© Markus Nass
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BLINDED by DELIGHT (seit 09/2025)
Friedrichstadt-Palast, Berlin

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

„Fühlt ihr euch low? Habt keine Power? Dann hört auf eure Glückshormone – macht mal Happy Hour!“ Mit diesen holprigen Worten wirbt ein Song in der neuen Grand Show des Berliner Friedrichstadt-Palastes für Glück, Unbeschwertheit und das Verfolgen der eigenen Träume. Wirklich traumhaft ist dieses qualitativ ernüchternde Spektakel allerdings nicht.

Auch wenn man in Deutschland redensartlich nicht über Geld spricht, tut es der Friedrichstadt-Palast doch. Voller Stolz verkündet dessen Presseabteilung, dass die staatlich finanzierte Bühne für seine bislang teuerste Produktion „BLINDED by Delight“ ein Budget von sagenhaften 15 Millionen Euro ausgegeben hat. In Zeiten, in denen der Berliner Senat bei Kunst und Kultur massiv den Rotstift ansetzt, ist das ein mutiges Statement, insbesondere weil man dem Spektakel sein finanzielles Volumen gar nicht ansieht.

Viel zu oft wirkt die gigantische Bühne, die vollmundig als größte der Welt beworben wird, wie leergefegt. Das über 50-köpfige Ballettensemble hat im von im Hintergrund von Videoleinwänden dominierten Bühnenbild oft sehr viel Platz; die sechs Gesangssolisten wirken dort sogar wie verloren. Sein Entwerfer-Duo Florian Wieder und Cuno von Hahn nutzt die beindruckende Technik des Hauses oft nur, um Protagonisten hinauf ins Geschehen zu hieven oder wieder verschwinden zu lassen. Auf die Hubpodien stellen die Bühnenbildner nur selten dekorierende Versatzstücke, die dann – wie zum Beispiel im Fall der „drei Türen des Glücks“ – im Vergleich zu der Dimension des Raumes lächerlich klein geraten sind. Diese für eine „Grand Show“ genannte Produktion eher minimalistische Ausstattung ermöglicht zwar schnelle Szenenwechsel, sorgt allerdings kaum für überraschende Wow-Momente, wie sie in früheren Jahren durch opulente Bühnenbilder mit Feuer- oder Wasserkaskaden hervorgerufen worden sind. Diese tauchen jetzt in Falk Rosenthals technisch recht simplen Farbwechsel-Video-Animationen auf, die so wirken, als hätten sie schon zwanzig Jahre auf dem Buckel.

Ist der Löwenanteil des Produktionsbudgets vielleicht an Jeremy Scott geflossen? Immerhin hat der von der PR-Abteilung des Palastes als „US-Stardesigner“ bezeichnete Kostümbildner fast 600 maßgeschneiderte Outfits entworfen. Doch auch wenn diese knapp geschnitten, knallbunt und oft auch funkelnd sind, sind sie weder so raffiniert oder extravagant, wie er sie vielleicht für eine zu seiner Kundschaft zählende Beyoncé oder Lady Gaga designt hätte. Einzelne Stücke verzaubern, wie zum Beispiel Damen im Kronleuchter oder menschliche Cocktail-Gläser und Törtchen, andere, wie in der Eröffnungsnummer „Wovon träumst du?“, sehen aus wie eine Mischung aus Clowns-Kostüm und Tiffany-Lampe.

Auch musikalisch kann die Show wenig überzeugen. Das liegt einmal an den fast schon ohrwurmresistenten Einheitsbrei-Kompositionen, die aus der Feder von immerhin neun, laut Programmheft national und international etablierten Songwritern, stammen. Der Mix aus kitschigen Schmacht-Balladen, Hip-Hop und lateinamerikanisch inspirierten Uptempo-Nummern mag sich trotz einiger Reprisen nicht im Gehörgang festsetzen, sodass ihn auch niemand auf seiner persönlichen Playlist vermissen dürfte. Hinzu kommt, dass die auf Perfektion getrimmte Tontechnik die musikalische Begleitung als eher technisch generierten Wummer-Sound aus den Boxen klingen lässt. Auch wenn kaum echte Instrumente auszumachen sind, stammt sie von in beiden Seitenlogen der Bühne sitzenden Musikern der Show-Band unter der Leitung von Daniel Behrens. Eigenartigerweise ist der Klangkörper nur in einigen wenigen Szenen für das Publikum sichtbar, ansonsten scheint er ständig im Dunkeln spielen zu müssen. Zwischen den Boxen hin- und herpendelnde Echos und Gesangsstimmen, die nicht auf der Bühne sichtbar sind, lassen zudem vermuten, dass im Sounddesign von Martin Wingerath und Thomas Milde das ein oder andere vorproduzierte Sample zu hören ist.

Seiner bis ins Jahr 1919 zurückreichenden Tradition folgend, ordnete der Friedrichstadt seine Produktionen bisher dem Genre „Revue“ zu und rechtfertigte damit, dass im Vergleich zum Musical keine durchgängige Geschichte erzählt werde. Im Programmheft zur aktuellen Produktion bezeichnet Autor und Regisseur Oliver Hoppmann „BLINDED by Delight“ als „Popshow“. Auch für sie ist die recht wirr wirkende Geschichte, durch die ein „Traum“ genannter junger Mann führt, schnell zusammengefasst: Luci hat durch ihren hektischen und stressigen Alltag ihre Träume vergessen. An der Seite von Traum und in Begleitung der vier personifizierten Glückshormone Oxytocin, Dopamin, Endorphin und Serotonin entdeckt sie die Traumwelt ihrer ungelebten Wünsche. Nachdem sie durch die drei Türen des Glücks, hinter denen sich Neugier, Begierde und der Albtraum der dunklen Gedanken verbergen, gewandelt sind, steht Luci vor der schweren Entscheidung: realistisch bleiben oder lieber mutig mit dem Traummann ihre Träume leben?

Um auch internationale Gäste in die Show zu locken, wird zwischen den deutsch gesprochenen Texten mal auf Deutsch, mal auf Englisch gesungen. Dabei können alle, die wegen einer sprachlichen Barriere nicht alles verstehen können, wirklich froh sein, nicht dem Geschwafel und Gesinge auf Groschroman-Niveau folgen zu müssen. Hier reimt sich brachial nicht nur „Sinfonie“ auf „Galaxie“, auch die Erkenntnis „Was sieht du jetzt? Ich glaube, ich hab‘ dich unterschätzt“ rüttelt an der Schmerzgrenze.

Bis zum – bereits nach den ersten 15 Minuten absehbaren Happy End reiht Regisseur Hoppmann die poppigen-Revue-Tableaus, in die vier Artistik-Nummern eingebaut sind, mit sicherem Händchen und ohne irgendwelche Mätzchen geschickt aneinander. Dabei führt er die vier Glückshormone eher als einen begleitenden, mit Handmikrofonen ausgestatteten Background-Chor, aus dem sich allein Markus Fetter als androgyner Dopamin darstellerisch abheben kann. Er und auch Myrthes Monteiro (Oxytocin), Floor Krijnmen (Endorphin) und Marc Chardon (Serotonin) singen sich mit ihren musicalgeschulten Stimmen schön, aber auch ohne Anstrengung durch die nicht gerade Höchstleistungen fordernde Pop-Partitur. Gleiches gilt für spätere Traumpaar Julian David (Traum) und Denise Lucia Aquino (Luci), die beide immerhin darstellerisch mehr Facetten zeigen dürfen.

Das hauseigene Ballett, für das zehn international gefragte Choreografen Schreit-, Hebe- und Showtanz-Bewegungen erdacht haben, ist – mal in unterschiedlichen Formationen, mal in der Gesamtheit – fast unentwegt und mit großer Präzision auf der Bühne präsent. In der Show gibt es sogar klassischen Tanz im Tütü. Wirklich sensationell und innovativ ist allerdings die Szene „Blossoming“, in der die Tänzerinnen und Tänzer in hautfarbenen, engen Trikots nach dem Dunkel des Albtraums die Vielfalt der Träume in Blütenform neu entstehen lassen. Nach der finalen Kickline-Girl-Reihe mit 32 Tänzerinnen, die auf einem fahrbaren Podest aus dem Hintergrund auf die Bühne rollen, gibt es zu Recht für das gesamte Tanz-Ensemble bei der Premiere im Zuschauerraum kein Halten mehr. Standing Ovations gebühren auch zwei zirzensisch perfekten Artistik-Nummern: Kontorsionistin Viktoriia Dziuba verbiegt sich auf einer tellergroßen Scheibe scheinbar mühelos in alle nur erdenklichen Positionen, während das Duo „Rings“ mit einer atemberaubenden wie kraftvollen Flug-Luftnummer begeistert.

„BLINDED by Delight“ bedeutet übersetzt „Geblendet vor Entzücken“. Dieses Versprechen löst die Show überhaupt nicht ein. Sie wirkt eher wie ein Zwitter zwischen Modenschau und Finale des „Eurovision Song Contests“ und ist – um in der Thematik der Show zu bleiben – nur ein winziges, eher enttäuschendes Träumchen.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Buch, InszenierungOliver Hoppmann
KostümeJeremy Scott
BühnenbildFlorian Wieder
Cuno von Hahn
Video DesignerFalk Rosenthal
Sound-DesignMartin Wingerath
Thomas Milde
Musikalische LeitungDaniel Behrens
(Tobias Leppert
Sebastian Brand)

ChoreografieMalou Linders
Jowha van der Laak
Shahar Binyamini
Christin Olesen
Craig Davidson
Mario Schröder
Alexandra Georgieva
Maik Damboldt
BMX-Act DesignStacy Clark
Jean-Damien Climonet
Choreografie Aerial Straps, Aerial ChandeliersChristine Wunderlich
Choreografie Aerial DandelionsHonji Wang
Sébastien Ramirez
Choreografie Teeterboard ActRafael Olmos
Paco Olmos
Choreografie Contortion ActViktoriia Dzuiba
Choreografie Aerial ActFlora Aracama
Nico Busso
LiedtexteJasmin Shakeri
Karolina Schrader
Yanek Stärk
Tom Hengelbrock
Philipp Klemz
Joe Walter
Björn Steiner
KompositionenJasmin Shakeri
Karolina Schrader
Yanek Stärk
Tom Hengelbrock
Philipp Klemz
Joe Walter
Björn Steiner
Simon Klose
Daniel Behrens
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
LuciDenise Lucia Aquino
(Myrthes Monteiro
Floor Krijnen
Patricia Radcke)

TraumJulian David
(Markus Fetter
Marc Chardon
Pedro Brito)

OxytocinMyrthes Monteiro
(Floor Krijnen
Lisa Jost
Madeleine Schlepphorst)

DopaminMarkus Fetter
(Marc Chardon
Dimitri Genco
Samuel Maxted)

EndorphinFloor Krijnen
SerotoninMarc Chardon
Teeterboard ActTeam Lift Off!
Contortion ActViktoriia Dziuba
BMX ActSupersonic Crew
Aerial ActDuo Rings
MusikShow-Band
TanzBallett
  
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TERMINE
Do, 19.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
Fr, 20.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
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Sa, 21.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
So, 22.02.2026 15:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
So, 22.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
Di, 24.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
Mi, 25.02.2026 19:30Friedrichstadt-Palast, Berlin
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Sa, 27.09.2025 15:30Friedrichstadt-Palast, BerlinPreview
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