Alle Jahre wieder „Vom Geist der Weihnacht“. Auch in der fünften Spielsaison mutiert Ebenezer Scrooge, ein knauseriges Ekelpaket, das mit diabolischer Freude Mitarbeiter schikaniert und Schuldnern zu den Festtagen den Geldhahn zudreht, zum Wohltäter. Eine Besetzung, die kaum Wünsche offen lässt, und eine ausgefeilte Personenregie überdecken die Schwächen der Show.
Schöne Bescherung: Am Weihnachtsabend besucht der Chef seinen Angestellten. Doch statt der erwarteten Schimpf- und Hasstiraden überrascht Scrooge mit einer Gehaltserhöhung von 50 Prozent und einer Finanzspritze zur Therapie des verkrüppelten Erstgeborenen. Tränen der Rührung nicht nur bei Familie Cratchit auf der Bühne, auch einige Zuschauer greifen zum Taschentuch. Die Finalszene ist typisch für die gesamte Show: Craig Simmons ausgefeilte Personenregie kämpft von Anfang an gegen das von Michael Tasche etwas zu rührselig adaptierte Buch an – und unterliegt. Trotz toller individualisierender Ansätze (Scrooge ist nicht nur durch und durch garstig; die vier Geister um Marley sind mehr als nur eine alberne Untoten-Riege) dominieren eindimensionaler Schmalz und Kitsch: Der Engel darf einfach nur liebreizend über die Bühne schreiten, der gehbehinderte Timmy stützt sich bei jedem Auftritt leidend auf seine Krücke und die Bevölkerung tauscht in sauber arrangierten Tableaus Küsschen und Geschenke aus. Zugegeben: Charles Dickens Vorlage von 1843 sieht alles genauso vor, dennoch hätte der Regisseur etwas weniger auf die Tränendrüse drücken können. Für ihre langweiligen und biederen Choreografien hat Mary C. Bernet eine Rute verdient. Angenehm zurückhaltend hingegen die Bühnenbilder von Manfred Gruber (auch Kostüme) und Tom Presting: Ein paar angedeutete Häuser seitlich links und rechts der Bühnenöffnung und ein drehbares Podest mit Treppen und einer Rampe zaubern schnell immer wieder neue Spielräume, die um einige wenige hereinschwebende oder -fahrende Elemente ergänzt werden. Besonders gelungen: Scrooges Büro, das von einer dicken Tresortür dominiert wird.
Dirk Michael Steffan hat für das Musical eine Partitur geschrieben, die die aus der Konserve eingespielte, sehr synthesizerlastige Begleitung nicht verdient hat. Hymnen mit Ohrwurmqualitäten wie „Ein Leben lang“ und „Diese Nacht soll niemals enden“ oder Scrooges große Songs („Weihnachten ist Rattendreck“, „Was habe ich getan?“) könnten ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie von einem Orchester gespielt werden würden. Weiteres Manko: Die Mikrofone der Darsteller sind schlecht ausgesteuert, so dass der Gesang oft viel zu laut aus den Boxen wummert. Dabei sind die Darsteller wirklich exzellent und überzeugen ohne Ausnahme. Allen voran Kristian Vetter, dem das Kunststück gelingt, mit ausdruckstarkem Spiel und differenzierter Stimmführung Facetten des Ebenezer Scrooge zum Vorschein zu bringen, die man bei dem Ekelpaket gar nicht vermutet. Maricel brilliert mit schöner Sopranstimme als Engel/Belle, die sich gemeinsam mit Peter Trautwein (Marley) abrackert, um aus Scrooge einen besseren Menschen werden zu lassen. Viel Freude bereitet der Song „Oops, das tut uns leid“, mit dem Marleys Geisterfreunde Mrs. Pillbox (Jessica Fendler), Mrs. Shellcock (Yvonne Ritz Andersen), Mr. Beavis (Axel Kraus) und Mr. Butthead (Gerald Michel) gleich nach der Pause für Stimmung sorgen. Ein Kabinettstückchen ist Yvonne Ritz Andersens Auftritt als quirlige Mrs. Fezziwig, die auf der Weihnachtsparty ihres Mannes „‚Ne Kleinigkeit“ a cappella rapt.
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