Immer wieder schafft es das Regent’s Park Open Air Theatre, seine Sommerproduktionen in der Londoner Innenstadt zu verlängern – meist in Form einer Wiederaufnahme am Barbican Centre. In diesem Jahr ist es „Fiddler on the Roof“, das den Sprung vom idyllischen Freilufttheater in die kühle Architektur des West Ends geschafft hat. Trotz der ursprünglich für draußen konzipierten Inszenierung und ihrer bewusst reduzierten, fast kargen Ästhetik entfaltet das Stück auch im Barbican Centre seine volle Wirkung. Die begrenzten bühnentechnischen Möglichkeiten erweisen sich nicht als Nachteil – im Gegenteil: Im Einheitsbühnenbild, in dem die Darsteller auch dann sichtbar am Rand verweilen, wenn sie gerade nicht spielen, entsteht fast ein kammerstückartiger Charakter. Die Inszenierung erinnert in ihrer Form an das Brechtsche Theater und macht „Fiddler on the Roof“ zu einer stillen, eindringlichen Parabel über den Wandel der Zeit.
Wer „Fiddler on the Roof“ in opulenter Stadttheatertradition mit großem Chor, vollem Orchester und einer Bühne voller Dorfbewohner kennt, wird hier bewusst überrascht. Die Inszenierung von Jordan Fein verzichtet auf jedes folkloristische Übermaß und reduziert das Geschehen auf das Wesentliche: eine kleine Gruppe von Menschen, ein gemeinsamer Raum, ein universelles Thema. Im Zentrum steht der Generationenkonflikt – Tevjes Ringen mit einer sich wandelnden Welt, die ihm zunehmend fremd wird. Fein betont diesen inneren Konflikt durch eine klare szenische Idee: Der titelgebende Fiedler wird zum Alter Ego Tevjes. Nur er kann ihn sehen, nur mit ihm tritt er in Dialog. Gleich zu Beginn steht der Geiger auf dem Dach und spielt das bekannte Solo. Später, wenn Tevje den Kontakt zu seiner Tochter Chava abbricht, prallt deren Klarinettenspiel – neu hinzugefügt in der Inszenierung von Fein – in einem wilden Duett auf den Fiedler – ein musikalischer Bruch, der den emotionalen Graben greifbar macht. Am Ende bleibt Chava allein auf dem Dach zurück und spielt die Melodie des Fiedlers – ein stilles Zeichen dafür, dass die Traditionen weitergetragen werden, wenn auch in neuer Form.
Neben dem innerfamiliären Konflikt tritt im zweiten Akt zunehmend das Thema politischer Druck und Zwangsvertreibung in den Vordergrund. Auch hier bleibt die Inszenierung reduziert, fast nüchtern – und gerade dadurch umso eindringlicher. Die Bühne verändert sich formal nicht, wirkt aber zunehmend enger und bedrückender. Das Bühnenbild von Moi Tran verstärkt diese Entwicklung wirkungsvoll: Der Spielraum ist von hohen, goldenen Getreidefeldern an den Seiten eingefasst, darüber spannt sich ein flaches Dach aus Korn, in dessen Mitte ein abgestorbener Baum steht. Die wenigen Requisiten, die etwa Tevjes Haus oder das Gasthaus markieren, werden hereingetragen und verschwinden wieder – alles wirkt provisorisch, vergänglich. Mit fortschreitender Handlung senkt sich das Dach Stück für Stück ab und verengt den Raum optisch wie atmosphärisch. Besonders eindrücklich gelingt diese Verdichtung im Finale des ersten Akts: Als Zeichen staatlicher Machtdemonstration stürmen Polizisten mit Fackeln die Bühne, zerstören Mobiliar, reißen Dekorationen herunter. Während das Chaos seinen Höhepunkt erreicht, steigen Rauchschwaden aus dem Getreidedach auf, bevor die Felder an den Seiten und über den Köpfen blutrot zu glühen beginnen.
