| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) |
Neben der starken deutschsprachigen Erstaufführung von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ bestreitet das Musicalensemble des Theaters für Niedersachsen in Hildesheim mit identischer Besetzung aktuell in seiner Spielzeit auch „Sweeney Todd“. Die bildgewaltige und symbolträchtige Version des Sondheim-Klassikers kommt so ambitioniert daher, dass sie für Gelegenheits-Musicalbesucher wahrscheinlich schwer verdaulich ist.
Sebastian Ellrichs Inszenierung steckt voller Bilder und Metaebenen: Die Schuldfrage, Moral und die Symbiose von Gut und Böse sind zweifelsfrei Themen und Motive, die im Stoff um den teuflischen Barbier von der Fleet Street zumindest hintergründig mitschwingen. Ellrich verbindet die Leitmotive mit der christlichen Lithurige, beispielsweise der biblischen Erbsünde und lässt die Kirche als beobachtende Figur im Stück auftreten: Mal anstachelnd, mal abwertend und oftmals gleichgültig, immer wortlos schreitet sie in der Geschichte umher, reicht beispielsweise Anthony und Johanna den Apfel aus dem Garten Eden und blickt als Marienstatue auf den sich selbst wegen seiner erotischen Fantasien auf seine Ziehtochter kasteienden Richter Turpin herab.
Ellrich, der auch die Bühne und Kostüme konzipiert hat, schafft so eine sehr besondere Interpretation, deren Fokus er auch durch die Ausstattung unterstreicht: Anfänglich sind die meisten Figuren in ein die Unschuld und Reinheit symbolisierendes Babyblau gehüllt – mit einzelnen roten Farbelemente, die für die Sünde, Fehlbarkeit und den Blutdurst der Menschen stehen. Während sich die kunstvollen und wirklich schönen Kostüme von Mrs. Lovett, Büttel Bamford, Tobias und Sweeney Todd über das Stück komplett in Rot verwandeln, bleiben die Gewänder des Richters und der Kirche gemischt blau und rot – nur die Kleidung von Anthony und Johanna, die die Unschuld verkörpern, bleiben bis zum Ende in Blau. So symbolträchtig dies auch ist: Warum sich einige Kostüme trotz jeweiliger Dynamik oder Statik der Figuren verändern und andere nicht, wird dabei nicht ganz klar. Warum beispielsweise das Kostüm von Pirelli in einem anderen Blauton gehalten ist, Tobias als unschuldiges Kind sich komplett in Rot wandelt und der Richter bis zum Ende vorwiegend blau gekleidet ist, lässt auch bei großen Interpretationsdiskussionen keine schlüssige Idee zu.
Andere Inszenierungsideen wirken dagegen wiederum so eindrucksvoll wie schlüssig: Tobias wird auf dem Jahrmarkt als von Pirelli über Schnüre kontrollierte Marionette dargestellt, während er später als Fürsprecher von Mrs. Lovetts Pastetenladen zwar nicht mehr gesteuert wird, aber mit denselben Schrittabläufen seine Werbung choreographiert – was zeigt, dass der Junge weiterhin fremdgesteuert wird, es aber selber nicht bewusst wahrnimmt. Büttel Bamford trägt einen Helm mit Gesichtsschutz, wodurch er wie ein Fußsoldat des Richters wirkt. Noch viel mehr, als er in einer Szene von Turpin an einer Leine herumgeführt wird. Als sich der Antagonist wegen seiner Begierden auf Johanna selbst züchtigt, entkleidet er sich, wobei er ein Unterhemd mit christlichem Kreuz entblößt, während die Marienstatue mahnend auf ihn zeigt. In Szenen mit Bewohnern von London hat das Ensemble große halbdurchsichtige Köpfe übergestülpt, die die wüste Masse anonymisiert und entindividualisiert – ein Element, das in Sweeneys Mordserie wieder aufgegriffen wird und unterstreicht, wie blind und wahllos der Barbier bei seinen zahlreichen Opfern vorgeht. Beim Epilog treten alle Darsteller in roten Hemden und ohne Hosen auf: Die buchstäbliche reine Weste haben sie hinter sich gelassen und sprichwörtlich die Hosen heruntergelassen. Ein starkes Bild im Sinne von Ellrichs Interpretation.
