Cynthia Erivo (Elphaba), Ariana Grande (Glinda) © Universal Studios. All Rights Reserved.
Cynthia Erivo (Elphaba), Ariana Grande (Glinda) © Universal Studios. All Rights Reserved.

Wicked
Kinofilm / 2024

Mit „Wicked“ präsentiert sich ab dem 12.12.2024 nun auch in Deutschland die lang- und vor allem von den Musical-Fans heißerwartete Filmadaption des nach wie vor immensen Bühnenerfolges in den Kinos, nachdem der Film in den USA und in Großbritannien bereits seit dem 22.11.2024 zu sehen ist. In der deutschsprachigen Verleihfassung wird u.a. Sabrina Weckerlin als Elphaba in den Gesangsparts zu hören sein. Die Musicalzentrale konnte sich im Vorfeld des deutschen Kinostarts die Originalfassung mit Cynthia Erivo und Ariana Grande in den Hauptrollen anschauen und ist von dem Gesehenen und Gehörten veritabel begeistert…

Zu groß waren die Befürchtungen, dass eine weitere Musicalverfilmung krachend an Hollywood scheitert. Lustlose Verfilmungen wie etwa die von „The Producers“ oder abschreckende Gesangsleistungen von Hollywood-Stars wie Russell Crowe in „Les Misérables“ konnten einem die Freude an Verfilmungen von Bühnenwerken zusehends rauben. „Cats“ war schließlich der verstörend schlechte Höhepunkt in dieser Reihe von Enttäuschungen. Im Jahr 2021 betrat dann mit Jon M. Chu ein Regisseur die große Hollywood-Musicalbühne, der mit seiner Adaption von Lin-Manuel Mirandas „In the Heights“ große Leidenschaft und viel Geschick für das Genre bewies und zeigte, dass er in der Lage war, ein Bühnenstück erfolgreich in das Medium Film zu transportieren. Bei „Wicked“ hatte er es nun mit einem Werk zu tun, auf dessen Verfilmung ein weltweit gewaltig großes Fandom wartete, das im Falle von enttäuschten Erwartungshaltungen sicherlich nicht zimperlich mit dem fertigen Film umgegangen wäre. Doch Jon M. Chu hat fast alles richtig gemacht. Seine Filmfassung von „Wicked“ zeigt alles, was man von der Bühne kennt – und eben noch viel mehr, was wiederum in Sachen World-Building für Oz genau der Erwartungshaltung des Publikums entspricht. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass der Film in seiner Farbgestaltung so aussieht wie heute eben digital gedrehte Hollywood-Filme aussehen. Dem aktuellen Trend folgend präsentiert sich auch „Wicked“ mit verwaschenen und entsättigten Farben, was hinsichtlich der Darstellung des Zauberlandes Oz maximal verwundert. Schließlich war es 1939 bei „The Wizard of Oz“ nicht zuletzt das Technicolor-Verfahren mit seinen kräftigen Primärfarben, das Oz zu dem machte, was man sich heute darunter vorstellt.

Genau genommen müsste der Film „Wicked – Part 1“ heißen, denn er erzählt nur das Geschehen aus dem ersten Akt des Musicals. Dieser dauert auf der Bühne 90 Minuten – die Leinwandadaption nimmt sich hierfür nunmehr 161 Minuten Zeit. Chus „Wicked“ ist so etwas wie eine Extended Version des Bühnenstücks – nur dass diese Langfassung jederzeit unterhält, spannend ist, den Stoff sinnhaft mit neuen Ideen bereichert und vor allem berührt. Während der gesamten Laufzeit des Films gibt es mit der Action-Sequenz der Flucht von Elphaba und Glinda vor den Schergen des Zauberers, die schließlich in der „Defying Gravity“-Szene mündet, nur eine einzige kurze Szene, die sich als verzichtbar herausstellt. Alle anderen Erweiterungen machen Sinn und es macht großen Spaß, bislang noch unbekannte Bereiche des märchenhaften Landes Oz zu entdecken. Hierzu gehören etwa das Munchkinland, dramatische Landschaften wie Kreidefels-Steilhänge, die den südenglischen Seven Sisters nachempfunden sind, sowie viele neue Örtlichkeiten der Universität Shiz (im Deutschen: Glizz) wie etwa die Außenanlagen des Campus und auch die Tierbehausungen, in denen sich Dr. Dillamond mit seinen tierischen Kollegen konspirativ zusammenfindet, um sich über das drohende nahe Unheil auszutauschen. Im Übrigen ein Handlungsstrang, dem man noch mehr Screen-Time gewünscht hätte. Die im Film gezeigten anthropomorphen Tiergestalten lassen „Narnia“-Vibes aufkommen und erweitern den bisher gekannten Oz-Kosmos in stimmiger Weise in die Breite.

