Thomas Hohler hat sich seit vielen Jahren in der deutschsprachigen Musicalszene etabliert. Mit Rollen wie Guy von Gisbourne in „Robin Hood“ oder Marius in „Les Misérables“ brillierte er zuletzt, bevor er seit Anfang November mit der Titelrolle bei der Deutschlandpremiere von „Mrs.Doubtfire“ die bisher größte Herausforderung seiner Karriere annahm.
Wir haben bei einem Treffen mit Thomas über die Düsseldorfer Inszenierung und seinen Zugang zu dieser vielschichtigen Rolle gesprochen. Dabei hat er uns nicht nur tiefe Einblicke in seine Arbeit gewährt, sondern sich auch als einen sehr souveränen und reflektierten Künstler gezeigt. So erzählt Thomas unter anderem, wie er es schafft, das Publikum zwischen Lachsalven und Tränen der Rührung hin- und herzuwerfen – und gibt zu, dass das Stück auch ihn emotional packt und es nicht immer leicht ist, das auf der Bühne zurückzuhalten.
Thomas, du bist seit vielen Jahren erfolgreich im Musical-Geschäft tätig. Nun spielst du als Erstbesetzung die Hauptrolle in der deutschen Erstaufführung von „Mrs. Doubtfire“. Was bedeutet dir das?
Das ist ein wahnsinnig großer Schritt für mich. Darauf habe ich während meiner ganzen Bühnenkarriere hingearbeitet. Ich bin überglücklich und sehr stolz, dass ich das machen darf.
Die Presse nennt dies „die Rolle deines Lebens“…
Das könnte sogar zutreffen. Das ist quantitativ die größte Rolle, die ich bisher auf der Musicalbühne gesehen habe. Das Panoptikum, das diese Rolle bedient, ist das Größte, was ich mir hätte vorstellen können. Die größte Herausforderung ist für mich tatsächlich die Rolle bzw. das Stück selbst. Es hat ganz dem amerikanischen ‚Höher-schneller-weiter-Prinzip‘ entsprechend eine extrem hohe Gag-Dichte und ist außerdem sehr rührig. Meine Figur hat einen Motor, der die ganze Show über ihr Antrieb ist: Daniel tut alles dafür, um für seine Kinder da zu sein. Die Intensität und Leidenschaft dieser Figur hebt sich klar von allem ab, was ich bisher gespielt habe.
Das Kreativteam, mit dem du hier zusammengearbeitet hast, ist dasselbe, das bereits die Broadway-Inszenierung und auch die West-End-Produktion von „Mrs. Doubtfire“ verantwortete. Vielleicht kannst du uns ein bisschen darüber erzählen, wie die Zusammenarbeit ablief?
Ich habe noch nie einen so schönen Produktionsaufbau erleben dürfen! Unsere Zusammenarbeit war durchgängig von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt geprägt. Wir Darstellenden wurden unheimlich motiviert und die Stärken jedes Einzelnen so herausgearbeitet, dass wir gemeinsam das Bestmögliche aus dem Stück herausholen konnten! Der qualitative Anspruch hat jedoch nie nachgelassen. Es wurden vom gesamten Cast Höchstleistungen erwartet, die aber auch jedes mal entsprechend honoriert wurden. So entstand eine entspannte Arbeitsatmosphäre, die am Theater nicht selbstverständlich ist. Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt! Das Produktionskonzept ließe sich mit ‚Positive Empowerment‘ überschreiben.
„Mrs. Doubtfire“ ist eine Lizenzproduktion, d.h. die originale Broadway-Version ist nach London gegangen und nun zu uns nach Deutschland gekommen. Die Choreographien, das Set, die Ausstattung sind mehr oder weniger identisch. Wir haben zunächst in diese ‚Maske‘ hinein geprobt, sodass es augenscheinlich ein Abziehbild von dem ist, was in New York und London zu sehen war. Uns wurde bei den Proben aber transparent gemacht, warum wir etwas genauso tun sollten. Jede Handlung wurde mit einer Motivation begründet, sodass jede Aktion ein klares Ziel bekam. Das hat das Stück für uns lebendig gemacht.
Der Antrieb der Figur, die ganzen Emotionen, die Comedy-Momente – das alles stand gleichzeitig im Fokus und sollte nun in der Deutschen Übersetzung mit der gleichen Botschaft genauso zünden wie auf Englisch. Es gab eine ‚rohe‘ Vorab-Übersetzung, mit der wir in die Proben gestartet sind. Von Beginn an bestand von allen Seiten viel Offenheit und Wille, auch beim amerikanischen Team, eine treffsichere Übersetzung zu finden, die für unser Publikum und uns deutsche Darsteller funktioniert. Wir haben eng mit den Übersetzern zusammenarbeiten dürfen. Ich habe mich an vielen Stellen einbringen dürfen, den Text hier etwas wörtlicher und an anderer Stelle etwas weniger wörtlich zu übersetzen. So ist auch die ein oder andere Pointe in den Proben entstanden.
