Tobias Bieri (Frank Abagnale Jr.), Andrew Irwin (Frank Abagnale Sr.), Musical-Ensemble, Teil des Opernchors des Stadttheaters Bremerhaven © Heiko Sandelmann
Tobias Bieri (Frank Abagnale Jr.), Andrew Irwin (Frank Abagnale Sr.), Musical-Ensemble, Teil des Opernchors des Stadttheaters Bremerhaven © Heiko Sandelmann

Catch Me If You Can (2025)
Stadttheater, Bremerhaven

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In Bremerhaven zündet das turbulente Katz-und-Maus-Spiel „Catch Me If You Can“ in einer kurzweiligen Inszenierung, die die Stärken des Stadttheaters gut zu nutzen weiß und durch eine talentierte Gästeriege in den Hauptrollen besticht: Allen voran entpuppt sich Frank Josef Winkels als heimlicher Star des Abends.

Der Regisseur und Choreograf Till Nau punktet in seiner Version des Musicals gleich doppelt: Mit stimmungsvollen und nicht selten lustig-unterhaltsamen Choreographien kreiert er einige Hingucker, wobei vor allem die Gruppennummern „Jet Set“ mit einer Kolonne an aufgeweckten Stewardessen und Piloten, sowie „Was der Arzt verordnet“ mit einer Horde frivoler Krankenschwestern durch die Tänze und Bewegungsabläufe ein so großes Momentum aufbauen, dass es Szenenapplaus hagelt.

Auch aus Regiesicht hat Nau alles richtig gemacht: Er inszeniert das Stück, welches buchbedingt nicht unbedingt zu den straff und kongruent erzählten Musicals zählt, mit charakterfokussierter und fließender Perspektive, die es sogar vermag, einige Logiklücken des Skripts zu verkleinern und die für den Protagonisten relevanten Randfiguren in einen deutlicheren Fokus zu rücken. Die Geschichte um den Trickbetrüger Frank Abagnale Junior wandelt sich in dieser Inszenierung durch die konzentrierte, szenische Ausarbeitung der Charaktere seiner Eltern, seiner Flamme Brenda und vor allem des Polizeiagenten Carl Hanratty von einer oftmals eher egoperspektivischen Story zu einer facettenreichen Erzählung über Familie, Einsamkeit und die individuelle Suche jeder einzelnen Figur nach dem Glück. Trotzdem gelingt es dem Regisseur, den großen Comedy-Faktor wie einen roten Faden durch das Stück zu spinnen, sodass trotz weniger schwerfälliger Momente immer eine kurzweilige Unterhaltung gewährt bleibt. Diese Balance aus Tiefgründigkeit und charmanter Leichtigkeit verhilft Naus Inszenierung zu einem durchweg positiven Gesamteindruck.

Oftmals als überdimensionale One-Man-Show mit Glitzer und Prunk in Szene gesetzt, kommt „Catch Me If You Can“ in Bremerhaven mit weniger Pomp aus: Eine große, beleuchtete Showtreppe und mehrere Podeste werden gewinnbringend genutzt, um die Illusion der Show in der Show überzeugend zu zeichnen. Die Drehbühne des Hauses kommt zum Einsatz, um immer wieder neue Perspektiven und Blickwinkel zu eröffnen; auch die von der Bühnendecke kommenden weißen Vorhänge helfen in unterschiedlichen Einstellungen dabei, Räume zu öffnen und zu schließen. Dazu kommt Frauke Richters stimmiges Lichtdesign, das die reduziert angedeuteten Bühnenräume optisch aufwertet. Durch Lukas P. Wassmanns Bühnenbild, das die Möglichkeiten des Hauses gut nutzt, kann also ein passendes Gleichgewicht zwischen der Theaterrealität und der Glamourwelt der Geschichte gefunden werden. Auch Wassmanns Kostümbild fügt sich, mit einigen echten Hinguckern, in das visuelle Gesamtbild ein und repräsentiert die 1960er Jahre mit all den Berufsbildern, durch die sich Abagnale hindurchmogelt, einwandfrei.

Ein inszenatorisches Highlight, in dem alle Gewerke optimal zusammenkommen, ist der 11-o’clock-Song von Frank Junior „Good Bye“, in dem buchstäblich alle Vorhänge fallen und sämtliche Bühnenwände sich heben, sodass der Blick auf die große, leere, kalte Realität am Ende der Geschichte offenbart wird, aus der sich Frank nicht mehr entziehen kann: Umringt und bedrängt von den Gesichtern seiner Vergangenheit scheint er sich dem Publikum hilfesuchend anzuvertrauen und die vierte Wand einzubrechen: Ein starker Bühnenmoment, der in Erinnerung bleibt!

Die zwischen Swing, Jazz, Bossa Nova und Gospel changierenden Melodien der abwechslungsreichen, aber musikalisch für das recht moderne Stück von 2011 überraschend retrospektiven Partitur, setzt das große Orchester des Stadttheaters hervorragend um: Kraftvoll, nuanciert, im besten Sinne ausufernd und immer gefühlvoll vertonen die Musiker unter der Leitung von Tonio Shiga Marc Shaimans filmische Kompositionen. Auch das gesangsstarke Chorensemble weiß zu gefallen: Dem opernhaften Männerchor steht beispielsweise der Song „Jet Set“ verblüffend gut, und auch die große Eröffnungsnummer „Live und ganz in Farbe“ wird wohltuend stimmgewaltig dargeboten.

