Laura Albert (Velma Kelly), Ensemble, Laura Scherwitzl (Roxie Hart) © Jörg Metzner
Laura Albert (Velma Kelly), Ensemble, Laura Scherwitzl (Roxie Hart) © Jörg Metzner

Chicago (2025)
Theater Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, Neustrelitz

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Seitdem die Rechtegeber „Chicago“ auch für freie Inszenierungen abseits der minimalistischen Schwarz-Weiß-Inszenierung vom Broadway freigegeben haben, ist das Musical im deutschsprachigen Raum vermehrt an großen und kleineren Häusern in oft überraschender Sichtweise zu erleben. Ein positives Beispiel dafür ist die Inszenierung von Amy Share-Kissiov am Theater in Neustrelitz, die ohne die Verpflichtung von Musical-Gästen auskommt und beweist, dass das Stück auch vom Haus-Ensemble ganz hervorragend auf die Bühne gebracht werden kann.

„Sie wollten nicht nicht ‚mal fotografieren“ empört sich Roxie Hart als die Reportermeute nach der Urteilsverkündung aus dem Gerichtssaal stürmt, um einer vermeintlich sensationelleren Story als der ihrigen nachzujagen. Selbst die noch verbliebene Influencerin mit dem Selfie-Stick hat nur Augen für sich und posiert mit Blick ins Smartphone für ihre Selfies.

Auch wenn Amy Share-Kissiovs Inszenierung in den 1920er Jahren spielt, gibt es immer wieder solche geschickt in die Handlung integrierten Hinweise auf die Gegenwart. Dabei stellt sich die Regisseurin zum Beispiel in der Gerichtsszene sehr offen gegen die manipulativen Kommunikationsmaßnahmen der aktuellen amerikanischen Regierung: Der Richter trägt zunächst eine rote Basecap bevor er seine lange weiße Perücke aufsetzt, es gibt einen Karton mit dem Hinweis „Make America Great Again“ und Justizia ist eine Miss Liberty mit Augenblende. Im Finale sind Velma und Roxie von Kopf bis Fuß in den amerikanischen Landesfarben kostümiert und der Conferencier taucht als Trump-Doppelgänger mit gelbem Haar auf, der von der Annexion Grönlands und vom Golf von Amerika schwadroniert. Aktueller kann eine Musical-Inszenierung kaum sein!

Zudem gelingt es Amy Share-Kissiov ganz vortrefflich, den von den Autoren vorgegebenen schnellen Wechsel der nicht unbedingt einer stringenten Handlung folgenden Szenen auf die Bühne zu bringen: Sie nutzt dafür geschickt den Zuschauerraum für Auftritte, stellt einzelne Elemente parallel zum Gesagten pantomimisch neben die handelnden Personen oder überblendet wie beim „Mister Zellophan“-Solo, indem sie die noch zum vorherigen Song „Ich und mein Baby“ flanierenden Paare mit Kinderwagen einfach einfriert. Damit erhält Amos Harts Unsichtbarkeit eine ganz eigene Sichtweise.

Unterstützt wird dieser Ansatz von der Bühnenbildnerin Olga von Wahl, deren fast leerer Raum hinten durch Hochhaus-Schluchten in Schwarz-Weiß-Foto-Optik begrenzt wird. Auf der Drehbühne stehen mehrere schwarze Stangen und ein Türkreuz, die ergänzt um mehrere Versatzstücke oder einschwebende Wände schnell immer neue, meistens sehr abstrakt wirkende Räume erschaffen. In ihnen kann sich das prächtige, verschwenderisch mit Tausenden Pailletten verzierte Show-Kostümbild von Alexandra Bentele in voller Schönheit entfalten.

Neben frischen Ideen glänzt die Regisseurin auch als Choreografin: Amy Share-Kissiov entlockt den Mitgliedern der Deutschen Tanzkompanie zackige wie präzise Schrittfolgen und Hebefiguren und zelebriert mit dem Ballett die ganz große Show. Ihren Fähigkeiten entsprechend gruppiert sie die Mitglieder des Opernchores geschickt drumherum und entfacht ein optisches Feuerwerk der Bewegung. Man spürt, wie intensiv die Choreografin mit dem Klangkörper gearbeitet hat, mit dem Ergebnis, dass ein bewegliches, spiel- wie sangesfreudiges Ensemble über die Bühne fegt, von dem sich Chöre anderer Häuser eine gehörige Scheibe abschneiden können.

Für den wilden, berauschenden Jazz-Klang der Partitur von John Kander sorgen die Musiker der Neubrandenburger Philharmonie unter der Leitung von David Levi. Unter seinem Dirigat zeigt das Orchester, dass es nicht nur Wagner, Verdi und Bruckner kann, sondern empfiehlt sich auch auf eher ungewohntem Terrain als zuverlässige musikalische Begleitung der Extraklasse. Es ist ein wahrer Ohrenschmaus, dass hier satter handgemachter Sound ohne technische Trickserei geboten wird.

