Musicalreisen in unsere kontinentaleuropäischen Nachbarländer, nach London oder auch zum Broadway stehen bei vielen Fans regelmäßig auf dem Plan. Doch jenseits vertrauter Pfade hält auch die ostasiatische Musicalszene viel Spannendes parat. Unsere Mitarbeiterin Nicole hat sich für das Musical „Lady M“ mit Maya Hakvoort auf den weiten Weg nach Shanghai gemacht und hat für uns einige persönliche Eindrücke von ihrer Reise zusammengetragen.
In den letzten Jahren hat die Volksrepublik China einen Musicalboom erlebt, der sich zumindest teilweise mit den Goldgräberzeiten im Deutschland der 1990er-Jahre vergleichen lässt. Überall schossen neue große Theaterbauten wie Pilze aus dem Boden und die meist aus dem Westen importierten Musicals erfreuen sich unheimlich großer Beliebtheit. Anders als hierzulande setzten die Chinesen von Anfang an darauf, die Originale aus Europa zu importieren und mit chinesischen Übertiteln zu präsentieren, wodurch sich so manche europäische Künstlerinnen und Künstler dort einen neuen riesigen Fankreis erschlossen haben und mit ihren Solokonzerten große Hallen mühelos ausverkaufen. Ihre vielen Berichte in den sozialen Medien weckten auch meine Neugierde auf diese Szene, denn besonders gefragt sind interessanterweise Musicals, die europäische Geschichte und Literatur zum Inhalt haben – beispielsweise die großen französischen Spéctacles wie „Notre Dame de Paris“ oder auch die deutsch-österreichischen Historienmusicals wie „Elisabeth“, die auch zu meinen Lieblingsstücken gehören.
Daneben stecken Produzenten aber auch viel Geld in die Entwicklung neuer, auch westlicher, Musicals, um dem hungrigen Publikum Nachschub zu liefern. Ein solches Musical ist „Lady M“ aus der Feder des britischen Duos James Beeny und Gina Georgio, eine Adaption von Shakespeares „Macbeth“, die die überambitionierte Lady Macbeth in den Mittelpunkt rückt. Ich wurde zum ersten Mal auf „Lady M“ aufmerksam, als Maya Hakvoort im letzten Jahr für die Titelrolle als erste Ausländerin überhaupt den chinesischen Magnolia Award als beste Hauptdarstellerin in Empfang nehmen durfte. Auch die auf Streamingportalen verfügbaren Songs gefielen mir ausnehmend gut. Da ich schon länger noch einmal nach China reisen wollte, war die Wiederaufnahme in diesem September ein guter Grund, den Plan in die Tat umzusetzen.
Während die europäischen Musicals in großen Theatern gastieren, wird „Lady M“ in einem eher kleinen Theater gespielt, das Teil der zum Kulturzentrum umgebauten alten Werft MIFA 1862 in Pudong ist. Die industrielle Kulisse passt perfekt zum eher abstrakten Bühnenbild von Xu Xiaohuan, bei dem ein breiter Laufsteig den Zuschauerraum in zwei Hälften unterteilt, dem kühlen Lichtdesign von Xiao Lihe und den eleganten eher futuristischen Kostümen von Zhou Jun und Li Yushan, den Gründern des chinesischen Fashion Labels PRONOUNCE.
[Anm. d. Red.: Die chinesischen Namen sind wie dort üblich mit dem Nachnamen zuerst geschrieben.]
Gespielt wird auf Englisch mit chinesischen Übertiteln über den beiden Zuschauerblöcken und anders als hierzulande werden die Hauptrollen von Anfang an über mehrere Darstellerinnen und Darsteller verteilt. So teilt sich Maya Hakvoort die Titelrolle mit dem englischen Musicalstar Kerry Ellis (die auch auf den Streamingportalen mit dem großen Hit der Show zu hören ist) und den beiden Lokalmatadorinnen Hsu Li-tong und Miao Mengchu. Gleichzeitig mit dem Vorverkaufsstart wird ein Spielplan veröffentlicht, der es Fans möglich macht, gezielt die Vorstellungen auszuwählen, bei denen ihre Lieblinge spielen (oder für ambitionierte Fans, alle erdenklichen Kombinationen zu buchen). Eine sehr kluge Lösung, wie ich finde, da es den Ärger über das hierzulande übliche Darsteller-Roulette vermeidet und außerdem viel eher deutlich macht, dass die jeweils vier Hauptdarsteller:innen gleichberechtigt sind und niemand das ungute Gefühl hat, ‟nur‟ die dritte Vertretung zu sehen.
