Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler
Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler

„Es soll ein Klang entstehen, der unter die Haut geht – ehrlich, handgemacht und ganz nah." – Elisabeth Sikora und Markus Olzinger im Interview

An einem sonnigen Herbstnachmittag, zwischen zwei Vorstellungen von „Briefe von Ruth“ in Fürth, nehmen sich Elisabeth Sikora und Markus Olzinger Zeit für ein Gespräch. Für die beiden neigt sich ein intensives Jahr dem Ende zu: Nach der Jubiläumsausgabe des Musical Frühlings in Gmunden, bei der mit „Saving Mozart“ ein neues Werk präsentiert wurde, das später sogar den Sprung nach London geschafft hat, läuft derzeit ihre Produktion von „Briefe von Ruth“ am Stadttheater Fürth – bevor das Stück demnächst auch an der Oper Trondheim in Norwegen gezeigt wird. Während die Vorbereitungen in Norwegen schon bald starten, nehmen in Gmunden die Pläne für die nächste Spielzeit immer konkretere Formen an. Wir haben mit den beiden über ihr kommendes Projekt, ihre künstlerische Handschrift und die Bedeutung von Sprache und Musik in ihrem Theaterverständnis gesprochen.

Licht Proben für „Briefe von Ruth“ am Stadttheater Fürth
© Konstantin Zander

Ihr habt angedeutet, dass ihr beim nächsten Musical Frühling wieder eine besondere Produktion zeigen werdet. Welches Stück wird es diesmal sein – und was dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten?

Elisabeth Sikora: Wir freuen uns sehr, dass wir erstmals im deutschsprachigen Raum „Girl from the North Country“ zeigen dürfen. Es ist die deutschsprachige und zugleich österreichische Erstaufführung. Das Stück stammt vom irischen Dramatiker Conor McPherson, der das Buch geschrieben und auch die Originalinszenierung verantwortet hat. Die Musik besteht aus den Songs eines der einflussreichsten und revolutionärsten amerikanischen Singer-Songwriters, nämlich Bob Dylan – allerdings ist das Stück nicht als klassisches Jukebox-Musical angelegt, sondern zeigt Dylans Songs in völlig neuen Arrangements, die seine Lieder und Texte in eine eigene Theaterwelt übersetzen.
Die Handlung spielt 1934 im amerikanischen Duluth, mitten in der Ära der Great Depression (Großen Depression). In einer heruntergekommenen Pension treffen Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen aufeinander – voller Hoffnung, Verzweiflung und Sehnsucht. Es ist ein sehr eindrückliches, vielschichtiges Stück, das über die Menschen und deren Umgang mit Schicksalsschlägen und unabänderlichen äusseren Umständen erzählt.

Markus Olzinger: Und genau das hat uns gereizt. Diese Mischung aus Dylans Poesie, McPhersons Erzählweise und dieser leisen Melancholie – das passt unglaublich gut zu Gmunden. 

Euer Musical Frühling steht seit jeher dafür, Uraufführungen oder deutschsprachige Erstaufführungen zu zeigen. Ihr hattet die deutschsprachige Erstaufführung von „Dear Evan Hansen“ und die österreichische Erstaufführung von „Vincent van Gogh“: Ihr zeigt Uraufführungen wie „Briefe von Ruth“ oder im letzten Jahr „Saving Mozart“, das danach sogar nach London gegangen ist. Wie seid ihr diesmal auf „Girl from the North Country“ gekommen, und wie schwierig war es, die Rechte dafür zu bekommen?

Markus Olzinger: Das ist eigentlich der Kern unseres Musical Frühlings – wir haben damals eine Nische für uns gefunden, die später zum Teil unserer Identität als Marke wurde. Bei „Girl from the North Country“ war’s dann so, dass unser musikalischer Leiter Jürgen Goriup das Stück in London gesehen hatte – damals im Old Vic – und völlig begeistert zurückkam. Er hat gesagt: „Das wäre perfekt für Gmunden!“ Wir haben dann beim Verlag angefragt und über vier Jahre immer wieder vorsichtig nachgehakt.

Elisabeth Sikora: Genau, und lange waren die Rechte einfach nicht frei und schon gar nicht möglich, es als freie Inszenierung in den deutschsprachigen Raum zu holen. Erst vor Kurzem hat sich das geändert, und wir haben die Chance gleich genutzt. Wir sind wirklich sehr glücklich, dass es jetzt geklappt hat. Es ist eine große Ehre – und vielleicht sogar weltweit die erste Neuproduktion.

Markus Olzinger und Elisabeth Sikora © privat

Markus, du wirst wieder Regie führen und das Bühnenbild entwerfen. Wie gehst du an ein Stück wie „Girl from theNorth Country“ heran – vor allem, wenn es bereits erfolgreiche Produktionen gibt?

Markus Olzinger: Ich habe das Stück im Sommer zufällig noch einmal in London gesehen, da stand schon fest, dass wir’s machen. Ich war sehr begeistert – aber ich versuche immer, so wenig wie möglich von anderen Inszenierungen mitzunehmen. Ich finde, es hat relativ wenig mit Kunstschaffen zu tun, wenn man einfach etwas nachbaut und für sich beansprucht. Für mich ist das Diebstahl. Ich will verstehen, warum etwas funktioniert, aber dann meinen eigenen Zugang finden.

Bei diesem Stück ist das jedoch gar nicht so leicht, weil die Originalproduktion sehr reduziert ist – viel mit einfachen Mitteln, klaren Bildern. Genau das mag ich wiederum auch. Wir haben in Gmunden ohnehin keine riesigen Bühnenräume, also geht’s für mich darum, mit reduzierten, präzisen Mitteln große Emotionen zu schaffen. Ich konzentriere mich stark auf die Figuren, auf die stillenZwischenmomente, auf das Vakuum, wo nichts gesagt wird, aber viel passiert.

„Girl from the North Country“ lebt von dieser stillen, melancholischen Atmosphäre, und ich glaube, genau das kann man in Gmunden besonders gut spüren. Es ist eigentlich ein Schauspiel mit Musik, kein klassisches Musical – und gerade das finde ich spannend.

Elisabeth, du schreibst die deutsche Fassung. Ich will dich ja nicht unter Druck setzen, aber das ist ja eine Wahnsinns-Aufgabe. Wie nähert man sich Texten von Bob Dylan?

Elisabeth Sikora: Mit sehr viel Respekt und Demut (lacht). Dylan ist Literatur-Nobelpreisträger, seine Texte sind mehr als Poesie. Bei meinen Recherchen habe ich gelesen: Dylan brachte die Lyrik in die Lyrics, und mein Herz hüpfte, denn genau so ist es. Das ist mein Ding, dachte ich. Wir haben zuerst natürlich überlegt, ob man sie überhaupt übersetzen darf. Viele dieser Songs sind ja keine klassischen Musicalnummern – sie treiben die Handlung nicht wirklich voran, sondern schaffen Bilder. Lassen manchmal, wenn man so will, in die Charaktere hineinblicken. Am Ende haben wir dann entschieden, dass es eine Mischung wird: Manche Songs bleiben teilweise auf Englisch, andere übersetzen wir komplett ins Deutsche, dort, wo es sinnvoll ist. Und wir holen uns gerade auch Expertise. Wir arbeiten mit jemandem zusammen, der sich mit Dylan und seinen Texten bestens auskennt. So versuchen wir zu verstehen, wie ein Song entstanden ist und welche Bedeutung er hat. Da Dylan nicht eindeutig begreifbar ist, nicht sein wollte, glaube ich, bleibt vieles offen für die eigene Interpretation und das ist das Spannende, das Geniale an Dylan und am Stück. Das Unvorhersehbare, das Eintauchen ins Ungewisse.

Ganz praktisch versuche ich die Klangfarben zu erhalten – also Wörter zu finden die im Deutschen ähnlich klingen, damit der Rhythmus und die Vokale stimmen. Und natürlich müssen die Bilder funktionieren. Wenn ein Bild im Deutschen nicht existiert, ersetze ich es nicht einfach, sondern suche nach einer neuen poetischen Entsprechung.

