Tyler Steele (Mustapha Bey), Femke Soetenga (Daisy Parker Darlington), Mario Zuber (Aristide de Faublas) und Ensemble © Hannah Hilger
Tyler Steele (Mustapha Bey), Femke Soetenga (Daisy Parker Darlington), Mario Zuber (Aristide de Faublas) und Ensemble © Hannah Hilger

Ball im Savoy (seit 06/2023)
Festhalle Pirmasens

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Die Kammeroper Köln hat in ihrer aktuellen Tourproduktion in Zusammenarbeit mit der Deutschen Musical Company die 1932 uraufgeführte frivole Operette “Ball im Savoy” zu einem dramaturgisch gestrafften, kurzweiligen und von vielen altbackenen Klischees befreiten Theatervergnügen aufpoliert, das so auch nach 90 Jahren noch die Lachmuskeln im Publikum strapaziert. Dabei bricht Paul Abrahams Werk besonders in dieser Inszenierung die Genre-Grenzen und ist unter der Regie von Vanni Viscusi eher im Bereich Musical angesiedelt.

Abrahams schaut mit seiner Musik weit über den Tellerrand der klassischen Operette hinaus. Er inkorporiert beim “Ball in Savoy” einen Hauch von Broadway sowie eine ganze Menge Jazz, was das Stück für seine Zeit zur Avantgarde zählen lässt und durchaus als eines der Werke angesehen werden kann, das eine frühe Brücke von der Operette zum neuen Genre Musical schlägt. Sowohl dem Komponisten als auch den beiden Librettisten des Stücks, Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, wurden die historischen Entwicklungen zum Verhängnis: Nur ein Jahr nach der Uraufführung von “Ball im Savoy” ergriffen die Nazis die Macht und die Werke von Abraham, Grünwald und Beda wurden als “entartet” eingestuft und verboten. Abraham und Grünwald begaben sich auf die Flucht, während Beda im KZ Auschwitz umkam. Mittlerweile ist “Ball im Savoy”, das von einer unbeschwerten und bunten Zeit vor den düsteren Kriegswirren erzählt, glücklicherweise in rekonstruierter Form wieder auf internationalen Bühnen zu sehen.

Das frisch vermählte Paar Aristide und Madeleine, aus gut situierten Adelsverhältnissen stammend, veranstaltet nach ihrer Heimkunft in Nizza eine große Feier, zu der sie Freunde und Verwandte laden: So treffen unter anderem Madeleines Cousine Daisy und Aristides guter Freund, der Botschafter Mustapha Bey bei der Feier ein. Aristide erreicht ein Telegramm einer verflossenen Ex-Freundin, die sich mit ihm auf dem Ball im Savoy, der im Anschluss an die Hochzeitsfeier stattfindet, zu treffen gedenkt. Zusammen mit Mustapha versucht Aristide, das Treffen ohne Madeleines Wissen zu arrangieren, verstrickt sich aber dabei in offensichtliche Lügen. Daisy und Madeleine schöpfen Verdacht und beschließen, dem Ball ebenfalls beizuwohnen. Dabei will Daisy, die sich ein Alter-Ego als weltbekannter Komponist Pasodoble erarbeitet hat, obendrein im Savoy ihre wahre Identität als Frau hinter dem berühmten Namen der Öffentlichkeit zu erkennen geben. Der flamboyante Mustapha hat ein Auge auf die schillernde Daisy geworfen und erschwert mit aufkeimenden Gefühlen ihr Vorhaben. Madeleine beschließt indes, sich an ihrem vermeintlich untreuen Ehemann zu rächen und Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Die Ereignisse verketten sich und es entsteht eine turbulente und frivole Liebeskomödie, bei der am Ende die Frage “Was hat eine Frau von der Treue?” humoristisch überaus wirksam geklärt wird.

