Dante Sáenz (Sam) © Florian Miedl
Dante Sáenz (Sam) © Florian Miedl

Seele für Seele (seit 05/2025)
Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

In seiner dritten Musicaladaption einer Opernvorlage nimmt sich Frank Nimsgern nach Richard Wagner und Wolfgang Amadeus Mozart nun Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ vor. Für die Neufassung der Geschichte hat er sich mit Festspiel-Intendantin Birgit Simmler als Autorin zusammengetan. „Seele für Seele“ ist eine Co-Produktion der Luisenburg-Festspiele und des Festspielhauses Neuschwanstein, wo das Musical vor wenigen Wochen uraufgeführt wurde. Der Transfer der Inszenierung vom Festspielhaus auf die zerklüftete Landschaft der Felsenbühne funktioniert über weite Strecken überzeugend: „Seele für Seele“ entfaltet als bildgewaltiger, symphonisch aufgeladener Rock-Fiebertraum seine Wirkung – kraftvoll besetzt und in enger Verbindung mit der spektakulären Naturkulisse

Während sich Frank Nimsgerns frühere Opernadaptionen enger an die Vorlagen hielten, nimmt Birgit Simmler in ihrer Version von Der Freischütz lediglich einzelne Motive auf und entwickelt daraus eine eigenständige Geschichte. Der Teufel – hier Sam genannt – gießt zwar ebenfalls die tödlichen Kugeln, doch Simmler verwebt die Handlung mit biblischen Anklängen: In einem Rachefeldzug nimmt Lilly, die als Lilith-Figur angelegt ist, Adam ins Visier, der einst Eva verlassen hat. Vor dem Hintergrund eines Jahrmarkts in den 1930er Jahren entfaltet sich eine düstere Intrige, in deren Zentrum Adams und Evas Tochter Karin sowie deren Verlobter David stehen – eine Figur, die in einer früheren Fassung der Inszenierung noch Abel hieß. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit, doch Eifersucht – ausgelöst durch eine Erbschaft, die Karin zuteilwird – treibt einen Keil zwischen das Paar. Die Konstellation erinnert mit ihrer Eifersuchtsdynamik und den ursprünglich gewählten Namen vage an das biblische Motiv von Kain und Abel – ein weiterer Baustein im dichten Geflecht aus religiösen Anspielungen. Dabei mutet Simmler ihrer Geschichte mitunter zu viel auf einmal zu: Die Verlegung der Freischütz-Handlung in die 1930er Jahre und die Vielzahl symbolischer Bezüge wirken nicht immer schlüssig miteinander verzahnt und bleiben stellenweise angedeutet, ohne konsequent auserzählt zu werden. Die Dialoge geraten streckenweise zu lang, wodurch insbesondere in einigen Spielszenen unnötige Längen entstehen – vor allem dann, wenn der biblische Bezug zu deutlich hervorgehoben wird. Auch die Songtexte wirken stellenweise sperrig. Reicht der Text für die musikalische Phrase nicht aus, werden einzelne Wörter wiederholt – das hemmt den Fluss und verleiht manchen Passagen etwas Unbeholfenes. Trotz dieser Schwächen überzeugt das Buch in weiten Teilen durch eine atmosphärisch dichte und dramaturgisch kraftvolle Erzählweise. Birgit Simmler, die neben dem Libretto auch die Regie verantwortet, schafft es, eine düstere Grundstimmung zu entwickeln, die sich wie ein Schatten über die Handlung legt und auf der Luisenburg-Bühne eindrucksvoll zur Geltung kommt. Besonders in den Szenen, in denen das Zusammenspiel von Figuren, Musik und Raum im Vordergrund steht, gelingt es der Inszenierung, eine eigene, packende Welt zu erschaffen. Etwas störend wirkt dabei allerdings, dass nahezu alle Figuren Wut gleichförmig über lautstarkes Brüllen ausdrücken – das nimmt den Momenten ihre Individualität und erscheint auf Dauer etwas eindimensional.

Frank Nimsgern bleibt auch in „Seele für Seele“ seinem musikalischen Stil treu: Symphonischer Bombastrock trifft auf eingängige Pop-Melodien, durchzogen von szenenuntermalender Musik, die die düstere, bisweilen albtraumhafte Atmosphäre wirkungsvoll verstärkt. Dialoge und Songs wechseln sich ab, wobei die musikalische Vielfalt einer klaren dramaturgischen Linie mitunter im Weg steht. Trotz wiederkehrender Motive – allen voran der Titelmelodie „Seele für Seele“ – wirkt die Partitur in ihrer stilistischen Mischung stellenweise wenig zusammenhängend.

Die Musik wird nicht live eingespielt, sondern kommt vom Band – ein Umstand, der sonst oft als Nachteil empfunden wird, sich in diesem Fall jedoch als nachvollziehbare Entscheidung erweist. Angesichts der akustisch herausfordernden Felsenlandschaft der Luisenburg gelingt es so, Frank Nimsgerns aufwendig orchestrierte Partitur sauber und detailreich abzubilden. Im Vergleich zu den Musical-Inszenierungen der Vorjahre wirkt der Klang außergewöhnlich klar und ausgewogen – selbst in den lauteren Momenten bleiben die Gesangstexte gut verständlich.

