Andrew Pepper (Ruth), Samantha Mbolekwa, Sam Ferriday (Cal), Tim Walton (Victor Garber), Oliver Bales (Jack), Astrid Harris (Céline Dion), Jessica Aubrey (Rose), Jenny O'Leary (Molly), Damien Winchester (Seaman), Corrine Priest, David Ouch © Julien Benhamou
Andrew Pepper (Ruth), Samantha Mbolekwa, Sam Ferriday (Cal), Tim Walton (Victor Garber), Oliver Bales (Jack), Astrid Harris (Céline Dion), Jessica Aubrey (Rose), Jenny O'Leary (Molly), Damien Winchester (Seaman), Corrine Priest, David Ouch © Julien Benhamou

Titanique (2025)
Théâtre du Lido, Paris

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Das Parodiemusical „Titanique“ gastiert aktuell im traditionsreichen Pariser Revue-Theater Le Lido: Eine perfekte Mélange, in der das hysterisch-lustige Bühnenwerk besonders aufzublühen scheint.

Das aus der Feder von Tye Blue, Marla Mindelle und Constantine Rousouli stammende Jukebox-Musical wurde 2017 uraufgeführt, bevor es seit 2022 ununterbrochen am Off-Broadway gezeigt wird und mittlerweile in Chicago, Kanada, Australien, London und nun auch in Paris zu sehen ist. Es bedient sich der größten Hits von Poplegende Céline Dion und zeichnet die Handlung und Cinematographie von James Camerons Blockbuster „Titanic“ auf hoch parodistische Weise nach. Kaum ein ikonisches Filmzitat wird ausgelassen und alle großen Szenen des Kinogiganten werden aufs Korn genommen – von der „Jack, ich fliege!“-Szene, dem Techtelmechtel im Auto inklusive beschlagener Fenster, bis zur viel-diskutierten Türszene im eisigen Atlantik. Jede der Hauptfiguren bekommt eine ordentlich alberne Überarbeitung verpasst. Der Kern der Geschichte und Charaktere wird dabei beibehalten, sodass sich das Musical trotz der zahllosen Verballhornungen des Stoffs trotzdem stets wie eine Hommage an den Kultfilm, seine Figuren und die Sängerin des Titelsongs anfühlt: Eine meisterhafte Gratwanderung, die durch das pfiffige und extrem gut durchdachte Buch des Autorentrios gelingt, aus deren Mitte Tye Blue ebenfalls als Regisseur fungiert.

Mit einer übergroßen Portion von Selbstironie inszeniert er sein Stück, das mit zunehmender Story-Entwicklung seine Figuren immer mehr aus den im Originalfilm kreierten Blaupausen entrückt und dabei allen voran Céline Dion die Hauptrolle einräumt: Völlig erhaben über das sich ergebende Zeitparadoxon berichtet die Kanadierin dem Publikum, sie sei selbst auf dem Luxusliner gereist und wolle nun die Geschichte des Untergangs durch ihre Augen erzählen – aufgrund ihres frankokanadischen Akzents spricht sie den Namen des Ozeanriesens titelgebend als „Titanique“ aus und entführt die Zuschauer, stets begleitet von einer Salve ihrer bekannten Gesten und Manierismen, in eine Version der Titanic-Legende, die kein Auge trocken lässt und vor Quatsch nicht zu überbieten ist: Rose und Jack sind im Kern noch das verliebte Paar, das allerdings durch zahlreiche vulgärhumoristische Einfälle gänzlich und herrlich verdorben wird: Der allein durch seine Kleidung arg objektifizierte Jack zeichnet nunmehr nur in Reizwäsche gehüllte Katzen statt seiner „French Girls“ und Rose entdeckt eine sexuelle Vorliebe für Auberginen – nur, um kleine Andeutungen zu machen, in welche Richtungen sich DiCaprios und Winslets einstige Figuren hier entwickeln. Dabei drängt sich Céline Dion immer wieder zwischen das Paar und lässt keinen Zweifel daran, dass sich die gesamte Geschichte eigentlich um sie dreht, bevor sie zur Krönung jeder absurden Szene wieder einen ihrer großen Hits mit gebührender Theatralik anstimmt. Molly Brown mutiert zu einer lüsternen, komplett zügellosen Pomeranze mit mütterlichen Gefühlen, die sich zum idealen Sidekick für Céline Dions komplett verrückte Story entpuppt. Cal, der Verlobte von Rose, wird zum verkappten Schwulen, der nur wegen eines Friseurtermins schnellstmöglich nach New York kommen möchte und ansonsten vor allem mit seiner Grindr-App beschäftigt ist. Den Vogel schießt buchstäblich Ruth DeWitt Bukater, die verwitwete und dauer-rallige Mutter von Rose ab, die hier hochtheatralisch von einem Mann in bester Tunten-Manier gespielt wird und dabei kein Klischee auslässt. Der Schiffsbauer verschmilzt kurzerhand mit dem Kapitän unter dem Schauspielernamen Victor Garber, der laut eigenen Angaben, sowieso in so ziemlich jedem Film mitspielt, und erlebt auf dem Luxusdampfer seine ganz eigene Coming-Out-Odyssee. Sein Handlanger ist der flamboyante und bestens mit sämtlichem ‚Gossip‘ vertraute Seaman, der zudem in der Doppelrolle des Eisbergs – ja, tatsächlich! – auftritt. Dieser ist keine geringere als – und hier kann allerspätestens abgesehen werden, wie hysterisch-verrückt dieses Stück wirklich ist – die Rock-Legende Tina Turner, die als „Iceberg Bitch“ den Protagonisten eine schwere Zeit bereitet und sie sogar, ganz im Stil vom in diesem Werk oftmals referierten „RuPaul’s Drag Race“, zu einem Lipsynch-Turnier ums Überleben auffordert.

