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Mit Andrew Lloyd Webbers „Evita“ bringt das Staatstheater Augsburg in diesem Sommer eine der bekanntesten Musical-Biografien auf seine malerische Open-Air-Bühne am Roten Tor. Begleitet von den Augsburger Philharmonikern, erklingt erstmals in Deutschland die neue Symphonic Version des Stücks – mit erweiterten Orchesterstimmen und sattem Klang. Inszenierung, Ausstattung und Besetzung liefern starke Bilder, musikalische Kraft – aber auch manche offene Frage.
Verantwortlich für die Umsetzung ist Regisseur Florian Mahlberg, der ein ebenso bildstarkes wie uneinheitliches Regiekonzept entwickelt. Gleich zu Beginn sorgt die Trauerprozession um Evita für einen starken visuellen Impuls: Das Volk Argentiniens tritt mit Gesichtsbemalung und Gewändern auf, die an die mexikanische Santa-Muerte-Tradition erinnern. Auch wenn das ästhetisch beeindruckt, bleibt der kulturelle Bezug beliebig – der mexikanische Kontext ist mit Argentinien nicht verknüpft, und eine szenische Erklärung bleibt aus. Diese inhaltliche Unschärfe setzt sich bei einer stummen Frauenfigur fort, die immer wieder in blauer Kleidung auftritt – farblich deutlich an das Kostüm von Che angelehnt. Im Programmheft wird sie als „La Vida“, also „das Leben“, bezeichnet – ein Hinweis, der der Figur eine symbolische Dimension verleiht: Als stiller Gegenpol zum zynischen Che könnte sie für die emotionale, mitfühlende Seite des Erzählers stehen, als stumme Begleiterin Evitas durch ihre Lebensstationen. Doch diese Lesart erschließt sich nur über die Bezeichnung, nicht aus der Inszenierung selbst. Damit hat die Idee poetisches Potenzial, bleibt in der Umsetzung aber vage.
Dem gegenüber stehen Momente, in denen die Regie große Klarheit und erzählerische Kraft entfaltet. Besonders gelungen ist die Szene „Buenos Aires“, in der Evita zunächst nicht mit dem kraftvoll tanzenden Stadt-Ensemble mithalten kann und erst nach und nach ihren Platz in der Choreografie findet – ein kluges, wortloses Bild für ihren sozialen Aufstieg. Auch „Die Kunst des Möglichen“ überzeugt durch eine prägnante Neudeutung: Statt wie häufig als politische ‚Reise nach Jerusalem‘ gespielt zu werden, bei der Bewerber reihum ausscheiden, lässt Mahlberg Perón seine Gegner gezielt ausschalten – entweder persönlich oder durch Dritte. Das zeichnet ihn als machtbewusste, skrupellose Figur und verleiht der Szene eine beklemmende Schärfe. Zu Beginn von „Wach‘ auf, Argentinien“ schließlich tobt auf der Bühne ein Aufstand gegen Militär und Adel – doch Eva und Perón schreiten unberührt hindurch, ganz auf ihren Machtgewinn fokussiert. Diese Gegenüberstellung von kämpfendem Volk und strategisch kalkulierendem Machtpaar funktioniert eindrucksvoll. Unterm Strich stehen einer Reihe starker Einfälle ebenso viele unentschlossene oder unmotivierte Bilder gegenüber. Die Regie bewegt sich zwischen kluger Zuspitzung und dekorativer Beliebigkeit – und hinterlässt so einen zwiespältigen Gesamteindruck.
Für das Bühnenbild zeichnet Karel Spanhak verantwortlich. Er nutzt die Breite der Freilichtbühne effektiv: Eine durchgehende Häuserfront mit schäbig-bunten Fassaden im lateinamerikanischen Stil spannt sich über die gesamte Bühne. Türen und Seitenzugänge dienen als Wege für Zu- und Abgänge, ein in die Häuserzeile eingelassener Balkon bietet eine zusätzliche kleine Spielfläche – ein gelungenes Mittel, um Tiefe zu erzeugen. Die Fenster der Häuser werden je nach Tageszeit atmosphärisch von innen beleuchtet.
Der erste Akt spielt komplett in diesem detailreich gestalteten Straßenzug. Umso wirkungsvoller ist der szenische Bruch zu Beginn des zweiten Teils: Nachdem Perón zum Präsidenten gewählt wurde, öffnet sich die Häuserzeile und gibt den Blick frei auf die stilisierte Fassade der Casa Rosada, den argentinischen Regierungssitz. Der berühmte Balkon fährt für „Wein nicht um mich, Argentinien“ zentral in die Bühnenmitte – eine starke theatrale Setzung, die den Mythos Evita wirkungsvoll auflädt. Besonders eindrücklich: Wenn Evita dort steht, fällt ihr Schatten auf die gegenüberliegende Häuserfassade – mit erhobenen Armen, typischer Knotenfrisur und ausladendem Kleid. Ergänzt wird das Bild durch farbenfrohe, ausdrucksstarke Kostüme, die den Figuren Charakter und der Inszenierung zusätzlichen visuellen Reiz verleihen. Sie wirken hochwertig gefertigt und stimmig in den jeweiligen Spielsituationen.
