Patricia Hodell (Mama Morton) und Ensemble © Tim Müller
Patricia Hodell (Mama Morton) und Ensemble © Tim Müller

Chicago (2024 - 2025)
Staatstheater, Hannover

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Verbrecherische Knastbräute behaupten sich vor Sensationsjournalisten und der manipulierbaren US-Justiz, and all that Jazz – Das Musical „Chicago“ hat seit der Uraufführung 1975 durchaus so etwas wie Kultstatus erreicht, der Erwartungen an die Aufführungstradition schürt und so für neue Regieansätze oft zum Drahtseilakt wird. Die Inszenierung in Hannover setzt dabei auf eine zeitlos-cineastische Darstellung, die durch ein Gästeensemble aus MusicaldarstellerInnen zum Triumph geführt wird.

Die Hauptrollen Velma Kelly und Roxie Hart stehen für viele Musicaldarstellerinnen auf der Bucket List – zurecht, will man beim Blick auf die Liste der Ikonen des Musiktheaters sagen, deren große Fußstapfen zu füllen eine Herausforderung darstellen dürfte: Von Chita Rivera über Michelle Williams und sogar Pamela Anderson bis hin zu Ute Lemper und Pia Douwes sind die großen Namen unerschöpflich. Ferner dürfte eine vergleichsweise große Anzahl der vorwiegend jazzigen, manchmal lateinamerikanisch oder folkloristisch angehauchten Lieder über das geneigte Musicalpublikum hinaus große Bekanntheit genießen: Die Melodien und Choreographien von „Cell Block Tango“ bis „We both reached for the Gun“ sind neben „All that Jazz“ längst Musicalstandards und werden bis heute, sogar von der jüngsten Generation in Form von TikTok Trends, rezipiert und konsumiert. Da fällt es sicher nicht einfach, dem Stück und seinen Figuren einen eigenen Stempel aufzudrücken, ohne das Vermächtnis des Werks seit seiner Premiere zu ignorieren.

Der Inszenierung von Felix Seiler und dem Ensemble gelingt diese Mammutaufgabe gleichermaßen. Jede einzelne der vor allem im ersten Akt im Vaudeville-Stil präsentierten Szenen wird mit scheinbar einfachen Mitteln optisch abgegrenzt, sodass gänzlich andere Stimmungen entstehen. Dies gelingt durch das sehr akzentuierte und in weiten Teilen beinahe gnadenlose Lichtdesign von Fabian Grohmann, der es meisterhaft versteht, nahezu klaustrophobisch-beklemmende Momente mit solchen, die von Heiterkeit und Selbstbeweihräucherung geprägt sind, abzuwechseln. Die vier Riesentreppen, die Timo Dentlers und Okarina Peters Bühnendesign beherrschen, werden immer wieder neu kombiniert und arrangiert, wodurch erstaunlich plastische Szenarien entstehen. Die Treppen fungieren in vielen Szenen als physischer Backdrop für Gefängnis-, Gerichts- oder Heimszenen und verkörpern gleichermaßen eine Symbolkraft, da sie für den (erhofften) Aufstieg, das Zurückfinden auf den Boden der Tatsachen, und nicht selten auch für das Verlaufen ins Leere zu stehen scheinen. Ein riesiger Spiegel, der von oben herabgelassen wird, reflektiert den Größenwahn der Protagonisten und wirft ein beklemmend voyeuristisches Bild aufs Publikum zurück. Die Kostüme sind bemerkenswert schlicht und bedienen sich Elementen der 1920er Jahre, in denen die Story eigentlich spielt, und der 70er, in denen „Chicago“ erstmals aufgeführt wurde. Durch das Zusammenspiel von Licht, Bühnenbild und Seilers fokussierter Inszenierung entsteht so eine erstaunlich zeitlose Version der Geschichte, die den gesellschaftskritischen und parodistischen Ton, der auch heute noch Relevanz besitzt, deutlich unterstreicht. Hinterfragen lässt sich allerdings die Entscheidung, Fred Ebbs Texte im englischen Original und die Sprechtexte auf Deutsch zu präsentieren, was nicht immer einen homogenen Übergang kreiert.

Das niedersächsische Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Piotr Jaworski setzt Kanders schwungvolle Melodien makellos und kraftvoll um – zurecht erntet es am Ende tosenden Beifall. Lobend müssen auch Soundtechnik und generelle Akustik erwähnt werden: Opernhäuser, die Musicals spielen, sind nicht selten für suboptimalen Ton berüchtigt. Bei „Chicago“ in Hannover ist jede Partie makellos verständlich, perfekt abgemischt und komplett störungsfrei über die gesamte Vorstellung zu vernehmen.

Danny Costello vollzieht mit seiner Choreographie ebenfalls einen Drahtseilakt: Gerade in den tänzerischen Abläufen, die „Chicago“ mit Bob Fosse unsterblich gemacht haben, sind die Erwartungen hoch. Costello schafft es, sich aus Fosses Fußstapfen zu lösen, ohne eine enttäuschende Choreographie hinzulegen. Neben sehr dynamischen und quirligen Tanzabläufen zu „We both reached for the Gun“ und „Me and my Baby“ begeistert allem voran der „Cell Block Tango“, in dem Costello seine sechs Männer malträtierenden Knastmädels perfekt in Szene setzt. Fosse-Moves setzt er dabei im Vergleich zu anderen „Chicago“-Inszenierungen eher subtil ein, auch wenn natürlich die Jazz Hands bei „Mr. Cellophane“  und Hip Rolls mit Curved Shoulders bei „All that Jazz“ auch hier nicht fehlen.