Wie wichtig ist dir dabei das Gleichgewicht zwischen beiden Sprachen?

Elisabeth Sikora: Sehr. Es darf nie plump wirken, als würden Figuren plötzlich grundlos von Deutsch auf Englisch umschalten. Wir gestalten das dramaturgisch begründet – vielleicht antwortet ein Chor auf Englisch, vielleicht wechselt eine Figur im Lied ins Englische, weil das einen inneren Bruch spiegelt. Das Ziel ist, dass man Dylans Lyrik versteht – auch wenn man kein perfektes Englisch spricht. 

Das Stück spielt in der Zeit der Großen Depression. Warum ist diese Geschichte heute noch relevant?

Proben von „Briefe von Ruth“ am Stadttheater Fürth
© Konstantin Zander

Markus Olzinger: Weil sie auf eine ganz direkte, alltägliche Art zeigt, wie Menschen mit Krisen umgehen. In „Girl from the North Country“ geht’s nicht um große politische Botschaften, sondern um Menschen wie du und ich, die versuchen, in schwierigen Zeiten ihren Weg zu finden. Jede und jeder trägt ein Schicksal, es werden natürlich auch die sozialen Missstände dieser Zeit beleuchtet, wie Rassismus, Segregation, Verfolgung und trotzdem gibt’s Momente von Wärme und Mitgefühl. Es bleibt etwas Tröstliches, etwas Helles da. Und die Musik trägt das Ganze, unterstützt, bricht es manchmal, umrahmt, sie hebt die Figuren, beflügelt. 

Ich finde, man kann sich im Stück durchaus wiederfinden – gerade heute, wo wir auch in einer Welt leben, die von schweren Krisen geprägt ist. Das Stück erinnert einen daran, dankbar zu sein, zu reflektieren, was man hat, und nicht alles für selbstverständlich zu halten.

Ehrlich gesagt ist das Stück bisher völlig unter meinem Radar geflogen – ich kannte es gar nicht. Zur Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich mir aber die beiden CDs angehört, und die Musik ist ja beinahe kammermusikalisch umgesetzt. Wie wird sie bei euch klingen?

Markus Olzinger: Um unserem Musikalischen Leiter Jürgen Goriup hier nicht vorzugreifen. Also ich hab mir  das Stück während der Vorbereitungen zu „Saving Mozart“ in London angesehen – im Old Vic, also quasi dort, wo alles begonnen hat. Da wussten wir auch schon, dass wir „Girl from the North Country“ nach Gmunden bringen. Ich war sehr beeindruckt von dieser ruhigen, fast intimen Atmosphäre. Es war ,wie schon gesagt, mehr Schauspiel mit Musik als klassisches Musical, sehr reduziert, sehr fein.

Aber bei manchen Songs hab ich mir gedacht: Die dürften ruhig ein bisschen mehr Klang bekommen. Ich möchte, dass man in Gmunden die Musik wirklich spürt – nicht lauter, aber näher, intensiver.

Die Orchestrierungen sind ja brillant – dafür gewannen sie auch den Tony Award – und trotzdem bleibt die Band klein. Jede Nummer hat Chorpassagen, bei denen das Ensemble mitsingt, fast wie in einer modernen griechischen Tragödie.

Mir ist wichtig, dass dieser organische Klang bleibt, aber durch unsere Akustik und die Nähe zum Publikum noch unmittelbarer wirkt. Es soll ein Klang entstehen, der unter die Haut geht – ehrlich, handgemacht und ganz nah. Ich denke das deckt sich auch mit den Vorstellungen unseres Musikalischen Leiters Jürgen Goriup. Die Band wird auch erstmals in der Gmundner Geschichte auf der Bühne statt im Graben sein.

Wenn man sich eure bisherigen Produktionen anschaut, fällt auf, dass ihr euer Ensemble immer sehr gezielt zusammenstellt. Wie werdet ihr bei „Girl from the North Country“ vorgehen?