Zu mehr Tiefe führen einige kleine behutsame Änderungen des Buches, die sich unmittelbar auf die Charakterisierung der Figuren auswirken. So ist in der Filmfassung Elphaba bei ihrer Ankunft in Shiz gar nicht an der Uni eingeschrieben. Sie soll ihre Schwester Nessarose lediglich an ihrem ersten Tag begleiten. Zur Studentin von Shiz wird sie erst durch das Zutun von Madame Morrible (im Deutschen: Madame Akaber), der Elphabas magische Fähigkeiten nicht verborgen bleiben. Auch Miss Coddle, die in der Bühnenfassung nicht vorkommt, wird letztendlich nur für das Beziehungsgeflecht zwischen Madame Morrible und Elphaba benötigt. Dadurch, dass im Film Miss Coddle die unsympathischen Aufsehertätigkeiten von Madame Morrible übernimmt, kann diese nun, über dem operativen Uni-Alltag schwebend, länger den Anschein der gutmütigen und weisen Mentorin für Elphaba aufrechterhalten. Hierdurch gestaltet sich ihr Verrat am Schluss des Films, wenn sie Seite an Seite mit dem Zauberer Elphaba gegenüber der ozianischen Öffentlichkeit zur Staatsfeindin Nr. 1 erklärt, noch eindrücklicher und noch niederschmetternder.

Auch in „Wicked“ wird Chus Affinität zu den großen klassischen Musicalverfilmungen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit ihrem Hang zum Pompösen mehr als deutlich. So gibt er dem Choreografen Christopher Scott Raum für aufwendige und ausgeklügelt in Szene gesetzte Massen-Choreografien, die in der Shiz-Bibliothek zu Fiyeros Song „Dancing Through Life“ ihren raffinierten Höhepunkt finden. Diese Szenen wurden in echten Sets gedreht, die Bühnenbildner Nathan Crowley mit ebenso sichtlich großem Aufwand entworfen und in den britischen Sky Studios Elstree hergestellt hat. Natürlich kommt auch in „Wicked“ CGI zum Einsatz, schließlich reden wir von einem Film, in dem es fliegende Affen und sprechende Ziegen gibt. Dass ein Großteil des Films jedoch in tatsächlich gebauten Kulissen gedreht wurde und die Schauspieler nicht nur vor Greenscreens spielen und singen mussten, tut dieser Filmadaption eines Theaterstückes sehr gut. Daneben bedient sich Chu auch für „Wicked“ eines ausgesprochen filmischen Instrumentariums, was der Verfilmung Originalität und letztlich ihre Existenzberechtigung gibt. Die Abneigungshymne „What Is This Feeling?“ etwa inszeniert er mit Split-Screen-Bildern von Elphaba und Glinda, die dem Song eine zusätzliche Dynamik und Komik verleihen. Und weil es eben Glinda ist, gönnt er ihr zum Abschluss ihres Songs „Popular“ auch einen pinken Sonnenaufgang. Doch Jon M. Chu hat nicht nur einen tollen und beeindruckenden Musicalfilm auf die Leinwand gebracht, sondern auch einen großartigen Fantasy-Abenteuerfilm, wie er nicht besser ins Vorweihnachtsprogramm passen könnte: Eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, rasante Kamerafahrten durch ein mystisches Zauberreich, bildgewaltige und dramatische Auseinandersetzungen vor düsterer Kulisse – man muss kein ausgewiesener Musicalliebhaber sein, um Gefallen an diesem Film zu finden. Das Herz dieses Films, ebenso wie das des Bühnenwerkes, schlägt jedoch in der Beziehung der beiden ungleichen Protagonistinnen. Hierfür schafft Chu vor der Kulisse einer fantastisch gebauten Ozkothek einen unfassbar eindrücklichen Moment, der zu Tränen rührt. Der stumme Tanz von Elphaba und Glinda, mit dem sie trotz aller Gegensätze zueinander finden, wird bleiben, egal, welches Schicksal diese Verfilmung erfahren wird.

