Ensemble © Pete Le May
Ensemble © Pete Le May

Sherlock Holmes and the 12 Days of Christmas (seit 11/2025)
The Rep, Birmingham

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Die Fringe-Veteranen Humphrey Ker und David Reed, deren Humor beim Edinburgh Festival Fringe längst Kultstatus genießt, wagten sich an ein eigenes Sherlock-Holmes-Weihnachtsabenteuer – selbstverständlich mit jener schrägen, viktorianischen Schlagseite, die ihr Markenzeichen ist. Als Musicaltexter Tim Rice anbot, die Songs zu schreiben, und in seinem Telefonbuch nach einem passenden Komponisten blätterte – wo er auf Andrew Lloyd Webber stieß – war die Idee endgültig geboren. Das Ergebnis: ein Weihnachtskrimi, der britische Albernheit mit der Handschrift von Rice und Lloyd Webber verbindet und sich dabei mit sichtlichem Vergnügen auch über die beiden selbst und ihr musikalisches Erbe lustig macht.

Helena Wilson (Athena Faversham), David Reed (Dr. Watson) © Pete Le May

Der Plot selbst dient vor allem als Spielfeld für eine Reihe herrlich absurder Episoden: Im Londoner West End häufen sich Morde, die sich verdächtig genau an den Strophen des Weihnachtslieds „The 12 Days of Christmas“ orientieren – was Holmes und Watson zunächst zu gewohnt hochtrabenden Schlussfolgerungen treibt. Immerhin mischt mit Athena Faversham eine ehrgeizige junge Polizistin mit, die Holmes intellektuell Konkurrenz machen will und dem Duo regelmäßig dazwischenfunkt.

Einer der Momente, die den Humor des Abends exemplarisch auf den Punkt bringen, spielt im Leichenschauhaus: Die Patologin wirft begeistert die Theorie eines Serienmörders in den Raum. Holmes reagiert trocken, man habe das bereits erkannt – schließlich hätten er und Watson gerade einen kompletten Song darüber gesungen. Worauf die Patologin, sichtbar vor den Kopf gestoßen, erwidert, das könne sie kaum wissen, da sie „in dieser Szene ja noch nicht mitgespielt“ habe. Die Inszenierung arbeitet immer wieder mit solchen Meta-Kommentaren, die den Kriminalfall charmant unterlaufen. Dazu kommen gezielte Seitenhiebe auf das Musicalschaffen von Lloyd Webber und Rice selbst. Die Ermittlungen führen Holmes und Watson etwa ins Royal Opera House, where Wagners „Ring“ in einer modernen Neudeutung gezeigt wird – sämtliche Darsteller in Vogel-Kostümen. Holmes und Watson geraten darüber in einen kurzen Disput über die Zumutungen zeitgenössischer Regietheater-Exzesse und enden bei der Bemerkung, man werde vermutlich bald auch Shakespeare in Löwenkostümen erleben. Der Hinweis bleibt im Raum stehen, entfaltet aber sein eigenes Echo, weil hier einer der Autoren des Stücks bekanntlich mit einem sehr erfolgreichen Savanne-Musical verbunden ist. Nicht weniger deutlich ist der Moment, in dem der Mörder beim finalen Mordversuch im „Phantom“-Kostüm auftritt und die ikonischen Takte aus „The Phantom of the Opera“ erklingen. Die Show zitiert hier unübersehbar das Werk Lloyd Webbers – und hat gleichzeitig sichtbar Spaß daran, diese Referenz augenzwinkernd zu brechen.

Die Regie, die Phillip Breen gemeinsam mit Becky Hope-Palmer verantwortet, hält den Abend in einem bemerkenswert geschlossenen Rhythmus zusammen: Der Humor greift sauber ineinander, die Szenenübergänge funktionieren ohne spürbare Längen, und die Mischung aus Krimiparodien, Pantomime-Elementen und Musical-Slapstick wirkt erstaunlich organisch. Man sollte allerdings eine gewisse Affinität für die Absurditäten des britischen Humors mitbringen – der Abend spielt konsequent in genau dieser Tonlage und verlässt sie nur selten.

Cameron Johnson (Arthur Stone), Ensemble © Pete Le May

Das viktorianische London, das Mark Bailey für Bühne und Kostüme entwirft, liefert dafür den passenden Rahmen. Requisiten und Aufbauten werden von oben und von den Seiten eingefahren oder vom Ensemble – bewusst sichtbar und oft mitten in die Szene kommentiert – auf die Bühne getragen. Diese permanente Sichtbarkeit der Theatermaschinerie wird dabei nicht kaschiert, sondern gezielt ins komödiantische Konzept eingebunden und von den Hauptfiguren immer wieder trocken aufgegriffen.

