CD Cover "Wonderland" © HitSquad
CD Cover "Wonderland" © HitSquad

Wonderland
Live Gesamtaufnahme aus dem Landestheater Linz, 2024 / 2025

Das Landestheater Linz eröffnete seine Spielzeit 2024/25mit der deutschsprachigen Erstaufführung des am Broadway kritisch aufgenommenen Musicals „Wonderland“ von Frank Wildhorn und Jack Murphy. Mit der nun erschienenen Live-Aufnahme auf Doppel-CD, veröffentlicht vom Wiener Label HitSquad, das sich in den letzten Jahren den Ruf als Musical-Spezialist erarbeitet hat, legt das Haus eine eindrucksvolle Visitenkarte seiner Musicalarbeit vor. Zwar konnte das Stück in New York nicht überzeugen, doch enthält es einige der stärksten Melodien, die Wildhorn je komponiert hat. Die Live-Aufnahme fängt nicht nur Wildhorns eingängige Kompositionen ein, sondern vermittelt auch eindrucksvoll die Energie des Ensembles sowie die musikalische Qualität der Linzer Produktion.

Grundlage dafür ist die überarbeitete Fassung des Stücks, die in Linz zur Aufführung kam. In der Linzer Version, basierend auf dem Buch von Gabriel Barre und Jennifer Paulson-Lee, wurde Alice zur Spieleentwicklerin, die zwischen Karriereambitionen und Selbstzweifeln schwankt – bis sie in einem Traum in die skurrile Welt von „Wonderland“ abtaucht. Regisseur Christoph Drewitz strukturierte die Handlung geschickt, während Bühne und Kostüme eine nostalgische Digitalwelt zum Leben erweckten. Die aufwendige Inszenierung, inklusive einer spektakulären Teeparty mit sichtbarem Orchester, ist auf der CD zwar nicht zu sehen – aber akustisch eindrucksvoll spürbar.

Getragen wird diese CD-Einspielung von einem starken Ensemble – allen voran den beiden Darstellerinnen der Hauptrolle sowie des Hutmachers (Sanne Mieloo) und der Königin (Daniela Dett). Die Rolle der Alice war in Linz doppelt besetzt: Valerie Luksch und Alexandra-Yoana Alexandrova übernahmen die Partie abwechselnd – und beide sind auf der CD zu hören. Das hat Vor- und Nachteile: Zwar kommt man in den Genuss zweier starker Interpretationen, wer jedoch der ohnehin schon verworrenen Geschichte folgen will, verliert leicht die Orientierung. Valerie Luksch gestaltet ihre Alice mit jugendlicher Frische und emotionaler Klarheit; besonders das Finale „Der Weg ins Wunderland“ wird durch sie zu einem enorm ergreifenden Moment. Auch Alexandra-Yoana Alexandrova setzt als Alice starke Akzente. Im Duett „Der Sieg ist mein“ mit Sanne Mieloo überzeugt sie mit klarer, berührender Tongebung – ein musikalischer Höhepunkt der Aufnahme, der als packender Schlagabtausch sofort Kopfkino auslöst.

Mieloo verleiht der Hutmacherin eine schneidende Intensität und trifft eine perfekte Balance aus Komik und latentem Wahnsinn. Daniela Dett setzt als kopfabschneidende Herzkönigin markante Akzente: Ihre Darstellung ist zugleich majestätisch und herrlich durchgeknallt. Ihr Song „Ab mit dem Kopf“ erinnert mit seinem schrägen Witz beinahe an Monty Pythons „Always Look on the Bright Side of Life“.

Auch das übrige Ensemble liefert starke Leistungen: Lukas Sandmann bringt als El Gato mit „Folge dem Strom“ viel Energie und lateinamerikanische Hitze über die heimischen Lautsprecher. Karsten Kenzel setzt als gelassene, fast philosophische Raupe im Song „Der Rat einer Raupe“ einen ruhigen Gegenpol. Christian Fröhlich gibt ein quirliges Kaninchen und Max Niemeyer einen charmanten Weißen Ritter, dessen Solo „Dein Held“ mit viel Boyband-Charme punktet. Sie alle vermögen ihre Rollen auch allein durch die Stimme mit Leben zu füllen.

Neben den gesanglichen Leistungen lohnt auch ein Blick auf die Aufmachung der CD selbst. Besonders hervorzuheben ist das aufwendig gestaltete Booklet, das nicht nur alle Songtexte enthält, sondern auch zahlreiche Szenenfotos und Hintergrundinformationen zur Produktion bietet. So kann man auch Wolfgang Adenbergs durchweg gelungene Übersetzung in ihrer ganzen sprachlichen Finesse nachlesen. Sein Sinn für Wortwitz zeigt sich etwa in der Nummer „Ab mit dem Kopf“, wenn die Herzkönigin dekretiert: „Ab mit dem Kopf ist der eine Satz, der immer gut klingt, drum befehl ich ganz beschwingt: Rübe runter.“ Verpackt ist die CD klassisch im Jewel Case – passend zum Retro-Charme der Inszenierung.

Die Aufnahme überzeugt mit der gewohnt hohen Klangqualität von HitSquad: Die ‚Club-Wonderland-Band‘ unter der musikalischen Leitung von Raban Brunner spielt den Score mit Präzision und Ausdruck, die Abmischung ist hervorragend gelungen. Stimmen und Orchester sind bestens ausbalanciert, und auch in den großen Ensemble-Nummern bleiben die Texte klar verständlich. Das Instrumentalbild wirkt durchweg transparent und sauber abgestimmt. Einige Dialogpassagen wurden für die CD-Ausgabe gekürzt oder bearbeitet – was den musikalischen Fluss stärkt, allerdings stellenweise kleinere Verständnislücken hinterlässt.

Die CD ist eine gelungene Erinnerung für alle, die die Inszenierung in Linz erlebt haben – und für alle anderen ein reizvoller Einstieg in Frank Wildhorns „Wonderland“. Sie bietet musikalische Vielfalt und überzeugt durch starke Rolleninterpretationen – sowohl in den großen Hauptrollen als auch in den kleineren Partien. Vor allem aber erfüllt sie eine Aufgabe mit Bravour: Sie macht einfach Spaß.

 
Overlay