Anastasia - Das Musical © Sarah Jonek
Anastasia - Das Musical © Sarah Jonek

Anastasia - Das Musical (2025 - 2026)
Theater - Bühnen und Orchester der Stadt, Bielefeld

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Die Bielefelder Version des Broadway-Musicals „Anastasia“ ist visuell einzigartig und im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlich: Ohne den für das Stück üblichen Märchen-Prunk setzt diese Inszenierung auf optische Einheitlichkeit. Während die Visualität polarisiert, überzeugt die musikalische Ausgestaltung auf ganzer Linie.

Im deutschen Sprachraum ist die Inszenierung von Janina Niehus nach der Broadway-Replikation von Stage Entertainment in Stuttgart und der Linzer Produktion erst der dritte Profi-Aufzug des Stücks von Lynn Ahrens (Liedtexte), Terrence McNally (Buch) und Stephen Flaherty (Musik). Während Stuttgart und in geringerem Maße auch Linz auf Opulenz und abwechslungsreiches Bühnenbild setzten, ist in Bielefeld bei Sebastian Ellrichs Ausstattung Kontrastprogramm angesagt und zeigt sich, genau wie die restlichen hier besprochenen Gesichtspunkte dieser Version, unter dem Stichwort „ambivalent“:

Außer einer großen, auf einer Drehbühne platzierten, etwa halbkreisförmigen Treppe und einem hochfahrbaren, brückenartigen Steg bleibt die Bühne nahezu über die gesamte Zeit des Stückes unverändert. Von der Bühnendecke werden je nach Schauplatz der Geschichte in weißem LED-Licht angedeutete Fassaden von Paris oder St. Petersburg, sowie ein für Russland oder die Familie Romanov stehendes „R“ und das sowjetische Hammer-und-Sichel-Symbol hoch- und runtergefahren. Das einzelne „R“ wird am Ende mit einem weiteren LED-Schriftzug zum Wort „Revolution“ kombiniert: Die Botschaft, dass eine Revolution auch eine Evolution verkörpert, voraussetzt und in Gang setzt, ist eine vielschichte Idee von Niehus, die auf das Zeitgeschehen der Jahrhundertwende, aber auch auf die individuelle Geschichte der Hauptcharaktere – und nicht zuletzt auf die heutigen politischen Dynamiken, anwendbar scheint. Das ist ein willkommener, tiefgründiger Ansatz inmitten einer sonst buchbedingt eher flachen Handlung, der einerseits zum Nachdenken anregt, andererseits aber angesichts der eher märchenhaft angelegten Geschichte etwas zu ambitioniert wirkt.

Die gesamte Ästhetik des Stückes ist in Weiß gehalten: Fast alle Lichteinstellungen von Carsten Lenauer sind ohne Farbakzente gewählt und differieren nur in der Intensität der Helligkeit. Dies macht es schwerer, die gerade eigentlich im Zentrum der Handlung stehenden Charaktere auszumachen – allzu oft rückt das Licht sie nicht in den Fokus oder lässt sie sogar während der Sprechszenen im Schatten oder unvorteilhaft wirkenden Halbschatten stehen. Dass sämtliche DarstellerInnen komplett in Weiß gekleidet sind, erweist sich ebenfalls als eine gewagte Regie-Entscheidung, da die Figuren durch die Einheitsoptik auf den ersten Blick auch in relevanten Momenten nicht klar voneinander zu trennen sind. Auf den zweiten Blick aber entpuppen sich die Kostüme als visuelle Highlights, die den Kleidungstil der Jahrhundertwende andeuten und viele dramatische, modische Akzente setzen.

Wahre Hingucker sind beispielsweise die Kostüme der Sankt Petersburger Straßendamen, von denen sich eine zur Sowjet-Geheimagentin mausert. Auch Wlads leicht dramatische Gewandung und Dimitris wallender Aristokratenanzug im zweiten Akt sind einfach schick. Neben dem mondänen Reiseoutfit von Anastasia punktet aber vor allem die Garderobe der Zarenmutter – vom Hosenanzug über einen schicken Garbo-Hut mit Riesenkrempe bis zum ausladenden royalen Krönungskleid ist alles dabei: Coco Chanel trifft auf Norma Desmond, Marlene Dietrich auf Miranda Priestly, Lady Diana auf Katharina die Große. Die Mitglieder der Romanov-Aristokratie haben an ihren Kostümierungen zerborstene Spiegelscherben angebracht, um die längst zerschellte, fragile Scheinwelt des Zarenreiches zu symbolisieren. Ein schöner Ansatz, der zur mit vielen Hintergrundgedanken entstandenen Gesamtästhetik passt – dennoch etwas unvorteilhaft, wenn Gräfin Lily den gesamten zweiten Akt über wie eine Discokugel durch die Reflexion der Scheinwerfer Lichtstrahlen in das Auditorium schießt, als wäre man in einem – durch das klinische Weiß der Inszenierung im Eindruck verstärkten – Science-Fiction-Musical.