Große Teile der Darstellendenriege sind rollendeckend besetzt, wobei einige besonders positiv hervorstechen. Das fünfköpfige Musical-Ensemble, bestehend aus Ramona Helder, Nadja Kilchherr, Verena Kollruss, Valerio Croce und André Naujoks ist hervorragend bei Stimme und weiß sich, virtuos tanzend und stimmungsvoll schauspielend, optimal in Szene zu setzen: Es macht Spaß, die AkteurInnen in die unterschiedlichsten Rollen von Showdancer und Rabaukenschüler über Stewardess, Assistenzarzt bis hin zur sexy Krankenschwester oder verschrobenen Familienclan-Angehörigen schlüpfen zu sehen.

Iris Wemme-Baranowski gelingt mit ihrer schrulligen Darstellung der Carol Strong ein starker Comedy-Moment im zweiten Akt, als sich ihr Schwiegersohn in spe als etwas zu attraktiv für die verheiratete Lutheranerin herausstellt. Boshana Milkov gibt ihrer Paula Abagnale eine geschickte Mélange aus verzweifelter Hausfrau und sinnlicher Femme Fatale: Ihr Tanz mit einem neuen Verehrer, während sich ihr Ehemann zu „Der Nadelstreif“ selbst zelebriert, ist ein starker doppeldeutiger Moment, und ihr Showauftritt zu „Lass von dir hören“ in Judy-Garland-Manier gehört zu den großen Szenen des Abends. An ihrer Seite spielt Andrew Irwin das charmante Vorbild des Protagonisten, seinen Vater Frank Senior. Mit viel Swing und musikalischem Gefühl interpretiert er seine Duettszenen „Butter aus der Milch“ und „Kleiner Bub, sei ein Mann“ und trumpft am Ende des zweiten Aktes auch schauspielerisch auf, als er den rückkehrlosen Abstieg seiner Figur in die Alkoholsucht beklemmend und abstoßend mimt. Celena Pieper interpretiert Brenda Strong nicht als stilles Liebchen, sondern mit einer großen Portion Selbstbestimmung und Resolutheit. Ihr „Flieg ins Glück“ ist das gesangliche Highlight des Abends – auch wenn man, bei einem Blick auf Piepers bisheriges Oeuvre, nicht um den Gedanken herum kommt: Diese Power-Performerin kann viel mehr, als die Rolle ihr zugesteht.

Tobias Bieri als Hauptcharakter Frank Abagnale Junior führt charismatisch, schauspielerisch nuanciert und gesanglich einwandfrei durch seine turbulente Geschichte. Der Trickbetrüger-Charme kommt dem Darsteller scheinbar ganz natürlich, während er für die emotional tiefgreifenderen Szenen merklich an Intensität gewinnt: Der letzte Teil der Erzählung ab dem Song „Good Bye“ geht unter die Haut.

Der heimliche Star der Show ist allerdings Frank Josef Winkels als Carl Hanratty: Eine Figur, die allzu oft dazu zu verleiten scheint, staubtrocken, zynisch, wütend oder verbittert dargestellt zu werden, ist in Winkels Hand ein Feuerwerk der Emotionen. Verschroben, mit Marotten versehen, etwas kauzig mit kleinen Horst-Schlämmer-Anleihen, aber auch innerlich zerrissen, selbstironisch, hoffnungsvoll und mitfühlend wird Carl Hanratty durch den fantastischen Charakterdarsteller gezeichnet – und dazu singt er auch noch grandios, beispielsweise im fetzigen „Brich kein Gesetz“ oder dem anrührenden „Der Mann im Müll“, bei dem seine Figur greif- und nahbar wird. Hanratty scheint Winkels wie auf den Leib geschrieben worden zu sein und es ist ein Erlebnis, diese Darstellung zu verfolgen. Wer den Weg nach Bremerhaven für „Catch Me If You Can“ antritt, kann sich davon selbst ein Bild machen – bis Silvester diesen Jahres läuft die Wiederaufnahme des Musicals noch!

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungDavide Perniceni
Tonio Shiga
Inszenierung, ChoreografieTill Nau
AusstattungLukas P. Wassmann
 
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CAST (AKTUELL)
Frank Abagnale Jr.Tobias Bieri
Carl HanrattyFrank Josef Winkels
Brenda StrongCelena Pieper
Frank Abagnale Sr. / Doktor WanamakerAndrew Irwin
(Peter Kubik)
Paula AbagnaleBoshana Milkov
(Karin Seyfried)
CodMacKenzie Gallinger
(Marc Vinzing)
BrantonRóbert Tóth
Carol Strong / DirektorinIris Wemme-Baranowski
Robert Strong / Richter / MotelmanagerJames Bobby
Musical-EnsembleRamona Helder
Nadja Kilchherr
Verena Kollruss
Valerio Croce
André Naujoks
(Stefan Preuth)
in weiteren RollenYvonne Blunk
Kathrin Verena Bücher
Katharina Diegritz
Brigitte Rickmann
Iris Wemme-Baranowski
Elena Zehnoff
Anton Kononchenko
Vladimir Marinov
James Bobby
Patrick Ruyters
Thorsten Ossenfort
ChorOpernchor des Stadttheaters Bremerhaven
KomparsenStatisterie des Stadttheaters Bremerhaven
MusikPhilharmonisches Orchester Bremerhaven
  
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 01.02.2025 19:30Großes Haus, BremerhavenPremiere
Do, 06.02.2025 19:30Großes Haus, Bremerhaven
So, 09.02.2025 15:00Großes Haus, Bremerhaven
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