Anfang der Woche sorgte eine Pressemitteilung der Niederösterreichischen Kulturwirtschaftsgesellschaft (NÖKU) für große Aufregung: Ab der Saison 2027/28 soll das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich schrittweise die musikalische Bespielung der Bühne Baden übernehmen. Damit erweitert das Orchester seine bisherigen Residenzen – Grafenegg, Festspielhaus St. Pölten, Musikverein Wien und Stadttheater Wiener Neustadt – um einen weiteren Standort.
Die NÖKU spricht von einem kulturpolitisch wichtigen Schritt, um Synergien zu nutzen, Ressourcen effizienter einzusetzen und die Position der Bühne Baden als Musiktheaterstandort mit dem Schwerpunkt auf Operette und Musical weiter auszubauen. Das Tonkünstler-Orchester, das als identitätsstiftender Klangkörper des Landes gilt, soll dafür quantitativ und qualitativ gestärkt werden: Geplant sind rund 15 zusätzliche Personalstellen, eine Erweiterung des Repertoires sowie ein Ausbau des Musikvermittlungsprogramms „Tonspiele“.
Für die Bühne Baden bedeutet die Entscheidung, dass das bisherige Orchester der Bühne Baden nach der Saison 2026/27 aufgelöst wird. Mit allen 25 Orchestermitgliedern sollen laut NÖKU Gespräche über ihre berufliche und soziale Absicherung geführt werden. Bestehende Musikerinnen und Musiker erhalten keine Vertragsverlängerung, neu eingestellte Musikerinnen und Musiker werden unter einem neuen Dienstrecht beschäftigt. Die Reform soll bis zur Saison 2029/30 abgeschlossen sein.
Der neue Künstlerische Leiter der Bühne Baden, Andreas Gergen hat sich nun in einer ausführlichen Stellungnahme zu Wort gemeldet:
„Meine Enttäuschung und Betroffenheit sind groß, dass die geplante Maßnahme zur Auflösung des Orchesters der Bühne Baden meinen Amtsantritt als Künstlerischer Leiter überschattet.
Nach zwei überdurchschnittlich erfolgreichen Spielzeiten und einer fulminanten Sommersaison erlebt die Bühne Baden eine Blütezeit, an der das Orchester der Bühne Baden wesentlich beteiligt ist. Die Vorverkaufszahlen meiner ersten Spielzeit sind bereits sensationell, die Proben zur Eröffnungspremiere laufen hervorragend und generell stehen die Vorzeichen auf eine vielversprechende Zukunft des Hauses mehr als gut. Ich bin irritiert, dass sich an diesem Erfolgsrezept nun Parameter und Voraussetzungen so drastisch ändern sollen.
Während meiner Vorbereitungszeit wurde ich über die geplante Maßnahme informiert und war auch in Gespräche involviert. Ich habe dabei meine Bedenken und Skepsis den Entscheidungsträgern gegenüber geäußert, da bislang kein realistischer und tragfähiger Plan für die Umsetzung vorliegt – weder künstlerisch, ökonomisch und finanziell.
Das Orchester der Bühne Baden besteht aus Musikerinnen und Musikern, die sich in den letzten Jahren als Spezialisten für Operette und Musical profiliert haben. Ich habe meine künstlerische Konzeption für die Bühne Baden genau auf dieses Orchester und diese Voraussetzungen zugeschnitten. Die besondere musikalische Qualität der Produktionen der letzten Jahre beruht wesentlich auf dieser über lange Zeit gewachsenen Expertise. Ein Sinfonieorchester kann diese hochspezialisierte Arbeit nicht ohne Weiteres leisten, liegt sein künstlerischer Fokus doch naturgemäß woanders. Das künstlerische Argument überzeugt also nicht – ganz im Gegenteil: Mit einem Qualitätsverlust in den zu bedienenden Genres durch aufführungsfremde Musikerinnen und Musiker ist zu rechnen.
Es zeichnet sich ab, dass die ökonomische Flexibilität durch eine unverhältnismäßig lange Vorausplanung maßgeblich eingeschränkt wird. Schon jetzt sollen Spielplan und Termine für die Saison 2027/28 fixiert werden. Die Auflösung unseres Orchesters würde nämlich auch bedeuten, dass bei gut laufenden Produktionen keine Zusatzvorstellungen angesetzt und somit keine zusätzlichen Einnahmen generiert werden können (wie zuletzt beim Musical ‚Chess‘).
Die NÖKU führt finanzielle Einsparungen als Hauptargument für die Abschaffung des Orchesters an. Aus meiner Sicht ist jedoch das Gegenteil zu erwarten: Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich ist ein zweifelsohne hoch renommiertes Sinfonieorchester, allerdings ohne spezifische Qualifikation im Musiktheater, für das es große Erfahrung auf diesem Gebiet braucht. Für die Genres Operette und Musical, die im Zentrum der Bühne Baden stehen, werden also in Zukunft zusätzliche Spezialistinnen und Spezialisten benötigt, die z.B. die Rock- und Pop-Stilistik im Bereich Musical beherrschen. Diese müssten hinzuengagiert werden – teilweise wären dies möglicherweise dieselben Musikerinnen und Musiker, die bislang ohnehin unser Orchester bilden. Damit ist absehbar, dass die Kosten langfristig höher sein werden als beim Erhalt des bestehenden Ensembles.
Ich bin generell offen für strukturelle Veränderungen und Neuerungen, wenn sie künstlerisch begründbar, ökonomisch sinnvoll und wirtschaftlich realistisch sind. Doch all dies sehe ich in der derzeit vorliegenden Maßnahme nicht erfüllt. Statt Einsparungen drohen Mehrkosten, statt künstlerischem Zugewinn droht ein Qualitätsverlust.
Das Orchester der Bühne Baden ist ein unverzichtbarer Teil unserer künstlerischen Identität und eine Institution mit 172-jähriger Tradition und überregionaler Strahlkraft.“
Die Debatte um die Zukunft des Orchesters dürfte damit noch nicht beendet sein.
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