Den eigentlichen Dreiakter hat die Regie unter Vanni Viscusi glücklicherweise zu zwei Akten deutlich zusammengekürzt. Die Handlung ist deutlich gestrafft und Viscusi gelingt es somit, sich vieler der buchbedingten Längen des Originals zu entledigen. Die gesamte Inszenierung erhält merkliches Tempo und die heitere Stimmung des Stücks wird dadurch zudem dauerhaft aufrechterhalten. Einige aus heutiger Sicht problematische oder nicht mehr zeitgemäße Themen, Charakterisierungen und Librettopassagen sind in dieser Inszenierung dankenswerterweise gestrichen oder abgeändert worden, wodurch das doch sehr in die Jahre gekommene Originalbuch auch im Jahr 2024 noch genossen werden kann. Natürlich bleiben aus humoristischen Gründen einige bisweilen platte Klischees bestehen, wie die latinahafte Darstellung der Tänzerin Tangolita, wovon sich aber auch moderne Musicals kaum freisprechen können.

Insgesamt wirkt Viscusis Inszenierung dynamisch, bunt und schillernd. Dazu tragen auch Viscusis schwungvolle Choreographien bei, die mit überzeichneten Tanzschritten und übergroßen Schritt- und Gestikabläufen vor allem auch dem Witz des Stückes zu Gute kommen. Gesa Grönings Kostüme versprühen sowohl Revue- als auch Gatsby-Flair und versetzen in die Zeit der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, was der Inszenierung genauso gut zu Gesicht steht wie Jörg Brombachers Pop-Up-ähnliches und von Art-Déco inspiriertes Bühnenbild, das aus verschiedenen beweglichen Elementen besteht und so das Geschehen im Savoy stimmungsvoll einrahmt. Stellenweise scheinen die Mitwirkenden mit dem Umbau der Bühnenelemente etwas überfordert und hektisch – dabei muss allerdings gesagt werden, dass das für eine Tourproduktion sehr umfangreiche Bühnenbild beinahe täglich auf jeweils anderen Bedingungen vorgebenden Bühnen bestehen muss und allen Akteuren im Handling somit einiges abverlangt.

Andreas Schmidts Lichtdesign besticht durch facettenreiche Einstellungen, fügt sich nahtlos in das Gesamtbild ein und unterstreicht ebenfalls den musical- und revuehaften Charakter dieser Inszenierung. Das Tondesign von Rubén Fernández del Campo rundet das stimmige Bild ab. An besuchten Vorstellungsabend gab es einige verkraftbare Mikrofonprobleme, die vor allem durch knackende Störgeräusche einiger Akteure in den Tanzchoreographien auffielen, aber die Tonabmischung in ihrer Gänze gelingt erfreulich gut: Darstellerstimmen werden sowohl in Einzel- oder Ensemblenummern als auch in ihren Sprechparts stets verständlich und sauber ins Auditorium übertragen. Selbiges gilt für die Musik des Orchesters der Kölner Symphoniker, das unter der Leitung von Esther Hilsberg-Schaarmann zu Höchstleistungen motiviert wird und durchweg für eine wunderbare musikalische Untermalung sorgt.

Das gesamte Ensemble ist vortrefflich besetzt und punktet vor allem im komödiantischen Bereich mit körperlich wie mimisch ausdrucksstarkem Schauspiel. Mario Zuber überzeugt darstellerisch und gesanglich auf ganzer Linie. Er glänzt vor allem in den Momenten, in denen seine Figur Aristide aus der Reserve gelockt wird und seine immer wieder ausbrechende Nervosität sich mit seiner forcierten Bewahrung der Contenance abwechselt, was wirklich witzig anzusehen ist.

Nicola Becht als Madeleine überwältigt stimmlich mit ihrem glockenklaren Sopran, den sie mühelos in höchste Höhen führt, wobei der Song “Tourjours l’amour” besonders zu gefallen weiß. Urkomisch ist ihr Zusammenspiel mit Christoph Loebelt, der ihren kurzweiligen Liebhaber Celestine spielt. In einem beinahe wahnhaften Wechselbad der eigenen Gefühle räkeln sich die beiden komplett enthemmt und überaus unbeholfen im Séparée – da bleibt kein Auge trocken!

