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Der originelle Ansatz des Theaters Lüneburg, das zu dem Lloyd-Webberschen Genre der Mega-Musicals zählende „Love Never Dies“ als mit stringenter Personenregie geführtes Rührstück mit Kammermusical-Flair zu inszenieren, stellt ein seltenes und mit vielen Diskrepanzen zum Original verknüpftes Wagnis dar. Regisseur Friedrich von Mansberg gelingt der mutige Schritt mithilfe seiner starken Besetzung.
Hierzulande wurde „Love Never Dies“ oder „Liebe stirbt nie“ bisher nur als Replika-Produktion in Hamburg, als konzertante Version in Wien und in einer freien Open-Air-Inszenierung in Magdeburg gezeigt. Der „Phantom der Oper“-Nachfolger ist auf dem Musicalmarkt also keineswegs einer Übersättigung nahe. Das hat Friedrich von Mansberg erkannt und als eine seiner ersten Amtstaten als neuer Intendant des Theaters Lüneburg, auch mit dem Ziel, das Genre Musical am Haus zu etablieren, das Stück in die possierliche Hansestadt geholt – mit dem Ehepaar Borchert-Heyne in den Hauptrollen, deren Zusammenarbeit mit dem Theater bereits im Vorjahr mit Wildhorns „Der Graf von Monte Christo“ früchtetragend verlief. Ergänzt wird die Cast durch weitere namhafte Gäste wie Oliver Arno und Anna Langner, sowie einen Haus- und Extrachor und die hauseigenen DarstellerInnen, die mitunter aus der Sparte des jungen Musicals des Theaters stammen. Beste Voraussetzungen also, um Andrew Lloyd Webbers Stilistik und visueller wie auditiver Opulenz Rechnung zu tragen.
Trotzdem entscheidet sich Friedrich von Mansberg für einen ungewöhnlichen Ansatz: Ganz intim, fokussiert und mit strikter Personenregie inszeniert er das im Original übergroße, gar ausufernde Stück, sodass es in Lüneburg mit Ausnahme weniger Szenen beinahe wie ein Kammermusical daherkommt. Er versteht es, mit ruhigen, behutsamen Bildern die unterschwelligen Emotionen so nuanciert herauszuarbeiten, dass sogar ZuschauerInnen, die mit der „Phantom“-Geschichte nicht vertraut sind, eine greifbare Charakterstudie der Protagonisten zu sehen bekommen. Dass es laut von Mansberg in diesem Musical um die Suche von sechs Menschen nach ihrem persönlichen Glück gehe, wird durch diese schnörkellose, pure Inszenierung greifbarer denn je. Kleine Momente wie die einzeilige Reprise „Lass den Schmerz vergehen“, die von allen Protagonisten im Verlauf der Geschichte gesungen wird, steigen so zu ergreifenden und tiefgehenden Schlüsselmomenten auf, die profunde Einblicke in die Charaktere gewähren. Dem eingefleischten Fan der Lloyd-Webber-Megastücke wird dieser Ansatz gegebenenfalls zu zaghaft, zu seicht dahinplätschernd und zu wenig dramatisch erscheinen; vielleicht fehlen dem einen oder anderen auch die großen Bühnenbilder, für die vor allem Lloyd Webbers spätere Stücke gefeiert werden. Gelingt es, sich von diesen Prägungen zu lösen oder gar in Bezug auf Lloyd Webbers Oeuvre ohne Erwartungen diese Inszenierung zu besuchen, erlebt das Publikum eine ganz neu gedachte, frische und emotional deutlich tiefgreifendere Theatererfahrung.
Benjamin Burgunders Kostüme sind an den richtigen Stellen stilvoll und setzen herrlich obskure Kontraste, vor allem bei der Einkleidung der zahlreichen schrägen Bewohner des Phantasma auf Coney Island. Viele, wenn auch nicht alle Kostüme vermitteln auch vom hinteren Auditorium noch einen hochwertigen Eindruck. Dass der Fundus offensichtlich etwas bunt zusammengemischt ist, funktioniert für die wenigen großen Gruppenszenen mit zirkusähnlichem Ambiente glücklicherweise gut. Auch wenn Christines Finalkostüm zum großen Solo „Liebe stirbt nie“ optisch nicht dem Original das Wasser reichen kann (und auch nicht darf, da sich in freien Inszenierungen vertragsbedingt bewusst von der Urproduktion abgehoben werden muss), ist das rote Ballkleid in der Lüneburger Inszenierung auch hier das Highlight aus dem Kostümbereich und sorgt für einen schönen Wow-Moment. Die optische Darstellung des Phantoms ist von allen Charakteren am nächsten am Original gehalten, und während sich auch bei der Kostümierung der Madame Giry an den Ursprüngen orientiert wird, werden vor allem Meg und Christines Darstellerinnen optisch nicht typverändert, um ihren West-End-Inkarnationen zu entsprechen, sondern dürfen natürlich auftreten.
