Für Dominik Hees beginnt mit „Songs for a New World“ ein neues Kapitel: Zum ersten Mal wechselt er die Perspektive – vom Scheinwerferlicht in den Regiestuhl. Gemeinsam mit dem neu gegründeten Ensemble „Young Artists“ inszeniert er Jason Robert Browns Songzyklus im intimen Max-Reinhardt-Foyer der Bühne Baden. Im Gespräch erzählt Dominik, der parallel zu seinem Regiedebüt auch in Wien in der Uraufführung von „Maria Theresia – Das Musical“ zu sehen ist, warum ihn „Songs for a New World“ gerade jetzt so stark berührt, wie ihn seine persönlichen Erfahrungen geprägt haben und welche Energie er aus der Arbeit mit einem jungen Ensemble zieht.

„Songs for a New World“, Theater Baden, 2025 © privat
Du gibst mit „Songs for a New World“ dein Regiedebüt. Warum hast du dich ausgerechnet für dieses Stück entschieden, und was fasziniert dich daran besonders? Das Werk besteht ja nicht aus einer durchgehenden Handlung, sondern aus vielen kleinen Geschichten. Wie gehst du mit dieser besonderen Struktur um, und was war dir bei der szenischen Umsetzung wichtig, um trotzdem einen roten Faden spürbar zu machen?
Das sind ja schon vier Fragen. [lacht] Die Idee, „Songs for a New World“ zu spielen, entstand bei einem gemeinsamen „Brainstorm-Kaffee“ mit Intendant Andreas Gergen in Wien. Wir sind beide der Meinung, dass dieser Songzyklus von Jason Robert Brown ein zeitloses Meisterwerk ist. Außerdem waren wir auf der Suche nach einem Stück, dass zur Größe der Besetzung und zum Spielort Max-Reinhard-Foyer passt, welcher mit 99 Zuschauer*innen ein sehr intimes Ambiente bietet. Die Kernthemen Aufbruch, Ungewissheit, Herausforderungen, Chancen, die Suche nach Sinn, Hoffnung auf ein besseres Leben, Bestimmung, Beziehungen, die Rolle als Eltern usw. resonierten in uns im Bezug auf unsere ganz persönlichen Situationen. Gergens Auftakt in Baden, die Impulse für die Weiterentwicklung der Vision für das Haus und den damit verbundenen Veränderungen, sowie auf meiner Seite die Geburt meiner Tochter und meine überstandene Krebserkrankung, führten uns zu der Conclusio, dass „Songs for a New World“ auf vielen Ebenen zu uns und in diese Spielzeit passt. Ja, das Stück ist eine Herausforderung, sowohl im Hinblick auf die Komplexität der Musik und der Charaktere, als auch konzeptionell. Insbesondere die technischen Angelegenheiten dieser Produktion, Licht, Ton und Bühnenbild haben etliche Stunden Planung in Anspruch genommen. Das Max-Reinhard-Foyer ist ein wunderschöner, denkmalgeschützter Saal, in dem wir strukturell nahezu nichts verändern dürfen. Trotz dessen eine Inszenierung zu entwickeln, die nicht rein konzertant wirkt, sondern ganz bestimmte (18 verschiedene!) Situation beschreibt, hat meine Kreativität auf die Probe gestellt. Ich sehe „Songs for a New World“ als Appell, ein Gefühl von Gemeinschaft, Liebe, Inklusion, Hoffnung in die Welt zu tragen. Angelehnt an die Thesen Viktor Frankls, gestalte ich diesen Abend nach der Leitidee: „Menschsein bedeutet immer Aufbruch!“
Du arbeitest mit dem neu gegründeten Ensemble des Musical- und Operettenstudios „Young Artists“. Wie ist es für dich, gemeinsam mit einem noch jungen Ensemble an dieses vielschichtige Werk heranzugehen? Welche Schwerpunkte hast du in den Proben gesetzt – eher musikalisch, schauspielerisch oder szenisch? Und wie hast du die Zusammenarbeit mit der musikalischen Leitung erlebt?
Der Schwerpunkt liegt tatsächlich überall. Dieses Projekt bietet allen Beteiligten die Gelegenheit, alle Facetten ihres Talents zu präsentieren. Ich habe gemeinsam mit unserer Choreographin Dominique Brooks-Daw sogar noch ein wenig mehr Choreos und physical theatre eingebaut, als Kenner dieses Stücks vielleicht erwarten würden. Dass wir die „Young Artists“ für die Besetzung auswählen, war von Anfang an fest eingeplant und stellt sich nun in der Arbeit als unkonventionelle, aber absolut richtige Entscheidung da. Ich liebe es, mit ihnen an diesen zum Teil heftigen Geschichten zu arbeiten und finde es sehr spannend, welche Sichtweisen und Spielangebote dazu von diesen jungen, wunderbaren Menschen kommen. Eins steht fest: An dieser Aufgabe können sie wachsen. Das wirklich Großartige an Jason Robert Browns Texten ist, dass er uns immer tiefen Einblick in die Psyche des Charakters gewährt, jedoch meistens keinen exakten Ort, keine genaue Zeit, kein Alter und keine äußerlichen Merkmale beschreibt. Das lässt sowohl mir als Regisseur, als auch den Interpret*innen, aber letztlich (und das ist das Wichtigste!) den Zuschauer*innen den Raum, ein eigenes Bild im Kopf zu formen und evtl. etwas ganz anderes zu empfinden, als vielleicht der/die Sitznachbar*in.
