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Kaum ein Musical ist visuell so fest im kollektiven Gedächtnis verankert wie „Cats“. Seit der Uraufführung 1981 gehören Katzen-Make-up, Fellkostüme, Schrottplatz und Gillian Lynnes Choreografien beinahe ebenso selbstverständlich zum Stück wie Andrew Lloyd Webbers Musik. „Cats: The Jellicle Ball“ wirft diese Bilder nun weitgehend über Bord. Die 2024 am Perelman Performing Arts Center entstandene und inzwischen an den Broadway transferierte Produktion von Zhailon Levingston und Bill Rauch versetzt die Jellicle Cats stattdessen in die New Yorker Ballroom Culture – und macht aus dem berühmten Katzenball einen echten Ball. Diese radikale, mit mehrerer Tony-Awards prämierte Neuerfindung verlangt einiges an Abstand von den vertrauten Bildern des Originals, entwickelt aber eine verblüffend schlüssige eigene Identität, ohne die musikalischen Wurzeln von „Cats“ zu kappen.

Was zunächst wie eine gewagte Idee klingt, weist eine klare dramaturgische Logik auf. Die vor allem von Schwarzen und Latino LGBTQ+-Menschen geprägte New Yorker Ballroom Culture schuf mit ihren sogenannten ‚Houses‘ Gemeinschaften, die zugleich als Teams bei den Balls und für viele ihrer Mitglieder als Wahlfamilien fungieren. Bei diesen Veranstaltungen treten sie in unterschiedlichen Kategorien gegeneinander an, präsentieren Mode, Persönlichkeit und Tanzstile wie Voguing und werden von einer Jury bewertet. Die Parallelen zu „Cats“ liegen näher als gedacht: Auch die Jellicles versammeln sich zu einem Ball, einzelne Figuren treten aus der Gruppe hervor und präsentieren sich, bevor Old Deuteronomy entscheidet, wer ins Heaviside Layer aufsteigen und ein neues Leben beginnen darf.
Die Regie von Zhailon Levingston und Bill Rauch nutzt diese Parallelen konsequent. Munkustrap, im Original Erzähler und Anführer der Jellicles, wird zum Moderator des Balls. Die bekannten Songs stellen weiterhin die einzelnen Cats vor, anschließend treten die Figuren in musikalischen Reprisen in einer Ballroom-Kategorie gegeneinander an und werden von Gastjuroren bewertet. Die Kategorien greifen dabei gezielt Eigenschaften der ursprünglichen Charaktere auf. Besonders schön gelingt das bei Bustopher Jones: Der wohlgenährte Lebemann tritt in der Kategorie ‚Body‘ an. Was im Original augenzwinkernd als Eigenheit des Katers verhandelt wird, verwandelt sich in eine selbstbewusste Feier unterschiedlicher Körperformen. Die Wettbewerbe bieten genügend Abwechslung und Schauwert, sodass sich das wiederkehrende Prinzip kaum abnutzt. Einen wirkungsvollen Bruch setzt der erste Auftritt von Old Deuteronomy: Die Jury verschwindet und mit ihr die bis dahin etablierte Bewertungsinstanz. Von diesem Moment an liegt die entscheidende Wahl wieder dort, wo sie bei „Cats“ immer lag – bei Old Deuteronomy.
Die vielleicht naheliegendste Brücke zwischen beiden Welten findet Rachel Haucks Bühnenbild: Aus „Cats“ wird buchstäblich ein Catwalk. Eine klassische Guckkastenbühne gibt es kaum noch. Von einer schmalen erhöhten Spielfläche zieht sich ein schlichter Laufsteg weit in den Zuschauerraum hinein und endet zwischen den Sitzreihen. Auf dem Boden stehen Bartische mit Barhockern, an denen Mitglieder des Ensembles immer wieder Platz nehmen. Gemeinsam mit einer großen Diskokugel und Adam Honorés clubartigem Lichtdesign entsteht weniger der Eindruck eines Broadway-Theaters als der eines Clubs, in dem gerade tatsächlich ein Ball stattfindet.