Und dies ist nur eine Handvoll der schier zahllosen Anleihen und Referenzen aus der aktuellen Popkultur, die in „Titanique“ im Sekundentakt auf das Publikum einprasseln. Dabei scheinen das Buch und die komödiantisch geführte Regie auf eine Zuschauerriege gemünzt zu sein, die sich als ‚Millennials‘ bezeichnen ließe und ferner auch vor allem Angehörige der LGBTQIA+-Community ansprechen dürfte. Die Location tut ihr Übriges: Schon beim Betreten des schicken Varietés fällt die vor der Bühne baumelnde, überdimensionale Flitter-Version der ‚Coeur de la Mer‘ genannten Diamentkette aus dem Film ins Auge und stimmt auf den Klamauk ein, der den Abend bestimmen wird. „Titanique“ passt mit der interaktiven Struktur vortrefflich in das Revuetheater mit seinem gediegenen Nachtclubcharme und lässt das Stück, auch durch die zahlreichen Aufgänge des Ensembles in den Zuschauerreihen, deutlich immersiver wirken als in einem herkömmlichen Theater mit vom Bühnenraum strikt getrennten Auditorium; nicht selten nehmen die Hauptfiguren ebenfalls im Saal an den Tischen platz und ulken mit dem Publikum herum.

Evansohns und Laubachers kabarettistisch wirkendes Bühnenbild wird durch die Gegebenheiten des Pariser Lido extrem aufgewertet: Die hydraulische Hebebühne sorgt für mehrere dramaturgisch wirksame Momente. Der große Springbrunnen, der in der Bühne versteckt ist, beeindruckt visuell und sorgt für einen großen Camp-Effekt, der dem Stück perfekt zu Gesicht steht. Paige Sebers Lichtdesign sorgt trotz des großen Klamauks auf der Bühne immer wieder für theatralische Gänsehautmomente und großes Konzertfeeling. Alejo Viettis Kostüme schaffen einen herrlichen Spagat zwischen Einflüssen aus dem ikonischen Film und verrückter Neueinfälle. Highlights sind dabei neben Céline Dions Signatur-Kleid vor allem die Filmkostüme von Rose und nicht zuletzt die Tina-Turner-Eisberg-Drag Queen gegen Ende des Stücks.

Die Gruppenchoreographien sind in bester Broadway-Manier gestellt, während Ellenore Scotts Stärke vor allem in den personenfixierten Choreographien liegt, die mal abstrus sexy, mal komplett überdreht und nicht selten voller parodistischer Anleihen aus anderen Musicals daherkommt. Die auf der Bühne spielende Band beweist höchste Güteklasse und lässt die Dion- (und Tina-Turner-) Hits mit Schwung und Kraft erklingen. Die frischen und kreativen Arrangements verbinden Songs fließend miteinander und lassen sich auch einige Anleihen aus anderen Musicals nicht entgehen: So ist an der einen oder anderen Stelle auch mal „For Good“ aus „Wicked“ oder die „Transformation“ aus „Beauty and the Beast“ zu hören. Deutlich wird also: Hier wird sich auf allen performativen Ebenen ausufernd der Parodie hingegeben, und das weiß zu punkten.