„Songs for a New World“ LEBT von der Musik und ich sage aus der Sicht eines selbst singenden Schauspielers, dass man gefühlt sein Leben lang dieses Material üben kann und immer wieder feststellen wird: „Da ist noch mehr drin.“ Ich ermutige auch unsere jungen Darsteller*innen, sich nach der Premiere weiter mit ihren Songs auseinanderzusetzen, denn die Entdeckungsreise in dieser Musik kann schier unendlich sein. Unser Musikalischer Direktor Victor Petrov ist gleichzeitig Chorleiter in Baden und hat viel Erfahrung darin, Sänger*innen einzustudieren. Er ist in der Klassik zu Hause, was uns zu Gute kommt, da wir eine neue Fassung aus 2018, mit Arrangements für neun Musiker*innen, also Band und Streichquartett, spielen. Darin gibt es wunderschöne kammermusikalische Elemente, die der sonst sehr poppigen Musik mehr Tiefe verleihen. Er hat aber gleichzeitig auch ein Gespür für die verschiedenen Stile, die uns in diesem Werk begegnen. Wir arbeiten sehr offen und Hand in Hand. Nach einer Woche Orchesterproben kam er zu mir und sagte: „Das Zeug ist so geil!“ Ich glaube, ihn hat die Musik, so wie mich vor vielen Jahren, auch sofort gepackt.
Gab es für dich selbst einen Moment, der dich zu einem neuen Schritt bewegt hat – vielleicht sogar in Richtung Regiearbeit? Gibt es eine Nummer im Stück, die diesen Gedanken für dich besonders widerspiegelt? Und was sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer idealerweise aus dem Abend mitnehmen?
Der Wunsch, selbst Regie zu führen, schlummert schon seit einigen Jahren in mir. Ich merke in Proben zu Stücken, in denen ich selbst mitspiele, wie die Ideen aus mir raussprudeln und dass mich heute viel mehr der Gesamtkontext, Stil, Bühnenbild und alle anderen Charaktere in deren Entwicklungen interessieren, als am Anfang meiner Karriere. Außerdem glaube ich, die Energie, die Potentiale und Strategien meiner Kolleg*innen. spüren zu können. Wo ich früher nur damit beschäftigt war, meine eigene Performance zu finden, habe ich heute die Überzeugung, dass ich jemand anderem, den ich bei der Suche beobachte, noch besser erklären kann, wie für sie oder ihn ein Lied oder eine Szene funktionieren könnte. „Songs“ ist mein Debüt – schauen wir mal, ob sich meine Vermutungen bewahrheiten. [lacht]
Die Idee zum Gesamtkonzept der Produktion basiert tatsächlich auf Gedanken während meiner stationären Aufenthalte im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Gergen sagte mir bei unserer ersten Besprechung: „Hör mal in dich rein und schau, wie deine ganz eigene Persönlichkeit und dein Erlebtes dieses Projekt bereichern können.“ Da kamen Erinnerungen an meine viermonatige Chemotherapie, in der ich psychisch und physisch absolute Tiefen durchlebte und gleichzeitig diese Zeit einige Beziehungen in meinem Leben, besonders die zu meiner Frau und meiner engsten Familie, neu definiert hat. Außerdem haben sich mir dadurch ganz neue Gefühlswelten eröffnet. Mit dem Tod konfrontiert zu sein, besonders als Vater einer zweijährigen Tochter, hat meine Einstellung zum Leben und auch die Motivation meines künstlerischen Schaffens verändert. So singt Mariella Hofbauer „Ich hab nie Angst“ aus einem Krankenbett der Onkologie. Während meiner Vorbereitung der Inszenierung wurde mir klar, dass es in meinem nahen Umfeld noch andere Menschen gibt, die ebenfalls sehr herausfordernde Zeiten überstanden haben und ich entschloss mich, über den Sommer Interviews mit diesen Kämpfer*innen zu führen. Zunächst sollten diese Interviews lediglich als Inspirationsquelle für die szenische Einstudierung dienen, später wuchs dann die Idee, diese realen Personen in Form einer kleinen Austellung mit einzubeziehen und vorzustellen. Sie hätten den Charakteren in „Songs for a New World“ sicher Zuversicht und Kraft gegeben. Unter anderem lernen wir Abdulhkeem aus Syrien kennen, der auf der Flucht übers Mittelmeer beinah sein Leben ließ, Anish, einen Spieler des Nationalteams der Rollstuhlbasketballer, Sina, eine Tochter gehörloser Eltern, Harriet, die jahrelang kämpfte, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und den jungen Ukrainer Aleksei, der zehn Monate lang in Kriegsgefangenschaft in Olenivka übelste Folterung durchlebte.
Lieber Dominik, vielen Dank für deine sehr persönlichen Eindrücke und toi toi toi für eure Premiere! Nach allem, was du über deine Motivation und den Weg zu diesem Stück erzählt hast, wirkt „Songs for a New World“ wie ein ganz persönlicher Startpunkt für alles, was als Nächstes kommt – wir drücken die Daumen, dass dieser Aufbruch gelingt und viele inspiriert.
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