Die Ensembleleistung liegt durchweg auf hohem Niveau – dem Londoner Standard entsprechend. Auch in den kleineren Rollen gelingt es den Darstellern, ihren Figuren individuelle Konturen zu verleihen und damit eine glaubhafte Dorfgemeinschaft zu formen. Dan Wolff gibt einen trotteligen, dabei ungemein liebenswerten Schneider Mottel. Daniel Krikler bringt als Perchik spürbar die neue Welt mit, in der sogar Frauen mit Männern tanzen. Toby Turpin zeichnet den Rabbi-Sohn Mendel als beinahe schon hysterisch konservativen Eiferer, während Mark Faith als Rabbi selbst mit stoischer Ruhe den Gegenpol bildet. Natasha Jules Bernard (Tzeitel), Georgia Bruce (Hodel) und Hannah Bristow (Chava) überzeugen nicht nur stimmlich, sondern wirken in ihrer Dynamik so vertraut, als wären sie tatsächlich Schwestern.
Beverley Klein ist als Heiratsvermittlerin Yente mit sichtlicher Spielfreude dabei. Ihre Szene rund um den Brief aus Sibirien gerät zum komödiantischen Höhepunkt: Weil sie den Brief längst gelesen hat, verbreitet sich durch ihre Plauderei ein immer absurderes Gerücht, das schließlich in der Behauptung gipfelt, Frauen würden jetzt mit Männern tanzen – und alles hätte mit Hodels Brief begonnen. Adam Dannheisser ist das emotionale Herzstück der Inszenierung. Er spielt Tevje als liebevollen, strengen Patriarchen, der seinen Töchtern letztlich doch keinen Wunsch abschlagen kann. Sein feiner Sinn für Humor zeigt sich besonders in der Zwiesprache mit Gott: Mimik, Timing und Gestik sind präzise gesetzt, nie zu viel – und lockern die sonst oft düstere Grundstimmung auf, ohne sie zu brechen. Ein Höhepunkt ist die Szene, in der Tevje vorgibt, von einem Albtraum heimgesucht worden zu sein: Mit sichtlicher Spielfreude „inszeniert“ er den Auftritt von Großmutter Tzeitel, die bestimmt, dass nicht Lazar Wolf, sondern der Schneider Mottel der richtige Bräutigam für seine Tochter Zeitel sei. Wie Dannheisser dabei das Ensemble anleitet, Übergänge steuert und den Traum im wahrsten Sinne selbst auf die Bühne bringt, ist präzise gebaut und komödiantisch auf den Punkt. Lara Pulver ist als Golde das ideale Gegenstück zu Tevje: bodenständig, beinahe stoisch, holt sie ihren aufbrausenden Ehemann immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ohne große Gesten oder Emotionen spielt sie die starke Frau im Hintergrund – präsent, aber nie dominant. Gesanglich harmonieren Pulver und Dannheisser hervorragend, besonders in ihrem gemeinsamen Duett „Do You Love Me?“, das zu einem stillen, aber tief berührenden Moment des Abends wird.
Das Orchester besteht aus nur wenigen Musikern, die im Bühnenhintergrund sitzen und während der gesamten Aufführung sichtbar bleiben. Diese offene Platzierung verstärkt den provisorischen, fast improvisierten Charakter der Inszenierung: Auch hier bleibt nichts, wie es war – alles ist vorübergehend. Die musikalischen Arrangements sind sensibel auf die kleine Besetzung abgestimmt und unterstreichen den kammermusikalischen Eindruck des Abends. Im Zentrum steht dabei Raphael Papo als Fiedler. Er eröffnet die Inszenierung mit einem eindrucksvollen Solo auf dem Dach, bleibt durchgehend präsent und wird zu einer stummen, aber bestimmenden Figur an Tevjes Seite. Raphael Papo ist somit weit mehr als reines Beiwerk – sein Spiel trägt die erzählerische und emotionale Struktur des Abends mit. Orchester und Geiger sind dabei nicht nur Begleitung, sondern integraler Teil der Erzählung – präzise, zurückgenommen und dadurch umso eindringlicher.
Was wie eine bewusst reduzierte Inszenierung beginnt, entfaltet mit jeder Szene eine tiefere Schicht: eine Parabel über Aufbruch, Verlust und das Zerbrechen von Gewissheiten. Jede Entscheidung – vom Einheitsbühnenbild über die ruhige Erzählweise bis hin zum sichtbaren Orchester – zahlt auf diesen Gedanken ein. Somit ist „Fiddler on the Roof“ im Barbican Centre ein stilles, eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit im Angesicht des Wandels. Sie zeigt, wie fragil Gemeinschaft wird, wenn äußere Kräfte sie unter Druck setzen – und wie leicht Tradition zum Streitpunkt zwischen den Generationen werden kann. Nicht jede Veränderung, die modern erscheint, führt automatisch in eine bessere Zukunft.
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