So kamen wir unserem gemeinsamen Ziel näher, für das Deutsche Publikum exakt das zu erreichen, was für das amerikanische und das englische Publikum funktionierte, sodass wir mit einer etwas anderen Sprache, im doppelten Sinne, die gleiche Wirkung erzielen konnten. Natürlich hatte stets der Chef des jeweiligen Departments das letzte Wort, aber wir wurden immer zumindest angehört.

Die Motivation und die Wertschätzung, die diese Proben so einzigartig gemacht haben, tragen wir mit in jede Show. Die daraus resultierende Präzision, der Zusammenhalt und die Freude sind spürbar, denke ich, wenn man uns gemeinsam auf der Bühne sieht.
Das klingt so, als würde dir auch die Arbeit im kreativen Bereich hinter der Bühne Freude machen. Haben sich da für dich neue Perspektiven eröffnet?
Grundsätzlich glaube ich, dass das auch meins wäre, aber ich mag da vorsichtig mit Prognosen sein. Mein Fokus war es hier, ein sehr guter Hauptdarsteller zu sein und dazu gehört auch, dass die Zusammenarbeit mit allen Abteilungen so perfekt wie möglich funktioniert, weil alles ineinandergreift. Das ist für das Gelingen der Show essentiell. Je besser man die Sprache des jeweils Anderen spricht, desto besser gelingt die Zusammenarbeit. Das heißt aber nicht, dass ich meine Profession verlassen möchte.
Du teilst dir die Rolle mit Dustin Smailes. Wie habt ihr die Figur gemeinsam erarbeitet?
Wir kannten uns bereits aus einer vorherigen Produktion von der Arbeit im Theater, haben privat gemeinsame Kontakte und verstehen uns sehr gut. Unsere Zusammenarbeit an dieser Rolle begann bereits vor den Proben. Wir haben häufig über einzelne Szenen gesprochen und uns ausgetauscht, wie unser jeweiliger Zugang dazu ist. Das setzte sich in den Proben fort: Wir haben uns gegenseitig geholfen und unterstützt, einander bei den Proben begleitet und anschließend Feedback und Tipps gegeben. Die Rolle zu formen war wirklich Teamwork.
Deine Figur durchlebt eine temporeiche Achterbahnfahrt der Gefühle mit hoher Intensität. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe das Buch bestmöglich vorbereitet. Je genauer ich den Lauf der Geschichte kenne und meine Texte kann, desto besser kann ich mich im Probenverlauf darauf konzentrieren, die jeweilige Szene zu spielen und Regieanweisungen zu berücksichtigen. Ich war immer der Erste, der mindestens eine Stunde vor Probenbeginn da war, und auch der Letzte, der nach einem Probentag das Haus verließ, da bei dieser Rolle Vor- und Nachbereitung sehr wichtig sind und ich das Gefühl hatte, dass die Probentage einfach zu kurz sind, um all das zu schaffen, was die Rolle abverlangt. Seit dem Sommer habe ich eine Loop-Station-Maschine zuhause und mir angeeignet, damit zu arbeiten. Das macht mir großen Spaß! Dustin und ich sind mittlerweile richtige Programmierspezialisten und Profis darin! [lacht]
Du bringst das Publikum zum Weinen – mal vor Rührung, mal vor Lachen. Wie schaffst du es, das Publikum auf die emotionale Achterbahnfahrt Daniels mitzunehmen?
Das Gelingen der Show liegt vor allem an dem guten Material, das dieses Stück mitbringt. Um ein Beispiel zu nennen: Ziemlich am Anfang des Stückes gibt es das Lied „Ich wäre gern da“: Daniel steht vor Gericht und ihm wird das Sorgerecht entzogen. Der Song war Teil meines Auditionmaterials. Ich kannte das Musical bis dahin nicht. Als ich mich in meiner Vorbereitung damit auseinandersetzte und es anspielte, hatte ich nach sechs Takten bereits Tränen in den Augen, weil es etwas in mir berührt hat. Wahrscheinlich lief deshalb die Audition so gut für mich: Das, was ich darin lese, möchte ich so übertragen, dass es beim Publikum ankommt. Das Stück hat viele, oft überraschend daherkommende Wahrheiten. Gerade wird noch die größte Comedy abgefeuert und auf einmal sehen wir uns mit der harten Realität des Lebens konfrontiert: Keine Familie ist perfekt und wir kennen es alle, dass es kracht, dass das Leben anders läuft als gewünscht – aber auch dass es sich dafür zu kämpfen lohnt, solange Liebe da ist.
