CD Cover "Odessa Symphonie" © HitSquad Records
CD Cover "Odessa Symphonie" © HitSquad Records

Odessa Symphonie
Wiener Symphoniker unter der Leitung von Koen Schoots / 2025

Als Frank Wildhorns Freund Walter Feucht ihm vorschlug, eine Symphonie über die Stadt Odessa zu schreiben, war schnell klar, dass es dabei um mehr als nur ein musikalisches Projekt gehen würde. Für Wildhorn ist die ukrainische Hafenstadt ein Ort mit familiären Wurzeln – seine Mutter stammte aus Odessa. Die Erinnerung an sie sowie an Feuchts Vater, der dort am Ende des Zweiten Weltkriegs stationiert war, wurden zur emotionalen Grundlage für die Odessa-Symphonie. Es ist nach seiner „Donau Symphonie“ bereits Wildhorns zweite großangelegte Komposition für Orchester – erneut inspiriert von einem Ort mit vielschichtiger Geschichte. Wildhorn versteht das Werk als sehr persönliche Hommage, in der Musik zur Sprache der Erinnerung, der Verständigung – und des Friedens wird.

Im Vergleich zur eingängigen „Donau Symphonie“ zeigt sich „Odessa“ komplexer und vielschichtiger. Während Wildhorn beim Vorgängerwerk noch deutlich als Musicalkomponist erkennbar war, der große Melodien mit Leichtigkeit entfaltet, schlägt er hier einen ernsteren, kontemplativeren Ton an. Es wirkt, als würde er sich bewusst von der Erwartungshaltung lösen, sofort zugängliche Musik am Fließband zu liefern – und schafft damit Raum für musikalische Nachdenklichkeit.

Die sieben Sätze der Symphonie wirken wie Kapitel einer musikalischen Erzählung – verbunden durch Motive, Stimmungen und eine zunehmende emotionale Verdichtung. Der erste Satz, „Ein Tag im Leben“, zeichnet mit feinen orchestralen Farben ein Bild von Alltäglichkeit, das sich allmählich öffnet. Leise Klaviermotive und zurückhaltende Streicher schaffen eine Atmosphäre zwischen Erwartung und Routine – unaufgeregt, aber vielschichtig. „Ruf zu den Waffen“ bringt spürbare Unruhe ins Spiel. Der Satz bleibt rhythmisch straff und spannungsvoll, ohne ins Dramatische zu kippen. Wildhorn arbeitet hier mit klarem Formbewusstsein und setzt das Orchester kraftvoll, aber kontrolliert ein – ein Höhepunkt des Zyklus. Mit „Abschied von einem Soldaten“ kehrt die Musik in sich zurück. Zurückgenommene Tempi, lange Atembögen und intime Instrumentaldialoge lassen Raum für Trauer, ohne ins Sentimentale zu rutschen. Die emotionale Tiefe liegt in der Reduktion – und in der Stille zwischen den Tönen. Das folgende „Träume von Frieden“ wirkt wie ein vorsichtig formulierter Gegenentwurf: schwebend, klar strukturiert, fast naiv in seiner melodischen Einfachheit – aber dadurch umso berührender. Es ist der leiseste, vielleicht verletzlichste Satz der Symphonie. In „Ein einsamer Stern – Die Heimreise“ überwiegt die Bewegung. Wildhorn gelingt ein atmosphärisches Wechselspiel aus innerer Unruhe und stiller Zuversicht. Die anschließende „Heimkehr“ lässt den Klang weiter aufgehen – wärmer, weiter, ohne in große Gesten zu verfallen. Der letzte Satz, „Gedenken“, ist eine musikalische Verneigung: In zurückgenommenen Harmonien und langen Pausen entsteht ein Moment des Erinnerns, der leise bleibt – aber eindrücklich wirkt. Wildhorn verzichtet bewusst auf einen Abschluss im klassischen Sinne und lässt die Musik wie einen offenen Gedankenraum ausklingen.

Mit „Odessa“ legt Frank Wildhorn ein bemerkenswert persönliches Orchesterwerk vor. Er löst sich hörbar vom Image des Musicalkomponisten, der auf große Melodien setzt, und findet zu einem Ausdruck, der fragiler, fragmentarischer und dadurch oft eindrucksvoller ist. Die Symphonie ist kein gefälliges Werk, aber ein berührendes – und ein starkes persönliches Statement. Eingespielt wurde das Werk von den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Koen Schoots, einem langjährigen Weggefährten Wildhorns. Das renommierte Orchester bringt seine ganze Klangkultur und Ausdrucksbreite in die Interpretation ein: mit großer dynamischer Spannweite, klanglicher Transparenz und feinem Gespür für die Zwischentöne dieser Musik. Unterstützt wird das durch die Arrangements und die Orchestrierung von Kim Scharnberg, ebenfalls ein enger künstlerischer Partner. Die Aufnahme überzeugt durch hervorragende Klangqualität – klar, ausgewogen und dennoch warm. So entsteht eine Einspielung, die dem Werk Tiefe und Raum gibt, ohne sich in Effekten zu verlieren.

Gerade weil „Odessa““ ein neues Werk ist, entfaltet es eine besondere Dringlichkeit. Heute, da die Stadt erneut zum Schauplatz eines Krieges geworden ist, erhält Wildhorns musikalische Hommage eine bedrückende Aktualität. Was als persönliche Erinnerung an familiäre und freundschaftliche Geschichten entstand, wirkt nun wie ein stiller Kommentar zur Gegenwart – und als eindringlicher Appell, Frieden nicht nur zu ersehnen, sondern zu bewahren.

 
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