Arthur Meunier (Heizer Frederick Barrett) und Ensemble Titanic © Matthias Stutte
Arthur Meunier (Heizer Frederick Barrett) und Ensemble Titanic © Matthias Stutte

Titanic (seit 09/2025)
Theater, Mönchengladbach

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Das Theater Mönchengladbach eröffnet mit „Titanic – Das Musical“ die neue Spielzeit. Dass die Titanic nie von ihrer Jungfernfahrt zurück gekehrt ist, ist weitgehend bekannt. Die Mönchengladbacher Produktion von Maury Yestons Ensemblemusical birgt Schwächen, die – genau wie der schicksalhafte Eisberg – nicht zu überwinden sind.

Ansgar Weigners Inszenierung des Historicals lässt originelle Ideen und inszenatorisch-künstlerische Elemente vermissen. Besonders schwach wirkt der Moment der Kollision mit dem Eisberg: Allein der Fall des schwarzen Vorhangs markiert die dramatische Wendung der Geschichte. Der Vorhang fällt noch zwei weitere Male während des zweiten Aktes, bevor der Schlussvorhang fällt: als das letzte Rettungsboot ablegt und als schließlich das Schiff im Meer versinkt. Völlig irreführend ist der schwarze Vorhang, als alle Zurückbleibenden dem Tode geweiht sind. Teile des Publikums setzen bereits an, für den Schlussapplaus aufzustehen, bevor es mit der Szene des Überlebenskampfes an Deck weitergeht. Durch diesen Bruch im Verlauf schwappt die Dramatik der Situation nicht über. Der weitere Fall des Vorhangs während des zweiten Aktes schließt die Szene des Verhörs dreier Überlebender an. So entsteht der Eindruck, dass mehr als nur einmal über das Ende der Geschichte hinauserzählt wird.

Durch akustische Probleme, vor allem während des ersten Aktes, entstehen immer wieder Passagen, die inhaltlich kaum etwas transportieren können: Die narrativen Liedtexte des Librettos gehen in dem unglücklich abgemischten Sound unter. Die Niederrheinischen Sinfoniker, die unter der Leitung von Sebastian Engel mit viel dramatischer Energie aufspielen, übertönen Ensemble, Solist:innen und Duette. Die Figuren werden so nicht greifbar. Auch für Chorgesänge ist die Tonabmischung fatal: Die Texte bleiben unverständlich, das Stück hohl. Wer das Musical nicht kennt, kann weder Beziehungen, noch Konflikte oder Sprachwitz der gesungenen Dialoge nachvollziehen. Die tonalen Mängel sind nicht den Darsteller:innen anzulasten – ihre gesangliche Leistung lässt sich unter diesen Umständen kaum beurteilen.

Dennoch wirkt auch die Besetzung problematisch für die Authentizität der Darstellung der Einzelschicksale: Besonders die Darstellung von Liebe und Leidenschaft innerhalb der Paarbeziehungen wirkt unglaubwürdig, da auch teilweise eine deutliche Diskrepanz zwischen Rollenalter und realem Alter der Darsteller:innen sichtbar ist. Gabriela Kuhn in ihrer Rolle als ehrgeizige, nach Höherem strebende Alice Beane und ihren Spielpartner Rafael Bruck als Edgar Beane scheinen Jahre zu trennen. Hinzu kommt, dass Kuhns Darstellung fast schon einer Parodie gleichkommt, da sie über die rollenbedingte Komik hinaus im Spiel zu häufig ‚drüber‘ wirkt. Ähnlich verhält es sich mit Susanne Seefing als Caroline Neville. Ihr engagiertes, teils überdrehtes Spiel kann die irritierende Konstellation mit ihrem deutlich jüngeren Bühnenpartner an diesem Abend nicht überdecken. Jeanne Jansen als Kate McGowan stellt ihren Spielpartner Pascal Schürken als Jim Farrell dagegen völlig in den Schatten. Das mag sogar buchbedingt so gewollt sein, jedoch verliert die Darstellung ihrer Verliebtheit nicht zuletzt dadurch an Authentizität, dass die Chemie zwischen den beiden einfach nicht zu stimmen scheint. Debra Heys und Thomas Peter als das Ehepaar Ida und Isidor Straus erreichen das Publikum emotional leider ebenfalls nicht: Dass seine Frau lieber mit ihm in den Tod geht als ohne ihn weiterzuleben, nimmt Peter viel zu gelassen hin. Die Intensität der Liebe und Leidenschaft zwischen den beiden Figuren geht hier leider vollkommen verloren.

Der Lichtblick des Abends ist Oliver Arno als Ingenieur Thomas Andrews. Auch bei kleineren Auftritten auf der Brücke überzeugt er durch starke Stimme, emotionales Spiel und charismatische Bühnenpräsenz. Sein Solo „Mr. Andrews’ Vision“ ist dadurch der musikalische wie emotionale Höhepunkt der Show. In Ensembleszenen wie dem Ablegen des Schiffes („Gute Fahrt“) sticht er stets durch sein Wirken heraus, selbst wenn Ensemble und Publikum einander mit Taschentüchern zuwinken: Eine Inszenierungsidee, die kitschig und deplatziert wirkt.

Die beiden anderen für das Fortlaufen des Geschehens wichtigen Herren, J. Bruce Ismay, gespielt von Markus Heinrich, und Kapitän E.J. Smith, dargestellt von Tobias Wessler, können neben Arno schlichtweg nicht bestehen: Heinrich und Wessler bleiben emotional flach im Spiel.