Das schafft einerseits das Stück an sich, wie du schon sagst, aber: Wie viel Thomas steckt in deinem Daniel?
Sicher eine ganze Menge von Thomas. [lacht] Da ich selbst Vater bin, weiß ich, dass ich noch vor fünf Jahren die Rolle nicht so hätte spielen können wie heute. Seitdem ich Vater bin, hat bei mir eine emotionale Entwicklung stattgefunden, die mir sehr zugute kommt und die ich für meine Arbeit sehr gerne nutze.
Die Premiere von „Mrs. Doubtfire“ hat – zurecht, wie wir von der Redaktion finden – durchweg positive Kritiken bekommen. Der Vorverkauf lief allerdings eher mittelprächtig. Die Spielzeit ist relativ kurz angesetzt. Das wirkt von außen betrachtet sehr ambivalent. Was macht das mit dir?
Von dem großen Zuspruch bin ich sehr überwältigt! Ich bin unglaublich stolz und sehr glücklich, dass alles so gezündet hat, wie wir uns das erhofft hatten. Ein bisschen betriebsblind zu werden, wenn man voll dahinter steht, was man macht, ist normal. Hier haben wir aber wirklich – sehr sachlich gesprochen – ein extrem gutes Produkt erschaffen. Wir spielen eine Show auf Weltklasseniveau! Ich freue mich über jeden Pressetermin, jedes Interview, das ich wahrnehmen kann. Ich stehe wirklich hinter dem, was ich hier tue!
Im Vorfeld war die Produktion schwierig zu bewerben. Es gab nur wenig Bildmaterial. Kostüme und Maske kamen erst während der Proben an. Da kann man wenig vorarbeiten. Das Stück lebt außerdem von sich selbst, von seiner Geschichte. Wir haben tolle Musik, aber kaum diese klassischen Stücke mit Wiedererkennungswert. Das macht das Musical schwer zu bewerben. Ich bin nicht allzu überrascht, dass der Vorverkauf nicht die Sensation war. Ich spiele aber lieber eine sensationelle Premiere, als dass sich die Karten gut verkaufen, das Stück dann aber doch nicht so gut ankommt.
Ich bin mit meinem Teil der Arbeit sehr zufrieden. Ich hatte ganz andere Sorgen: Wir kennen das Phänomen, dass die Leute umso mehr mitgehen, je größer das Publikum ist. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn nicht so viele Menschen im Saal sitzen, sind alle ein bisschen verhalten. Bei dem Stück sind wir darauf angewiesen, dass eine Pointe nach der anderen zündet. Was wäre also, wenn keiner lacht?
Aber meine Befürchtungen stellten sich glücklicherweise nicht ein, da die Leute bisher bei jeder Vorstellung ab der ersten Minute den Spaß ihres Lebens haben; zumindest kommt es bei mir auf der Bühne so an. Deshalb kann ich für mich einen Haken daran setzen, weil es mir egal ist, ob ich für ein kleines oder ein großes Publikum spiele. Ich gebe immer alles.
Das klingt sehr abgeklärt und resilient. Hast du dir innere Mechanismen erarbeitet, um dich zu schützen, wenn die Kritiken mal nicht so hochtrabend sind wie aktuell?
Grundsätzlich erlebe ich Rezensionen immer als recht wohlwollend. Natürlich kann man immer auch einen Verriss schreiben, wenn man möchte. Wenn eine Kritik aber fachlich fundiert ist, kann ich sie sehr gut annehmen.
Welche Szenen im Stück packen dich emotional am meisten?
Es gibt Momente, die mich persönlich berühren. Die kommen allerdings vor allem im zweiten Akt, weil ich vor der Pause sehr damit beschäftigt bin, dieser menschliche Tornado zu sein, der alles aufwirbelt. Auch bei der rührigen Nummer am Anfang („Ich wäre gern da“) achte ich schauspieltechnisch darauf, dass ich sachlich dranbleibe, Daniels Ziel zu verfolgen und nicht selbst emotional loszulassen. Wenn ich anfinge loszuheulen, möchte das keiner sehen. Spannend ist der Kampf gegen die Gefühle. Das ist wie im Leben: Wenn wir in einer Situation weinen möchten, versuchen wir doch, es nicht zu tun. Hier geht es handwerklich darum, realistisch zu bleiben und die Zuschauer in Daniel reinschauen zu lassen, der aber selbst nicht den Halt verliert.