Das aus einem roten Gerüst bestehende, vor- und zurückschiebbare Bühnenbild wirkt beklemmend, geradezu klaustrophobisch und sorgt dafür, dass der visuelle Fokus stark gelenkt wird. Dabei wird die räumliche Aufteilung nicht ganz deutlich – gerade der Hauptschauplatz der Fleet Street, mit einem dreistöckigen Gebäude und der Konstruktion, die Todds Opfer vom Barbiersalon bis in den Keller befördert, wird dabei nur sehr rudimentär angedeutet und fordert vom Zuschauer einiges an Fantasie ab. Das von vorne etwas an ein Lastenregal erinnernde Gerüst erlaubt es auch Figuren außerhalb des Szenenfokus trotzdem in den einzelnen „Fächern“ der Konstruktion präsent zu sein – als repräsentiere das Gebilde die Stadt London und die Parallelität des Lebens dort. Im Zentrum des Bildes strahlt ein weißer Kreis, der wohl zum Teil einen christlichen Heiligenschein, oft mit viel Ironie eingesetzt, darzustellen sucht.
So interessant und bildreich Ellrichs Allegorie auf das Christentum auch ist – so ganz geht das Konzept an einigen Stellen nicht auf. Das sehr ambitionierte Vorhaben wirkt auf dieses Gothic-Musical nicht gänzlich passend, zum Teil weit hergeholt und dadurch über weite Strecken von der eigentlichen Handlung ablenkend. Für Musicalfans, die „Sweeney Todd“ schon in einer unverschnörkelten Inszenierung erlebt haben, ist dieser Ansatz ein interessanter anderer Blickwinkel. Aber für Gelegenheitsbesucher von Musicals oder Theatergänger, die das Stück noch gar nicht kennen, dürfte die Hildesheimer Version vermutlich deutlich zu abstrakt sein – diese haben sicherlich mit Sondheims anspruchsvollen Kompositionen und den schnellen Texten schon genug zu tun, der Geschichte zu folgen. Leicht bekömmliche Kost ist „Sweeney Todd“ rein thematisch nie, doch läuft Ellrichs Version Gefahr, die Geschichte vor lauter Interpretationen in den Hintergrund zu rücken.
So ganz souverän scheint sich auch das Ensemble als griechischer Chor in dieser Version nicht bewegen zu dürfen. Figurenzeichnungen bleiben zum Teil nebulös, Intentionen der Charaktere werden durch zu subtiles Schauspiel und die Ablenkungen durch die Symbolhaftigkeit der inszenatorischen Subebenen nicht deutlich herausgestellt, die Erzählweise wirkt mitunter verkrampft, der rote Faden der Figuren verläuft sich bis kurz vor Ende, sodass der klimatische Spannungsbogen erst gegen Schluss – in Form der Katastrophe – wieder die Kurve bekommt. Das Auge für Charakterdetails wirkt etwas trüb, so werden Akzente von Figuren nicht konsequent genutzt und brechen plötzlich weg, inhärent komisch-obskure Szenen zwischen Lovett und Todd kommen nicht zur vollen Wirkung, das musikalische Timing verursacht leichte Nöte, und die Dramatik der Geschehnisse scheint an die Hauptakteure nicht immer heranzukommen. Dabei sind zwischendurch durchaus starke Schauspielszenen zu sehen, die im Gedächtnis bleiben. Schön inszeniert sind die narrativen Ensemblenummern, in denen durch dramatisches, grelles Gegenlicht eine gespenstische Stimmung suggeriert wird, die vom Ensemble hervorragend getragen wird. Die Mordszenen sind allesamt markerschütternd brutal gespielt und auch eine Verge?altigungsszene macht betroffen. Musikalisch ist die Umsetzung durch die achtköpfige Band zwar sauber, klingt aber für Sondheims epochale Melodien zuweilen recht dünn, was auch auf das lediglich zehnköpfige Ensemble in den Gruppennummern unweigerlich zutrifft. Darstellerisch ist es dennoch erstaunlich, dass nur zehn Personen ein oftmals opulent besetztes Broadwaystück überhaupt so umfassend bestreiten können – was vom großen Talent des Musicalensembles in Hildesheim zeugt.
