Sebastian Schiller (Dr. Fritz Hagedorn), Anke Sieloff (Frau Calabré) © Sascha Kreklau
Sebastian Schiller (Dr. Fritz Hagedorn), Anke Sieloff (Frau Calabré) © Sascha Kreklau

Drei Männer im Schnee (2022 - 2025)
Musiktheater im Revier (MiR), Gelsenkirchen

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Pünktlich zur Weihnachtszeit kehrt die adaptierte Version von Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ auf die Bühne des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen zurück. Die Wiederaufnahme des sozialkritischen Stücks, das in seinem Ursprung ein Auftragswerk des Münchener Staatstheaters am Gärtnerplatz ist,  überzeugt mit einer beeindruckenden Inszenierung, opulenter musikalischer Untermalung sowie einer starken Besetzung des Protagonisten durch Joachim G. Maaß. Im weiteren Ensemble wären oft stärkere Gesangsstimmen wünschenswert gewesen.

Die Geschichte dreht sich um den reichen Industriellen Tobler, der inkognito den zweiten Platz seines eigenen Preisausschreibens gewinnt. Im Rahmen eines Winterurlaubs in den österreichischen Alpen will er herausfinden, wie man mit vermeintlich ‚armen Schluckern‘ umgeht. Was folgt, sind zahlreiche Verwechslungen und humorvolle Situationen, die letztlich zu Freundschaften und einem besseren Verständnis der Mitmenschen untereinander führen.

Thomas Pigors‘ Kompositionen aus dem Jahre 2019 fangen den Geist der abgebildeten 1930er-Jahre ein: Ragtime, Swing, Walzer und Marschmusik ergänzen Kästners Botschaften mit einer gehörigen Prise Ironie. Die sozialkritischen Töne schwingen bereits in der Ouvertüre mit, wenn die Chormitglieder als Toblers Angestellte in affektierten Gesten oder schrägen Tönen ausbrechen („Weihnachtslieder“). Besonders eindringlich ist der Neujahrswunsch auf das Jahr 1933, der Kästners mahnenden Zeigefinger deutlich werden lässt („Halbfinale“).

Die für das Musiktheater modernisierte Fassung von „Drei Männer im Schnee“ bleibt Kästners sozialkritischem Kern treu und erweitert die Vorlage um aktuelle Themen: Die Enttabuisierung gleichgeschlechtlicher Liebe und die stärkere Position der Frau – symbolisiert durch die Übergabe des Konzerns an Toblers Tochter wie auch durch die Freizügigkeit und sexuelle Selbstbestimmung der Frau Calabré – sind zeitgemäße Ergänzungen. Kästners Reflexion über eine Klassengesellschaft und den Umgang mit Arm und Reich bleibt jedoch zentral.

Sandra Wissmanns Inszenierung besticht durch ihre immersive Gestaltung. Die Darsteller, die mehrmals im Fortlauf des Stückes den Orchestergraben umrunden und somit eine besondere Nähe zum Publikum schaffen, fordern zur Selbstreflexion auf: Fragen nach kapitalistischen Denkweisen der heutigen Gesellschaft und danach, was Menschen vermeintlich ‚anders‘ erscheinen lässt und wodurch diese nicht selten der Ausgrenzung zum Opfer fallen, werden aufgeworfen. Wie weit Ausgrenzung letztlich führen kann, konnte selbst Erich Kästner 1934, im Entstehungsjahr seiner Romanvorlage, nur erahnen.

Durch die Ästhetik in den farblich eindrucksvollen Kostümen von Beate Kornatowska und dem raffinierten Bühnenbild von Britta Tönne lässt sich das Publikum leicht umgarnen und gerne darauf ein, sich selbst als Teil der abgebildeten Gesellschaft im Grandhotel zu verstehen. Der Wiener Schmäh, der hier heuchlerisch umschmeichelnd wirkt und dort erziehen will, scheint doch zunächst viel fragwürdiger als die Gesellschaft, die die Silvesternacht mit Männern der SA feiert, zumal diese mit ihren Glitzerhosenträgern doch fast adrett erscheinen.

Das Bühnenbild von Britta Tönne nutzt die doppelte Drehbühne, um Auf- und Abbauten im Verborgenen hinter einem Glitzervorhang geschehen zu lassen. Die im Hintergrund abgebildete Seilbahn fährt zum Wolkenstein hoch, während durch ein Tor im Bühnenaufbau eine Gondel in Originalgröße hereingefahren wird. Häufig bestimmen gesetzte und edle Farben das Bühnenbild und verbreiten damit ein hochkarätiges Flair, in das ein einfach gekleideter Schulze oder Dr. Hagedorn nicht recht hineinpassen wollen. Die Kostüme von Beate Kornatowska unterstreichen die Klassenthematik: Das Hotelpersonal trägt kühles Türkis, während die Gäste in gedämpften oder auffälligen Farben erscheinen. Besonders auffällig sind die anrüchige Frau Calabré im satten Lila und Toblers Tochter Hilde in leuchtendem Gelb-Orange, die beide starke Frauenfiguren repräsentieren.

Die schwungvollen Choreographien von Sean Stephens bringen Leben ins Grandhotel und sind ebenfalls oft humorig gespickt: Besonders eindrucksvoll stellt sich die Choreographie zur ersten Stunde des Anfänger-Skikurses dar, bei der am Ende das Ensemble kunstvoll im Dominoeffekt der Reihe nach umfällt.

Die Neue Philhamonie Westfalen spielt aus dem offenen Orchestergraben unter der musikalischen Leitung von Askan Geisler abwechslungsreich und kraftvoll die Partitur Pigors auf. Der Opernchor des Musiktheaters im Revier unterstützt das Ensemble und schafft somit eine stimmgewaltige Kulisse.

Das Ensemble wird von Joachim G. Maaß in der Rolle des Protagonisten Eduard Tobler angeführt. Er überzeugt mit großem stimmlichen und schauspielerischen Können, insbesondere in der Darstellung der Wandlung seiner Figur vom griesgrämigen Industriellen hin zum geläuterten Menschen. Maaß brilliert gesanglich und besticht mit seinem dunklen, warmen Timbre.

Mark Weigel gibt als Kammerdiener Johann Kesselhuth eine überzeugende Vorstellung, besonders als vermeintlicher Adeliger. Er kann darstellerisch mit einer charmanten Mischung aus Steifheit und Wärme punkten; stimmlich hat Weigel eher Schwierigkeiten, den gesanglichen Anforderungen seiner Rolle gerecht zu werden.

Sebastian Schiller verkörpert Dr. Fritz von Hagedorn mit einer humorvollen Note als ehrgeizigen Erfinder und Muttersöhnchen, der ständig auf den nächsten Anruf von „Mutti“ wartet. Gesanglich kann er jedoch mit Bele Kumberger als Spielpartnerin nicht mithalten, die sowohl durch stimmliche Präsenz als auch starke Ausstrahlung begeistert.

Auch Christa Palzer als Hausdame Claudia Kunkel bleibt gesanglich blass. Anders dagegen Anke Sieloff, die als Frau Calabré mit lasziver Ausstrahlung und stimmlicher Kraft in ihrer Rolle brilliert.

Michael Schulz sorgt als einfältiger Hotelchef Kühne für humorige Momente, bleibt jedoch im Schatten des charmanten Phillip Kranjc, der als Portier Polter mit seinem warmen Timbre und charismatischem Spiel zu den Stärken des Ensembles zählt. Das Publikum verfällt trotz Einfachheit seiner Figur seiner überspitzten Darstellung des unterwürfigen Heuchlers und seinem umwerbenden Wiener Schmäh.

Benjamin Lee gibt einen äußerst charmanten und witzigen Toni Graswander, der sich zunächst von seiner Vorliebe für das eigene Geschlecht nichts anmerken lässt, bis es dann doch irgendwann herzerwärmend aus ihm herausbricht.

Trotz kleiner Schwächen in Punkto Gesang ist „Drei Männer im Schnee“ eine lohnenswerte Inszenierung. Die Mischung aus Kästners humorvoller Gesellschaftskritik, opulenter Bühnenkunst und starker musikalischer Begleitung macht das Stück zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungAskan Geisler
InszenierungSandra Wissmann
ChoreografieSeân Stephens
BühneBritta Tönne
KostümeBeata Kornatowska
 
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CAST (AKTUELL)
Eduard ToblerJoachim G. Maaß
Hilde Tobler, seine TochterBele Kumberger
Scarlett Pulwey
Dr. Fritz HagedornSebastian Schiller
Johann Kesselhuth, Toblers KammerdienerAdrian Kroneberger
Mark Weigel
Claudia Kunkel, Hausdame bei ToblersChrista Platzer
Frau CalabréAnke Sieloff
Nini Stadlmann
Hoteldirektor KühneMichael Schulz
Portier PolterPhilipp Kranjc
Toni GraswanderTobias Glagau
MiR Opernhor
MiR Junges Ensemble
Neue Philharmonie Westfalen
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 24.09.2022 19:30MiR (Großes Haus), GelsenkirchenPremiere
Do, 29.09.2022 19:30MiR (Großes Haus), Gelsenkirchen
So, 09.10.2022 18:00MiR (Großes Haus), Gelsenkirchen
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