Ensemble "& Julia" bei Offener Probe © André Böke
Ensemble "& Julia" bei Offener Probe © André Böke

NEUES FEATURE
Jeder Move ein „Picture Moment“ – Offene Probe bei „& Julia“ in Stuttgart

Wie Julia ohne ihren Romeo weiterleben würde: Nach seinen Inszenierungen am West End, am Broadway, in den Niederlanden und Australien sowie auf verschiedenen internationalen Tourneen wurde „& Julia“ zuletzt auch in Hamburg gefeiert. Bereits am Abend der letzten Vorstellung wurde verkündet, dass das Stück wiederkommen wird. Anfang Oktober ist es so weit: Dann zieht das Musical ins Stage Palladium Theater ein, direkt neben „Disney’s Die Eiskönigin“ im benachbarten Stage Apollo Theater. Wir haben uns mit den Kreativen hinter und auf der Bühne unterhalten und waren bei der offenen Probe dabei.

Da das Pop-Musical mit Max Martins Hits der letzten drei Jahrzehnte aufwartet, wird es naheliegend als große Party auf der Bühne beworben. Doch das Musical ist auch ein kraftvolles Plädoyer für queere Selbstbestimmung und weibliche Emanzipation; in ihm stecken Botschaften, die heute wichtiger scheinen denn je: „Das wunderschöne Stück liegt uns allen am Herzen. Es geht natürlich um Liebe, aber auch um Freundschaft, Akzeptanz, Erwachsenwerden und zweite Chancen. Verpackt in ganz viel Herz, Wärme und Humor!“, erzählt Associate Director Denise Obedekah. „Es gibt verschiedene Paardynamiken in dem Stück, die im Vordergrund stehen. Die komplexeste Liebesbeziehung, die mich am meisten interessiert, ist aber die zwischen Shakespeare und seiner Frau Anne. Sie zeigen, was mit einer Liebe in einer langen und festgefahrenen Beziehung passieren kann. Die richtige Kommunikation, das Kämpfen für eine Beziehung trotz des Gefühls von Entfremdung: Ein Thema, mit dem sicherlich auch viele Leute resonieren.“ Die Kernbotschaft ist für Obedekah die Frage danach, wie man als Individuum in diese Welt passt, ohne sich selbst zu verleugnen. Esmael Agostinho findet es wichtig, dass die Figuren identifizierbar sind und vermitteln, dass man so sein kann, wie man will. „Ganz egal, wie du aussiehst, wie du dich selbst identifizierst und wen du liebst. Das sollte man in die Welt hinausbringen, weswegen das Stück so wichtig ist.“

Sebeya und Ensemble „& Julia“ bei Offener Probe -©- André Böke

Sebeya fügt ihre Perspektive hinzu: „Meine Botschaft, die ich mit diesem Stück in meiner Rolle der Julia erreichen möchte, ist, dass jede Frau in ihrer Kraft stehen sollte und Entwicklungen immer nötig sind, um das zu erkennen, was man kann. Ich möchte, dass wir uns gegenseitig inspirieren, auch bei schweren Schicksalen unsere Stärke zu finden.“ Jonathan Guth feiert mit seiner Rolle als Romeo sein zehntes Bühnenjahr in der Musicalwelt und kommt gerade aus seinem Engagement als Hans Scholl in „Die Weiße Rose“ – einem hochemotionalen und relevanten Werk. „Auch ‚& Julia‘ ist ein unglaublich aussagekräftiges Stück, es erzählt seine wichtigen Themen nur auf eine andere Weise. Jeder und jede soll ungehindert sein dürfen, wie man ist – und das sollte selbstverständlich sein!“

