Ensemble. © Christian Schuller
Ensemble. © Christian Schuller

The Addams Family (seit 11/2025)
Stadttheater, Gießen

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„The Addams Family“ ist die derzeit beliebteste Musical-Familie auf deutschsprachigen Bühnen. Allein in dieser Spielzeit laufen mindestens neun professionelle Produktionen des Erfolgsstücks. Ein Grund dafür ist – neben der bekannten Marke „Addams Family“ und der Familientauglichkeit (trotz einiger rabiater Scherze) –, dass sich von der Regie übers Ensemble bis zur Ausstattung alle richtig austoben können. In Gießen nutzt dies das Ensemble mit sichtlichem Spaß aus, die Regie geht etwas zu sehr auf Nummer Sicher und die Ausstattung nutzt ihre Möglichkeiten nicht komplett.

An der vorhersehbaren Handlung liegt die Popularität sicher nicht: Tochter Wednesday will ihren Freund Lucas heiraten, der aus einem konservativen Elternhaus stammt. Sie befürchtet, dass ihre unkonventionelle Familie auf Ablehnung stoßen könnte. Positiv daran ist das Loblied auf Individualität, Toleranz und familiären Zusammenhalt.

Die überzeichneten Charaktere sichern dagegen Aufmerksamkeit und das ist das Pfund, mit dem die Produktion des Stadttheaters wuchern kann. Dass die Figur der Großmutter (sympathisch aufgedreht: Dascha Ivanova) inhaltlich nicht mehr beiträgt, als dass der Addams-Sohn Pugsley ihr ein Wahrheitsserum klaut, ist bedauerlich. Onkel Fester bekommt zwar eine eigene kleine Nebenhandlung (er ist in den Mond verliebt), fungiert aber vor allem als Erzähler; mit der eigentlichen Handlung hat er wenig zu tun. Nils Eric Müller ist ein schrill-exaltierter Fester, der bei seinem anrührenden Solo „Sagt der Mond ‚Ich liebe dich‘“ stimmlich glänzt.

Optisch entspricht Zelal Kapçik nicht dem Bild des pummeligen Original-Pugsley. Das wäre nicht weiter schlimm, hätte sich Regisseurin Amelie von Godin einfach nur getraut, ihn bewusst anders aussehen zu lassen. So wirkt Pugsleys T-Shirt wie wahllos mit Watte ausgestopft, was im krassen Gegensatz zur Physiognomie seiner Darstellerin steht. Davon abgesehen zeichnet Kapçik pfiffig und emotional das Bild eines Jungen, der Angst hat, die Zuneigung und Aufmerksamkeit seiner Schwester an deren Freund zu verlieren. Max Koltai holt aus diesem Freund Lucas darstellerisch etwas mehr Tiefe heraus, als die Vorlage ihm als blassen „Love Interest“ mit auf den Weg gibt. Nach einem der Rolle entsprechenden steifen Start überrascht Elisabeth Wrede als seine Mutter Alice, nachdem sie vom dem Wahrheitstrunk gekostet hat, mit einem Ausbruch, der durch ihren klassischen Mezzosopran eine unerwartete Wucht bekommt. Wrede kann diese Präsenz weiter aufrechterhalten, die auf Ben Janssen, den Darsteller ihres Ehemannes Mal, überspringt. Jessica Trocha gibt Wednesday eine starke Stimme und harmoniert gut mit ihrem Bühnenpartner Koltai.

Das Ikonische an Morticia Addams ist ihr statuenhaftes Auftreten. In Anne-Elise Minettis Darstellung bekommt sie mehr Gestik und Beweglichkeit, Minetti behält die kalte Ausstrahlung und eiskalten Humor aber bei. Tomi Wendt interpretiert Gomez Addams als Pantoffelhelden, der nur selten versucht, einen Macho-Schein aufrechtzuerhalten. Sein Opernbariton verleiht der Figur einen im positiven Sinne altmodischen Operettenschmäh, der ausgezeichnet zu diesem Maulhelden mit dem spanischen Zungenschlag passt. Minetti und Wendt verfügen über perfektes Pointen-Timing; das macht ihre gemeinsamen Szenen äußerst vergnüglich.

