Andreas Luketa prägt seit Jahrzehnten die Musicalszene im deutschsprachigen Raum – als Produzent, Manager und Gründer von Sound of Music Records und der Künstleragentur Art and Soul. Er steht für seine Werte ein und stellt sich hinter die Menschen auf der Bühne. Seine verschiedenen Blickrichtungen auf das Business zeichnen seine Arbeit aus. In seinen Shows verschwimmen die Grenzen zwischen Solist:innen und Ensemble. Seinen Erfolg misst er nicht nur an Ticketverkäufen, sondern an einem respektvollen Miteinander innerhalb seines Teams. Seine Konzertreihe „This is the Greatest Show“ geht im März in die nächste Runde mit einer großen Tour durch den deutschsprachigen Raum.
Im Gespräch mit der Musicalzentrale spricht Andreas fast philosophisch über seinen Blick auf die Branche und wie er Menschen und Kunst gleichermaßen in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht ist es genau das, was seine Konzertformate so erfolgreich macht, weil die besondere Atmosphäre dieser künstlerischen Arbeit auch am Publikum nicht vorbeigeht.
Andreas, magst du erzählen, wie deine Reise im Musicalbereich begann und wie sich die Branche seitdem verändert hat?
Zum Einen hat mich „Starlight Express“ in Bochum 1988 total begeistert: Die Lasershow und die Rollschuhläufer, die quer durch den Zuschauerraum fuhren, haben mich fasziniert. Zum Anderen gab es die Fernsehsendung „Broadways liebstes Kind“ von Peter Weck. Während einer Folge wurde das Musical „Les Misérables“ vorgestellt, das mich sehr berührte. Nun wollte ich unbedingt die Schallplatte haben und musste einen Plattenladen finden, der „Les Misérables“ im Angebot hatte. Das war gar nicht so einfach – damals, vor der Digitalisierung. So entstand mit einem Freund die gemeinsame Idee für unseren Spezialversand zum Thema Musical, Sound of Music, den wir bis heute erfolgreich betreiben. Außerdem habe ich damals begonnen, für die Zeitschrift „Musicals“ Rezensionen und Berichte zu schreiben. So bin ich beruflich in den Bereich Musical „hineingestolpert“.
Unseren Kunden und den wirklichen Fans des Genres ging es damals besonders auch um die Shows, die Komposition, die Texte, die Inszenierung. Mein Eindruck ist, dass das in Deutschland rasch in einen Fan-Kult um vor allem männliche Darsteller kippte. Daran hat sich nach meinem Empfinden bis heute nicht viel geändert. Viele Musical-Fans besuchen die Shows vor allem auch aufgrund der mitwirkenden Darsteller. Die Theatermacher wissen natürlich von den Fanlobbys und besetzen Rollen oft entsprechend, sodass weniger etablierte Künstler:innen es schwerer haben sich durchzusetzen. In Amerika oder London sind die Musicalfans anders gestrickt: Da interessiert man sich noch mehr für das Genre und weniger für die Stars.
Du gestaltest mit Sound of Music seit vielen Jahren Konzertformate und hast schon lange deine Künstleragentur Art and Soul. Magst du uns auch hier Einblicke geben?
Wir haben zwei Jahre nach dem Einstieg in den Vertrieb unser Plattenlabel Sound of Music Records gegründet und gleichzeitig begonnen, erste Konzerte zu veranstalten und haben somit direkt reinvestiert. Es war ja nicht absehbar, wie sich das Mediengeschäft entwickeln würde. Kurioserweise kaufen Musicalfans heute immer noch gerne CDs, auch wenn immer mehr gestreamt wird.
Wir waren bereits viele Jahre als Konzertveranstalter erfolgreich und produzierten jährlich rund 50 Konzerte. Als Semmel Concerts schließlich auf uns zukam und eine Zusammenarbeit bei neuen Konzertreihen anfragte, begann für uns eine neue Ära. Aus dieser Kooperation entstand später auch unser bislang größtes ‚Baby‘: „This Is the Greatest Show“.
Meine Künstleragentur entstand davon losgelöst. Mein erster Künstler war Jan Ammann, den ich zehn Jahre intensiv begleitete. In der Zwischenzeit kamen weitere Künstler:innen hinzu. Mittlerweile vertrete ich 22 Künstler:innen und die Prämisse „Art and Soul“ herrscht bei uns immer noch vor: Wir arbeiten zusammen und pflegen freundschaftliche Beziehungen. Ich kann keine:n Künstler:in vermarkten, wenn ich nicht weiß, wie es dem Menschen dahinter geht. Je älter man wird, desto bewusster wird einem, dass Arbeit ein Stück gelebtes Leben ist – Zeit, die du nicht zurück bekommst. Du hörst irgendwann auf, zwischen Arbeit und Leben zu trennen. Es ist einfach Leben.