Tiziano Edini gibt einen überzeichnet trockenen, Gesichtskirmes vollführenden Butler, der dieser kleinen Rolle so viel Charme, Esprit und Komik verleiht, dass sie im Gedächtnis bleibt. Auch Sofia Coretti als Tangolita gefällt stimmlich in ihrem Solo “La Bella Tangolita”. Ihr gelingt durch ihr überzeichnet expressives Spiel ein komödiantischer Höhepunkt in ihrer Rolle der Klischee-Latina.

Tyler Steele als Mustapha Bey ist ein wahres Energiebündel, bei dem jede Bewegung, jeder Blick, sein gesamter Duktus und die überzeichnet expressiven Komik, die seine Rolle versprüht, auf den Punkt genau passt. Seine Bühnenpräsenz ist so stark, dass er die Blicke des Publikums immer wieder auf sich zieht und seine Figur zum heimlichen Star des Stückes machen lässt. Selbiges gelingt Femke Soetenga. Sie versieht die mit Anglizismen um sich werfenden Daisy mit einem herrlichen trockenem Humor und sorgt auch mit ihrer gekonnt überzogenen Mimik und Gestik immer wieder für Lacher. Ihr Zusammenspiel mit Steele ist das Highlight des Abends. Die beiden spielen sich in einer irrwitzigen Dynamik gegenseitig in neue, von Lachsalven begleitete Comedy-Höhen, wenn sich ihre Figuren der lustvollen Fantasie und grunzenden Wolllust hingeben. Dabei gehören Soetenga zudem alle Stimmungsmacher im Songpool des Stücks: Steele bereitet mit seinem beschwingten “Am Bosporus” den Weg zu Soetengas erstem jazzigen Auftritt mit dem Tanzlied “Känguru”, womit ihre starke Musical-Stimme endgültig vergessen lässt, dass es sich bei “Ball im Savoy” ursprünglich um eine Operette handelt. Die drei Duette mit Steele sind allesamt Ohrwürmer und Gassenhauer: Von “Oh, Mister Brown” über “Es ist so schön, am Abend bummeln zu geh’n” bis hin zu “Ich hab mich halt verliebt in dich!” überzeugt das Duo gesanglich, tänzerisch, schauspielerisch und komödiantisch auf ganzer Ebene. Ein besonderer Höhepunkt, bei dem alles besonders gut zusammenwirkt und der wegen der opulenten Revuebilder, Soetengas Bühnenpräsenz und der schwungvollen Choreographie im Gedächtnis bleibt, ist der Opener des zweiten Aktes “Niagara Fox”.

Diese Tourproduktion verspricht einen wunderbar kurzweiligen, inszenatorisch gewitzten und das Original großzügig vom Staub der Zeit befreiten Theaterabend.

 
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KREATIVTEAM
MusikPaul Abraham
LibrettoAlfred Grünwald
Fritz Löhner-Beda
Musikalische LeitungEsther Hilsberg-Schaarmann
Regie / ChoreographieVanni Viscusi
Co-RegieJan-Philip Hilger
BühneJörg Brombacher
KostümeGesa Gröning
LichtAndreas Schmidt
TonRubén Fernández del Campo
 
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CAST (AKTUELL)
MadeleineNicola Becht
Marquis Aristide de FaublasMario Zuber
Daisy DarlingtonFemke Soetenga
Hannah Rühl
Mustafa BeiTyler Steele
TangolitaSofia Coretti
ArchibaldMatthias Brandebusmeyer
Monsieur Albert / MauriceHans-Arthur Falkenrath
EnsembleSofia Coretti
Giovanni De Domenico
Tiziano Edini
Jessica Falceri
Christoph Loebelt
Kira-Luisa Reinhard
Ewa Skalska
Annika Stumpp
Anna Vogt
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 03.06.2023 19:00Rathaussaal Porz, Köln
So, 04.06.2023 15:30Rathaussaal Porz, Köln
Mi, 10.01.2024 20:00Schwabenlandhalle, Fellbach
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