Die Momente, die mich tatsächlich erwischen, sind die, wenn meine Kollegin Alina Simon mit ihrem erstklassigen Schauspiel in der Rolle der ältesten Tochter Lydia loslegt: Sie weist ihren Vater zurecht, dass er sehr eigennützig handele, da die Kinder ihren Vater nicht sehen, wenn er in der Rolle des Kindermädchens bei ihnen den Haushalt schmeißt. Oder am Ende, wenn Mrs. Doubtfire einen Leserbrief vorliest und über verschiedene Formen von Familie aufklärt. Da wird so viel Richtiges und Wichtiges gesagt.

Du standest bereits als Kind bei „Les Misérables“ auf der Bühne. Jetzt spielst du jeden Abend mit wechselnden Kinderdarsteller:innen. Was trägt noch zum Gelingen dieser gemeinsamen Arbeit bei?
Es hilft die sehr gute Vorbereitung in der Probe, wie die Szenen gebaut und die Texte geschrieben sind und dass das Timing stimmt. Dann können wir das Geübte sehr akkurat abrufen und dann klappt das! Gerade weil es ein sehr schnelllebiges Stück ist, ist es nicht so, dass die Kids und ich jedes Mal in einer tiefen emotionalen Reise aufeinander zugehen müssen. Es ist sehr spielerisch, fast wie in einem Actionspiel: Die Kids kommen rein, zünden die Pointe oder wir fallen uns in die Arme und knuddeln uns. Es soll von einer unkomplizierten Eltern-Kind-Beziehung erzählen, die wir uns doch alle wünschen! An erster Stelle soll und muss der Spaß für die Kids stehen. Ich habe das Gefühl, dass wir das ganz gut hinbekommen.
Der Film lief in den 1990er Jahren in den Kinos. Seitdem hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und auch der Erzählstoff wurde modernisiert. Magst du erzählen, an welchen Punkten du das fest machst?
Die Moderinisierung hat ‚wie im Vorbeigehen‘ stattgefunden, ohne sie in den Fokus zu stellen: Es werden alltägliche Neuerungen selbstverständlich benutzt wie Handys und Tablets: „Hey Siri“ wird aufgerufen. Was, am Rande bemerkt, beim Proben die Pest war, weil sich mein Tablet auf „Hey Siri“-Rufe hin dauernd verselbstständigt hat. [lacht]
Die wirklich wichtige Modernisierung ist die Selbstverständlichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe des Bruders und dass das Paar ein Kind adoptieren möchte. Auch das Frauenbild wurde aufpoliert: Miranda, Daniels Ex-Frau, war auch schon in der Filmvorlage eine Businessfrau. Die emanzipierte Haltung wurde nun noch verschärft und erhält mehr Gewicht während des Stücks.
Gesellschaftlich vermeintlich sperrige Themen werden nicht mehr so vorsichtig angefasst. Gerade im Theater können wir da viel unmittelbarer wirken, was das Stück dem Film gegenüber noch aussagekräftiger macht. Damit will ich nicht das großartige Werk von Robin Williams infrage stellen! Das ist unantastbar und er war eine Ikone für sich! Aber in vielen Punkten funktioniert die Geschichte von Mrs. Doubtfire auf der Bühne besser als im Film!
Was wünschst du dir, das das Publikum nach der Show mit nach Hause nimmt – außer einem Lächeln im Gesicht und die verstohlen weggewischten Tränen?
Ich wünsche mir, dass die Menschen die Liebe zwischen den Zeilen suchen, die in jedem Familienkontext da ist, wenn auch manchmal im Verborgenen. Vielleicht ist die Liebe unter Alltäglichem oder in schweren Phasen verschüttet. Die Liebe ist aber in uns allen. Egal von welcher Form von Familie oder welchem Konstrukt von Zwischenmenschlichkeit wir sprechen: Es lohnt sich immer, für die Liebe zu kämpfen. Das kann niemals falsch sein. Davon erzählt das Stück und das darf auch Spaß machen: Liebe fängt mit Freude an. Wenn wir Spaß am Leben haben, können wir darüber auf Wertschätzung kommen und von der Wertschätzung auf die Liebe. So einfach ist das. [lacht]
Punkt.
Lieber Thomas, vielen Dank für deine Offenheit und deine spannenden Einblicke in die Arbeit bei „Mrs. Doubtfire“! Wir wünschen dir weiterhin viel Spaß und Erfolg mit dieser Produktion und sind gespannt, wie es danach für dich weiter geht.
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