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Uraufführung

Wüstenblume

Wenn der Regen fällt und die Wüstenblume erblüht


© Andreas J. Etter
© Andreas J. Etter
Gil Mehmerts Inszenierung von "Wüstenblume" über die Lebensgeschichte von Waris Dirie überzeugt, wühlt auf und hallt nach. Die stimmige Komposition von Uwe Fahrenkrog-Petersen wartet mit mehreren Songs mit Hitpotential auf. Eine starke Besetzung rundet den guten Gesamteindruck ab. Dem Theater St. Gallen ist in der Umsetzung dieser tiefgründigen Thematik wiederum eine ausgezeichnete Uraufführung gelungen. Ein Stück, von dem man nur hoffen kann, dass es bald auch an anderen Standorten zu sehen sein wird.

(Text: Simone Jaccoud)

Premiere:22.02.2020
Rezensierte Vorstellung:22.02.2020
Dernière:24.05.2021


"Es sind 8000 Mädchen – nicht, seitdem es mir geschah – nein, 8000 täglich! Und nicht nur in Afrika. Es ist überall auf dieser Welt. Wir stell’n uns taub und blind, doch 8000 Mal am Tag verstümmelt man ein Kind." Aufwühlend und eindringlich singt Kerry Jean als Waris Dirie am Schluss des Stückes diesen kraftvollen Song mit eindringlichem Text von Frank Ramond. Allein steht sie auf dem Laufsteg, der in den Zuschauerraum führt, an einem Mikrofon - eine Anlehnung an die UN-Rede von Waris Dirie. Hinter ihr steht das sichtlich betroffene Ensemble, welches einen Teppich aus weißem Papier mit angedeuteten Blutflecken einer Beschneidung zerreißt und zusammenknüllt.

© Andreas J. Etter
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Die Regie und das Buch von Gil Mehmert stellt das Leben von Waris Dirie in den Mittelpunkt. Angefangen mit einer Rückblende in ihre Kindheit, der Flucht vor einer Zwangsheirat ins lebendige London der 80er-Jahre, wo sie bei der Somalischen Botschaft als Dienstmädchen und als Aushilfe in einem Schnellimbiss-Restaurant arbeitet. Ihre Entdeckung als Model und die internationale Karriere lockern die Ernsthaftigkeit der Thematik auf. Die Gratwanderung zwischen dem Erzählen der Lebensgeschichte und dem Sensibilisieren auf das Grundthema weiblicher Genitalverstümmelung gelingt. Die Inszenierung ist immer dann am stärksten, wenn es um das Thema Beschneidung geht. Diese Szenen sind vorwiegend leise und kraftvoll. Bei einer Überarbeitung des Stückes könnten gewisse Szenen (z.B. die „James Bond und das Model Szene“) gestrafft und dem inneren Kampf der Hauptperson noch mehr Raum gegeben werden.

Die Partitur von Uwe Fahrenkrog-Petersen überzeugt mit vielen Klangteppichen zum Thema Afrika und dem Pop/Rock-Sound der 80er-Jahre. Augenzwinkernd wird mit dem Clubmix des Welthits "99 Luftballons" von Fahrenkrog eine Szene in einem Londoner Club untermalt. Außerdem sind mehrere Songs mit Hitpotential auszumachen (z.B. "So wirst du Frau", "Wüstenblume", "Robinson Crusoe", "Achttausend"). Eine begeisternde Komposition des Hitkomponisten und Musical-Newcomers, die unter die Haut geht und unterhält. Fahrenkrog-Petersen hat eine Band zusammengestellt, die seine Musik mit viel Elan und Einfühlungsvermögen umsetzt. "Wüstenblume" wurde wie "Matterhorn" von Koen Schoots überzeugend arrangiert. Seine Musical Supervision ist eine optimale Ergänzung des Produktionsteams.

Die Texte von Ramond berühren, unterhalten und sind rund. Themen wie die Beschneidung oder die Bedeutung des Namens von Waris Dirie (Wüstenblume) sind sensibel und punktgenau geschrieben: "Du spürst das Kind in dir verglühen - alles blutrot im Morgengrauen - so wirst du sauber - so wirst du Frau…", "Wenn der Regen fällt in der Wüste und die Wüstenblume erblüht…".

Das Bühnenbild von Christopher Barreca ist einfach, jedoch sehr effektiv gehalten. Die Bühnenwände lassen sich aufklappen und können in neue Räume verwandelt werden. Requisiten werden von den Darstellern selbst getragen. Die Wechsel der Szenen sind dadurch zügig und fließend. Projektionen auf einem durchsichtigen Vorhang und einer Leinwand ergeben schöne farbenfrohe Bildkreationen.

