Anke Sieloff und Katherine Allen spielen aktuell im Musiktheater im Revier das bisher sehr selten gezeigte Musical „Das Licht auf der Piazza“, das nicht nur musikalisch außergewöhnlich ist, sondern vor allem thematisch eine große Relevanz innehat: Der Umgang mit Menschen mit einer Behinderung und das „Loslassen“ sind in vielen Familien wichtige Themen. Die beiden Darstellerinnen haben sich kurz vor der Maskenzeit für die Premierenaufführung mit uns getroffen und Einblicke in dieses hierzulande noch unbekannte Stück gegeben – und uns auch ihre Perspektive auf die Musicalwelt als ausgebildete Opernsängerinnen gewährt.
„Das Licht auf der Piazza“ ist vielen Musicalfans noch gänzlich unbekannt. Wie würdet ihr das Musical und seine Relevanz, sowie eure jeweiligen Rollen und die Beziehung der Figuren untereinander beschreiben?
Katherine Allen: Clara würde ich als eine Brise „Fresh Air to the World“ beschreiben. Jung, abenteuerlustig, willensstark und aufgeregt auf die Welt – alles macht ihr Freude. Auf der Reise mit ihrer Mutter verliebt sie sich in diesen jungen Mann, wodurch sie aufrichtige und tiefe Liebe erfährt. Während des Stücks sieht man, wie Clara mit Emotionen umgeht: Sie ist ungefiltert, mit einigen Situationen überfordert und wenn sie Angst hat, dann sehr große, wenn sie sich freut, dann ist sie überschwänglich und wenn sie wütend wird, dann ist sie rasend. Das macht sie zu einem wunderschönen Menschen, der sehr geliebt wird, aber das ist auch der Anlass, warum sich ihre Mutter so sehr um sie sorgt.
Anke Sieloff: Die Rolle von Mutter Margaret ist mir etwas näher, als ich mir wünschte, denn meine Tochter ist auch eine Reiterin, und Clara widerfährt ja im Stück ein für ihr Leben – und auch für das Leben der Mutter – schicksalhafter Unfall beim Reiten. Diese mütterliche, liebende Sorge und Fürsorge sind mir persönlich sehr nahe, auch wenn Margaret vor lauter Beschützen-Wollens auch zu Dominanz neigt. Margarets Konflikt besteht in ihrer Lebensaufgabe, die ich zwischen Bewahren, Beschützen und Loslassen sehe. Was mir während der Arbeit am Stück klar wurde ist, dass Margaret ihr Kind, obwohl sie es beschützen will, dies eigentlich gar nicht kann und auch nie wirklich konnte. Für mich ist die Aufgabe jeder Mutter zu führen, zu bewahren, aber genauso wichtig ist es dann auch, loszulassen. Das sind schwierige, aber wichtige Themen, die mich so bewegt haben, dass ich während der Proben irgendwann bewusst damit aufgehört habe, Parallelen zu mir und meiner eigenen Tochter zu ziehen. Das Thema, dass Clara eine Behinderung hat, die man auf den ersten Blick nicht sieht, die aber bei emotionalen Ausbrüchen zutage tritt und die fortwährende mütterliche Angst besteht, dass die Tochter daran zugrunde gehen könnte und der Rest der Welt sie ablehnt – das mit meinem Leben zu verbinden, hätte ich nicht gepackt.
KA: Das Stück beschreibt „Behinderung“ anrührend und relevant, mit Mut und Positivität, als etwas Besonderes und keine Schwäche. Ich empfinde es als wunderschön, und aufrichtig erzählt, auch wenn die Story thematisch nicht ganz einfach ist. Und auch vor allem musikalisch und kompositorisch ist das Musical wirklich schön …
AS: … Und sogar immer schöner werdend, würde ich sagen – je öfter man es hört. Es gibt keine Hooklines beim ersten Hören, aber es ist komplex und bildreich, opulent und trickreich – auch von der Melodieführung und den Taktwechseln gesehen. Am Anfang ist es im positiven Sinne aber herausfordernd als Zuhörer. Als Sänger ist es sogar etwas undankbar, würde ich sagen: Die Partitur verlangt eine unglaublich hohe Range für alle ab, der man fast nur mit opernhafter Gesangstechnik begegnen kann. Das ist, denke ich, vom Komponisten auch so gewollt. Für mich steht außerdem thematisch die Frage „Was ist normal und was nicht?“ im Vordergrund, in vielerlei Hinsicht. Was ist in einer Ehe ein normales Verhältnis, was für ein Mensch ist normal, welches Verhalten ist es? Und auch das Thema „Loslassen“: Was passiert, wenn wir mal die Vorzeichen ändern?
Ihr seid beide ausgebildete Opernsängerinnen. Wie geht ihr mit dem Genre Musical um? Gibt es Unterschiede in der Herangehensweise und Arbeit – und wie seht ihr die zwei Kunstrichtungen im Vergleich? Gibt es außerdem Opern, die ihr Musicalfans für den Einstieg empfehlen würdet?
