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ATG schickt das Budapester Operettentheater mit seiner Inszenierung von Disneys „Der Glöckner von Notre-Dame“ auf Tournee durch Deutschland. Neben zahlreichen Regieeinfällen punktet die Produktion vor allem mit ihrer großartigen Visualität, die sich insbesondere durch das wandelbare Bühnenbild und das differenzierte Lichtdesign auszeichnet. Die Akustik und die artikulatorischen Schwierigkeiten einiger Darstellender hinterlassen allerdings Makel auf dem ansonsten schönen Antlitz dieser Inszenierung.
Nach der Replika-Inszenierung von Stage Entertainment in Berlin, München und Stuttgart sowie der VBW in Wien ist die aktuelle Tourversion von Disneys „Der Glöckner von Notre-Dame“ des Budapester Operettenhauses nun (neben den Open-Air-Aufführungen in Thun) die erste freie Inszenierung im deutschsprachigen Raum. Unter anderem hebt sie sich vor allem optisch von der Ensuite-Produktion der letzten Jahre deutlich ab: Das Bühnenbild von Erzsébet Túri ist das größte Highlight des Abends und zeigt eindrucksvoll, welche Wirkung eine physische, wandelbare Kulisse entfalten kann. Die Kathedrale Notre-Dame, die bereits in Victor Hugos Roman als eigenständige Hauptfigur fungiert, steht auch hier im Zentrum. Drei große Bühnenelemente formen die Architektur des Gotteshauses; die ikonische gotische Westfassade lässt sich drehen und gibt den Blick auf das Innere des Glockenturms frei. Dessen Elemente bleiben in Bewegung, während der massive Glockenapparat von oben herabgelassen wird. So entstehen immer neue Perspektiven und eine beinahe cineastische Dynamik. Die detailreiche Kulisse ermöglicht sowohl die kunterbunte Gestaltung des Narrenfests als auch die geheimnisvolle Atmosphäre des Wunderhofs und das düstere Innere des Glockenturms.
Unterstützt wird die visuelle Vielfalt durch das differenzierte Lichtdesign von Ákos Bodor, das eine gewisse Disney-Magie vermittelt. Schatten, Nebel, Gegenlicht-Silhouetten und scharf abgegrenzte Lichtstrahlen erzeugen wechselnde Stimmungen, spiegeln die Gemütszustände der Figuren und akzentuieren auch stille Momente. Die Projektionen von Péter Somfai ergänzen die Szenerie um Stadtansichten, Wetterstimmungen und apokalyptische Bilder. Besonders eindrucksvoll ist „Hilf den Verstoßenen“: Wenn das große Rosenfenster und die Fenster der Seitenschiffe in bunten Farben erstrahlen, wird die Opulenz der weltberühmten Kathedrale unmittelbar auf das Publikum übertragen. Auch der Endkampf profitiert von der räumlichen Aufteilung der Bühne und den unterschiedlichen Handlungsebenen.
Ebenso liebevoll ist das Kostümbild von Anni Füzér gestaltet. Die individuellen Gewänder lassen die Figuren auch in großen Ensembleszenen klar unterscheiden. Besonders gelungen sind die Kostüme der Heiligenfiguren, deren steinerne Erscheinung sich in den Choreografien in fließende Bewegungen verwandelt. Auch die drei Wasserspeier sind fantasievoll ausgestattet. So verbindet die Produktion die märchenhafte Bildsprache der Animationsversion mit den düsteren und gesellschaftskritischen Aspekten des Stoffes.
Die Choreografien von István Simon transportieren die Geschichte facettenreich und überzeugen besonders dort, wo sie Quasimodos Innenleben widerspiegeln. Die steinernen Figuren erwachen in Esmeraldas Gegenwart scheinbar zum Leben. Auch „Feuer der Hölle“ ist intensiv gestaltet: Frollos religiöse Anbetung einer Marienerscheinung weicht einer lasziven, dämonischen Verführerin, wodurch sich sein innerer Konflikt eindrucksvoll auf der Bühne manifestiert. Der „Drunter-Drüber-Tag“ ist schwungvoll, während der anschließende Wechsel zur Qual des Glöckners choreografisch wirkungsvoll gelingt. Das größte Highlight ist jedoch „Das Tavernenlied“, dessen Choreografie der Originalinszenierung deutlich die Show stiehlt und das Pariser Nachtleben mitreißend spürbar werden lässt. Dramatische Szenen wie die Suche nach Esmeralda wirken dagegen bisweilen überchoreografiert und dadurch übertrieben ausgestaltet.