Aktuell befindet sich die Besetzung in der Endprobenphase. „Wir haben die letzten Wochen damit verbracht, die Show zu lernen. Jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, wo wir alles zusammenfügen, Feintuning machen und an den Timings arbeiten. Gestern haben wir unseren ersten vollen Durchlauf der Show gehabt. In zwei Tagen geht es auf die Hauptbühne, dann kommt die sogenannte Tech-Phase, in der wir jede Szene noch einmal akribisch durchgehen, um alle technischen Komponenten abzuklären“, sagt Obedekah. Als Replika-Produktion ist die Erfolgsformel von „& Julia“ zwar bereits mehrfach erprobt und Ausstattung sowie Inszenierung sind hinreichend bekannt, doch erfordert die Übernahme an einen anderen Standort mit seinen jeweiligen Gegebenheiten eine intensive Probenphase. Große Teile des Ensembles sind für die Stuttgarter Show neu besetzt, doch sind auch einige bekannte Gesichter dabei.

„Ich war in Hamburg schon Resident Director für die Produktion und der Regisseur Luke Shepperd kam am Dernièrenabend auf mich zu mit dem Vorschlag, in Stuttgart Associate Director zu werden“, sagt Denise Obedekah. Auch Sabrina Weckerlin war nach Hamburg mit ihrer Rolle noch nicht fertig: „Schon nach der letzten Show wurde mir mitgeteilt, dass man es schön fände, wenn ich die Anne Hathaway noch einmal spielen könnte.“

Für Esmael Agostinho ist die Rolle des Franky eine ganz neue Herausforderung: „Nach längerer Zeit als Filmschauspieler habe ich gemerkt, dass ich wieder auf die Bühne möchte“, sagt er, der bis vor Kurzem auch noch als Michael bei „MJ“ auf der Bühne stand. „In diesem Stück ist vieles in der Umsetzung ziemlich filmisch, sodass ich meine Erfahrung vor der Kamera mit einbringen kann.“

Jonathan Guth und Ensemble „& Julia“ bei Offener Probe -©- André Böke

Ihre Rolle wiederentdecken darf Sebeya, die in Hamburg bereits als Alternate für Julia auf der Bühne stand und nun die Hauptpartie in Erstbesetzung übernimmt: „Die Rolle ist für mich durch meine Zeit in Hamburg wie eine zweite Haut, aber sie jetzt wieder zu spielen, fühlt sich wie eine Wiederentdeckung an. Meine Julia ist noch gefestigter, und ich fühle mich noch deutlicher mit ihr verbunden. Das ist in etwa so, als würde man in ein anderes Land ziehen: Man kennt sich selbst in- und auswendig, aber in einem neuen Umfeld verändern einen die neuen Dynamiken. Vorher war ich mit meiner Julia auf einer Art Urlaubsreise, jetzt bin ich angekommen und möchte auch bleiben. Ich merke als Hauptdarstellerin im Vergleich zu meiner Position als Alternate immer mehr in dieser Endprobenphase, worauf zu achten ist. Die Verantwortung ist größer, man muss mit seinen Kräften haushalten und auf Wiederholbarkeit achten. Die Resultate müssen auch bei acht Shows in der Hauptpartie konstant gut ankommen. Das ist gerade auch meine Aufgabe, herauszufinden, wie ich dafür eine gute Balance finde.“

Maximilian Mann kehrt nach längerer Zeit neben und hinter der Bühne in seiner Rolle als Shakespeare auf die Bretter zurück. „Unsere Figuren sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht komplett fertig, würde ich sagen“, erklärt er. „Ich bin noch etwas am Suchen für meinen Shakespeare, bevor ich sagen kann, was ihn ausmacht. Gerade gestern bei unserem ersten Gesamtdurchlauf des Stückes haben wir alle unsere Figuren noch einmal intensiver erlebt und mir sind einige Aspekte klarer geworden. Seine inneren Kämpfe beispielsweise sind mir ein Stück greifbarer geworden. Mir ist wichtig, dass Shakespeare weder eine Parodie wird, noch dass er unsympathisch wirkt – ich werde alles dafür tun, den Menschen hinter der Figur herauszukitzeln, bin aber noch auf dem Weg dorthin. Bis zur Premiere hoffe ich, ein vorzeigbares Ergebnis erreicht zu haben. Die Suche und die Reise werden danach aber auch immer weitergehen. Das Stück darf sich weiterentwickeln.“