KA: Das hier wird mein allererstes Musical! Der Fokus auf Dialogschauspiel ist für mich interessant. Gesanglich kann man sich auch mehr auf schauspielerische Nuancen fokussieren und muss nicht darauf achten, in großer Manier über das Orchester hinweg zu singen. Durch die Mikrofone wird man stimmlich entlastet, was Raum gibt, mehr darstellerische Farben zu zeigen. Es gibt also in gewisser Weise mehr Freiheiten. Besonders toll finde ich aber bei uns im Haus auch, dass Musicalsänger und klassische Sänger zusammenfinden und man voneinander lernen kann, wenn das Stück das zulässt. Unterschiede in der Arbeitswelt habe ich, auch im Vergleich zu meiner Heimat Australien mit Deutschland, eigentlich keine festgestellt: Solange alle künstlerisch mit Herzblut für ein Projekt zusammenarbeiten, ist das Ergebnis für mich gleichermaßen erfüllend – es kommt auf die Menschen an, nicht auf das Land oder das Genre.
AS: Ich finde total schön, wie du das empfindest, Katherine. Viele Opernsänger empfinden es nämlich nicht als Bereicherung für die Darstellung und den Gesang, sondern fühlen sich limitiert – dass es keine Einschränkung sein muss, sondern eine Ergänzung oder ein Kompromiss, der bereichert und neue Farben zulässt, würde ich für mich auch so sagen. Für mein Handwerk ist es aber schwer, den Unterschied zu bewerten, denn ich habe eigentlich neben Tanz auch durch Musical mit der Bühne angefangen. Damals war die Ausbildung aber nicht gut, sodass ich mehr oder weniger durch Zufall auf die klassische Laufbahn gekommen bin – das Musical kam dann immer wieder dazwischen. Im konkreten Vergleich kann ich aber sagen: Das Schauspiel im Musical ist direkter und unmittelbarer. Verglichen mit der strikten Ausbildung in der Klassik genieße ich die darstellerischen Freiheiten und das weniger Kontrollierte. Aber was ich zugeben muss: Der Wechsel zwischen Oper und Musical ist nicht immer einfach. Ich vergleiche das gerne mit Zehnkampf in der Leichtathletik. Von inszenatorischer Sicht kann man, denke ich, jede Oper wie ein Musical inszenieren. Dass die Oper oft als dem Musical übergeordnet wahrgenommen wird, ist übrigens noch immer gar keine seltene Meinung – ich habe das oft gehört, schon seit meiner Ausbildung damals. Für mich haben beide Genres gleichwertigen künstlerischen Gehalt. Wer aber dieses Ranking braucht, dem sei es natürlich überlassen. Für Musicalfans bieten sich meiner Meinung nach für den Einstieg Opern wie „La Bohème“ an – das ist ja im Grunde wie „Rent“!
KA: Oder „Carmen“ – das würde ich sagen! Unser Pressereferent Honke Rambow findet auch, dass sich „Der fliegende Holländer“, als kurzes Wagner-Stück, auch gut eignen würde!
AS: Stimmt, da geht sogar „Les Misérables“ als Musical länger! Und vielleicht ist auch „Hänsel und Gretel“ eine gute Idee – aber gerade „La Bohème“ hat eine dichte Erzählweise, ist intensiv, und auch von der Dauer her nicht so lang.
KA: Und – ist „Candide“ ein Musical? Sonst würde ich das noch empfehlen!
AS: Ja, das ist natürlich immer die Frage – zuweilen kann man die Grenze gar nicht so einfach ziehen, die Genres sind sich manchmal näher als man denkt!
Danke für eure eingängigen und ausführlichen Antworten. Zuletzt noch etwas Seichtes: Welche Musicalrollen würdet ihr gerne noch spielen – auch, wenn es vielleicht von den äußeren Umständen her nicht klappen würde?
AS: An mir ist leider Eliza Doolittle irgendwie immer vorbei gegangen, das wäre eine Rolle, auf die ich große Lust gehabt hätte. Was ich gerne noch machen würde, mich aber vom Alter her langsam etwas beeilen müsste, wäre Donna in „Mamma Mia!“. Durch die Musik von ABBA bin ich zum Singen gekommen und diese Rolle ist mein absoluter Lebenstraum. Und „Mary Poppins“ wäre auch noch toll!
KA: Ich würde gerne in vielen Musicals mitspielen, aber leider kann ich nicht tanzen! [lacht] Aber wenn wir den Tanz ignorieren, dann würde ich gerne im Musical „Six“ mitspielen! Ich habe es schon oft gesehen, und das Stück ist einfach WOW – ein Traum! Am liebsten wäre ich Jane Seymour!
AS: „Six“ – oh ja! Meine Tochter ist ganz verrückt danach! In der nächsten Spielzeit machen wir dann „Six“, hoffe ich! [lacht]
Wir danken euch beiden für dieses offene und unterhaltsame Interview und wünschen euch ein ganz herzliches TOI TOI TOI für eure Premiere bei „Das Licht auf der Piazza“! Danke für eure Zeit!
| Galerie | |||||||||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|




