Takumi Ebmeyer), während die Jungen der Klasse, darunter Sayid (Ben Ossenkop), Levi (Lauritz Kirketerp) und Mickey (Julian Albrecht), zunächst zögerlich reagieren, ihn letztlich jedoch akzeptieren.
Auf der Seite der Antagonisten steht Jacob Ambrosius als Dean Paxton, die treibende Kraft hinter Jamies scheinbar endlosem Mobbing. Überzeugend verkörpert er den Schulrowdy, der auch vor dem Traktieren religiöser oder sexueller Minderheiten sowie von Menschen mit Behinderung nicht zurückschreckt. Dass er insgeheim versucht, seine eigene Queerness zu unterdrücken, lässt der Darsteller an mehreren Stellen aufblitzen und verleiht der Rolle zusätzliche Facetten. Martin Lasche zeichnet Jamies Vater glaubwürdig als egozentrisches, betrunkenes Ekelpaket. Die Schulrektorin und Klassenlehrerin Miss Hedge wird von Cecilia Siebers treffend garstig und in ihrer Passivität Jamie gegenüber gefährlich gespielt. Dass sie hinter ihrem betont biederen Auftreten sowohl modisch als auch charakterlich exzentrische Seiten verbirgt, die Jamie an ihr erkennt, arbeitet die Darstellerin ebenfalls gelungen heraus.
Die Rolle der Familienfreundin Ray wird von Freddy Kutz mit burschikoser Herzlichkeit ausgefüllt. Glaubwürdig interpretiert sie ihre Figur als eine der wichtigsten emotionalen Stützen für Jamie und seine Mutter und liefert den extrovertierteren Gegenpol zu Marja Hennicke, die Jamies Mutter Margaret mit schier unerschöpflicher mütterlicher Fürsorge verkörpert. Vor lauter Liebe zu ihrem Sohn und aus Sorge um ihn gibt sie sich selbst auf („Wenn ich mir begegnen könnt“) und verstrickt sich in ein Netz aus Lügen, was Hennicke mit schauspielerischer Nuanciertheit auf die Bühne bringt. Zudem singt sie das ergreifende und wunderschön inszenierte Solo „Er ist mein Sohn“ mit großer Präzision und tiefem Gefühl, während sich vor ihr eine traumatische Episode aus Jamies Kindheit abspielt und sie ihn – auch rückblickend von Schuldgefühlen geplagt – zu trösten versucht.
Die Drags, die zum Großteil im echten Leben Travestiekünstler:innen des House of Blænk sind, werden von Christian Harms, Matthias Dörmann, Daniel Wienke, Marcin Drozdz und Lennart Pannek mit viel authentisch gelebter Attitude, Flamboyance und Charisma dargestellt, wodurch Jamies Faszination für diese Welt umso greifbarer erscheint.
Lilly Sophie Kastner gibt als Pritti Pasha die beste Freundin von Jamie, die ein ganz anderes Leben als er führt, aber ebenfalls Außenseiterin ist. Strebsam und ehrgeizig möchte die introvertierte Muslima für ihre Zukunft als Ärztin einen guten Abschluss machen und behauptet sich als blindes Mädchen in einer turbulenten Welt. Ihre tiefe Zuneigung zu Jamie spielt Kastner überzeugend aus. Mit ihren Liedern „Leben“ im ersten und „Es heißt wundervoll“ im zweiten Akt sorgt sie zurecht für lang anhaltenden Szenenapplaus. Als ihre Pritti sich beim Abschlussball endlich zur Wehr setzt und für Jamie und vor allem für sich selbst wortgewaltig einsteht, erntet Kastner frenetischen Zuspruch aus dem Publikum – eine besonders eindrückliche Szene.
Kammersänger Hannes Brock findet in der Figur des Hugo alias Loco Chanelle eine großartige Charakterrolle, die er in jeder Faser verkörpert. Herzenswärme, Selbstironie, bissiger, mitunter schlüpfriger Humor und Grandezza prägen seine Darstellung. Sein Solo „Der Mythos von Loco Chanelle“ gerät gleichermaßen triumphal wie berührend, während er gemeinsam mit den Drags in „Auf in den Kampf“ einen dramatischen Showstopper liefert.
Dominik Kulczyński darf als Jamie alle Register ziehen: Gesanglich bemerkenswert kraftvoll und darstellerisch stets authentisch pendelt er mühelos zwischen dem kokettierenden, theatralischen Duktus seiner extrovertierten Maske und dem ruhigen, verletzten Jungen. So gelingt ihm eine nachhaltig wirkende Bühnenleistung. Er zeichnet den Weg vom träumerischen, trotzigen und nur vordergründig selbstbewussten Teenager zu einem jungen Erwachsenen mit Perspektiven, der für sich einsteht und den Wert der Menschen in seinem Umfeld zu schätzen lernt. Seinem Jamie folgt das Publikum auch durch die dreieinhalbstündige Inszenierung gebannt. Besonders in den emotionalen Liedern, die die seelischen Narben seiner Figur offenlegen – darunter „Hässlich wie die Welt“, „Die Wand in mir drin“ und das hochemotionale Duett mit Hennicke zu „Mein Mann, dein Kind“ – berührt Kulczyńskis Darbietung nachhaltig.
Als nach einem triumphalen, glitzernden Finale das junge Ensemble seinen verdienten Applaus entgegennimmt und die Drag Queen Miss Galaxia, über der Bühne schwebend, das Publikum mit kessen Sprüchen in den Abend entlässt, gehört der letzte Moment ganz der Kunst des Drag. Ein gebührender, symbolischer Abschluss für ein Stück voller Herz und Relevanz, das dank der Oper Dortmund endlich in Deutschland angekommen ist.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Musik | Dan Gillespie Sells |
| Buch, Gesangstexte | Tom Macrae |
| Idee | Jonathan Butterell |
| Übersetzung | Werner Sobotka |
| Mitarbeit an Übersetzung | Niklas Doddo |
| Musikalische Leitung | Carlos Vázquez |
| Inszenierung | Alexander Becker |
| Bühne | Annika Haller |
| Kostüme | Nina Albrecht-Paffendorf |
| Choreografie | Jutta Maas Thomas Kolczewski |
| Video | Dustin Krüger |
| Licht | Florian Franzen |
| Ton | Gertfried Lammersdorf |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Sa, 27.06.2026 19:30 | Opernhaus, Dortmund |
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 17.06.2026 - 27.06.2026 | Opernhaus, Dortmund | 5 x |
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