Maximilian Mann, Constanze Müller, Anke Nicolaj und Mereijn van der Heijden stellen die Audiodeskriptions-App "Earcatch" bei "Disneys Die Eiskönigin" am 5. August 2025 vor © André Böke
Maximilian Mann, Constanze Müller, Anke Nicolaj und Mereijn van der Heijden stellen die Audiodeskriptions-App "Earcatch" bei "Disneys Die Eiskönigin" am 5. August 2025 vor © André Böke

Inklusion im Musicaltheater: Eine App erweitert das Musical-Erlebnis für Menschen mit Sehbehinderung

Das Thema Inklusion beschäftigt Theaterschaffende und -betreibende auf eine immer fundiertere, sensiblere und professionellere Art. Stage Entertainment hat sich nun der Audiodeskription bei „Disneys Die Eiskönigin“ angenommen. Mithilfe einer App können seheingeschränkte Menschen die Show barrierefrei erleben.

Inklusion findet nach und nach ihren Weg in die deutschsprachigen Musicaltheater. Einige Häuser bieten projizierte Über- oder Seitentitel für ihre Produktionen an, um ein internationales Publikum und auch Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ein barrierefreies Erlebnis zu ermöglichen. Ausleihbare Induktionsschleifen sollen Personen mit Hörgeräten helfen, Sprache, Musik und andere auditive Reize besser zu verstehen und zu filtern. International werden die so genannten „Relaxed Performances“ immer etablierter: Hier werden beispielsweise visuelle und auditive Reize auf ein Minimum reduziert, um unter anderem neurodivergenten Personen, Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten oder geistig-kognitiven Behinderungen ein Theatererlebnis möglichst ohne Triggermomente zu bieten. So soll einem breiteren Spektrum an Theaterbesuchenden ein Safe Space ermöglicht werden. Am 19. September werden bei „Disneys König der Löwen“, und am 24. September bei der „Eiskönigin“ solche „Relaxed Performances“ stattfinden.

Auch das Thema Audiodeskription im Theater und Musical ist kein Novum. Zu ausgewählten Vorstellungen wird, aufgrund des Live-Charakters der Shows, das zu Sehende von AudiodeskriptorInnen synchron zur Bühnenhandlung eingesprochen. Da dies nur zeitgleich geschehen kann und eine dazu geschulte Kraft benötigt wird, handelt es sich bei diesem Angebot zumeist um Einzeltermine. Die Audiodeskriptions-App „Earcatch“ setzt an dieser Problematik an: Sie erlaubt den Einsatz von voraufgenommenen, minutiös auf den Showablauf eingestellten Einspielern, die bequem von den KonsumentInnen im Theater über die kostenfreie App als Live-Stream abgespielt und beispielsweise über Bluetooth-Kopfhörer parallel zur laufenden Show gehört werden können.

Am 5. August wurde die App für den Gebrauch in „Die Eiskönigin“ in Stuttgart eingeführt.Mereijn van der Heijden, CEO von „Earcatch“, der die Technologie in Filmen und Serien sowie einigen Kinos bereits erfolgreich etabliert hat und in diversen Shows in den Niederlanden und Belgien schon zu großflächiger Nutzung brachte (u.a. „Moulin Rouge!“, „Disneys Aladdin“, die niederländische Version von „Disneys Die Eiskönigin“), berichtet von der Monopolstellung der Technologie, die überraschenderweise bisher noch nicht an den Musical-Hochburgen New York und London angekommen zu sein scheint.

Der CEO beschreibt die Funktionalität der App, die weltweit bisher von rund 40.000 KonsumentInnen und vor Kurzem vom eintausendsten Besucher bei „König der Löwen“ erfolgreich genutzt wurde: Ein Download der App im Vorfeld des Theaterbesuchs ist von Nöten, verleiht dem Nutzenden so aber ein maximales Maß ein Freiheit in der Bedienung und benötigt keine weitere Assistenz. Einige interessante Einspieler zu Themen wie Charakteren, Bühnenbild und dem Aufbau des Theaters sollen Menschen mit Sehbehinderung helfen, sich auf das Stück und den Besuch vorzubereiten, auch, weil die Deskriptionen während des Stücks die Gänze des Gezeigten zeitlich nicht abbilden können. Im Saal selbst wird das Smartphone mit den mitgebrachten Kopfhörern oder In-Ears über Bluetooth gekoppelt. Die App verbindet sich nach der Auswahl der Show (aktuell sind in Deutschland „Der König der Löwen“ und „Die Eiskönigin“ die einzigen damit ausgestatteten Produktionen) automatisch mit dem hauseigenen Earcatch-Wifi und startet dann mit Showbeginn die Audiodeskription. Diese ist an so genannte Cues, beispielsweise bestimmte Licht- oder Bühnenbildschaltungen, die für eine En-Suite-Produktion filigran getimed sind, gebunden und können so in jeder Show, unabhängig von der individuellen, von Vorstellung zu Vorstellung z.B. durch das Dirigat leicht abweichenden Gesamtgeschwindigkeit, zuverlässig synchron zum Bühnengeschehen abgespielt werden. Auch auf Show-Stopps kann so flexibel reagiert werden, da die Performance immer auch in der Wiederaufnahme an bestimmte Licht- oder Technikreferenzen gebunden ist.