Die hervorragende Besetzung liefert gesanglich allerhöchstes Niveau und schafft es immer wieder trotz der Lacher im Publikum, für ehrfurchtgebietende Stille zu sorgen. Sam Ferriday gibt einen absolut schrulligen Cal, dessen großer Auftritt mit „Seduces Me“ kommt und der später im Stück seine Verlobte Rose mit einer Star Wars-Laserpistole über das sinkende Schiff jagt. Tom Walton, der neben seinem Cameo-Auftritt als Luigi von „Super Mario“ in Gestalt des Schauspielers Victor Garber den zweifellos queeren Kapitän gibt, lebt seine flamboyante Fantasie in „I Drove All Night“ aus, ohne die Kollision mit der Iceberg Bitch kommen zu sehen. Damien Winchester gibt nicht nur den „sassy“-aufgedrehten Seaman, sondern reißt später als Tina Turner mit „River Deep, Mountain High“ nicht nur die Hütte ab, sondern bringt die Titanic zum Sinken. Andrew Pepper als Ruth holt auch diejenigen Fans gepflegten Vulgärhumors ab, die nichts mit den Popkultur-Phänomenen anfangen können: In komplett überdrehtem Spiel mit Tuntenklischees wirbelt er über die Bühne und begibt sich von einer Tirade in die nächste, wobei Ruths Feden mit Tochter Rose genauso wild sind wie die zahlreichen Anmachversuche der Witwe, mal an Victor Garber und mal an ihren Schwiegersohn in Spe, die natürlich alle zum Scheitern verurteilt sind. Oliver Bales mimt seinen stimmgewaltigen Jack mit DiCaprio-Anleihen und mischt eine Menge „doofer weißer Cis-Männer“-Stereotypen hinzu, ohne seine Liebenswürdigkeit zu verlieren. Wenn er aus diesen Klischees lasziv herausbricht, gewinnt seine Figur an komödiantischer Form. Mit „You and I“ und „To Love You More“ zeigt er auch sein gesangliches Können.

Wenn Jenny O’Leary als Molly Brown mit den vulgärsten Aufhängern zahlreiche Szenen sehr unmittelbar eröffnet, kann sich diese großartige Charakterdarstellerin bereits der Sympathien des Publikums gewiss sein. Ihre beeindruckende Stimme beweist sie zudem mit „All by Myself“, als Molly allein in einem Rettungsboot nach Überlebenden sucht. Jessica Aubrey ist neben O’Leary die zweite Stimmgewalt des Abends, die als Rose neben Céline Dion wohl die meisten Gesangsdarbietungen der Show bestreiten darf. Ihr gelingt es mit Bravour, die komplett absurde Comedy mit einer Portion Authentizität ihrer ikonischen Rolle abzuwechseln, sodass auch in „Titanique“, genau wie im Film, die Heldenrolle ihrer Figur zufällt.

Die absolute Offenbarung des Abends ist Astrid Harris, die, flankiert von ihren omnipräsenten Backgroundperformern (Corrine Priest, David Ouch, Samantha Mbolekwa), mit jeder Faser ihres Körpers und ihrer Stimme zu Céline Dion mutiert. Harris wird ganz und gar zur etwas burschikosen, immer fabelhaften und unverkennbaren Dion, bei der jede theatralische Geste, jedes verhüllt-selbstbeweihräuchernde Zitat, jedes akzentgefärbte Wort und jeder subtile Blick auf den Punkt genau sitzt. Ihre fantastische Stimme kann Harris zur Genüge präsentieren, wobei sie das gesangliche Highlight als Terzett zusammen mit O’Leary und Aubrey mit „Tell Him“ gefühlvoll interpretiert.

Als Céline Dion am Ende des Stücks durch die pure Kraft ihrer Stimme die Opfer der Titanic wieder zum Leben erweckt und mit dem Publikum zusammen „My Heart Will Go On“ anstimmt, bei dem laut ihr ja jeder mitsingen kann, denn: „Let’s face it, most of you here tonight … are gay!“, wird dieser hysterisch-lustige Abend fulminant beschlossen. Wer sich in der Beschreibung des Humors wiederfinden kann oder entweder ein Dion- oder Titanic-Fan ist, sollte das Stück in Paris, London oder sonst wo auf der Welt unbedingt auf die Agenda setzen!

 
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KREATIVTEAM
InszenierungTye Blue
ChoreographieEllenore Scott
Musical Supervisor / ArrangementsNicholas James Connell
BühnenbildGabriel Hainer Evansohn
Grace Laubacher
KostümeAlejo Vietti
SoundLawrence Schober
LichtPaige Seber
Perücken und Make-UpNicolas Cueff
Musikalische LeitungNick Burgess
Associate DirectorRichard Hinds
Resident DirectorMarion Pugliesi
 
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CAST (AKTUELL)
Céline DionAstrid Harris
Rose DeWitt BukaterJessica Aubrey
Jack DawsonOliver Bales
Cal HockleySam Ferriday
Molly BrownJenny O'Leary
Ruth DeWitt BukaterAndrew Pepper
Victor Garber
(Thomas Andrews), Luigi
Tim Walton
The Iceberg Bitch
(Tina Turner), Seaman
Damien Winchester
Background VocalistSamantha Mbolekwa
David Ouch
Corrine Priest
SwingCharlotte Soo
Cameron Vear
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 25.04.2025 20:00Théâtre du Lido, ParisPremiere
Sa, 26.04.2025 15:00Théâtre du Lido, Paris
Sa, 26.04.2025 20:00Théâtre du Lido, Paris
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