Elisabeth Köstner hat als personifizierte Kirche keinen Sprechtext, doch macht sie ihrer Präsenz durch intensives Blickspiel gewahr. Ömer Örgey gibt den verträumten Anthony zart und leidenschaftlich. Jack Lukas verleiht seinem Tobias einen Schwermut und mimt den Wandel von zwanghafter Freude zu tiefer Sorge bis hin zum tief traumatisierten Psychopathen eindrucksvoll. Jürgen Brehm, der im engmaschigen Wechsel als Hauptdarsteller von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hervorragend differenziert spielt, kann hier mit durchweg exzentrischem Schauspiel auch ohne Nuancen als Pirelli überzeugen. Samuel Jonathan Bertz gibt als Büttel Bamford einen guten Zuspieler für Karsten Oliver Wöllm, der Richter Turpin verkörpert. Mit expressivem Spiel, das vor allem in der Dramatik überzeugt und einer beinahe widerlichen Zärtlichkeit lässt letzterer seine Figur zu einem überzeugenden Antagonisten werden, dessen Tod das Publikum fast schon mit Erleichterung erfüllt. Katharina Wollmanns Bettlerin Lucy ist als gepeinigte Seele auf der Bühne nahezu dauerhaft präsent und wirkt wie eine machtlose Helferin am Tatort, deren verzweifelte Versuche, die Geschehnisse zu lenken, nicht gesehen werden. Eindrucksvoll verkörpert Wollmann die vielleicht tragischste Figur der Geschichte.
Das gesangliche Highlight des Abends kommt in Gestalt von Annemarie Purkert als Johanna daher, die spontan für Lucía Bernadas Cavallini eingesprungen ist – und das, obwohl sie aktuell zur Cast der Ensuite-Produktion „Abenteuerland“ gehört. Sie begeistert mit starkem Sopran und leidenschaftlichem Schauspiel und lässt nicht mal im Ansatz erahnen, dass sie als ‚Notfallplan‘ auf der Bühne steht. Silke Dubilier verfolgt als Mrs. Lovett einen ungewohnten Ansatz. Wenig verrückt oder entrückt, ganz ohne Wahnsinn trotz ihres unmenschlichen Schaffens interpretiert sie die Pastetenbäckerin als etwas rotziges, abgebrühtes Tantchen von Nebenan – eine, die wohl jeder im Publikum kennt. Ganz ohne Theaterduktus wirkt ihre Interpretation zuweilen etwas flapsig, und an diesem Abend hat sie mit den oft kaum hörbaren Einsätzen aus Sondheims Partitur so ihre Schwierigkeiten. Trotzdem trumpft sie auch mit starken Szenen auf, allen voran dem Lied „An der See“, bei dem sie über Sweeney Todd herfällt. Daniel Wernecke gibt als Sweeney Todd eine solide Performance, die vor allem in den Mordszenen seine Höhepunkte findet – so ganz wird die Tragik und Dramatik seiner Figur bis kurz vor Ende der Geschichte aber, mitunter auch inszenierungsbedingt, nicht greifbar.
Bei allem Für und Wider dieser Inszenierung ist festzuhalten: Düster und blutrünstig geht es allemal auch in dieser ungewöhnlichen Version, die auch auf Tour gehen wird, zu. Zweifelsohne wird sie ihre Liebhaber finden.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Andreas Unsicker |
| Inszenierung, Ausstattung | Sebastian Ellrich |
| Mitarbeit Ausstattung | Patrizia Bitterlich Nadine Dannemann |
| Choreografie | Dominik Büttner |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) | |||
| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sweeney Todd | Daniel Wernecke |
| Mrs. Lovett | Silke Dubilier |
| Anthony Hope | Ömer Örgey |
| Richter Turpin | Karsten Oliver Wöllm |
| Johanna | Lucía Bernadas Cavallini |
| Büttel Bamford | Samuel Jonathan Bertz |
| Die Bettlerin | Katharina Wollmann |
| Pirelli / Mr. Fogg | Jürgen Brehm |
| Tobias | Jack Lukas |
| Die Kirche | Elisabeth Köstner |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) | |||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|



















| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) | |||
| TERMINE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| keine aktuellen Termine |
|---|
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Termine (Archiv) | |||
| TERMINE (HISTORY) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.