Der Versuch Immersivität zu schaffen ist bereits beim Betreten des Theaters erkennbar: Die Angestellten des Theaters empfangen das Publikum in Matrosenuniform und geben Taschentücher für die spätere Interaktion mit den Darstellern aus; sie überreichen „Boarding Cards“ der White Star Line mit Kurzbiografien und QR-Codes zu den dargestellten Passagieren. Im gesamten Theaterfoyer sind Kulissen der RMS Titanic aufgebaut und zahlreiche Informationen zur Titanic lassen sich erkunden. Projektionen von Drako Petrovic – ein Eisberg und die Titanic – leiten Ouvertüre und den zweiten Akt ein. Trotz des Aufwands zündet auch dieser Ansatz nur bedingt, da er über bloße Abbildungen und sachliche Informationen kaum hinausgeht.

Die Auswahl der Kostüme ist treffend und unterscheidet die Passagiere von der ersten bis zur dritten Klasse wie die Crew voneinander. Die Millionärsgattinnen sind in edlen Farben, die alle etwas silbern glitzern, und Stoffen wie Satin und Samt, mit Perlen und Federn besetzten Kleidern ausgestattet. Die Herren tragen Gehrock und vornehme Bärte. Die Passagiere der zweiten Klase sind klassisch in Schwarz-weiß gekleidet und die dritte Klasse zeichnet sich durch ihren lockeren Kleidungsstil aus: Die Röcke schwingen weiter, die Haare der Damen sind weniger perfekt gestylt, die Herren tragen Hosenträger, Schirmmützen und Bartschatten. Die Crew ist in Uniformen ihrer jeweiligen Profession entsprechend gekleidet. Die Klassengesellschaft wird auch innerhalb der Crew deutlich: Bei den Uniformen der Besatzung auf der Brücke blendet der Glanz der goldenen Knöpfe, das Servicepersonal ist schwarz gekleidet, die Heizer tragen einfache Arbeiterkleidung.

Selbst die Choreographien von Sabrina Stein unterscheiden die Passagiere der verschiedenen Klassen: wird in der dritten Klasse ausgelassen und mit fliegenden Röcken Polka getanzt, stellt sich auf dem Deck der ersten Klasse eine Tanzstunde im Ragtime-Stil in teuren Roben ein.

Die beweglichen Elemente des Bühnenbildes von Drako Petrovic sind schlicht gehalten. Die Brücke liegt zwischen den Seitengassen der Bühne auf Podesten auf und wird beim Szenenwechsel von einer Leinwand mit Bullaugen verdeckt oder verschwindet im Bühnenhimmel. Eine doppelte Reling auf zwei verschiedenen Ebenen grenzt die Unterbringungen der verschiedenen Klassen voneinander ab. Durch das Heben und Senken der Kulissen sind rasche Szenenwechsel möglich. Mobile Wände werden auf einer Hängeleiste aufgezogen, bleiben jedoch während der Szene des Gottesdienstes an Deck der ersten Klasse stecken, sodass sie die halbe Cast verdecken. Der Maschinenraum wird mit einer Projektion der Öfen am hinteren Bühnenrand abgebildet.

Bei der Inszenierung eines Historicals ist es stets herausfordernd, den dargestellten Biographien und realen Ereignissen gerecht zu werden und dabei einen würdigen künstlerischen Anspruch zu verfolgen. Die Mönchengladbacher Produktion von „Titanic – Das Musical“ bleibt trotz erkennbarer Ambitionen und zahlreicher Eye-Catcher im Foyer hinter ihren Möglichkeiten zurück.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungSebastian Engel
InszenierungAnsgar Weigner
Ausstattung & VideoDarko Petrovic
ChoreografieSabrina Stein
ChorMichael Preiser
DramaturgieUlrike Aistleitner
 
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CAST (AKTUELL)
Kapitän E. J. SmithTobias Wessler
Heizer Frederick BarrettArthur Meunier
Funker Harold BrideMichael Ernst
Lukas Witzel
Steward Henry EtchesMichael Ophelders
Ausguck Frederick Fleet / Bandleader Hartley / CohenRamon Mundin
1. Offizier William MurdochGrantas Sileikis
2. Offizier Charles LightollerJohannes Jost
3. Offizier Herbert PitmanMaximilian Schwarzacher
4. Offizier Joseph Boxhall / Bandleader Hartley / Jim FarrellJeconiah Retulla
BellboySimon Rodens
Ingenieur Thomas AndrewsOliver Arno
Schiffseigentümer J. Bruce IsmayMarkus Heinrich
Ida StrausDebra Hays
Isidor StrausThomas Peter
John AstorHayk Deinyan
Edgar BeaneRafael Bruck
Alice BeaneGabriela Kuhn
Caroline NevilleSusanne Seefing
Charles ClarkRochus Triebs
Kate McGowanJeanne Jansen
Kate MurpheyBettina Schaeffer
Kate MullinsPia Melenk
  
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TERMINE
Mi, 03.06.2026 19:30Theater, Mönchengladbach
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 19.09.2025 19:30Theater, MönchengladbachPremiere
Sa, 20.09.2025 19:30Theater, Mönchengladbach
Fr, 26.09.2025 19:30Theater, Mönchengladbach
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