Die Kostüme von Claudio Pohle spiegeln die afrikanische Welt in bunten Farben wider; die 80er Jahre kommen in Blautönen daher, mit glitzernden und fantasievollen Hinguckern, die Diries Modelkarriere untermalen. Jonathan Huors Choreografie ist ebenso den verschiedenen Attributen zugeordnet und fügt sich gut in die Szenen ein. Ein gutes, spielfreudiges Ensemble wurde für "Wüstenblume" gecastet, das gesanglich, schauspielerisch wie auch tänzerisch überzeugt.

© Andreas J. Etter
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Starke Frauenrollen prägen das Stück. Dionne Wudu als Freundin Marilyn ist stimmlich und schauspielerisch charaktervoll. Ihre Authentizität ist begeisternd. Auch Terja Diava als Diries Mutter verleiht ihrer Rolle viel Tiefe und singt mit angenehmem Timbre.

Die Rolle der Waris Dirie selbst wird von zwei Darstellerinnen geteilt. Naomi Simmonds als junge quirlige Waris ist stimmsicher und verkörpert die dramatischen Szenen authentisch und ergreifend. Kerry Jean als erwachsene Dirie agiert mit viel Stolz und Kraft. Ihre Stimme ist stark und warm. Ihre Interpretation ist äußerst echt, intensiv und mit eigenen Aspekten versehen. Dass sie sich sehr mit der Thematik auseinandergesetzt hat, spürt man in jedem Moment, den sie auf der Bühne steht. Eine nachhaltig im Gedächtnis bleibende Darstellung.

Jogi Keiser als wortkarger, alkoholkranker Scheinehemann liefert den Showstopper des Abends. Seine Interpretation des Songs "Robinson Crusoe" ist packend. Was Keiser stimmlich und schauspielerisch bietet, ist unglaublich roh und berührend. Zu Recht wird er vom Premierenpublikum mit frenetischem Beifall gefeiert.

© Andreas J. Etter
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Das Genre Musical hat ebenso den Auftrag, zu sensibilisieren und Themen aufzuzeigen die traurig, ja fast ausweglos sind. Es braucht Mut, sich an derartigen Stoff zu wagen und dieser Mut wird in St. Gallen belohnt. Die "echte" Waris Dirie verfolgte die Premieren-Vorstellung im Zuschauerraum und war beim Schlussapplaus sichtlich gerührt. Ein eindrücklicher Moment für alle Anwesenden. Am Premierenabend wurde für Waris Diries "Desert Flower Fondation" gesammelt. Es wäre sinnvoll, die Stiftung auch bei allen kommenden Vorstellungen zu präsentieren, damit jeder einen kleinen Beitrag leisten kann, der Beschneidung von Frauen Einhalt zu gebieten.

(Text: Simone Jaccoud)




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Kreativteam

Buch / RegieGil Mehmert
MusikUwe Fahrenkrog-Petersen
SongtexteFrank Ramond
ArrangementAlberto Mompellio
OrchestrierungKoen Schoots
Musikalische LeitungChristoph Bönecker
ChoreografieJonathan Huor
BühneChristopher Barreca
KostümClaudio Pohle
LichtMichael Grundner
VideoAustin Switser
TonStephan Linde
Dance CaptainAmaya Keller
DramaturgieCaroline Damaschke


Besetzung

Waris (13) u. a.Naomi Simmonds
Waris DirieKerry Jean
Mutter
Tante Miriam u. a.
Terja Diava
Aman
Beamtin u. a.
Lara de Toscano
Marilyn
Hexe u. a.
Dionne Wudu
Vater
Onkel Ahmed
Cedric Lee Bradley
Haji
Bräutigam u. a.
David Rodríguez-Yanez
Veronica
Verkäuferin u. a.
Susanna Panzner
Dana
Chauffeur u. a.
Daniel Dodd-Ellis
Mr. Wheeler
McDonalds Manager u. a.
Tim Hüning
Terence Donovan
Regisseur u. a.
Markus Schneider
Malcolm
O´Sullivan u. a.
Jogi Kaiser
Model
Assistent u.a.
Jurriaan Bles
Passagier
Model u.a.
Andreas Nützl
Krankenschwester
Model u. a.
Amaya Keller
Maskenbildnerin
Model u. a.
Olivia Limina
Model
Passantin u. a.
Elise Doorn
Händler
Bauarbeiter u.a.
Ben Cox
Kameramann
Model u.a.
Gianmarco Rostetter
Bauarbeiter
Musiker u. a.
Perry Sidi
OrchesterWüstenblume-Band
StatisterieStatisterie des Theaters St. Gallen




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

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Gil Mehmerts Inszenierung überzeugt, wühlt auf und hallt nach. Die Komposition von Uwe Fahrenkrog Petersen wartet mit mehreren Songs mit Hitpotential auf. Wiederum eine begeisternde Uraufführung des Theater St. Gallen.

24.02.2020

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