Elphaba und Glinda sind sicherlich zwei der ikonischsten Musiktheaterfiguren der Neuzeit. Dementsprechend leidenschaftlich und kontrovers wurden die Castentscheidungen für diese beiden Rollen schon während der Produktionsphase des Filmes diskutiert. Jetzt, wo der fertige Film vorliegt, lässt sich nur beeindruckt konstatieren, dass beide, sowohl Cynthia Erivo als Elphaba als auch Ariana Grande in der Rolle der Glinda, fantastisch singen und spielen und in ihren beiden Rollen jeweils perfekt funktionieren. Besonders erwähnenswert ist, dass die Songs größtenteils live während des Drehs und nicht nachträglich im Studio aufgenommen wurden. Natürlich ließen sich Vor- und Nachteile ihrer Darbietungen in epischer Breite erörtern, aber letztlich würde das auch für jede Bühnenbesetzung gelten. Sehr beeindruckend stellt Cynthia Erivo den Schatten heraus, der aufgrund ihrer Andersartigkeit ihr Leben bestimmt, bis ihr Madame Morrible den Weg in eine vermeintlich optimistischere Zukunft weist. Zudem überzeugt sie sowohl in den Szenen, in denen Elphabas Verletzlichkeit zu Tage tritt, als auch in den großen dramatischen Momenten, wenn eine mutige und entschlossene Elphaba gefordert wird, die bis zur letzten Konsequenz für ihre Überzeugung einzustehen bereit ist. Dass Ariana Grande eine sehr gute Sängerin und Tänzerin ist und zudem eine große Popularität mitbringt, steht außer Frage. Trotzdem blieben im Vorfeld Zweifel, ob sie den Anforderungen der oft unterschätzten Rolle der Glinda tatsächlich gewachsen sei. Auch diese Bedenken waren unbegründet, denn Ariana Grande beweist vor allem ein besonderes Feingefühl für die komödiantischen Herausforderungen ihres Parts, den sie mit großem schauspielerischen Können auf die Leinwand bringt. Hervorzuheben ist, dass sie sich im Sinne des Stückes nie in den Vordergrund spielt und das Große und Ganze der „Wicked“-Unternehmung, die Elphaba ins Zentrum des Geschehens stellt, stets im Auge behält. Auch das Zusammenspiel der beiden Darstellerinnen funktioniert ganz wunderbar: Wenn Elphaba sich am Schluss des Films dazu entschieden hat, das zu tun, was sie tun muss und Glinda das macht, was sie am besten kann und was ihr in dieser Situation letztlich auch nur bleibt, nämlich für das bestmögliche Outfit für ihre Freundin zu sorgen, erreicht die Verbundenheit zwischen den beiden jungen Frauen eine unausgesprochene Tiefe, wie man sie auch auf der Bühne nur selten fühlen konnte.

Ebenfalls durchweg überzeugend präsentieren sich die anderen Besetzungen: Jonathan Bailey verkörpert Fiyero nach wie vor als den sorgenfreien adeligen Lebemann, wie man ihn von der Bühne kennt. Gleichwohl wird seine Unbekümmertheit hier schneller als in der Bühnenfassung von der Ernsthaftigkeit verdrängt, die ihn von Glinda weg- und zu Elphaba hinzieht. Ein toller Fiyero mit großer Leinwandpräsenz – seine „Dancing Through Life“-Nummer ist einer der Höhepunkte des Films. Mit großer Spielfreude gibt Michelle Yeoh die Bösewichtin des Films. Um eine ausgesprochene Gesangsrolle handelt es sich hierbei ohnehin nicht: Als Madame Morrible ist sie der Gandalf, der sich als Saruman entpuppt. Dabei glänzt sie mit intensivem Spiel und macht aus Madame Morrible einen faszinierenden Charakter, der manipulativ die Fäden im Hintergrund spinnt. Dort wartet der Zauberer auf seine boshafte Erfüllungsgehilfin. Den spielt Jeff Goldblum vor allem als Jeff Goldblum. Was allerdings kein Problem darstellt, denn ein wirkliches Persönlichkeitsprofil hat auch das Buch des Musicals nicht für diese Rolle ausformuliert. Sehr schön stellt Goldblum die Hilflosigkeit des Hochstaplers heraus, der sich nicht anders zu helfen weiß, als seine Macht einzusetzen, dabei aber nicht wirklich stolz auf sich ist. Marissa Bode als Nessarose und Ethan Slater als Boq (im Deutschen: Moq) werden im zweiten Teil des Filmes noch ihre großen Szenen bekommen. Als fanatische Glinda-Bewunderer geben Bowen Yang und Bronwyn James köstlich-amüsante Überzeichnungen ihrer Sidekick-Rollen von Pfannee und ShenShen (im Deutschen: Pfanny und Schön-Schön). Peter Dinklage verleiht mit seiner Stimme der CGI-Rolle des Dr. Dillamond Würde und ergreifende Traurigkeit.

Wenn nach dem überwältigenden „Defying Gravity“-Finale der Hinweis auf die Fortsetzung erscheint, möchte man am liebsten sitzenbleiben, um das Schicksal von Elphaba und Glinda in Oz gleich weiterzuverfolgen. Leider wird man sich hierfür noch ein Jahr gedulden müssen. Die Fans des Musicals werden diese „Wicked“-Verfilmung feiern – für sie hält der Film Gänsehautmomente und zu Tränen rührende Szenen bereit. Die Story funktioniert, die Charaktere funktionieren und die filmische Umsetzung ist ungemein fesselnd und spannend gelungen. Zudem muss man den in diesen Film am meisten erwarteten Cameo-Auftritt noch nicht einmal mit der Lupe suchen.

Doch Jon M. Chu ist mit dieser Musicalverfilmung darüber hinaus noch etwas Besonderes gelungen: Nicht nur, dass aus einem großen Musical ein großer Musicalfilm wurde, was schon selten genug ist. „Wicked“ ist vor allem ein großartiger Film geworden, der auch außerhalb der hierfür empfänglichen Zielgruppe ein breites Publikum finden wird. Besser kann man ein Bühnen-Musical nicht für die Leinwand adaptieren!

 
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