Barbara Blochs Bühnenbild ist zweckdienlich: Eine über eine Wendeltreppe begehbare Empore fungiert in den meisten Szenen als das Refugium des Phantoms, der von oben die Geschehnisse in seinem Schattenreich überblickt. Wenige fahrbare, hochwertige und durchaus schöne Möbelstücke stellen mit wenigen, raschen Umbauten beispielsweise eine Bar, ein Hotelzimmer oder Christines Backstage-Garderobe dar. Aus dem Original bekannte, opulente Bühnenelemente wie die Kutsche, die das Ehepaar De Chagny vom Hafen abholt oder das Karussell des Freak-Kabinetts werden nur dezent angedeutet und lenken somit, ganz der Kammerspiel-Philosophie treu geblieben, nicht von der personenfixierten Handlung ab. Trotzdem gelingen in den Szenen „Coney Island“ und „Wo die Schönheit sich verbirgt“ mit dem Ensemble, mystischen Lichteinstellungen, leuchtend-glitzernden, quallenförmigen Laternen, großzügigem Bodennebel und drehbaren, labyrinthartig bewegten Spiegelblöcken durchaus auch große Musical-Bilder. Diese sind willkommene Sichtfelderweiterungen des ansonsten sehr klein und schlaglichtartig inszenierten, hochintensiven Bühnengeschehens. Genau wie die heitere „Badenixe“-Szene, die die düstere, langsam verlaufende und nicht selten ins Depressive abgleitende Handlung auch für Freunde seichteren Entertainments verdaulich macht. Olaf Schmidts Choreographien kommen, genau wie das Bühnenbild und die Lichttechnik, nicht aufdringlich daher und wirken zurückhaltend, geheimnisvoll, zum Teil bedrohlich. Gerade die jungen DarstellerInnen des Ensembles täten allerdings vor allem in diesen Szenen gut daran, noch an ihrer Körpersprache zu feilen – in den heiteren Szenen sprühen die Akteure nur so vor Energie und setzen Schmidts Choreographien makellos um, während sie in den mysteriös dahinwabernden Bewegungsabläufen sich oft etwas zu flapsig geben und diesen stimmungsvoll inszenierten Szenen eine Portion der Magie rauben.
Ein beherzter Griff an den Lautstärkeregler täte der Produktion insgesamt gut, wenngleich die Abmischung der Akteure untereinander sich erfreulicherweise als makellos erweist. Chor, Solisten, Ensemble und Orchestrierung übertönen sich nicht gegenseitig und sogar die großen Gruppennummern sind einwandfrei verständlich. Insgesamt hat Christoph Bönecker bei der Zusammenführung aller musikalischen Gewerke als musikalischer Leiter ganze Arbeit geleistet. Die Lüneburger Symphoniker unter Direktorin Anna Schurau und Konzertmeister Markus Menke agieren wunderbar und entlocken Lloyd Webbers opulenten Melodien trotz der Partitur, die eigentlich für 27-30 MusikerInnen geschrieben ist, auch mit 16 InstrumentalistInnen schöne Nuancen. Die beinahe melodramatische Emotionalität der Musik wird vor allem von den Streichern der Symphoniker hervorragend aufgefangen, während die Keyboards allen voran bei den rockigen Liedern des Phantoms zu voller Geltung kommen. Mit größerer Gesamtlautstärke hätte die gelungene Orchestrierung noch mehr an Momentum aufbauen können.