Elisabeth Sikora: Das Ensemble ist für uns das Herz jeder Produktion. Wir suchen die Menschen sehr bewusst aus – nicht nur nach Stimme oder Typ, sondern nach Ausstrahlung, emotionaler Tiefe und dem, was sie mitbringen. „Girl from the North Country“ lebt von Figuren, die schon etwas erlebt haben, die Kanten haben. Dafür braucht es Künstlerinnen und Künstler, die genau das herstellen können. Erfahrung, Zugang zu ihrer Verletzlichkeit haben.
Nicht nur, aber auch deshalb wird das Ensemble insgesamt etwas älter sein – einfach, weil das Stück es so verlangt. Natürlich gibt es auch jüngere Rollen, aber im Kern geht es um Menschen, die das Leben schon ziemlich geprägt hat.
Uns ist wichtig, dass auf der Bühne wirklich eine Gemeinschaft entsteht, die ehrlich miteinander spielt. Wenn das gelingt, spürt man das im Saal sofort.

Viele eurer Produktionen erreichen ein breites Publikum. Für wen ist „Girl from the North Country“ gedacht – und was soll am Ende beim Publikum hängenbleiben?

Markus Olzinger: Wir haben ja unser tolles Stammpublikum – aber vielleicht auch für Menschen, die sonst nie in ein Musical gehen würden, sondern jetzt wegen Bob Dylan kommen. Das wäre doch schön, wenn das Stück auch neue Leute ins Theater holt. Uns ist wichtig, dass das Stück etwas in uns, beim Publikum anstößt – ein Gedanke, ein Gefühl, irgendwas, das man mit nach Hause nimmt.

Markus Olzinger, Elisabeth Sikora © Konstantin Zander

Wir machen Theater für Menschen. Es geht nicht darum, uns selbst zu beweihräuchern, sondern darum, was Kunst mit einem macht. Wenn das Stück am Heimweg noch länger nachklingt, dann hat’s funktioniert.

Ihr gebt eure Termine ja traditionell immer eher spät bekannt – und wir hätten jetzt natürlich die einmalige Gelegenheit, das in unserem Gespräch zu ändern. Wann startet der Musical Frühling diesmal?

Markus Olzinger: Voraussichtlich Ende März. Die genauen Termine geben wir bekannt, sobald alles mit der Unterbringung des Ensembles fixiert ist – das hat ganz praktische Gründe. Die Leute fragen jedes Jahr, warum wir so spät dran sind (lacht). Aber wir müssen zuerst schauen, dass wir überhaupt alle unterbringen – Gmunden ist halt schnell ausgebucht. Sobald das geklärt ist, veröffentlichen wir die Daten.

Zum Schluss gefragt: Was bedeutet euch „Girl from the North Country“ persönlich – auch im Hinblick auf die Entwicklung des Musical Frühlings?

Elisabeth Sikora: Für uns ist das Stück wirklich ein tolles Beispiel dafür, wohin sich der Musical Frühling entwickelt hat. Wir suchen immer Stoffe, die ein bisschen anders sind, introspektiv, anspruchsvoll sind – die erzählen, ohne laut zu werden, und die eine eigene künstlerische Sprachehaben. „Girl from the North Country“ passt da sehr gut hinein. Und wir haben hier Texte eines Nobelpreisträgers vorliegen. Das ist doch unglaublich.

Natürlich ist es musikalisch und sprachlich eine  Herausforderung, aber genau das macht es ja so attraktiv. Ich freue mich, dass wir wieder etwas zeigen können, das man so im deutschsprachigen Raum noch nicht gesehen hat. Ich glaub, das wird ein Abend, der ruhig beginnt und dann sehr lange nachwirkt.

Vielen Dank euch beiden für das Gespräch – und viel Erfolg für die Premiere der „Briefe von Ruth“ in Norwegen! Wir sind gespannt auf eure Gmundener Besetzung im nächsten Jahr und freuen uns auf das Wiedersehen im Frühjahr in Gmunden. Und versprochen: Wir schauen regelmäßig in euren Kalender.

 
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