Der stetige, üppige Bühnennebel sorgt einerseits für eindringliche Bilder voller Bedrängnis und Paranoia auf der Verfolgungsjagd Anjas durch den Offizier Gleb, sowie Mystik und Schauder in den Szenen, in denen es um die letzten Momente der Romanovs geht. Zudem kaschiert er praktischerweise die sehr leere Bühne durch die Verhüllung des Spielraumes in Nebelschwaden. Andererseits stört auch er allzu oft, wenn durch den Dunst die AkteurInnen kaum mehr zu erkennen sind oder das Zischen der Nebelmaschine die malerische Musik durchdringt. Dies vollbringt auch die enorme Windmaschine, die einerseits für ausgesprochen eindringliche, dramatische Momente sorgt, wenn die Protagonisten gegen den buchstäblichen Gegenwind ankämpfen und ihre weißen Kostümschleppen im Sturm wehen – optisch wunderschön, aber andererseits akustisch eine Störung im gesamten Klangbild. Der im ersten Akt nahezu kontinuierlich fallende Schnee passt visuell vortrefflich in die Gesamtästhetik der Inszenierung und wird durch die Windmaschine in zwei Szenen des ersten Aktes besonders theatralisch genutzt: Ein schönes Bild, das als eines der einzigen Elemente den Schauplatzwechsel zwischen dem verschneiten Russland und dem eisfreien Paris zeichnet. Größere Kontraste hätten im zweiten Akt die von der Einheitlichkeit zum Teil ermüdeten Augen wieder erfrischen können, dennoch sind die Intentionen der Regisseurin insgesamt profund durchdacht und ambitioniert durchgesetzt.

Yara Hassan, die gewöhnlich für differenzierte, energetische Choreographien steht, hat in diesem Stück mit absichtlicher Zurückhaltung und Sanftheit gearbeitet. Das funktioniert angesichts der fließend-schwelgenden, wabernd-weißen, zwischen mystischer Retrospektive und nebulöser Jetzt-Handlung positionierter Inszenierung über weite Strecken gut, doch gibt es in den eindeutig für große Dance-Breaks geschriebenen Songs, beispielsweise „Paris“, „Quartett beim Ballett“ und vor allem „Land das einmal war“ ernüchternde Leerläufe. Wiederum funktioniert die Bewegungskonstellation bei „Dann sehn wir mal“, in der die Reise von Petersburg bis Frankreich im Zug gemimt wird, erfreulich fließend und schlüssig. Die Diskrepanz zwischen Ambition des Kreativteams und den Hard Facts von Buch und Musik ist hier besonders spürbar.

Dafür brilliert das Orchester unter der Leitung von William Ward Murta in einer hierzulande bei „Anastasia“ noch nie gehörten Strahlkraft und Opulenz. Die märchenhaften, an Disney erinnernden Melodien ertönen mächtig, wunderschön und groß. Der hauseigene Opernchor passt hervorragend in diese schwelgerische, balladenhafte Partitur und sorgt bei „Was erzählt wird in Sankt Petersburg“ und dem hymnenhaften „Mein Land“ für gehörige Gänsehautmomente, die sich über den Abend immer wieder entwickeln. Dahingegen bleibt das beschwingte „Land das einmal war“ stimmlich wie energetisch für ein Opernensemble unpassend als kleiner Wermutstropfen in Erinnerung – sollte das Lied doch der mächtige Opener für den zweiten Akt sein.

Musikalisch und inszenatorisch stechen zwei Szenen besonders hervor, in denen symbiotisch perfekte Momente entstehen: Das Quartett zum Ballett baut großes Momentum und Spannung auf, die in der finalen Konfrontation von Anja und Gleb hochdramatisch und packend – schauspielerisch, visuell und musikalisch – kulminiert. Diese Szenen bleiben als hervorragende Beispiele des Potenzials dieser Inszenierung im Gedächtnis.

Maßgeblich für die Intensität der auf Gesang und Schauspiel fokussierten Bielefelder Version von „Anastasia“ sind die DarstellerInnen, die allesamt ihr Bestes geben, auch wenn nicht alle tragenden Rollen optimal besetzt scheinen. Schauspielerisch souverän und charismatisch, sympathisch und rollentragend, gesanglich aufgrund ihres klassischen Timbres auf die swing-und jazzlastige Rolle der Gräfin Lily aber nicht ganz passend kommt Cornelie Isenbürger auf die Bühne des zweiten Aktes. Sie brilliert in den hohen Sopranteilen ihrer Gesangsparts, beispielsweise bei „Die Pressekonferenz“ und „Die Gräfin und der Bürgersmann“. An ihrer Seite gibt Carlos Horacio Rivas den vermeintlichen Grafen Wlad Popov, der gesanglich zarte Töne anschlägt und süffisant von einem wohlwollenden Publikum durch die Handlung begleitet wird.

Ann-Charlotte Wittmann gibt Marfa, eine russische Prostituierte, die zu Glebs Handlangerin im Hintergrund wird, mit Präzision und großer Ausstrahlung. Auch Niklas Brunner und Lutz Laible stechen durch Spielfreude und performative Energie aus dem Ensemble heraus und beweisen Nuanciertheit in ihrer schauspielerischen Leistung. Paata Tsivtsivadze sorgt als Graf Ippolitov gesanglich für den wohl eingängigsten Moment des Abends, als er in „Mein Land“ das Publikum zu Tränen rührt.

Andreas Bongard gibt Dimitri locker, nahbar und ungekünstelt. Sein Duktus und seine Körpersprache wirken erfrischend untheatralisch, und sein großes Solo „Mein Petersburg“ sorgt für Begeisterung. Die herzzerreißenden Momente seiner Figur gegen Ende des zweiten Aktes kauft das Publikum ihm ab, und sein Duett zu „Unter all den Menschen“ bewegt. Hanna Kastner, die die Hauptrolle für die erkrankte Lara Hofmann sehr spontan übernimmt, springt ins kalte Wasser und meistert die schauspielerisch wie gesanglich anspruchsvolle Rolle souverän in einer ihr noch fremden Inszenierung. Ihr „Reise durch die Zeit“ am Ende des ersten Aktes ist ihr gesanglich stärkster Moment, wohingegen sie in „Im Dezember vor Jahren“ und „Im Traum“ berührend ruhige, introvertierte Akzente setzt. Ob es mehr an der Inszenierung als solcher oder der Bühnenchemie der einzelnen DarstellerInnen untereinander liegt, ist fraglich, doch bleibt sowohl die Liebesbeziehung zu Dimitri als auch die sehnsuchtsvolle Zuwendung zur Zarenmutter bei Kastners Anja, von der emotionalen und schauspielerischen Intensität her betrachtet, hinter der angespannten und furchtgeladenen, sie stets zu verfolgen scheinenden Dynamik zum Antagonisten Gleb zurück.

Die beiden darstellerischen Höhepunkte des Abends kommen in Gestalt von Betty Vermeulen als Zarenmutter Maria Fjodorowna und Nikolaj Alexander Brucker als Gleb Vaganow daher. Sie verkörpern ihre grundverschiedenen Rollen mit fesselnder Authentizität und Intensität, sodass jeder ihrer jeweiligen Auftritte und Szenen zu bühnenbestimmenden Momenten werden – sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Das melancholisch-verhärmte Solo von Vermeulens Zarenmutter „Schließ die Tür“ geht genauso zu Herzen wie das zerrissene und verzweifelte „Doch“ von Bruckers Gleb. Das berührende Wiedersehen von Anastasia und ihrer Großmutter wird durch Vermeulens tiefgehendes Schauspiel zum Tränenmoment, und Bruckers Gleb baut eine omnipräsente, bedrohliche Präsenz auf, die etwas an Uwe Krögers ikonischen Tod in der Originalinszenierung von „Elisabeth“ erinnert. Musikalisch ist „Anastasia“ in Bielefeld zweifelsohne ein Hochgenuss – inszenatorisch sei jeder eingeladen, die gut durchdachte, mutig umgesetzte Ästhetik für sich selbst zu bewerten!

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungWilliam Ward Murta
InszenierungJanina Niehus
Bühne und KostümeSebastian Ellrich
ChoreografieYara Hassan
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Anja / AnastasiaLara Hofmann
(Hanna Kastner)
DimitriAndreas Bongard
Wlad PopowCarlos Horacio Rivas
Gräfin Lily Malewski-Malewitsch / Zarin Alexandra / DunjaCornelie Isenbürger
Marja Fjodorowna, ZarenmutterBetty Vermeulen
Gleb VaganowNikolaj Alexander Brucker
MarfaAnn-Charlotte Wittmann
Zar Nikolaj II. / Graf LeopoldMax William Best
SergejNiklas Brunner
Gorlinsky / Graf GrigoriLutz Laible
Graf IpolitowPaata Tsivtsivadze
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE
keine aktuellen Termine
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE (HISTORY)
Sa, 20.09.2025 19:30Stadttheater, BielefeldPremiere
Fr, 26.09.2025 20:00Stadttheater, Bielefeld
So, 28.09.2025 19:30Stadttheater, Bielefeld
▼ 7 weitere Termine einblenden (bis 18.02.2026) ▼
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay