Sebastian Ritschel bei der Präsentation der Spielzeit 2026/27 "Freiheiten" am Theater Regensburg © Sylvain Guillot
Sebastian Ritschel bei der Präsentation der Spielzeit 2026/27 "Freiheiten" am Theater Regensburg © Sylvain Guillot

"Sie sprechen hier mit einem Überzeugungstäter" – Sebastian Ritschel im Interview

Zwischen der feierlichen Verleihung der „Oper! Awards“ als bestes Opernhaus des Jahres und den intensiven Vorbereitungen auf die erste Spielzeit unter dem neuen Banner des Staatstheaters, herrscht in Regensburg Aufbruchstimmung. Wir haben Intendant Sebastian Ritschel zum Gespräch getroffen, um über den „Mut zur Zumutung“, seine Leidenschaft für Stephen Sondheim und den exklusiven Broadway-Scoop für die kommende Saison zu sprechen. Ein Plädoyer für ein Musiktheater, das keine Grenzen zwischen den Genres kennt.

Sebastian Ritschel bei den Oper! Awards 2026 mit der Auszeichnung für das Beste Opernhaus © Sylvain Guillot

Herr Ritschel, zunächst herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung als „Bestes Opernhaus“ bei den „Oper! Awards“. In der Begründung der Jury fiel eine Aussage, die ich direkt als Steilvorlage nutzen möchte: „Mehr Neues als Bekanntes, umarmende Offenheit statt programmatische Vorsicht und der unerschütterliche Glaube an die Existenzberechtigung des Musiktheaters in all seinen Formen.“ Wenn die Jury diesen „Glauben an die Existenzberechtigung in all seinen Formen“ so hervorhebt: Bedeutet das, dass Musical und Oper in Regensburg absolut gleichrangig sind? Oder gibt es im neuen Gefüge als Staatstheater doch noch eine heimliche Hierarchie?

Nein, alles ist gleichwertig. Ich glaube in meiner Biografie kann man sehr schön nachvollziehen, dass ich sowohl in der Oper als auch in der Operette als auch im Musical unterwegs bin. Dass mein Glaubensbekenntnis – und das sieht man auch an der Ensemblestruktur, wie sie hier in Regensburg im Musiktheater vorherrscht – darin besteht, dass dort Opernsänger*innen sind, aber eben auch Musicaldarsteller*innen fest im Ensemble. Und dass auch die Besetzungspolitik, die wir hier betreiben, vorsieht, dass die Kollegen miteinander agieren.

In „Candide“ waren sowohl Opernsängerinnen und -sänger in der Cast vertreten als auch in der Oper oder Operette MusicaldarstellerInnen sind – keine Sorge, sie singen dann nichts Fachfremdes. Das ist ein Glaubensbekenntnis und auch ein Beweis dafür, dass das Musiktheater in all seinen Formen eine absolute Gleichberechtigung hat. Ein „Candide“ ist mindestens genauso viel wert wie ein „Tristan und Isolde“, ist mindestens genauso viel wert wie ein „Macbeth“, ist mindestens genauso viel wert wie ein „Der Prinz von Schiras“. Also es gibt keine Unterschiede, sowohl beim Operndirektor als auch beim Intendanten nicht.

Das ist ein spannendes Plädoyer. Wir erleben ja gerade eine hitzige Debatte, die durch eine sehr prominente Äußerung von Hollywood-Star Timothée Chalamet befeuert wurde. Er sagte in einem vielbeachteten Interview, dass er keine Lust habe, in Sparten wie Ballett oder Oper zu arbeiten, bei denen es nur noch darum ginge, etwas künstlich am Leben zu erhalten, obwohl es eigentlich niemanden mehr interessiere – „No one cares about this anymore“. Auf der anderen Seite rufen Ihre Abonnenten nach noch mehr Musiktheater. Wie sortieren Sie diesen Widerspruch ein?

Ensemble der deutschsprachigen Erstaufführung von „Parade“ am Theater Regensburg 2023 © Marie Liebig

Das sind alles wunderbare Meinungen, die wir Gott sei Dank einsortieren können. Wissen Sie, wenn man den Beruf machen würde nach Einzelmeinungen oder nach dem, der am lautesten schreit, dann haben wir, glaube ich, ein inhaltliches Problem. Und Sie sprechen hier mit einem – Zitat – „Überzeugungstäter“. Ich glaube an die uneingeschränkte Vielfalt der Künste. Deswegen bin ich sehr dankbar, einem Fünf-Sparten-Theater vorstehen zu dürfen und glaube aber auch als Operndirektor und als Musiktheater-sozialisierter Mensch sehr an die Kraft von Musiktheater in all seinen Formen. Deswegen lebe ich quasi das, was ich tue, mit vollem Bewusstsein und versuche, Menschen und Teams zusammenzubringen und Stücke nach vorn zu treiben, um eben auch den Kanon zu erweitern. Denn das ist auch die Aufgabe eines Intendanten.

Stichwort Kanon-Erweiterung: „Mehr Neues als Bekanntes“ stand ebenfalls in der Jury-Begründung. Sie haben eine beeindruckende Liste an Erstaufführungen in Regensburg – von „Parade“ über „Come From Away“ bis „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Müssen Sie als Staatstheater jetzt ‚repräsentativer‘ denken oder erlaubt das neue Budget gerade erst recht den Mut zur Nische?

An meinem Ansatz hat sich nichts geändert. Und ich glaube, wir sind sowohl als Opernhaus als auch als Musiktheaterhaus ausgezeichnet worden für diesen Weg. Auch die Begründung dessen, warum wir jetzt als Staatstheater weiterentwickelt werden, war ja unter anderem, weil sich so viel in der ersten Saison verändert hat. Es wäre ja eine Katastrophe, wenn mit einer Staatstheater-Werdung verbunden wäre, dass man jetzt zu einem Kanon zurückkehren müsste, um irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen. Im Gegenteil. Wir werden weiter an unserer Leidenschaft arbeiten und an unserem Niveau, dass sich das mindestens auf diesem Level hält. Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass man die richtigen Menschen findet, die der Projekte wegen zu uns kommen.

Ensemble der deutschsprachigen Erstaufführung von „Merrily We Roll Along“ am Theater Regensburg 2025
© Marie Liebig

Ich finde, „West Side Story“ ist ein herausragendes Stück, und natürlich kann man damit auch spannende Dinge erzählen. Aber ich glaube, dass für mich als künstlerisch Verantwortlichem an dieser Stelle andere Themen interessanter und wichtiger sind. Ja, Sie haben recht, ich habe eine große Leidenschaft für Stephen Sondheim und ich bin auch einer der treibenden Motoren im deutschsprachigen Raum, der Sondheim spielt. Das sehen Sie an unserer Repertoire-Liste, wo sich andere Theater nicht herangetraut haben: Deutschsprachige Erstaufführung von „Putting It Together“ oder „Merrily We Roll Along“. Ich war derjenige, der eine neue deutsche Übersetzung für „Sunday in the Park with George“ in Auftrag gegeben hat. Und das wird auch noch ein bisschen weitergehen, weil ich daran glaube, dass dieser Komponist zu Unrecht zu wenig gespielt wird. Er hat sehr viele Themen, die uns heute zeitlos angehen und die wir auf Bühnen sehen sollten. Das heißt nicht, dass andere Dinge schlechter sind.

Herr Ritschel, ich möchte Sie bitten, anerkennend zu bemerken, dass wir jetzt schon eine gute Viertelstunde miteinander sprechen und ich – trotz meiner brennenden Neugier – noch nicht ein einziges Mal gefragt habe, was Sie eigentlich spielen. Aber jetzt ist der Moment gekommen. In der Preis-Begründung der Jury war ja neben dem Wagemut auch von „umarmender Offenheit“ und dem Fehlen „programmatischer Vorsicht“ die Rede. Kommen wir also zur – im besten Sinne – „Zumutung“: Was muten Sie dem Regensburger Publikum in der neuen Spielzeit konkret zu?

(lacht) Das erkenne ich absolut an! Aber wissen Sie, wir muten dem Publikum vor allem zu, dass sie weiterhin „Musiktheater at its best“ bekommen. Zunächst einmal: Alle Wünsche können erfüllt werden. Wir starten im Oktober direkt mit zwei großen Wiederaufnahmen in die Saison. Zum einen kehrt „Come From Away“ zurück – man kann also nicht nur unsere CD kaufen, sondern die Show endlich wieder live bei uns sehen. Zum anderen bringen wir unsere Erfolgsproduktion „Candide“ von Leonard Bernstein zurück. Manche nennen das Musical, manche ‚Comic Operetta‘ – aber für die Musicalzentrale ist das sicher eine wichtige Setzung, zumal das Stück gerade erst sehr erfolgreich als Gastspiel in Lübeck unterwegs war. Und auch Jason Robert Brown wird unsere Bühne wieder bevölkern, wir zeigen erneut „The Last Five Years“.

Fabiana Locke und Alejandro Nicolas Firlei Fernandez in „The Last Five Years“ am Theater Regensburg
© Sylvain Guillot

Das ist ein starkes Fundament. Aber was sind die neuen Akzente, die Sie in dieser ersten Staatstheater-Saison setzen?

Da wird es im Februar eine neue Produktion geben: „Next to Normal“. Das ist natürlich kein unbekanntes Stück im Sinne von: Das hat noch nie jemand gespielt – ganz im Gegenteil. Aber es ist ein Werk, das es in dieser Konsequenz in unseren Breitengraden noch nicht zu sehen gab und von dem wir überzeugt sind, dass es perfekt in unsere Agenda passt. Wir wollen uns mit Musical beschäftigen, das eben nicht nur „nice and sweet“ ist, sondern bei dem es tatsächlich um existenzielle Thematiken geht.

„Next to Normal“ ist ja ein hochemotionales Stück über psychische Erkrankungen – wie fügt sich das in Ihre programmatische Klammer ein?

Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Das Stück ist der perfekte Botschafter für unser Saisonthema: Wir haben die gesamte Spielzeit unter das Motto „Freiheiten“ gestellt. Dabei geht es uns um ganz unterschiedliche Facetten – um die Freiheit im Kopf, aber eben auch um die Gefangenschaft in der Familie oder in einer Krankheit. Die Frage ist immer: Wie löst man sich davon?

In seiner Aktualität und Brisanz – im Sinne von: Wie pur und unmittelbar kann Musiktheater heute wirken? – ist das eine ganz starke Setzung für Regensburg. Tobias Ribitzki  wird es bei uns inszenieren. Er hat das Stück bereits sehr erfolgreich in Magdeburg auf die Bühne gebracht, wird es sich für uns aber noch einmal ganz neu vornehmen. Sicherlich wird es Anklänge geben, aber es wird eine echte Regensburger Handschrift tragen.

Das ist ein beachtliches Paket an Wiederentdeckungen und Repertoire-Pflege. Aber die Jury-Begründung der „Oper! Awards“ hob ja neben dem Wagemut auch explizit Ihre „Entdeckerlust“ hervor. Gibt es für die erste Spielzeit als Staatstheater denn auch diesen einen Titel, den hierzulande noch niemand auf dem Schirm hat? Den großen Scoop, der diesen Entdeckergeist untermauert?

(lächelt) Den gibt es in der Tat. Als absolutes Highlight und europäische Erstaufführung – da sind wir wieder beim Thema, Unbekanntes zu präsentieren – werden wir ab dem 29. Mai das Musical „Lempicka“ von Matt Gould zeigen, das sich mit der faszinierenden Malerin Tamara de Lempicka beschäftigt.

Ensemble der deutschsprachigen Erstaufführung von „Charlie und die Schokoladenfabrik“ im Theater Regensburg, 2025 © Marie Liebig

Ich bin sehr stolz, dass wir dieses Stück exklusiv angeboten bekommen haben. „The guy who did ‚Sunday‘ in Germany“ – damit bin ich gemeint – hat vor zwei Jahren einen Anruf direkt aus New York bekommen. Man fragte mich, ob ich mir das Stück ansehen möchte; man hätte Interesse, es nach Europa zu transferieren, und man glaubte, dass ich jemand wäre, der sich dieses Stoffes gut annehmen könnte. Ich freue mich sehr, dass wir nun tatsächlich vor dem Westend, vor London, das Musical in Europa zeigen werden, direkt vom Broadway nach Regensburg. Robin Kulisch wird die Übersetzung übernehmen – mit ihm habe ich schon an „Sunday in the Park with George“ gearbeitet, das ist eine bewährte Partnerschaft.

Ein solches Exklusiv-Projekt schreit ja fast nach der Handschrift des Intendanten selbst – werden Sie bei „Lempicka“ auch die Regie übernehmen? Und was hat Sie an dieser speziellen Biografie so gereizt, dass Sie dieses Stück unbedingt nach Europa holen wollten?

Ja, ich werde „Lempicka“ selbst inszenieren. Es ist einfach eine sensationelle Musik. Ehrlich gesagt wundere ich mich, dass das noch nicht viel früher passiert ist. Tamara de Lempicka war eine faszinierende Frau: Sie war eine der Ersten in der Kunstgeschichte, die völlig selbstständig organisiert hat, was sie malen will, dass sie davon leben kann und dass sie frei bestimmt, ob sie in einer heterosexuellen, homosexuellen oder bisexuellen Beziehung steht. Dass sie sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts in dieser Männergesellschaft einfach die Freiheit nimmt, ihr Leben zu leben – „Freiheit als Lebensentwurf“ – ist da vielleicht ein ganz knackiger Kommentar. Das passt perfekt zu unserem Saisonthema.

Wenn man an Tamara de Lempicka denkt, hat man sofort ihre ikonischen, kühlen Art-déco-Gemälde vor Augen. Haben Sie schon konkrete Gedanken dazu, wie Sie diese sehr spezielle Malerei-Ästhetik auf die Bühne übersetzen werden?

Wir sind gerade dabei, die Konzeption zu finalisieren, aber natürlich werden wir uns an genau dieser Ästhetik orientieren und viel mit ihren Gemälden arbeiten. Die Kunst der Malerin wird absolut im Fokus stehen; es wird ein sehr ästhetischer Zugriff über ihre Kunst werden. Kristopher Kempf wird die Ausstattung besorgen und Gabriel Pitoni macht die Choreografie. Ich freue mich sehr darauf, diese visuelle Welt mit der Musik von Matt Gould zu verweben.

Herr Ritschel, mit Blick auf die Uhr merke ich, dass unsere Zeit leider schon fast am Ende ist. Zum Abschluss würde mich noch interessieren: Wenn ich als Gast bei Ihnen eine Show gesehen habe und nach dem Schlussvorhang hinaus auf den Bismarckplatz trete – mit welchen Gefühlen oder Gedanken soll ich im Idealfall nach Hause gehen? Und was bedeutet dieser erste Spielplan als Staatstheater für die Langzeitwirkung hier in Bayern?

Ensemble der deutschsprachigen Erstaufführung von „Come from Away“ am Theater Regensburg 2025 © Marie Liebig

Mein Wunsch ist, dass Sie im Idealfall einen berührenden Abend oder Nachmittag hatten und bewegt worden sind von dem, was wir tun. Dass Sie vielleicht sogar in eine Welt mitgenommen wurden, die Sie noch nicht kannten, und bereicherter aus unserem Haus gehen, als Sie reingekommen sind.

Was die Langzeitwirkung angeht: Wir sind mit dem „Oper! Award“ für unsere künstlerische Überzeugung und unseren konsequenten Weg ausgezeichnet worden. Das wird sich mit dem Titel „Staatstheater“ nicht verändern. Wir werden nicht plötzlich „noch besser“ als vorher, sondern wir versuchen, unser Niveau zu halten, weiterhin gute Stücke an Land zu ziehen und überzeugende Arbeit zu leisten. Natürlich hilft die bessere finanzielle Ausstattung dabei, dieser Überzeugung eine etwas lautere Stimme zu geben.

Das Schöne ist ja, dass Musiktheater bei uns alles umfasst, was musikalisch-theatral auf die Bühne gebracht wird. Wir unterscheiden da gar nicht streng zwischen den Gattungen. Dass dieser Weg ankommt, sieht man am deutlichsten an der Resonanz: Wir mussten in dieser Spielzeit ein zusätzliches Abonnement auflegen, weil unser Kontingent im Musiktheater schlicht erschöpft war. Die Bereitschaft der Menschen, sich auf dieses Haus und unseren Weg einzulassen, ist enorm gewachsen. Das ist für mich die wichtigste Bestätigung.

Herr Ritschel, die „Entdeckerlust“, die Ihnen die Jury der Oper! Awards bescheinigt hat, merkt man Ihnen in jedem Satz an. Es ist wirklich spannend zu sehen, dass Musiktheater bei Ihnen kein verstaubtes Museum ist, sondern ein lebendiger Ort, an dem Oper und Musical ganz ohne Berührungsängste nebeneinanderstehen. Wir sind sehr gespannt auf die erste Saison als Staatstheater und werden natürlich besonders bei „Lempicka“ ganz genau hinschauen. Vielen Dank für das ehrliche Gespräch und wir wünschen Ihnen und Ihrem Team in Regensburg viel Erfolg für die neue Spielzeit!

 
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