Schließlich ist da noch Pascal Thomas in der (fast) stummen Rolle des Butlers Lurch. Diese Rolle sichert sich einfach durch Präsenz und Bewegungen in Zeitlupe immer die Herzen der Zuschauer – auch hier.

Das Stadttheater Gießen hat wieder einmal ein gutes Händchen, sein hauseigenes Ensemble aus Schauspiel und Oper (unterstützt von Jessica Trocha als Musical-Gast) spartenfremd einzusetzen. Die Opernsänger können überzeugend schauspielern und die Schauspieler ausgesprochen gut singen – und die Freude dabei ist ihnen anzumerken.

Amelie von Godin inszeniert szenisch solide, holt dafür aus ihrem Ensemble nuancierte Darstellungen heraus. Nur die Entscheidung, einzelne Figuren immer wieder am Bühnenrad Richtung Publikum sprechen zu lassen und den Personen, an die sie sich eigentlich richtet, den Rücken zuzudrehen, ist fragwürdig.

Kostümbildner und Ausstatter können bei der „Addams Family“ ihrer düsteren Fantasie freien Lauf lassen. Das hat man hier nur in Ansätzen getan. Lukas Nolls Bühnenbild wartet mit einigen schönen, gemalten Elementen auf – ein bedrohlicher Baum im Garten, ein Deckengewölbe und die überdimensionale Grabstatue eines trauernden Engels. Leider ist Kevin Weidlichs Lichtdesign nicht mehr als funktional und eine „Gothic Horror“-Atmosphäre kann sich nur rudimentär entfalten. Auch Kristin Buddenbergs Kostümbild überzeugt nicht durchgehend. Hat sie dem munter aufspielenden Opernchor als Addams-Ahnen noch prachtvolle historische Kostüme aus verschiedenen Epochen gegeben, wirkt Morticias Kostüm hastig hingeschneidert und Gomez‘ Anzug etwas zu groß für seinen Darsteller.

Das rhythmische Feuer des Abends kommt aus dem Orchestergraben. Das exzellente Philharmonische Orchester unter Liviu Petcus Leitung setzt Andrew Lippas parodistische Partitur mit Energie – und bei Bedarf auch mit viel Gefühl – um.

Mit dieser schwarzhumorigen Produktion hat sich das Stadttheater einen sicheren Hit ins Haus geholt – dank seines wunderbaren, fast komplett hauseigenen Ensembles. Und so wird die Addams Family weiterhin die Theater hierzulande heimsuchen.

 
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KREATIVTEAM
TextbuchMarshall Brickmann
Rick Elice
Musik, LiedtexteAndrew Lippa
Deutsche FassungAnja Hauptmann
RegieAmelie von Godin
Musikalische LeitungLiviu Petcu
Moritz Laurer
BühneLukas Noll
KostümeKristin Buddenberg
ChorleitungMoritz Laurer
Musikalische EinstudierungClemens Mohr
Evgeni Ganev
ChoreografieMichele de Filippis
Giuseppe Filippis
LichtKevin Weidlich
DramaturgieLeonard Lampert
Regieassistenz und AbendspielleitungSasha Schewelew
AusstattungsassistenzJohanna Hofmann
 
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CAST (AKTUELL)
GomezTomi Wendt
MorticiaAnne-Elise Minetti
WednesdayJessica Trocha
Uncle FesterNils Eric Müller
PugsleyZelal Kapçık
LucasMax Koltai
MalBen Janssen
AliceElisabeth Wrede
GroßmutterDascha Ivanova
LurchPascal Thomas
ChorOpernchor des Stadttheaters Gießen
OrchesterPhilharmonisches Orchester Gießen
  
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TERMINE
So, 12.04.2026 16:00Stadttheater, Gießen
Mo, 13.04.2026 11:00Stadttheater, Gießen
So, 07.06.2026 18:00Stadttheater, Gießen
Mo, 08.06.2026 11:00Stadttheater, Gießen
Di, 09.06.2026 11:00Stadttheater, Gießen
So, 14.06.2026 18:00Stadttheater, Gießen
Mo, 15.06.2026 11:00Stadttheater, Gießen
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 01.11.2025 19:30Stadttheater, GießenPremiere
Sa, 08.11.2025 19:30Stadttheater, Gießen
So, 09.11.2025 18:00Stadttheater, Gießen
▼ 10 weitere Termine einblenden (bis 31.01.2026) ▼
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