CD Cover "The Symponic Suites" © HitSquad Records
CD Cover "The Symponic Suites" © HitSquad Records

Frank Wildhorn - The Symponic Suites
Vienna Independent Orchestra / Koen Schoots / 2026

Wenn Frank Wildhorn die Bühne des Musiktheaters verlässt und seine Melodien in den Konzertsaal überführt, rückt ihre rein musikalische Erzählkraft in den Mittelpunkt. Nach großformatigen Werken wie seiner „Donau Symphonie“ oder „Odessa“ schlägt er mit „The Symphonic Suites“ die Brücke zu seinem Schaffen für die Bühne. Während Motive aus „Dracula“ und „Jekyll & Hyde“ längst zum Standardrepertoire gehören, bietet die CD mit „Artus – Excalibur“ und dem bisher nur in St. Gallen gezeigten „Einstein – A Matter of Time“ auch für Kenner frische Impulse. Die Einspielung etabliert diese Kompositionen als eigenständige Klanggemälde und zeigt eindrucksvoll, wie viel sinfonische Substanz in Wildhorns Melodien steckt.

Die Qualität einer solchen Aufnahme steht und fällt mit dem Klangkörper. Eigens für dieses Projekt wurde das „Vienna Independent Orchestra“ zusammengestellt – eine handverlesene Formation, die sich aus 60 Mitgliedern der Wiener Philharmoniker und der Wiener Symphoniker zusammensetzt. Diese Besetzung verspricht eine technische Souveränität, die Wildhorns Fokus auf klanggewaltige Melodiebögen und atmosphärische Dichte in jedem Moment stützt. Eingespielt wurden die vier Suiten im Brahmssaal des Wiener Musikvereins, dessen akustische Eigenschaften den Orchesterklang maßgeblich prägen. Am Pult steht mit Koen Schoots ein Dirigent, der eine tiefe Vertrautheit mit Wildhorns kompositorischer Handschrift mitbringt. Schoots führt das Ensemble mit Fokus auf Struktur und Transparenz durch die Sätze. Er gibt den Themen den nötigen Raum und achtet zugleich auf rhythmische Schärfe in den dynamischen Passagen, wodurch viele Details der Arrangements erst voll zur Geltung kommen.

Den Auftakt macht die Suite zu „Dracula“, die bereits durch ihre Konzeption überrascht. Anstatt sich in einer bloßen Aneinanderreihung bekannter Melodien zu erschöpfen, nutzt Koen Schoots die orchestrale Gestaltung für eine musikalische Nacherzählung des gesamten Stoffs. Die Suite nimmt sich dabei wohltuend Zeit, Stimmungen organisch aus den Motiven zu entwickeln. Besonders deutlich wird dies in Passagen wie „Whitby Bay“, die hier eine fast kammermusikalische Zartheit entfalten. Auch das im Musical eher flüchtige Solo von Jonathan, „Before the Summer Ends“, erhält durch die orchestrale Ausarbeitung ein neues Gewicht und eine emotionale Tiefe, die im Bühnenkontext oft untergeht. Das Vienna Independent Orchestra setzt diese Akzente präzise um – von fein ziselierten Holzbläsern bis zu den warmen Streicherflächen der lyrischen Momente. Schoots beweist ein feines Gespür für Dynamik und lässt die Musik atmen, ohne den dramatischen roten Faden der Erzählung zu verlieren.

Für die Suite zu „Jekyll & Hyde“ übernimmt Kim Scharnberg die Arrangements und die Orchestrierung. Ihm gelingt es, die psychologische Zerrissenheit der Vorlage in ein rein instrumentales Gewand zu kleiden. Die Suite lebt von einem permanenten Dialog der Kontraste: Lyrische, fast zerbrechliche Momente werden immer wieder von einer spürbaren, aufziehenden Gefahr unterwandert. Die romantischen Themen dürfen sich nie in Sicherheit wiegen; eine unterschwellige Unruhe im Orchester kündigt stets den nächsten atmosphärischen Umschlag an. Wenn das Ensemble schließlich ausbricht, geschieht dies mit einer klanglichen Wucht, die die Dualität der Hauptfigur auch ohne ein einziges gesungenes Wort greifbar macht. Es entsteht ein packender Schlagabtausch der Instrumentengruppen, der die emotionale Achterbahnfahrt des Musicals präzise verdichtet.

