Bernd Julius Arends © Stephan Drewianka
Bernd Julius Arends © Stephan Drewianka

Ein wenig Farbe (seit 09/2025)
KATiELLi Theater, Datteln

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Das 2018 uraufgeführte Kammerspiel „Ein wenig Farbe“ von Rory Six wurde bekannt durch Inszenierungen mit Größen wie Pia Douwes und Mark Seibert. Wer sich fragt, ob Bernd Julius Arends als Chef des Katielli-Theaters und gleichzeitig als Darsteller des Ein-Personen-Stücks dieses sensible Thema ebenso berührend und ansprechend auf die Bühne bringen kann, dem kann man nur kontern: auf jeden Fall!

Helena erlebt die Nacht vor ihrer Transition im Krankenhaus. Sie lässt Revue passieren, wie sie das Thema Geschlechtsidentifikation bereits ihr Leben lang begleitet hat. Berührend erzählt sie von ergreifenden Erlebnissen wie Kontaktabbrüchen und Verleumdungen innerhalb der Familie, Verlust von Freundschaften, Einsamkeit und lebt stets mit der Angst vor Stigmatisierung, Abwertung, Ausgrenzung und Gewalt. Ein langer, schwieriger Weg hat sie im Alter von 52 Jahren endlich hierher gebracht.

„Es tut mir leid, ich will nicht stören“ ist die erste Textzeile, die Arends in der Rolle der Helena direkt an das Publikum richtet; eigentlich ist die Krankenschwester gemeint. Völlig unaufdringlich singt und spielt er sich so vom ersten Moment an in die Gunst und die Herzen des Publikums. Das Durchbrechen der vierten Wand wird buchbedingt fortlaufend immer wieder angewandt. Gerade in der heimeligen Atmosphäre des kleinen Katielli-Theaters schafft dieses stilistische Mittel eine besondere Intimität zwischen Protagonist:in und Publikum.

Arends scheint mit der Rolle der Helena zu verschmelzen. Er schafft tiefe Einblicke in das Gefühlsleben der Hauptfigur und regt dadurch zur Selbstreflexion an: Es hängen Fragen wie „Was hat das alles mit mir zu tun?“ in der Luft. Obwohl das Erleben einer trans* Person und die Transition im Mittelpunkt stehen, schafft es Arends scheinbar mühelos seinem gesamten Publikum einen Spiegel vorzuhalten und damit Brücken im Zuge von Offenheit und Abbau von Vorurteilen zu schlagen. Mitfühlende Zuschauer:innen möchten Helena trösten oder können sich mit ihr identifizieren.

Neben der eigentlichen Hauptfigur bestreitet Arends das gesamte Stück mit der Darstellung von über zwanzig Charakteren allein und stellt somit seine Wandlungsfähigkeit hervorragend unter Beweis. Ein Kaugummi lässt ihn zusammen mit einem lasziven Augenaufschlag in die Rolle der tumben Schulfreundin Gudrun schlüpfen. Ein Spiel mit Timbre und Prosodie, eine neue Position auf der Bühne – und schon stellt Arends beispielsweise den Therapeuten, Helenas Jugendschwarm David Steiner, vorurteilsbehaftete Zeitgenossen oder Helenas jüngeres Ich Klaus im Teenageralter dar. In diesen oft sehr raschen Rollenwechseln und der Vorführung transfeindlicher Personen liegen zahlreiche humorige Momente. Zu keinem Zeitpunkt wird jedoch die Figur der trans* Person der Lächerlichkeit preisgegeben. Mitgefühl und ein solidarisch bekennendes „Ach ja…“ klingen durch den Zuschauerraum, wenn Helena von ihrem ersten Liebeskummer erzählt.

Gesanglich bewältigt Arends die abwechslungsreiche Partitur zwischen Balladen, Chansons und Up-Tempo-Nummern stets gefühl- und kraftvoll. Arends scheint während des Stückes trotz permanenter Konzentration auf seine Person nicht müde in Ausdruck oder gar Stimme, legt eher am Ende noch an Intensität zu, wenn er im Finale mit „Nie mehr verborgen“ stimmlich glänzt und die Tränen fließen.

Das musikalische Set ist auf die Klavierbegleitung von Mario Stork reduziert. Das Klavierspiel findet hinter einem Vorhang bzw. dem Fenster innerhalb der Kulisse statt. Helena wirkt durch das Setting je nach dargestellter Situation innerlich noch mehr mit dem Publikum verbunden, aber auch besonders einsam in ihrem Erleben. So zeichnen sich auch musikalisch die emotionalen Herausforderungen sowie die Entwicklung der Hauptfigur nachvollziehbar ab.

Der Bühnenaufbau ist an beiden Seiten der Bühne diagonal zum Vorhang platziert, sodass der Raum bewusst geöffnet scheint und somit bei der direkten Ansprache des Publikums im Grunde nicht die vierte Wand durchbrochen werden muss, da der Zuschauerraum mitten in der Lebenswirklichkeit der Protagonistin zu liegen scheint. Diese kluge Entscheidung der Regisseurin Katharina Koch macht subtil greifbar, dass sowohl die Gesellschaft Teil der Schwierigkeiten von trans* Personen ist, als auch, dass trans* Personen selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind.

Am rechten Bühnenrand ist eine Récamiere aufgebaut, die je nach Szene als Krankenhausbett, Therapiecouch oder heimeliger Kuschelplatz eingesetzt wird. Der Beistelltisch, wie man ihn aus Krankenhauszimmern kennt, wird kurzerhand zum Servierwagen umfunktioniert. Am linken Bühnenrand befindet sich ein Fenster, vor dem ein Seminartisch steht. Dieser wird als Schminkkonsole oder Schreibtisch genutzt. Im mittig platzierten Regal werden Requisiten und Kostümelemente untergebracht, mit denen sich Klaus in Helena verwandelt: Highheels, Perücke und Morgenmantel finden hier Platz. Mit wenigen Handgriffen lässt sich so das Krankenhausoutfit Helenas zu Szenen ihrer früheren Lebenswirklichkeit anpassen.

Das Publikum wird mit der Botschaft verabschiedet, sich niemals seiner Selbst zu schämen und dass Schweigen niemandem nützt; weder dem Einzelnen noch der Gesellschaft. Wie schade, dass es heute noch mutig genannt werden muss, einem Stück mit queerer Thematik wie eben diesem einen Platz im Spielplan einzuräumen. Diese liebevolle Inszenierung hat aufgrund der herausragenden Interpretation großes Aufklärungspotenzial und macht Mut die eigene Identität auszuleben – egal, ob queer oder nicht!

 
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KREATIVTEAM
Musik, Buch und TexteRory Six
RegieKatharina Koch
 
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CAST (AKTUELL)
KlavierMario Stork
HelenaBernd Julius Arends
  
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TERMINE
Sa, 20.06.2026 19:30KATiELLi Theater, Datteln
 
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SPIELORTE
06.09.2025 - 20.06.2026KATiELLi Theater, Datteln11 x
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