Musikalisch bleibt der Abend eng am Dialog geführt: Die Songs dienen weniger dem klassischen Vorantreiben der Handlung, sondern fungieren als Reflexionsmomente für die Figuren. In den Ensemble-Nummern werden Situationen pointiert zusammengefasst oder atmosphärisch verdichtet, was dem Stück eine leichte musikalische Struktur gibt, ohne den Dialogfluss zu dominieren. Andrew Lloyd Webbers Partitur erinnert – vermutlich auch bedingt durch die kleine Orchesterbesetzung – stilistisch an seine frühen Arbeiten wie „By Jeeves“ oder „The Likes of Us“, jenes Stück, das einst die Zusammenarbeit des Duos Lloyd Webber/Rice begründete. Sechs Musiker unter der Leitung von Christopher Mundy sorgen für eine präzise, sauber gespielte Begleitung. Ein kleiner Wermutstropfen: In einzelnen Dialogpassagen nach den Songs wirken die Mikrofone etwas zu stark aufgedreht, was die Balance kurzfristig kippen lässt.

Humphrey Ker (Sherlock Holmes) © Pete Le May

Im Zentrum stehen Humphrey Ker und David Reed, die nicht nur das Stück geschrieben haben, sondern in den Rollen des Sherlock Holmes (Ker) und Dr. Watson (Reed) auf der Bühne stehen. Beide agieren mit einer sichtlichen Freude an ihrem eigenen Material und tragen den Abend mit ihrem eingespielten Timing. Gesanglich bewegen sie sich eher im Schauspielerfach, doch die Partitur ist hörbar so angelegt, dass sie auch von Darstellern ohne ausgeprägten Musicalhintergrund getragen werden kann – wohl auch mit Blick darauf, dass das Stück später an kleineren britischen Bühnen spielbar sein soll. Helena Wilson (Athena Faversham) steuert eine klare, warme Sopranstimme und ein überzeugendes Spiel bei. Die Dynamik zwischen ihr und dem Duo Holmes/Watson funktioniert durchgehend: Die Wortwechsel sitzen, die gegenseitigen Spitzen sind präzise gesetzt, und das Trio entwickelt eine angenehme Bühnenchemie, die einen Großteil der Komik trägt.

In den kleineren Rollen überzeugen John Kearns (Inspector Lestrade), Margaret Cabourn-Smith (Mrs Hudson), Susan Harrison (Ernie) und Cameron Johnson (Arthur Stone) – letzterer herrlich überdreht – mit stimmigem Spiel, sicherem Gesang und präzisem Timing. Sie halten die Szenen lebendig und tragen spürbar dazu bei, dass der Abend rhythmisch nie ins Stolpern gerät.

David Reed (Dr. Watson) © Pete Le May

Am Ende ist „Sherlock Holmes and the 12 Days of Christmas“ ein Abend, der sich mit voller Absicht jeder klaren Schublade entzieht: zu albern für einen traditionellen Krimi, zu viel Handlung für eine klassische Pantomime und zu verspielt, um sich als Musical besonders wichtig zu nehmen. Genau darin liegt aber sein Reiz. Die Show zelebriert den britischen Hang zur festlichen Übertreibung und hat dabei sichtbar Spaß daran und hat dabei sichtbar Spaß daran, jede Form von Würde über Bord zu werfen. Wer mit diesem Humor umgehen kann, wird bestens unterhalten; alle anderen bekommen zumindest einen sehr guten Eindruck davon, warum Großbritannien zur Weihnachtszeit an seinem eigenen Theaterwahnsinn so hingebungsvoll festhält.

 
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KREATIVTEAM
BuchHumphrey Ker
David Reed
MusikAndrew Lloyd Webber
TexteTim Rice
OrchestrationJohn Rigby
Musikalische LeitungChristopher Mundy
RegiePhillip Breen; Becky Hope-Palmer
Bühne und KostümeMark Bailey
LichtAnna Watson
Sound DesignLuke Swaffield
ChoreographieGeorgina Lamb
KampfszenenRenny Krupinski
IllusionenChris Fisher
Will Houstoun
 
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CAST (AKTUELL)
Sherlock HolmesHumphrey Ker
Dr. WatsonDavid Reed
Athena FavershamHelena Wilson
Inspector LestradeJohn Kearns
Mrs HudsonMargaret Cabourn-Smith
FafnerChristian Andrews
ErnieSusan Harrison
Arthur StoneCameron Johnson
EstellaAmanda Lindgren
CliffordMia Overfield
WiffordChomba S. Taulo
WotanAndrew Pugsley
Queen VictoriaDeborah Tracey
  
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TERMINE
So, 18.01.2026 14:00The Rep, BirminghamDerniere
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 14.11.2025 19:30The Rep, BirminghamPremiere
So, 07.12.2025 14:00The Rep, Birmingham
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