Die Suite zu „Einstein“ erweist sich als eine der spannendsten Entdeckungen dieser Veröffentlichung, da sie Wildhorns jüngste Tonsprache in besonders dichter Form präsentiert. Der Beginn wirkt fast programmatisch: Ein bewusst gesetztes, leichtes orchestrales Chaos spiegelt die Gedankenwelt und die Getriebenheit des Physikers wider, bevor sich die Musik klärt und in einem exponierten Geigensolo zur Ruhe findet. Dieses Solo greift jenen biografischen Moment auf, in dem Einstein auf der Flucht vor dem NS-Regime an Bord eines Schiffes nach Amerika zu seinem Instrument greift. Das Orchester gestaltet diesen Übergang von Unruhe zu intimer Melancholie mit beeindruckender Sensibilität. Besonders das Zusammenspiel zwischen der solistischen Violine und den zurückhaltenden Streicherflächen verleiht dem Werk eine menschliche Tiefe, die weit über eine rein wissenschaftliche Abstraktion hinausgeht. Hier zeigt sich, wie präzise Koen Schoots die emotionalen Wendepunkte der Partitur für den Konzertsaal destilliert.

Nach dieser eher introspektiven Passage führt die CD mit der Suite zu „Artus – Excalibur“ zu einem deutlich monumentaleren Klangbild. Auch hier zeichnet Schoots für Arrangements und Orchestrierung verantwortlich und nutzt die volle Bandbreite des Vienna Independent Orchestra, um die mittelalterliche Sagenwelt klanglich zum Leben zu erwecken. In diesem Arrangement ist die Bezeichnung symphonischer Bombast durchaus angemessen – und im besten Sinne zu verstehen. Die Suite entwickelt eine Bildgewalt, die sofort Assoziationen an großes Kino weckt. Man sieht förmlich die weite, ursprüngliche Landschaft Britanniens mit ihren schroffen Felsen und zerklüfteten Klippen vor sich. Besonders die kraftvollen Akzente der Hörner und die treibende rhythmische Grundierung verleihen dem Werk eine epische Tiefe, ohne die Transparenz zu verlieren. Immer wieder lässt Schoots zudem tänzerische, fast folkloristische Motive aufblitzen, die einen reizvollen Kontrast zu den heroischen Rufen der Trompeten bilden. Das Orchester glänzt hier durch enorme Geschlossenheit und führt die verschiedenen Themen der Partitur organisch in einem klanggewaltigen Finale zusammen.

Veröffentlicht wurde das Album beim Wiener Label HitSquad, das sich einmal mehr als Spezialist für hochwertige Musical-Produktionen präsentiert. Die technische Seite der CD überzeugt durch ein klares, ausgewogenes Klangbild, bei dem die Dynamik des Orchesters voll zur Geltung kommt, ohne dass Details in den leisen Passagen verloren gehen. Die optische Aufmachung steht der akustischen Qualität in nichts nach: Die CD erscheint in einem edlen Digipack, das ein umfangreiches, dickes Booklet beherbergt. Dieses bietet neben zahlreichen stimmungsvollen Fotos der Aufnahmesessions auch fundierte Hintergrundinformationen zu Frank Wildhorn sowie den Arrangeuren Kim Scharnberg und Koen Schoots. Mit einer Gesamtlaufzeit von 1 Stunde und 13 Minuten wird dem Hörer ein überaus großzügiges und wertiges Paket geboten.

Diese Veröffentlichung funktioniert nicht nur als Ergänzung für Wildhorn-Fans. Durch die feinsinnigen Arrangements von Koen Schoots und Kim Scharnberg emanzipieren sich die Melodien von ihrer ursprünglichen Bühnenfunktion. Die CD zeigt, dass Wildhorns Kompositionen eine sinfonische Substanz besitzen, die auch ohne Text und Szene trägt. Die erstklassige Interpretation des Vienna Independent Orchestra macht dieses Album zu einer besonders lohnenden Entdeckung für alle, die moderne Musical-Partituren in ihrer rein orchestralen Form erleben möchten.

 
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