Bühnenbild und Kostüme von José Luna greifen stimmig ineinander und tragen wesentlich zur Atmosphäre der Inszenierung bei. Der Jahrmarkt mit seinen beweglichen Elementen und Vorhängen, die die zentrale Attraktion in „Seele für Seele“ markieren, bietet eine wandelbare Spielfläche, die das Geschehen flexibel rahmt. Besonders auffällig sind die fantasievoll gestalteten Kostüme des Ensembles, das als personifizierte sieben Todsünden auftritt – ein weiterer biblischer Bezug, der hier grotesk überzeichnet und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt wird. Wie schon in den Vorjahren zählt auch diesmal das Lichtdesign zu den Höhepunkten: Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt es die Felsenlandschaft der Luisenburg in eindrucksvolle, stimmungsvolle Bilder, die die Inszenierung visuell wirkungsvoll verstärken.

Im Zentrum des Geschehens steht ein starkes Trio, das in wechselnden Konstellationen Intrigen spinnt und das Schicksal der anderen Figuren lenkt: Dante Sáenz als Sam, Anja Backus als Lilly und AMY als Serpa – in der ursprünglichen Füssener Inszenierung noch als „Maëstra“ bezeichnet – bilden gemeinsam ein regelrechtes „Trio infernal“. Alle drei verkörpern ihre Rollen mit großer Präsenz und beeindruckender stimmlicher Wucht. Sáenz begeistert als zorniger Sam mit enormem Atemvolumen und kraftvollem Ausdruck. AMY gibt der überheblichen Serpa mit ihrer schrillen Dominanz und dem glitzernden Auftritt eine kraftvoll überzeichnete Note, die perfekt zur Figur passt. Anja Backus wiederum verleiht ihrer Lilly eine glaubhaft verruchte und bösartige Aura, die sich auch in ihrer Interpretation der Songs eindrucksvoll widerspiegelt.

Auch auf der Gegenseite ist das Ensemble stark besetzt. Femke Soetenga überzeugt als Eva, die zunächst mit überzeichnetem Outfit und affektiertem Auftreten fast karikaturenhaft wirkt, im Verlauf der Handlung aber zunehmend an Tiefe gewinnt. Ihre Figur gerät immer stärker unter den Einfluss von Serpa und erkennt die Intrige erst spät – eine Wandlung, die Soetenga glaubhaft und mit starker Präsenz gestaltet. Mischa Mang spielt den biederen Polizisten Adam, der als eigentliches Racheziel von Lilly Teil des Plans wird, mit ruhiger Zurückhaltung und verleiht der Figur rollendeckend Kontur. Gesanglich bringt er seine Partie souverän auf die Bühne. Anna-Sophie Weidinger und Manuel Karadeniz bilden als Karin und David ein stimmlich starkes Paar. Zu Beginn wirken sie wie jenes überverliebte Paar, das jeder aus dem eigenen Umfeld kennt – so harmonisch und innig, dass es fast schon ein wenig nervt. Doch im Verlauf der Geschichte werden sie durch die zunehmenden Manipulationen gegeneinander ausgespielt und entwickeln sich glaubhaft zu tragischen Gegenspielern.

Das Ensemble trägt ebenfalls maßgeblich zur Wirkung der Inszenierung bei. Spielfreude und Beweglichkeit prägen das Spiel, die choreografischen Szenen sind fantasievoll gestaltet und fügen sich organisch in den Erzählfluss ein. Immer wieder erzählen kleinere Gruppenszenen eigene Nebenstränge, ohne dabei die Hauptlinie aus dem Blick zu verlieren.

„Seele für Seele“ ist eine eigenständige, bildstarke Adaption mit starker Besetzung und atmosphärischer Dichte. Nicht alle Elemente fügen sich bruchlos zusammen, doch die Produktion nutzt die Möglichkeiten der Luisenburg-Bühne eindrucksvoll. Die Kooperation mit dem Festspielhaus Neuschwanstein eröffnet dabei spannende Perspektiven – nicht nur für die beiden beteiligten Häuser, sondern möglicherweise auch für die zukünftige kreative Entwicklung des Musiktheaters im deutschsprachigen Raum.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musik & ArrangementFrank Nimsgern
Buch, Liedtexte, RegieBirgit Simmler
Co-Regie / Musical StagingTim Zimmermann
Musikalische LeitungTomáš Küfhaber
ChoreografieStefanie Gröning
Kostüm- und BühnenbildJosé Luna
MaskenbildSebastian Weber
Co-ChoreografieSelina Koh
RegieassistenzEva Beck
Assistenz Kostüm- und BühnenbildLaura Arriaga
Regieassistenz, Stage ManagementFrancesco Iorio
Dance CaptainAlessio Ruaro
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
KarinAnna-Sophie Weidinger
David
(Abel)
Manuel Karadeniz
Sam
(Samiel)
Dante Sáenz
AdamMischa Mang
EvaFemke Soetenga
LillyAnja Backus
Serpa
(Maëstra)
AMY
Schützin, Angst, WassergeistSophie Reinicke
Eitelkeit, BaumgeistAnnika Böbel
Völlerei, Pas de deuxKimberley Bolen
Lust, WassergeisLilia Höfling
Trauer, BaumgeistAlida Will
Kollege 1, StolzMarkus Hareter
Trägheit
Baumgeist Francesco Alimonti
Geiz, Pas de deuxManuel Nobis
Neid, WassergeistAlessio Ruaro
Kollege 2, WutSandro Wenzing
  
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TERMINE
Sa, 14.03.2026 14:30Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen
Sa, 14.03.2026 19:30Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen
So, 15.03.2026 15:00Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen
 
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TERMINE (HISTORY)
Do, 01.05.2025 18:00Festspielhaus Neuschwanstein, FüssenPremiere
Fr, 02.05.2025 19:30Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen
Sa, 03.05.2025 14:30Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen
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