Auch bei der Zusammenarbeit mit Künstler:innen bei unseren Konzerten, die ich nicht im Management vertrete, ist mir ein harmonisches Miteinander sehr wichtig. Es wird natürlich immer auch Konflikte hinter den Kulissen geben. Ich bin aber auch jemand, der nach einem Konflikt gerne neue Chancen gibt und ich freue mich, wenn auch ich eine zweite Chance bekomme.

Du hast durch die Begleitung deiner Künstler:innen einen ganz eigenen Blick auf die Branche. Wie hat sich aus deiner Perspektive das Business für die Darsteller:innen verändert?
Ich glaube, die Wertschätzung vieler Theaterproduzenten gegenüber Darsteller:innen wird immer geringer. Oft erlebe ich meine Künstler:innen tief verletzt. Manchmal weiß ich nicht, wie ich ihnen Trost spenden kann, wenn sie Demütigungen erfahren. Oft wird ihr Vorsingen nach 15 Sekunden abgebrochen und sie bekommen nicht einmal eine schriftliche Absage oder Begründung. Das ist für Künstlerherzen schwer zu verdauen: Ein Scheitern bei einer Audition empfinden viele als persönliche Niederlage. Dabei passen sie vermutlich einfach nicht ins Puzzle, das der Produzent mit seinem Kreativteam gerade legt.
Ich ziehe vor Künstler:innen den Hut. Das ist ein emotional schwerer Job. Sie müssen sich bis ins hohe Alter verkaufen und bewerten lassen. Es gibt nicht allzu viele Künstler:innen, die direkt angefragt werden. Der Markt ist vor allem für Frauen schwierig, weil es ein großes Überangebot gibt. Ich kenne so viele großartige Künstlerinnen, die für den kommenden Sommer einfach keinen Job haben. Mich macht das sehr betroffen.
Ich möchte mit meiner Arbeit einen Unterschied machen: Bei meinen Konzerten verschwimmen die Grenzen zwischen Solist:innen und Ensemble. Das ist mir wichtig, da Erfolg nicht nur mit Können zu tun hat, sondern oftmals auch mit Zufällen, Glück oder falsch getroffenen Entscheidungen. In meinem Team kann auch die Dame oder der Herr aus dem Ensemble zum ‚Star‘ werden: Sie singen ein Solo oder ein Duett und bekommen ihren Moment, um zu glänzen. Ich freue mich immer sehr, wenn das Gästen aus dem Künstlermilieu positiv auffällt.
Gerade startet die neue Tournee von „This is the Greatest Show“. Wie entstand die Idee zur Show und wie hat sich das Konzept seitdem verändert?
Dieter Semmelmann und ich sind auf die Idee gekommen, eine Show zu gestalten, die vom Film „The Greatest Showman“ inspiriert sein sollte. Das Konzept für die erste „Greatest Show“ bestand aus Songs aus Filmen und Filmmusicals. Die Pandemie sorgte für ein vorzeitiges Ende der Tour nach nur zwei Vorstellungen. Zwei Jahre später starteten wir den nächsten Anlauf des Formats nach genau dem gleichen Konzept. Das kam sehr gut beim Publikum an! Trotzdem wollte ich unser Programm erweitern, da das Angebot an spannenden Film- und Musicalfilmhits relativ limitiert ist. Nun kann ich mich bei der Gestaltung der Setlist richtig austoben: Jede „Greatest Show“ besteht seitdem aus Musicalhits aus der ganzen Welt und endet schließlich mit einem ausführlichen musikalischen Querschnitt durch den Film „The Greatest Showman“.
Wie entsteht für dich die Setlist und wie erlebst du diesen kreativen Prozess?
Das Schreiben einer Setlist für ein Format wie „This is the Greatest Show“ ist schon recht kompliziert, auch wenn es am Ende so einfach wirkt. Eine gute Setlist braucht eine gute Dramaturgie, um zu funktionieren. Darum kann man nicht einfach eine Nummer austauschen und irgendwo anders hinsetzen, weil dann alles in sich zusammenfällt. Natürlich muss man manchmal Kompromisse eingehen, wenn sich bei den Proben Dinge ereignen, mit denen man gar nicht rechnet. Dennoch ist es mir bisher jedes Mal gelungen, eine Setlist zu präsentieren, hinter der ich zu 100% stehen kann.
Der Titel „This is the Greatest Show“ ist eine starke Ansage. Erzeugt sie nicht einen enormen Druck, andere Konzertformate zu übertrumpfen und sich selbst jedes Mal aufs Neue zu toppen? Was ist dieses Mal anders als beim letzten Mal?
Wir stehen mit den Musicalshows, die ich bisher gesehen habe, nicht in Konkurrenz, da sie ein ganz anderes Klientel ansprechen. Jede Show hat ihre Berechtigung.
Was den Druck angeht, jedes Mal mit sich selbst in Konkurrenz zu treten: Ja, der ist nicht wegzudiskutieren. Michaela Schober sagte nach der „Greatest Show“ 2024 zu mir „Das wirst du nie wieder toppen.“ Wir haben drum gewettet und – was soll ich sagen: Ein Jahr später habe ich die Wette gewonnen, wie Michaela befand. Ich fand die Show 2025 selbst sehr gelungen; ich klopfe mir mal eben auf die Schulter. [lacht] Danach bin ich tatsächlich in ein kreatives Loch gefallen, aber irgendwann raffst du dich wieder auf und findest neue Wege. Man darf sich nicht selbst kopieren, das funktioniert nicht. Meine Regisseurin Yara Hassan spornt mich stets an, immer wieder etwas Neues zu wagen, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Letztes Jahr hatten wir sehr viele Hits drin, diesmal setzen wir mehr auf Ensemblenummern. Ich möchte unbedingt mehr als eine Musicalrevue auf die Bühne bringen. Also holen wir das Publikum diesmal emotional noch mehr ab: Das Musicalgenre ist doch gerade so erfolgreich, weil es das Publikum emotional anspricht. Wenn das fehlt, geht die ‚Biggest Magic‘ verloren. Außerdem haben wir in der Vergangenheit festgestellt, dass das Publikum aufgeschlossen für Neues ist. Auch diese Neugier bedienen wir mit Teasern von Stücken, die es im deutschsprachigen Raum bisher noch nicht gab.
Inwieweit wirkst du bei den einzelnen Gewerken mit?
Als künstlerischer Leiter ist es meine Aufgabe, wirklich alles mit im Blick zu haben. Wir haben sämtliche Gewerke wunderbar besetzt. Oft habe ich Ideen, die ich an meine Regisseurin weitergebe. Wenn Yara sie nicht gut findet, werden sie nicht umgesetzt. Ich bin ja nicht Mr. Universum und zu Kompromissen gerne bereit, wenn ich über das Ziel hinausschieße! [lacht]
Den Schuh des Qualitätsmanagements ziehe ich mir allerdings selbst an: Es ist wichtig, dass wir nachbessern und ausgleichen, da die Show von der Premiere an immer auf demselben Niveau über die Bühne gehen soll – wie jede Profi-Produktion. Auf der Bühne stehen 20 kreative Menschen, die alle kreative Ideen haben. Wenn aber alle anfangen, diese Ideen umzusetzen, haben wir nach zehn Shows nicht mehr die Show, mit der wir in die Premiere gestartet sind.
Abgesehen von der guten Zeit, die du dem Publikum bereiten möchtest: Gibt es eine Botschaft hinter der Show?
Die wichtigste Botschaft hinter der Show ist, dass wir alle gleich sind! Wir machen auf und hinter der Bühne keine Unterschiede: Alle werden gleich gut behandelt, alle werden wertgeschätzt. Das ist so wichtig: Ich kann Menschen nicht schlecht behandeln und dann erwarten, dass sie am Abend auf der Bühne Glück und Freude ausstrahlen, die sich aufs Publikum übertragen. Glücklicherweise scheint das bei uns stets gut zu funktionieren.
Ich glaube, viele Künstler:innen möchten bei der Show mitmachen, weil sie von diesem Spirit gehört haben und neugierig geworden sind.
Das klingt nach einem erfüllenden Arbeitsklima, das auch übertragbar auf neue Formate wäre. Hast du neue Ideen oder Visionen für zukünftige Projekte?
Da dieses Baby „The Greatest Show“ immer größer wird und so viel Aufmerksamkeit fordert, fehlen mir aktuell Visionen für Neues. Ich erinnere mich sehr gerne aber auch an unsere Anfänge zurück, als wir noch in kleinen Theatern spielten und nah an den Menschen dran waren. Als bekennender Swiftie würde ich tatsächlich gerne mal einen Taylor Swift-Abend mit meinen Künstler:innen gestalten.
Lieber Andreas, danke für die tiefen Einblicke in deine Arbeit! Wir wünschen dir und deinem Team eine erfolgreiche Tour mit „This is the Greatest Show“!
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