Julian Culemann (Tony), Katia Bischoff (Maria), liegend: Malcolm Quinnten Henry (Bernardo), Simon Staiger (Riff) © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan
Julian Culemann (Tony), Katia Bischoff (Maria), liegend: Malcolm Quinnten Henry (Bernardo), Simon Staiger (Riff) © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

West Side Story (seit 06/2025)
Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall

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Musicals gehören zum festen Bestandteil der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Natürlich wurde dabei schon oft auf der Großen Treppe getanzt, aber … „West Side Story“? Das ist eine ganz andere Hausnummer! Wenige Stücke verlangen von ihrem Ensemble solche Höchstleistungen in Schauspiel, Gesang und Tanz wie dieser Klassiker. Tanz ist wichtiger Bestandteil der Handlung. Wie soll das auf der steilen Treppe funktionieren?

Mit dieser Erwartungshaltung spielt schon die Eröffnungssequenz. Action (der agile Paul Früh) betritt die Treppe, tänzelt ein bisschen die Stufen hinauf und hinunter. Dann werden die Bewegungen ausladender, weitere Gangmitglieder der Jets kommen dazu, tanzen spielerisch mit. Die Musik des Prologs setzt ein und es beginnt der für das Stück typische Mix aus Sprüngen, Arm- und Beinbewegungen. Was Kati Farkas mit ihren Tanz- und Moritz Fleiter mit seinen Kampfchoreografien auf die Bühne bzw. die Treppe bringen, ist mehr als beachtlich. Doch nicht nur mit waghalsigen Schrittkombinationen, sondern auch in der Ballettsequenz „Somewhere“, der traumwandlerischen utopischen Fantasie einer harmonischeren Welt, findet Farkas einprägsame Bilder, fantastisch ausgeleuchtet von Ralf Wappler. Eine erstklassige Leistung aller Beteiligten!

Die Tänze sind natürlich – in Verbindung mit Kati Kolbs bunten Kostümen – ordentliche Hingucker. Auch Fabian Lüdickes Bühnenbild macht vom ersten Blick an neugierig. Er hat riesige Trümmer der Freiheitsstatue auf der Spielfläche verteilt. Das Monument, das Menschen aus aller Welt, die ihr Glück in den USA suchen, willkommen heißen soll, existiert nicht mehr – ein Sinnbild für den unter dem Druck eigener Erwartungen geplatzten oder mutwillig zerstörten ‚American Dream‘. Hier wird niemand mehr willkommen geheißen – zumindest nicht die „Müden, Armen und Geknechteten, die sich danach sehnen, frei zu atmen“, wie es auf der Inschrift des Sockels heißt.

Richtig frei atmen kann eigentlich niemand in diesem Stück. Die puerto-ricanischen Einwanderer der zweiten Generation nicht, aber auch nicht die Weißen, die sich als berechtigte Herrscher verstehen, deren Vorfahren ebenfalls alle eingewandert sind. In diesem Viertel schafft es niemand; ein sozialer Aufstieg bleibt den Bewohnern verwehrt. Die beiden Bevölkerungsgruppen – hier als die Gangs Jets und Sharks – machen sich gegenseitig das Leben schwer und befeuern eigene Vorurteile. „West Side Story“ ist fast 70 Jahre alt – trotzdem bleibt die Geschichte über Ressentiments und Intoleranz weiterhin aktuell. In Zeiten von zunehmendem Rassismus und wachsender Intoleranz sogar aktueller denn je.

Christian Doll belässt die Handlung in den 1950er Jahren und geht in seiner soliden Inszenierung keine Risiken ein. Die betonte Coolness in den Dialogen der jungen Männer wirkt in der hüftsteifen Übersetzung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald aufgesetzt und macht es den Darstellern schwer, locker und natürlich zu spielen. Die Frauen haben so eine zur Schau getragene Lässigkeit nicht nötig. Vielleicht wirken deshalb ihre Dialoge nicht so verkrampft. Egal zu welchem Lager sie gehören, sie werden ausgesprochen selbstbewusst dargestellt. Anita beispielsweise ist um keine Antwort verlegen. Amani Robinson bietet in dieser Rolle einen Wechsel von der ironischen Komödiantin zur wütenden Tragödin. Zu der beeindruckenden darstellerischen Leistung kommt eine ebensolche kräftige Stimme. Eher leicht und luftig ist, passend zu ihrer Figur, die Stimme von Anna Langner. Ihre Maria ist nicht naiv und schüchtern, sondern ein munteres Mädchen, neugierig auf die Welt. Langner spielt sie wunderbar unbefangen. Ihr Monolog zum Schluss trifft ins Herz und hinterlässt im Publikum auf dem Marktplatz eine Stille, in der man die sprichwörtliche Stecknadel hätte hören können.

Bis Julian Culemanns Tony eine ähnliche Natürlichkeit erreicht, dauert es ein Weilchen. Zwar gelingt schon das erste Zusammentreffen von Maria und Tony beim Schulball – und damit ihre Liebe auf den ersten Blick – glaubhaft, aber erst bei der Szene im Brautmodengeschäft, wenn Maria und Tony mit den Schaufensterfiguren herumalbern, scheint Culemann sich richtig freigespielt und -gesungen zu haben. Vielleicht liegt es auch daran, dass Tony in dieser Inszenierung recht steif und brav angelegt ist. Es entsteht selten eine Bindung zu den anderen Figuren, auch nicht zu seinem besten Freund Riff, Anführer der Jets, den Simon Staiger der Rolle entsprechend großmäulig darstellt. Malcolm Quinnten Henry besticht durch Bühnenpräsenz und sein körperliches Spiel als dessen Gegenpol Bernardo, Anführer der Sharks. Als um Bestätigung der Jets buhlende Anybodys agiert Mirjam-Magdalena Wershofen sehr beweglich und überrascht als Solistin mit einer anrührenden Version von „Somewhere“.

Zum Jubiläum haben sich die Freilichtspiele nicht nur ein anspruchsvolles Stück mit großer Besetzung gegönnt, sondern auch ein 20-köpfiges Orchester. Leonard Bernsteins Partitur klingt unter Heiko Lippmanns Leitung jazzig federnd, rhythmisch, verspielt und dramatisch. Allerdings gab es in der besuchten Vorstellung im ersten Drittel kleine Unsicherheiten zwischen Ensemble und Orchester.

„West Side Story“ steht in diesem Jahr auf einigen Open-Air-Spielplänen. Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall punkten gegenüber den anderen Orten auf jeden Fall mit ihrem Alleinstellungsmerkmal – der Großen Treppe und deren Einbindung in das Stück.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungHeiko Lippmann
RegieChristian Doll
ChoreografieKati Farkas
BühneFabian Lüdicke
KostümeKati Kolb
KampfchoreografieJochen Schmidke
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
TonyJulian Culemann
RiffSimon Staiger
ActionPaul Fruh
A-RabAnton Schweizer
Baby JohnAchim Himmelbauer
SnowboyJohannes Summer
Big DealTobias Blinzler
DieselTayler Davis
GraziellaKelly Panier
VelmaZarah Frola
MinnieVeronika Enders
Anybody'sMirjam-Magdalena Wershofen
MariaKatia Bischoff
Anna Langner
AnitaAmani Robinson
BernardoMalcolm Quinnten Henry
ChinoOliver Aagaard-Williams
PepeIndio Felipe Ramos
IndioNayim Temine
LuisDavid Valls
AnxiousPierpaolo Scida
RosaliaGrace Simmons
ConsueloSalomé Ortiz
TeresitaLisa Wissert
FranciscaLiviana Degen
EstellaGloria Enchill
Doc AndreaMatthias Pagani
SchrankClaudius Freyer
Krupke / Glad HandJohannes Schön
  
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TERMINE
Fr, 14.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch HallWiederaufnahme
Sa, 15.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
So, 16.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Di, 18.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Mi, 19.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Fr, 21.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Sa, 22.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
So, 23.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Di, 25.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Mi, 26.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
▼ 1 weitere Termine einblenden (bis 27.08.2026) ▼
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 20.06.2025 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch HallÖffentliche Generalprobe
Sa, 21.06.2025 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch HallPremiere
So, 22.06.2025 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
▼ 18 weitere Termine einblenden (bis 09.08.2025) ▼
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