Es sind auch die kleinen Einfälle von Regisseur Zsolt Homonnay, die diese Inszenierung von anderen Versionen abheben. So tauft Frollo den Säugling mit dem Wasser jenes Brunnens, in dem er das Kind zuvor ertränken wollte. Die Steinfiguren bleiben stets Teil der Szenerie: Sie beobachten, beeinflussen, bedrohen oder bestärken die Protagonisten und werden so zum Spiegel ihrer inneren Konflikte. Auch die Beziehungen zwischen den Figuren sind schlüssiger herausgearbeitet. Phoebus und Esmeralda fallen sich bereits beim Narrenfest auf, und Esmeralda erscheint weniger als tugendhafte Heldin denn als lebenslustige, ungebundene Frau mit einem Hang zum Frivolen. Ihre Anziehung zum ebenfalls nicht ganz untadeligen Phoebus wirkt dadurch nachvollziehbarer. Frollos Obsession und sein Rassismus werden ebenfalls früher vorbereitet. Schon die Begegnung mit der Roma-Gefährtin seines Bruders, die ihm beinahe Rang und Namen kostet und in seinen Augen für Jehans Tod verantwortlich ist, prägt sein späteres Verhältnis zu Esmeralda. Die alten Verletzungen scheinen durch die Begegnung mit ihr erneut aufzubrechen, wodurch seine spätere Entwicklung verständlicher wird. Auch der als Ouvertüre gestaltete Entr’acte des zweiten Aktes fügt sich gewinnbringend ein: In einem eindrucksvollen Tanz werden die Wünsche und Beziehungskonstellationen der Hauptfiguren sichtbar.
Die musikalische Leitung von Zsolt Tassonyi und das 18-köpfige Orchester überzeugen grundsätzlich mit einem facettenreichen Klangbild. Während die Musik stellenweise zügig voranschreitet, werden die Soli mitunter deutlich entschleunigt und differenziert ausgespielt. Allerdings macht die Tonabmischung einen Strich durch die Rechnung. Das Sounddesign von Tamás Soós lässt den Klang mitunter dumpf erscheinen und nimmt gerade dem epischen Anfang einen Teil seiner Wirkung. Ein musikalisches Highlight bleibt „Das Tavernenlied“, das schwungvoller und folkloristischer wirkt als in der Originalinszenierung.
Die deutschsprachige Aufführung stellt die Darstellenden zusätzlich vor artikulatorische Herausforderungen. Die Sprechszenen wurden unter Martin Harbauers Dialogregie deutlich reduziert, während die komplexeren Songtexte weitgehend erhalten blieben. Im Vergleich zu der für ihre schwierige Artikulation beinahe berüchtigte deutschsprachigen Fassung von „Die Schöne und das Biest“ des Budapester Operettentheaters, das mit Unterbrechungen von 2010 bis 2020 in Deutschland gastierte, wirkt die Textverständlichkeit insgesamt besser. Dennoch bleibt die Artikulation eine Schwachstelle – sowohl in den Dialogen als auch im Ensemblegesang. Gesanglich entwickelt die Gruppe durchaus Kraft und Ausdruck, die einzelnen solistischen Leistungen fallen jedoch unterschiedlich aus. Positive Akzente im Ensemble setzen Orsolya Lehoczki als temperamentvolle Puffmutter, Petridisz Hrisztosz als Löwenwasserspeier und Alma Virág Nagy als Florika. Hrisztosz überzeugt gesanglich innerhalb der drei Wasserspeier am meisten, während Nagy mit „Olim“ einen besonders bewegenden Moment gestaltet.
Ottó Magócs gehört als Clopin zu den interessantesten Darstellern des Abends. Ihm gelingt der Wechsel zwischen dem einfühlsamen Erzähler, der Quasimodo behutsam in seine Geschichte hineinführt, und dem König der Ausgestoßenen, der als Showmaster die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zugleich zeigt Magócs einen verruchten Geschäftsmann, der kalt und gefährlich auftreten kann, dabei aber stets um das Wohl seiner Gemeinschaft besorgt bleibt. Krisztian Károlyi bleibt als Phoebus dagegen etwas farb- und profillos. Er singt seine Partie solide und gewinnt vor allem im Zusammenspiel mit Esmeralda an Leidenschaft. Insgesamt fehlt der Figur aber eine klarere charakterliche Kontur.