Für „Lady M“ schrieben Beeny und Giorgio eine gelungenen Mischung aus klassischem Musicalsound und Pop mit großen Balladen für die Damen (neben Lady Macbeth wurde hier Lady Macduff zu zweiten weiblichen Hauptrolle erhoben) und mitreißenden Ensemblenummern für die schottischen Soldaten, die moderne Uniformen mit mittelalterlichen Speeren kombinieren. In der Titelrolle beweist Maya Hakvoort, warum sie seit so vielen Jahren eine der ganz großen Diven der deutschsprachigen Szene ist und sich den Magnolia Award verdient hat. Mit „What Must Be Done“ liefert sie auch gleich den besten Song des Abends, der als Ohrwurm noch lange im Gedächtnis bleibt. Fast machte es ein wenig traurig, wie wenige Stücke es hierzulande gibt, die so starke Frauenrollen für unsere Darstellerinnen bieten, wenn sie einmal das Elphaba/Elisabeth/etc-Alter überschritten haben.
Als zwischen überambitionierter Gattin und Moral zerrissener Macbeth überzeugt der Italiener Gian Marco Schiaretti, der zuletzt in Deutschland die Kölner Damen als Duke of Monroth in „Moulin Rouge“ wuschig machte, mit starker Stimme und Bühnenpräsenz. Großbritannien ist von Tom Hier als Macbeths Getreuem Banquo vertreten, der mit „However Hard I Try“ ein weiteres hitverdächtiges Solo singen darf, ehe er das Zeitliche segnet. Auf chinesischer Seite beeindruckt vor allem die charmante Wang Ziting als unglückliche Lady Macduff, die gleich zwei tolle Lieder abstaubt: das Solo „Never Give Up“ und das Duett „Free“ mit Macduff (Xu Zehui). Eine Erwähnung haben auch die drei Hexen verdient, die im Hintergrund die Fäden spinnen und mit ihren stylishen Outfits und langen offenen Haaren eher wie eine höchst attraktive K-Pop-Band wirken.
Regisseur Xu Jun lässt das Stück in zwei Stunden ohne Pause durchspielen, was der Intensität des sich immer weiter zuspitzenden Dramas guttut. Gemordet wurde auf offener Bühne nur sehr subtil mit einem Ninja-ähnlichen Schatten ganz in Schwarz und roten Farbeffekten auf dem hochmodernen computeranimierten Bühnenboden. Ich hätte mir persönlich nur noch ein letztes großes Solo für Lady Macbeth gewünscht oder ein Duett der Macbeths – aber was nicht ist, kann ja in einer späteren Aufführung noch werden. Für mich war „Lady M“ auf jeden Fall ein gelungenes, musikalisch starkes Stück, das es verdient hätte, in Großbritannien oder auch hierzulande gezeigt zu werden.
Wie es der Zufall wollte, befand sich gerade auch die Wiener Crème de la Crème mit dem im Frühling in Wien präsentierten Geburtstagskonzert „Sylvester Levay and his Friends“ in Shanghai – und zwar im Shanghai Culture Square Theatre, in dem auch die meisten europäischen Tourneen gastieren. Da ich das Theatergebäude ohnehin einmal sehen wollte, kam mir das Konzert mit einem Querschnitt durch die gesammelten Werke von Levay & Kunze gerade recht, auch wenn diese – mit Ausnahme von „Elisabeth“ und dem sehr unterschätzten „Marie Antoinette“ – nicht unbedingt zu meinen Favoriten zählen.
Eine Überraschung erlebte ich dann noch im Vergleich zum westlichen Umgang mit Stars und Erstbesetzungen: Am Tag vor dem Konzert schickte mir die Ticketagentur, über die ich das Ticket gebucht hatte, Textnachrichten per WeChat und SMS und versuchte mich anzurufen – das alles nur, um mir mitzuteilen, dass Yngve Gasoy Romdal krankheitsbedingt ausfiel, und nachzufragen, ob ich das Ticket trotzdem nutzen wollte. Natürlich wollte ich, aber ich fand dies bemerkenswert, da man ja hierzulande einfach hinnehmen muss, wenn Stars ausfallen und durch Vertretungen ersetzt werden.