„Chicago“ stellt an die Solisten hohe Ansprüche in Schauspiel, Gesang und Tanz. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass das Theater in Neustrelitz den Cast ohne die Gastverpflichtung von Musical-Spezialisten aus den Reihen des eigenen Musiktheater-Ensembles besetzen kann. Dabei ist es ist zu verschmerzen, dass die Rolle der Klatschreporterin Mary Sunshine nicht wie vorgesehen von einem Countertenor gespielt wird und damit die Drag-Komponente entfällt. Wem dieser Umstand nicht bekannt ist, der wird in Barbara Legiehn eine gute Rollenvertreterin erleben. Mit Markus Kopp ist der Conferencier nicht ganz auf den Punkt besetzt. Seine Darstellung wirkt trotz roten Glitzersakkos recht blass, zumal er seine Texte wie auswendig aufgesagt präsentiert.

Wer wie Andrés Felipe Orozco bereits seit 2009 in Neustrelitz auf der Bühne steht und sich dort einmal rauf und runter durch das Tenor-Repertoire in Oper und Operette gesungen hat, der genießt einen gewissen Kult-Status. Eine Attitüde, die perfekt zu seiner Rolle Billy Flynn passt, der in dieser Inszenierung auf einer Sänfte für seinen ersten Auftritt auf die Bühne getragen wird. Orozco glänzt gesanglich in den Soli „Ich bin nur für Liebe da“ und „Hokuspokus“. Darstellerisch repräsentiert er weniger einen juristischen Winkeladvokaten, denn einen strahlenden Staranwalt, was manchmal in seinem sehr aufgesetzt wirkenden Spiel, in dem er nicht so richtig mit anderen interagiert, etwas zu übertrieben wirkt.

Auf den Punkt besetzt ist Sebastian Naglatzki als unscheinbarer Schlaffi-Ehemann Amos Hart, der mit dem bereits schon erwähnten „Mister Zellophan“ seinen ganz großen Auftritt hat. Im goldenen Glitzerkleidchen trumpft Julia Baier-Tarasova als Oberin Morton mit sattem Mezzo beim Song „Bist du gut zu Mama“ auf. Sie ist hier weniger die im Liedtext erwähnte Glucke, denn ein stolzer Pfau. Da die Sängerin sichtbar Mutterfreuden entgegensieht, wird Anke Fiedler ab März ihre Schwangerschaftsvertretung im Frauen-Knast sein. Dort brillieren im „Zellenblock-Tango“ gesanglich und im Tanz Damen des Opernchores als inhaftierte Insassinnen.

Welche Perlen im Neustrelitzer Musiktheater-Ensemble engagiert sind, zeigen Laura Albert und Laura Scherwitzl als Möderinnen-Duo Velma Kelly und Roxie Hart nicht erst in ihrer großen Schlussnummer „Uns’re Zeit“: Beide Sängerinnen harmonieren stimmlich hervorragend miteinander, zelebrieren den großen Showauftritt und geben auch im Tanz ihr Bestes. Mangelnde Stepp-Fähigkeiten werden hier einfach pfeifend hinweggefegt. Vor ihrer Zweck-Fusion zu Entertainment-Stars bekriegen sich Albert und Schweritzl als rivalisierende Zellen-Zicken um die Aufmerksamkeit der Medien und empfehlen sich auch gesanglich als Top-Rollenvertreterinnen. Bravo!

„Eines der ganz großen Erfolgs-Musicals auf unserer Opernbühne!“. Hiermit wirbt das kleine Theater am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte für seine „Chicago“-Inszenierung. Dabei nehmen die Verantwortlichen den Mund nicht zu voll: Auch wenn Musical gerade nicht auf eine Opernbühne gehört, gelingt dem Haus in Amy Share-Kissiovs Musicalstaging und Inszenierung eine tolle Produktion, deren Besuch unbedingt zu empfehlen ist.

Musical von Fred Ebb/Bob Fosse (Buch) und John Kander (Musik)

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Inszenierung, ChoreografieAmy Share-Kissiov
BühnenbildOlga von Wahl
KostümbildAlexandra Bentele
Musikalische LeitungDavid Levi
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
ConferencierMarkus Kopp
Velma KellyLaura Albert
Fred CaselyKrysztof Napierala
Roxie HartLaura Scherwitzl
Amos HartSebastian Naglatzki
Sergeant FogartyAndreas Hartig
LizSylke Urbanek
AnnieGabrielle Penney
JuneGrit Kolpatzik
HunyakClarissa Gehring
MonaFernanda de Araujo
Oberin MortonJulia Baier-Tarasova
(Anke Fiedler ab März 2025)
Billy FlynnAndrés Felipe Orozco
Ein SchneiderSongwoo Park
Mary SunshineBarbara Legiehn
KittyHyun-Kyung Kang
Harry, ihr MannNoé Plasencia
Ein ArztChangmin Lee
Aaron, AnwaltRamin Varzandeh
GerichtsdienerHyoung-Jun Lim
Harrison, StaatsanwaltMarin Slini
RichterinSylke Urbanek
JustiziaRebecca Backus
ChorOpernchor der TOG
TanzDeutsche Tanzkompanie
OrchesterNeubrandenburger Philharmonie
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
TERMINE
keine aktuellen Termine
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
01.02.2025 - 09.06.2025Landestheater Großes Haus, Neustrelitz8 x
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay