Maricel Wölk als Cindy in "Mörder unter sich" © Niklas Möhlmann
Maricel Wölk als Cindy in "Mörder unter sich" © Niklas Möhlmann

Mörder unter sich (2025)
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Das neue Musical „Mörder unter sich“ von und mit Maricel Wölk hat kurz nach seiner Uraufführung in Wunstorf nun auch das Publikum in Solingen zu stehenden Ovationen animiert: Gekonnt gelingt es Wölk in dieser einzigartigen One-Woman-Show – mittels einer intensiven Performance, eingängiger wie facettenreicher Melodien, fantastischer Bühnenprojektionen und der Verbindung von Comedy mit Krimi – ein gleichermaßen kurzweiliges wie hochspannendes Theatererlebnis zu erschaffen, das aufgrund seiner Thematik auch nachhaltig zum Denken anregt.

„Einen Mörder unter sich zu haben, ist nicht einfach zu ertragen!“ – besonders, wenn der Übeltäter wohl ein Teil von einem selbst ist. Bianca leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) und teilt sich ihren Körper mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. In ihrem System finden sich die hypochondrische Linda, der etwas hohle Macho Victor, die rebellische Teenagerin Cindy, die verführerische Jeanette und Oberst von Lützow, der die preußischen Tugenden hochhält. Als sie sich mit gleich fünf Morden an Personen aus ihrer Vergangenheit – vom Ex-Mann bis zum früheren Kinderarzt – konfrontiert sieht und aufgrund von Fingerabdrücken ihre physische Anwesenheit an den Tatorten als gesichert gilt, verdächtigt Bianca ihre jeweiligen Persönlichkeitsanteile. Sie selbst erinnert sich an keinen einzigen Mord und beginnt, detektivische Nachforschungen anzustellen. Nach und nach stellt sie alle fünf zur Rede und macht sich ein Bild von den unterschiedlichen Tathergängen, wodurch sie gleichzeitig einiges über ihre eigene Erkrankung lernt und ihre verdrängte Vergangenheit aufarbeitet…

Das Stück nähert sich dem sensiblen Thema über die stilistischen Mittel des Humors und der Überzeichnung. Dennoch gelingt es, eine gute Balance zur Ernsthaftigkeit und den Ursprüngen einer psychischen Erkrankung herzustellen. Keineswegs kommt das Gefühl auf, dass sich hier über Personen mit multiplen Persönlichkeiten lustig gemacht wird – vielmehr dient die Komik für das Publikum als Brücke zur Thematik und erreicht Sympathie, Menschlichkeit und Greifbarkeit für die Hauptfigur und ihre verschiedenen Persönlichkeiten. Bianca wird als psychisch Erkrankte nicht als Täterin stigmatisiert, sondern als Opfer traumatischer Erfahrungen plastisch, emotional und letzten Endes auch authentisch gezeichnet.

Die zunächst klassisch aufgebaute Kriminalgeschichte, die mit Wendungen und Plot-Twists auftrumpft, die mal mehr und mal weniger, zum Teil aber auch gar nicht vorhersehbar sind, hält die Spannung konstant oben. Wo im ersten Teil noch Comedy und Heiterkeit vorherrschen, wechselt die Stimmung im zweiten Akt in streckenweise tiefgründige Emotionalität und Dramatik. Das Stück ist dramaturgisch perfekt ausbalanciert, woran auch die sehr facettenreichen Lieder Anteil haben. Zwar überwiegen die stimmungsvoll-ulkigen Songs, die vor allem die sehr exzentrischen Persönlichkeitsanteile Biancas vorstellen, beispielsweise die rotzige Cindy in „Unbequem“ oder die sinnliche Jeanette in „Eine Leiche zum Dessert“. Jedoch mischen sich auch melancholische, schwermütige, gar traurige und beklemmende Melodien hinein, die Biancas Vergangenheit beleuchten und somit ein ganzes emotionalen Spektrum abbilden. Maricel Wölk, die sowohl für Story und Buch, als auch für die Lieder und Songtexte verantwortlich zeichnet, hat wahrlich ganze Arbeit geleistet. Nicht zu vergessen, dass sie auch sämtliche Gewerke auf dem Weg zur Aufführung und die Vermarkung in ihrer Hand hält. Eine Mammutaufgabe, die sie vollumfänglich gemeistert hat.

Auch inszenatorisch hat Wölk ein alles in allem rundes Gesamtkunstwerk geschaffen, das vor allem durch seine Visualität besticht. Tina Mareike Kuschel und Alex Scotti haben eine einzigartige Bildershow erschaffen, die mit aufwändigen Projektionen im Skizzenstil Biancas Geschichte im Hintergrund illustriert und das sehr reduzierte physische Bühnenbild im Vordergrund komplementiert. Wunderschön, kunstvoll und dynamisch wechseln sich Illustrationen und Videoeffekte miteinander ab. Sie begleiten mal plakativ, mal assoziativ durch die Handlung und gehen geradezu cineastisch mit den Worten und Bewegungen der Hauptdarstellerin synchron: Ein großes, in dieser Form noch nie gesehenes Highlight dieser Inszenierung. Zusammen mit Jürgen Opper und Arne Dettmar hat Wölk ein perfekt symbiotisches Lichtdesign konzipiert, das stimmungsvoll die Erzählung begleitet und die fantastischen Projektionen effektvoll unterstützt. Besonders eindrücklich sind die vielen Einstellungen, in denen Bianca und ihre Persönlichkeiten als Silhouetten auftreten – aber auch Cindys lustige Motorradfahrt, das Finallied des ersten Aktes „Vergessen“ und die hochdramatische Auflösung am Ende des Stücks sowie das gespenstische „Kleine Chamäleon“ bleiben visuell im Gedächtnis.

Bei all der wunderbaren Visualität und den tollen Regieeinfällen – inszenatorisch und musikalisch müssen, zumindest am rezensierten Abend, an dem das Stück erst das zweite Mal überhaupt aufgeführt wird, kleine Abstriche gemacht werden: Zuweilen wirken die Szenenübergänge etwas roh, da sie nicht ganz flüssig und recht abrupt vollzogen werden und meist nicht musikalisch untermalt sind, wodurch das Stück am Anfang etwas Sketchshow-Charakter mit sich bringt und kurzzeitig aus der so hochwertig visualisierten und profund dargestellten Welt herausbricht. Ab und zu sind die Sichtachsen und der gelenkte Fokus des Publikums etwas schwammig, da die Sprechtexte ohne inszenatorisch erkennbaren Effekt allzu oft im Off oder hinter den Requisiten stattfinden, was in diesen Momenten vom Narrativ ablenkt.

Die hochwertig von Ruben Dietze und Lennart Jeschke produzierte Musik läuft zwar vom Band, klingt aber fast so voll und differenziert, als sei eine Band vor Ort. Sie wird vom Timing her perfekt und nuanciert gesetzt, ist zuweilen aber tontechnisch nicht ganz optimal mit dem Mikrofonsound der Hauptdarstellerin abgemischt, sodass (zum Glück nur kleinere) Teile der sehr wortgewandten und witzigen Gesangstexte vor allem in den lauteren Musikpassagen leider unverständlich bleiben.

Maricel bestreitet hier vielleicht die Performance ihres Lebens. Als Bianca, Linda, Jeanette, Victor, der Oberst, Cindy und in gut zehn weiteren Rollen ist sie in „Mörder unter sich“ zu erleben. Elektrisierend und energetisch vollzieht sie die teilweise rasanten Wechsel zwischen den Persönlichkeiten und stattet jede von ihnen mit nuancierter Körpersprache, unverwechselbarer Stimmführung und speziellem Duktus aus, was sie sowohl in den Dialogpassagen als auch in den Liedern souverän umzusetzen weiß. Eine große schauspielerische und stimmliche Herausforderung, die Maricel meisterhaft bewältigt. Mit Fingerspitzengefühl schafft sie es außerdem, ihre Figuren trotz komödiantischer Überzeichnung und subtiler Karikierung nahbar und menschlich zu zeichnen, sodass sich ihre Darstellung durchweg die Waagschale hält. Wo sie im Comedy-Teil der Story gerade im ersten Teil besonders aufzugehen scheint, entfaltet sich im zweiten Akt ihr dramatisches Talent – ihre Darstellung entlockt sowohl Freudentränen als auch Tränen der Rührung. Eine fantastische Vollblutkünstlerin, die das ohnehin sehenswerte Musical mit Energie und Leben füllt. „Mörder unter sich“ lädt zum Lachen, Mitfiebern, Weinen, Nachdenken und nicht zuletzt auch zur Selbstreflexion ein. Absolut zu empfehlen!

 
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KREATIVTEAM
RegieMaricel Wölk
Musik und LiedtexteMaricel Wölk
BuchMaricel Wölk
IdeeWolfgang Adenberg
Maricel Wölk
Stage Media DesignTina Mareike Kuschel
ArrangementMat Kwiatkowski
Technische Leitung, TondesignJürgen Opper
LichtdesignArne Dettmar
Jürgen Opper
Maricel Wölk
MedientechnikArne Dettmar
Digital ArtistAlex Scotti
Producing, MixingRuben Dietze
MasteringLennart Jeschke
BewegungscoachingPetra Hanisch
RequisiteYvonne Wepunkt
KostümDorothy Limburg
RegieassistenzDoris Sonnenschein
 
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CAST (AKTUELL)
Bianca, Linda, Victor, Cindy, Jeanette, Oberst von Lützow u.a.Maricel Wölk
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 11.01.2025 19:30Stadttheater, WunstorfPremiere
Sa, 18.01.2025 19:30Theater und Konzerthaus, Solingen
Sa, 22.03.2025 19:30Theater, Itzehoe
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