Bemerkt hat man das Fehlen eines der Hauptsolisten im Konzert selbst letztendlich nicht, da die restlichen Herren – Lukas Perman, Mark Seibert, Drew Sarich und André Bauer – die Songs wohl unter sich aufgeteilt hatten. Ergänzt wurden sie von der hervorragenden Damenriege Annemieke van Dam, Milica Jovanović, Wietske van Tongeren und Barbara Obermeier. Wobei ich das Konzert an sich jedoch vor allem im direkten Vergleich mit der so innovativen „Lady M“ und ihren mitreißenden Songs ermüdend balladenlastig fand.
Für ein Highlight und große Heiterkeit im Saal sorgte vor allem Drew Sarich, der die schon immer eher peinliche Nummer „I’m an American Woman“ in High Heels und Make-up köstlich auf die Schippe nahm. Sylvester Levay dirigierte das einheimische chinesische Orchester, verstärkt von einem Chor, teilweise selbst und verabschiedete sich zum Schluss dann noch mit einer kurzen Rede vom Publikum.
Für mich persönlich war es beeindruckend und herzerwärmend zu sehen, wie sehr die Werke und Darsteller:innen von den chinesischen Fans gefeiert wurden. Die Schlange für (die in China stets extrem hochwertigen und wunderschön gestalteten) Programmhefte und Merchandise reichte einmal durch das ganze Foyer, des wirklich beeindruckend schönen und modernen Theaters, und was später am Bühneneingang los war, wollte ich gar nicht wissen. Und so bleibt doch die Frage, warum sich die hiesigen Stadttheater, die Subventionen erhalten, um auch künstlerische Risiken einzugehen, die hierzulande nicht so bekannten Werke wie „Beethoven Secret“ und „Crest of the Royal Family“ nicht einmal zur Aufführung bringen, statt den ewig gleichen Klassikern. Und wenn die chinesischen Fans so offen für europäische Stoffe sind und ‚unseren‘ Leuten einen so herzlichen Empfang bereiten, warum gibt es nicht mehr gegenseitigen Austausch? Mein persönlicher Herzenswunsch wären gerade in diesen politisch so anstrengenden Zeiten Stücke, die wirklich mit gemischten Ensembles Brücken zwischen Ost und West bauen und auf beiden Seiten der Welt zu sehen sind.
Zum Schluss möchte ich gerne noch einige Tipps teilen für alle, die mit dem Gedanken an eine Musicalreise nach China spielen, denn im Reich der Mitte läuft doch so einiges ganz anderes. So sind Websites aus dem Ausland entweder gar nicht erreichbar, total veraltet oder erfordern eine chinesische Telefonnummer zur Registrierung. Das meiste läuft dort heute über Miniprogramme innerhalb von Apps wie WeChat. Sehr gute Erfahrungen habe ich mit der Agentur ‚247 Tickets‘ gemacht, die mir erst mit WeChat und dann bei der Beschaffung sehr guter Tickets (ohne horrende Aufschläge) geholfen hat.
Die Great Firewall of China stellt für Touristen dagegen gar kein Problem dar, wenn man nach der Ankunft Datenroaming kauft und über das deutsche Mobilfunknetz ganz ohne Zensur surft. Allerdings sind einige chinesische Apps unverzichtbar, darunter neben WeChat vor allem AliPay für mobiles Bezahlen (Kreditkarten werden kaum akzeptiert), eine chinesische Karte wie AMaps für die Navigation zu Fuß sowie Didi, die ausgesprochen günstige und praktische chinesische Variante von Uber. Dazu habe ich die Übersetzungs-App von Google mit Kamera/Scan genutzt, um beispielsweise Speisekarten ohne englische Übersetzung selbst zu übersetzen.
Alles in allem hatte ich eine wunderbare Zeit in Shanghai und kann nur sagen, dass ich jederzeit wieder für Musicals nach China reisen würde, um dieses faszinierende Land ausführlicher kennenzulernen.
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