Den radikalsten Bruch mit der vertrauten „Cats“-Ästhetik vollzieht Qween Jeans mit im Kostümdesign: Statt Fell und Katzen-Make-up erhält jede Figur eine eigene extravagante Fashion-Persönlichkeit, in der Ballroom Culture, queere Ästhetik und kulturhistorische Referenzen aufeinandertreffen. Kleine feline Zitate in der Optik halten dabei die Verbindung zum Original. Besonders eindrucksvoll erscheint André De Shields als Old Deuteronomy: Violett- und Lilatöne, ausladende Silhouetten und eine monumentale Frisur verleihen ihm majestätische Autorität. Junior LaBeija wirkt als Gus mit knalligen Farben und Turban beinahe wie eine Norma Desmond der Ballroom-Szene. Robert ‚Silk‘ Mason wiederum wird als Magical Mister Mistoffelees mit Schwarz, Glitzer und einem von Josephine Baker inspirierten ornamentalen Kopfschmuck selbst zum Fashion-Ereignis.
Auch choreografisch gibt es keinen nostalgischen Blick zurück. Omari Wiles und Arturo Lyons verabschieden sich vollständig von Gillian Lynnes Originalchoreografie zu Gusten einer von Ballroom, Runway und Wettbewerb geprägten Bewegungssprache. Bemerkenswert selbstverständlich verbindet sie sich mit Lloyd Webbers Partitur. Ganz verschwunden ist das Katzensein dennoch nicht: Kleine Gesten und Körperhaltungen wecken feline Assoziationen, ohne dass die Darsteller permanent Katzen imitieren. Besonders ausdrucksstark präsentiert Robert ‚Silk‘ Mason seinen Magical Mister Mistoffelees: Seine enorme Körpergröße, die langen Haare und seine Bewegungen verleihen der traditionell stark über Tanz definierten Figur eine völlig neue Form von Präsenz. Der eigentliche ‚Jellicle Ball‘ bleibt eine große Ensemblenummer, hebt sich aber weniger als singulärer Höhepunkt ab – der choreografische Schauwert verteilt sich in dieser Fassung über den gesamten Abend.
Die konsequente Ausrichtung auf die Ballroom Culture zeigt sich auch in der Besetzung. Zahlreiche Mitglieder des Ensembles bringen einen entsprechenden tänzerischen Hintergrund mit und verleihen den Wettbewerben dadurch große Glaubwürdigkeit. Gesanglich fordert diese Entscheidung allerdings ihren Preis: Gerade im Ensemble und in kleineren Rollen wie Bustopher Jones erreichen die Stimmen nicht durchgehend das Niveau, das am Broadway zu erwarten wäre.
Dudney Joseph Jr. findet als Munkustrap einen eigenen Zugang zu einer Figur, die traditionell zu den agilsten Jellicles gehört. Sein Munkustrap wirkt gesetzter und übernimmt mit großer Souveränität die Rolle des Moderators. Vor allem Josephs ungewöhnlich tiefe, sonore Stimme gibt der Partie eine neue Klangfarbe und natürliche Autorität.
Tempress Chasity Moore setzt als Grizabella weniger auf vokalen Schöngesang als auf maximale Emotion. Ihre Stimme besitzt nicht die technische Eleganz manch berühmter Interpretation von „Memory“, doch Moore macht daraus beinahe eine Stärke: Sie legt so viel Drama und Verletzlichkeit in die Nummer, dass ihr „Memory“ gerade in seiner Rauheit herzzerreißend wirkt.
Eine besondere Besetzung ist Junior LaBeija als Gus. LaBeija gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der New Yorker Ballroom-Geschichte und war bereits in der Dokumentation „Paris Is Burning“ als Master of Ceremonies zu erleben. Dass hier eine echte Ballroom-Legende die alternde Theatre Cat spielt, die auf die großen Momente ihrer Vergangenheit zurückblickt, entwickelt eine reizvolle Metaebene. Mit würdevoller Präsenz und feinem Schauspiel bleibt sein Gus im Kern erstaunlich nah an der bekannten Figur.
Der unbestrittene Star des Abends ist jedoch André De Shields. Der 80-jährige Tony-Award-Gewinner macht aus Old Deuteronomy alles andere als den gemütlichen alten Kater, den viele Inszenierungen zeigen. Sein Old Deuteronomy weiß sehr genau, welche Stellung er innerhalb dieser Gemeinschaft besitzt – und De Shields ebenso um die Wirkung seiner eigenen Broadway-Legende. Wenn er stolz über den Catwalk stolziert, verschmelzen Figur und Starpersona auf ideale Weise. De Shields muss seine Autorität nicht behaupten: Mit seinem Erscheinen ist klar, weshalb ausgerechnet dieser Old Deuteronomy über das Schicksal der Jellicles entscheidet.
Auch musikalisch bleibt die Produktion nicht im Jahr 1981 stehen. Die Orchestrierungen von Andrew Lloyd Webber und David Wilson werden durch zusätzliche Beats von Trevor Holder und die Musikproduktion von Doug Schadt modernisiert, ohne den unverwechselbaren Klang der Partitur zu verlieren. Unter William Waldrops musikalischer Leitung spielt eine elfköpfige Band mit viel Tempo und rhythmischem Druck – ein Zugriff, der der Ballroom-Welt hervorragend steht. Kai Haradas Sounddesign sorgt für eine ausgewogene Balance zwischen Bühne und Band; auch die Textverständlichkeit ist durchgehend gut.
Bei der letzten Broadway-Vorstellung am 8. August ist die besondere Verbindung zwischen Produktion und Publikum noch einmal deutlich zu spüren. Nahezu jede Nummer wird mit lautem Jubel und langem Applaus gefeiert, immer wieder schlagen Zuschauer mit den als Merchandise verkauften Fächern. Obwohl die Inszenierung das Publikum formal nicht in die Wettbewerbe einbezieht, greift die Stimmung damit weit über den Catwalk hinaus in den Zuschauerraum. Bisweilen gerät die permanente Begeisterung etwas zu viel des Guten: Wenn nahezu jeder Auftritt zum Ereignis erklärt wird, fällt es den tatsächlichen Höhepunkten zunehmend schwer, sich davon noch abzusetzen. Dass die elffach Tony-Award-nominierte und mit drei der begehrten Trophäen (für Regie, Kostüme und Choreografie) ausgezeichnete Produktion trotz zeitweise starker Auslastung nach nur wenigen Monaten am Broadway schließt, verleiht dieser letzten Vorstellung zugleich etwas Wehmütiges.
Vielleicht liegt die besondere Qualität von „Cats: The Jellicle Ball“ gerade darin, dass diese Produktion keine neue allgemeingültige Form des Klassikers sein will. Zu eng ist sie mit New York und einer Ballroom Culture verbunden, die hier nicht als dekorative Ästhetik importiert, sondern von Künstlerinnen und Künstlern aus der Community selbst auf die Bühne gebracht wird. Gleichzeitig lebt der Abend von der Reibung mit einem Klassiker, dessen Musik, Figuren und Bilder längst im kollektiven Musicalgedächtnis verankert sind. Ohne dieses Fundament hätte dieselbe Idee vermutlich kaum eine vergleichbare Wirkung. Der „Jellicle Ball“ muss das traditionelle „Cats“ deshalb weder ersetzen noch zum Vorbild für dessen nächste vierzig Jahre werden. Viel spannender ist die Erkenntnis, dass selbst ein scheinbar unveränderbarer Musicalklassiker aus einer neuen kulturellen Perspektive noch einmal vollkommen anders gelesen werden kann. Dass diese Neuerfindung ausgerechnet in New York entstanden ist und dort nun ihren letzten Ball gefeiert hat, macht sie umso besonderer.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musik | Andrew Lloyd Webber |
| Lyrics | T.S. Elliot |
| Produzenten | Michael Harrison Mike Bosner |
| Regie | Zhailon Levingston Bill Rauch |
| Choreografie | Omari Wiles Arturo Lyons |
| Bühnenbild | Rachel Hauck |
| Kostümbild | Qween Jean |
| Lichtdesign | Adam Honoré |
| Sounddesign | Kai Harada |
| Projektionsdesign | Brittany Bland |
| Haar- & Perückendesign | Nikiya Mathis |
| Make-Up-Design | Rania Zohny |
| Illusionen/Magie | Paul Kieve |
| Dramaturgie & Gender-Consulting | Josephine Kearns |
| Musikalische Gesamtleitung & Dirigent | William Waldrop |
| Musik-Koordination | David Lai |
| Musik-Produktion | Doug Schadt |
| Beats-Arrangement/Produktion | Trevor Holder |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 18.03.2026 - 08.08.2026 | Broadhurst Theatre, New York | 2 x |
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