Ensemble „& Julia“ bei Offener Probe -©- André Böke

Einen Einblick in die Probenarbeit gibt das Kreativteam bereits bei der offenen Probe. Das gesamte Ensemble tritt zum Dance Call an. Zuvor wird jedoch noch schauspielerisch an der Anfangsszene des Musicals gefeilt. Alle Akteur*innen, die nicht in der Sequenz vorkommen, feuern ihre Kolleg*innen von den Seiten der Probebühne aus an. Der Zusammenhalt dieser Truppe ist zu jedem Zeitpunkt spürbar. In der Halle im dritten Stock des Palladium Theaters herrscht eine positive Grundstimmung, die ganz nebenbei den vermittelten Botschaften des Stücks eine Authentizität verleiht, die das Fundament der gemeinsamen Arbeit bildet.

Die knapp 20 Ensemblemitglieder geben alles. Auch ohne Lichtinstallationen und Kostüme, nur mit den grundlegenden Requisiten, wird die Geschichte durch die Ausstrahlung der Akteur*innen vom ersten Moment an greifbar. Sabrina Weckerlin und Maximilian Mann führen die gezeigte Eingangsszene an und harmonieren bereits vortrefflich als ambivalentes Ehepaar. Sebeya zeigt als Julia schon in der kurzen Sequenz eine große Nuanciertheit und bewegt mit ihrem emotional dargebotenen „Hit Me Baby One More Time“, während Jonathan Guth als Romeo eine verträumt-melancholische Aura ausstrahlt und so in seinen Bann zieht.

Eine weitere Szene aus dem ersten Akt wird zunächst im Dance Call vorbereitet. Mit dabei ist das Kreativteam um Denise Obedekah, Philipp Gras (Associate Music Supervisor), Karina Rapley (Associate Choreographer) und Abbie Elmes (Assistant Choreographer), die spannende Einblicke in ihre Arbeit ermöglichen. Elmes geht bei der sogenannten Putzprobe die Choreografie zu „Confident“ mit der Truppe noch einmal durch. Dabei kommuniziert sie geduldig und klar auf Englisch mit ihren Schützlingen, lässt die einzelnen Moves aber auch zackig mit kurzen Kommentaren umsetzen. Die präzise Vision des Kreativteams hat das Ensemble bereits verinnerlicht. Mit Spaß an der Arbeit und den schweißtreibenden Bewegungsabläufen gehen alle Tänzer*innen die anspruchsvolle, von Hip-Hop-Elementen durchzogene Choreografie mehrfach durch. „And remember“, sagt Elmes, „every move needs to end clear and precise – each one needs to be a picture moment.“ Jede Pose soll so intensiv und klar gesetzt werden, dass man von ihr ein perfektes Foto machen könnte.

Sabrina Weckerlin, Maximilian Mann und Ensemble „& Julia“ bei Offener Probe -©- André Böke

Dass es in „& Julia“ nicht nur choreografisch, sondern auch schauspielerisch und gesanglich zahlreiche intensive Momente gibt, zeigt die Szene in ihrem vollen Potenzial, nachdem der Tanz wiederholt wurde: Esmael Agostinho begeistert als François, und auch Jacqueline Braun als Amme Angelique und Carlos de Vries als Lance beweisen eine ansteckende Bühnenchemie. Zusammen mit Ibi in der Rolle der May spielen sich Sebeya, Sabrina Weckerlin und Maximilian Mann mit dem gesamten Ensemble bis zum Ende der Szene in eine Hochstimmung, sodass die Zuschauenden sichtlich euphorisiert ihre Eindrücke aus der offenen Probe mit nach Hause nehmen. Ab Anfang Oktober steht dem Musical eine hoffentlich lange Spielzeit bevor – dem hervorragenden Kreativteam und seinem so harmonisch eingespielten, hochtalentierten Ensemble wäre es zu wünschen!

 
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