Auch musikalisch hat die Produktion viel zu bieten. Unter der musikalischen Leitung von Sebastiaan van Yperen entfalten die Augsburger Philharmoniker den vollen Klang der neuen Symphonic Version – zum ersten Mal in Deutschland live zu hören. Bereits in der Beerdigungsszene zu Beginn sorgt das Orchester mit donnernden Schlägen für einen dramatischen Einstieg, der sofort in die Geschichte hineinzieht. Wie bei allen Produktionen am Roten Tor sitzt das Orchester gut sichtbar auf der Seitenbühne und wird so auch optisch Teil des Abends. Der Open-Air-Raum verlangt besondere Sorgfalt in der Abmischung – und die gelingt. Das Orchester klingt klar, dynamisch und ist bestens ausbalanciert: nie zu dominant, nie zu verhalten. Auch im Zusammenspiel mit den Solostimmen ist die Abstimmung sehr gelungen. Lediglich in größeren Chorszenen leidet die Textverständlichkeit etwas – hier wirkt der Klang gelegentlich breiig und überlagert die gesungenen Inhalte.
In der Titelrolle gelingt Katja Berg eine eindrucksvolle Leistung. Sie zieht stimmlich wie darstellerisch alle Register und zeichnet eine schillernde Evita in all ihren Facetten: Ihr „Ich wäre wirklich sehr gut für dich“ klingt charmant und berechnend zugleich, „Buenos Aires“ bringt sie mit kraftvoller Energie auf die Bühne, und in „Verlass mich nicht“ trifft sie emotional genau den richtigen Ton zwischen Verzweiflung und Stolz. Besonders in ihrer letzten Ansprache und dem anschließenden Tod verleiht sie der Figur eine berührende Verletzlichkeit – ein überzeugendes Porträt einer Frau zwischen Macht, Mythos und Zusammenbruch. Hannes Staffler verkörpert Che als kommentierenden Jedermann – ohne optische oder inhaltliche Anlehnung an Che Guevara. Mit klarer Stimme, präsenter Bühnenwirkung und präziser Artikulation führt er durch die Handlung. Besonders in den schnellen, rhythmisch komplexen Passagen zeigt er seine Qualitäten: Das als große Shownummer inszenierte „Spendengelder fließen“ gelingt ihm mit spielerischer Leichtigkeit – wild, pointiert und dabei völlig mühelos. Alexander Franzen gibt einen machtbewussten, fast fanatisch wirkenden Juan Perón, der eher Stratege als Mensch ist. Seine Körpersprache ist kontrolliert, seine Bühnenpräsenz autoritär – Gefühle zeigt er lange nicht. Umso eindrucksvoller wirkt der Bruch, wenn er Evita bittet, auf das Amt der Vizepräsidentin zu verzichten: Plötzlich blitzt echte Sorge auf, Franzen spielt diesen Moment mit großer Emotionalität und innerer Bewegung – ein starker Kontrapunkt zur kühlen Fassade seines Perón. In der kleinen Rolle des Magaldi überzeugt Gerhard Werlitz mit der passenden Portion Schmierigkeit. Stimmlich sicher und darstellerisch pointiert zeichnet er das Bild eines Mannes, der genau weiß, dass sein Glanz vor allem auf Blendung beruht. Das große Ensemble sorgt gerade in den Massenszenen für eindrucksvolle Bilder – auf der weiten Bühne fast unverzichtbar. Das Ballett des Staatstheaters Augsburg tanzt schwungvoll und präzise. Die Choreografien von Ricardo Fernando verleihen dem Abend spürbaren lateinamerikanischen Rhythmus und Atmosphäre.
Auch wenn nicht jede Regieidee aufgeht, bietet „Evita“ am Roten Tor insgesamt solide Unterhaltung – mit starken Bildern, überzeugenden Hauptrollen und musikalischem Glanz durch die neue Symphonic Version. Für eine laue Sommernacht ist das eine stimmige Mischung aus Atmosphäre, Emotion und Schauwert. Kein großer Wurf, aber ein gelungener Abend mit Momenten, die nachwirken.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Musik | Andrew Lloyd Webber |
| Buch und Texte | Tim Rice |
| Deutsche Übersetzung | Michael Kunze |
| Musikalische Leitung | Sebastiaan van Yperen |
| Inszenierung | Florian Mahlberg |
| Choreografie | Ricardo Fernando |
| Bühne | Karel Spanhak |
| Kostüme | Nora Johanna Gromer |
| Dramaturgie | Sophie Walz |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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