Der Aufwand und die Kosten, die der Veranstalter zu tragen hat, sind dabei nicht unerheblich und bieten sich so vor allem für Long Run Produktionen an. Die Theaterleiterin des Stage Apollo Theaters, Constanze Müller, nennt einen fünfstelligen Betrag als Investitionssumme und kündigt an, dass nach „Die Eiskönigin“ schon an einer Audiodeskription für „MJ“ in Hamburg gearbeitet werde.

Die Erarbeitung des Skripts für beide Shows obliegt der Audiodeskriptorin Anke Nicolaj in enger Zusammenarbeit mit der jeweiligen Theaterleitung und, im Falle des Apollo Theaters für das Projekt „Eiskönigin“, dem künstlerischen Leiter Maximilian Mann, der in letzter Instanz auch im Sinne der Vertragspartner, allen voran Disney, den Rotstift anlegte. Dem Endprodukt von Nicolaj liegt eine filigrane Arbeit zugrunde: Sprachlich ansprechend und variabel soll die Audiodeskription sein, sie muss auf den Punkt in die wenigen Momente der Stille im Stück, zwischen Dialogen, Monologen und Gesangsparts hinein passen, sodass jede Silbe wegen des Timings verhandelt wird. Das Einsprechen muss mehrfach an der Live-Show entlang auf Passgenauigkeit getestet sowie überarbeitet werden, dem Skript musste mithilfe sehbehinderter Menschen aus erster Hand auf den Zahn gefühlt werden, und es war zudem zu überlegen, wie mit möglichst wenigen Worten eine große Menge an Informationen übermittelt werden kann.

Der deutsche Schauspieler Benito Bause hat das Skript für „Die Eiskönigin“ mit unaufgeregter, authentischer Erzählerstimme eingesprochen. Leichte Emotionsregungen, so eine erheiterte Stimmführung während der Auftritte des Schneemannes Olaf, oder ein subtiler Spannungsaufbau mit höherer Sprechgeschwindigkeit in plötzlichen, dramatischen Szenen, erhöhen dank Bauses gesprochenen Schauspiels die Immersivität des Gehörten.

In der Praxis funktioniert das Timing der pointierten Deskriptionen in der besuchten Vorstellung zum App-Launch am 5. August, zum Großteil beeindruckend fließend: Beschreibungen und Dialoge bzw. Gesang gehen an den meisten Stellen symbiotisch ineinander über – einem Hörspiel gleich. Nicht nur Aktionen und Positionen der ProtagonistInnen werden beschrieben, sondern auch Hintergrundgeschehnisse, wichtige Kostüme, Lichtstimmungen, Bühnenbildwechsel und – besonders bildlich – Tanzfiguren und choreographische Abläufe. In wenigen Szenen konteragieren Sprecher und Bühnenakteure, in dem sich einige Wörter überlagern. In Ensemble-Gesangsnummern, deren Texte zwar nicht obsolet, aber weniger bedeutungstragend sind, werden zum Teil Szenenbeschreibungen hineingelegt – und gerade in facettenreichen Szenen werden nicht selten dramaturgisch wichtige Pausen und musikalisch-emotionale Aufbauten großer Melodien etwas von der Deskription abgeschwächt, da der Fokus vom unmittelbaren Bühnenmoment auf das Gehörte aus den Lautsprechern gelenkt wird.

„Earcatch“ arbeitet bereits an neuen Techniken: Weitere benutzerfreundliche, barrierefreie Lösungen, beispielsweise eine App-gesteuerte, simultan anschaubare Gebärdenübersetzung, sind laut CEO van der Heijden in der Experimentierphase und lassen auf eine in Zukunft noch bessere Inklusion von Menschen mit Behinderungen ins Theatererlebnis hoffen.

 
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