Ein deutlicher Schwachpunkt ist Soma Langer als Frollo. Sein Erscheinungsbild und seine klassisch geprägte Stimmfarbe passen durchaus zur Figur, darstellerisch bleibt seine Interpretation jedoch auffallend steif. In den kurzen Momenten, in denen Frollo die Kontrolle verliert und zwischen Wut, Begierde und Selbstbeherrschung schwankt, blitzt das Potenzial seiner Darstellung auf. Dazwischen fehlen entscheidende Nuancen, die seinen inneren Konflikt nachvollziehbar machen könnten. Wiederkehrende Timingprobleme, unsichere Einsätze und Texthänger erschweren zudem die ohnehin anspruchsvolle Artikulation und fallen bei einer derart zentralen Rolle, die gemessen an der Bühnenzeit die eigentliche Hauptpartie des Stücks ist, besonders ins Gewicht.
Ganz anders Balázs Tassonyi als Quasimodo: Er verkörpert den Glöckner berührend und kindlich, ohne dessen Verletzlichkeit auf bloße Naivität zu reduzieren, und überzeugt zugleich mit einer herausragenden Gesangsleistung. Besonders „Wie aus Stein“ wird zum Höhepunkt: Die Dramatik der Figur ist ebenso spürbar wie ihre Sehnsucht nach Nähe und Anerkennung. Tassonyi trägt die zentralen Botschaften des Musicals – die Ausgrenzung vermeintlich Andersartiger, die Grausamkeit gesellschaftlicher Vorurteile und die Frage, wer tatsächlich als Monster gelten muss – mit emotionaler Unmittelbarkeit.
Der eigentliche Star des Abends ist jedoch Flóra Széles als Esmeralda. Ihre Interpretation hebt sich deutlich vom Bild der tugendhaften, beinahe entrückten Disney-Heldin ab. Széles zeichnet eine lebenslustige, vom Leben abgehärtete Frau, die die Härten ihres Milieus kennt und sich ihre Freiheiten nimmt. Ihre Esmeralda wirkt bisweilen verrucht und frivol, zugleich aber warmherzig und fürsorglich. Hinter der selbstbewussten Fassade steht eine Kämpferin, die sich weder von gesellschaftlichen Konventionen noch von den Vorurteilen ihrer Mitmenschen brechen lässt. Diese facettenreiche Darstellung reduziert Esmeralda nicht auf ein Objekt männlicher Begierde oder eine bloße Projektionsfläche der Botschaften des Stücks. Vielmehr macht Széles ihre Widersprüche, Lebensfreude und Verletzlichkeit gleichermaßen sichtbar. Ihre Esmeralda bewegt und berührt, bedient Klischees, um sie anschließend zu brechen, und wird so zur stärksten Kraft des Abends.
So bleibt eine in vielen Momenten faszinierende Inszenierung, deren Bilder und vor allem die Darstellungen von Quasimodo und Esmeralda nachwirken, während die akustischen Schwächen einen Teil der möglichen Wirkung verschenken. Es bleibt zu hoffen, dass während der Deutschlandtournee an diesen Punkten gearbeitet wird, damit diese wichtige Geschichte als Plädoyer gegen gesellschaftliche Ausgrenzung, religiöse Diskriminierung und Rassismus mit ihrem starken Buch und Alan Menkens zeitlosen Melodien ihre visuellen und dramaturgischen Stärken auch musikalisch durchgehend entfalten kann.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Bühnenbild | Erzsébet Túri |
| Lichtdesign | Ákos Bodor |
| Projektionen | Péter Somfai |
| Kostümbild | Anni Füzér |
| Choreografie | István Simon |
| Regie | Zsolt Homonnay |
| Musikalische Leitung | Zsolt Tassonyi |
| Sounddesign | Tamás Soós |
| Dialogregie | Martin Harbauer |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 07.10.2026 - 08.11.2026 | Deutsches Theater, München | 33 x |
| 12.11.2026 - 03.01.2027 | Capitol Theater, Düsseldorf | 59 x |
| 06.01.2027 - 16.01.2027 | Alte Oper, Frankfurt am Main | 13 x |
| 19.01.2027 - 31.01.2027 | Theater 11, Zürich | 15 x |
| 09.02.2027 - 13.02.2027 | Opernhaus, Leipzig | 6 x |
| 16.02.2027 - 21.02.2027 | Metropol Theater, Bremen | 7 x |
| 23.02.2027 - 28.02.2027 | Theater am Marientor, Duisburg | 7 x |
| 03.03.2027 - 20.03.2027 | Admiralspalast, Berlin | 19 x |
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