Sascha Littig, Sarah Hanikel und Steffen Neutze geben als Showtrio Gangle, Fleck und Squelch gleichermaßen charmante wie entrückte Showmaster, die ihren Figuren etwas mehr Persönlichkeit als buchbedingt vorgeschrieben verleihen können. Kirsten Patt spielt ihre Madame Giry vor allem mütterlich besorgt und schafft es, den antagonistischen Charakter ihrer Figur mit Menschlichkeit, subtiler Emotionalität, Contenance und nachvollziehbaren Gefühlsausbrüchen umzuformen – im großen Moment am Ende des ersten Aktes stößt sie allerdings am Premierenabend an ihre stimmlichen Grenzen. Oliver Arnos Figur Raoul bleibt buchbedingt etwas blass. Arno verkörpert seinen Vicomte greifbar melancholisch, doch hoffnungsvoll und für das Publikum sympathisch – sein Duett „Wer verliert, geht unter“ lässt mit Raoul mitfühlen, der dem Phantom offensichtlich unterlegen ist. Anneke Kramer als Gustave ist ein Energiebündel, das als eine Art Lichtgestalt durch die Geschichte begleitet wird. Durch ihr überzeugendes Stimm- und Körperspiel wird zu keinem Augenblick dietheatralische Behauptung infrage gestellt, sie sei ein kleiner Junge. Eine große Leistung, die Kramer mit glockenklarem Sopran in den anspruchsvollen Gesangspartien abrundet. Anna Langner als Meg Giry ist eine Offenbarung. Wie Langner es schafft, die Figur mit allzu nachvollziehbaren Gefühlen zu zeichnen, ist beeindruckend. Meisterhaft und so, als verkörpere sie ihre Meg mit allen Fasern, zeichnet sie den Weg von einer hoffnungsvollen Künstlerin, die nach der aufrichtigen Freude ob des Wiedersehens mit ihrer Kindheitsfreundin graduell nicht nur in Eifersucht auf Christine, sondern vielmehr in Weltschmerz und Wut auf das Phantom ihre gebrochene Seele offenbart. Neben ihrem fantastischen Schauspiel beweist sich Langner auch als hervorragende Sängerin und Tänzerin – sie ist rundum ein großer Höhepunkt dieser Inszenierung!
Thomas Borchert und Navina Heyne sind eine geradezu prädestinierte Kombination für das Phantom und seine Christine. Mit unendlicher Vertrautheit machen sie das verletzliche Band zwischen den beiden im Herzen verbundenen Menschen anrührend nachvollziehbar. Borchert darf hier emotional und schauspielerisch aus den Vollen schöpfen. Die Impulsivität seines Phantoms, die gänzlich gefühlsgesteuerte Gedankenwelt dieser in der Vergangenheit gefangenen Person bringt er so human auf die Bühne, dass sich der mystische Nebel um diese Schattengestalt endgültig lichtet. Was bleibt ist ein tragischer, gebrochener Mann, der nach einem Moment der Hoffnung auf ein Happy End für immer seelisch gezeichnet zurückbleibt. Sein Eingangslied mit späterer Reprise „So sehr fehlt mir dein Gesang“ phrasiert Borchert nicht wie beim Lloyd-Webber-Phantom typisch in lyrisch-opernhafter Manier, sondern wie einen von Herzen kommenden Appell, fast wie einen intimen Tagebucheintrag, an dem das Publikum teilhaben darf. Navina Heyne gibt trotz schlimmer Erkältung, wie der Intendant vor Beginn des Stücks offenbarte, eine gesanglich überwältigende Leistung. Sie ist eine ganz unprätentiöse, mütterlich motivierte und gleichermaßen vom vergangenen Jahrzehnt geläuterte wie ungebrochen liebevolle Christine, die merklich zwischen den Stühlen steht. Als sie am Ende, flankiert von Raoul und dem Phantom, die große Entscheidungshymne „Liebe stirbt nie“ singt, wird die innere Zerrissenheit ihrer Christine so deutlich, dass im Publikum kaum ein Auge trocken bleibt. Auch die letzten Zuschauer ergreift Heyne schließlich in der dramatischen und herzzerreißend als Understatement gespielten Todesszene, die die Dramatik und Menschlichkeit des Stücks abermals auf besondere Weise herausstellt und die Zuschauer sichtlich bewegt in den Abend entlässt.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Musik | Andrew Lloyd Webber |
| Buch | Glenn Slater Andrew Lloyd Webber Ben Elton |
| Texte | Glenn Slater Charles Hart |
| Musikalische Leitung | Tohar Gil |
| Inszenierung | Friedrich von Mansberg |
| Bühnenbild | Barbara Bloch |
| Kostüme | Benjamin Burgunder |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| Phantom | Thomas Borchert |
| Christine Daeé | Navina Heyne |
| Raoul | Oliver Arno |
| Madame Giry | Kirsten Patt |
| Meg Giry | Anna Langner |
| Squelch | Steffen Neutze |
| Gangle | Sascha Littig |
| Fleck | Sarah Hanikel |
| Gustave | Anneke Kramer Lotta Wroblewski |
| mit | Lüneburger Symphoniker Haus- Extra-Chor Musicalensemble der Akademie Junges Musiktheater |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Sa, 30.05.2026 20:00 | Theater, Lüneburg |
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 01.03.2025 - 30.05.2026 | Theater, Lüneburg | 19 x |
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