Die Entscheidung des Opernhauses, dieses Stück mit einer einschlägig ausgebildeten Cast aus Gästen zu füllen, trägt Früchte: Das Ensemble ist bis ins Kleinste hervorragend von ausgebildeten MusicaldarstellerInnen besetzt und es gelingt jedem einzelnen Mitglied, schöne und unterhaltsame Momente im Stückverlauf für sich zu verbuchen. Robert Johansson, Tobias Stemmer, James Cook und Christopher Bolam überzeugen durch hervorragende Tanzeinlagen, stimmiges Schauspiel und tolle Ensemblestimmen. Die Cellblock-Girls, die sich in ihrer Exzentrik gegenseitig überbieten, werden wunderbar temperamentvoll von Daniela Tweesmann, Janina Moser, Veronica Appeddu und Jessica Rühle interpretiert. Maria Joachimstaller schafft mit der Hinrichtung ihrer Figur Hunyak, die von einem stillen Mob bis ans Ende der hohen, in den Tod führenden Treppen, getrieben wird, einen extrem eindrucksvollen Moment. Richard Patrocinio brilliert als gemeuchelter Lover Fred vor allem bei der Gerichtsinszenierung gegen Ende der Story, als er mit vollem Körpereinsatz und ihresgleichen suchender Gesichtsakrobatik das hanebüchene Verteidigungsplädoyer überspitzt in der Retrospektive darstellt.

Philipp Kapeller mimt seinen etwas einfältigen, immer unsichtbaren Amos mit herzerwärmendem Charisma und reißt mit dem Showstopper „Mr. Cellophane“ die Herzen des Publikums an sich. Martin Mulders verkörpert die schrullige Boulevardreporterin Mary Sunshine mit Drag-Exzellenz, einem Hauch Gebrochenheit und einem glockenklaren klassischen Falsett mit wunderbarem Vibrato im ironischen Solo „A Little Bit of Good“ – seine Körper- und Stimmsprache lassen die Geschlechtergrenzen schmelzen; und außerdem beweist sich Mulders als fantastischer Tänzer. Fabio Diso tritt als Billy Flynn die Nachfolge bekannter Schauspieler wie Tom Hewitt, Patrick Swayze oder David Hasselhoff an und ihm gelingt es mit jugendlicher Unbeschwertheit und großem Bühnencharme, einer oftmals antagonistisch präsentierten Figur zahllose sympathische Momente zu verschaffen, die – natürlich im Kern sarkastisch – direkt in seinem Vorstellungssong „All I Care About“ kulminieren. Patricia Hodell erinnert nicht nur optisch an eine Patti LuPone, die die Rolle der Mama Morton zwar bisher nie gespielt hat, aber durch Hodells Interpretation irgendwie mit zum Leben erweckt wird – und das in bester burschikoser Divenfasson. Mit ausdrucksstarker, tiefer Stimme und bühnenbestimmender Präsenz schmettert Hodell „When You’re Good to Mama“ und „Class“.

Jeannine Michèle Wacker als Roxie Hart und Karin Seyfried als Velma Kelly sind die großen Stars des Abends. In anfangs komplett gegensätzlicher Energie rücken die Feindinnen, bis zum Ende in gegenseitigem Neid und Widerwillen getrennt, immer mehr in eine Bedarfsgemeinschaft hinein. Dass sie im Grunde dieselben Motive und fast identische Ängste umtreiben, schaffen beide Darstellerinnen in ihren jeweils voneinander isolierten Szenen glaubhaft zu zeichnen. Seyfried besticht mit ihrer unverkennbaren Stimmfarbe gesanglich in „All That Jazz“ und „When Velma Takes the Stand“. Mit „I Can’t Do It Alone“ generiert sie durch sprudelnde Energie und fantastische Körpersprache einen wahren Showstopper. Darüber hinaus beweist sie in ihren Songs fantastische tänzerische Fertigkeiten, die in Staunen versetzen. Während Seyfried die gesanglich anspruchsvolleren Parts des Stücks abräumt, bewältigt Wacker in ihrer Rolle der Roxie ein schauspielerisches Brett. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt deckt Wacker alle emotionalen Nuancen von Roxies Achterbahnfahrt der Gefühle beeindruckend ab. Von ihrem lasziv-kessen „Funny Honey“ über die große Selbsthuldigungshymne „Roxie“ vor dem riesigen Spiegel bis hin zu dem zügellos verrückten Endprozess bei „Razzle Dazzle“ schafft sie es, ihre Figur zur perfekten Mischung zwischen Protagonistin und Antagonistin zu machen. Wenn beide im Glitzerfummel zum finalen „Nowadays“ endlich ihren gemeinsamen Weg aus dem Knast auf die Bühne gefunden haben, bringen sie ihre Geschichte zu einem fulminanten Schluss. In der letzten Spielzeit ab Mai gibt es, anders als bei den restlos ausverkauften Vorstellungen im Winter, noch einige Plätze – also: Auf nach Hannover!

 
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KREATIVTEAM
BuchFred Ebb
Bob Fosse
MusikJohn Kander
LiedtexteFred Ebb
ÜbersetzungErika Gesell
Helmut Baumann
Musikalische LeitungPiotr Jaworski
InszenierungFelix Seiler
ChoreografieDanny Costello
Bühne, KostümeTimo Dentler
Okarina Peter
LichtFabian Grohmann
VideoSascha Vredenburg
DramaturgieDaniel Menne
 
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CAST (AKTUELL)
Roxie HartJeannine Michèle Wacker
Velma KellyKarin Seyfried
Billy FlynnFabio Diso
Mama MortonPatricia Hodell
Amos HartPhilipp Kapeller
Fred CaselyRichard Patrocinio
Sergeant FogartyChristopher Bolam
Mary SunshineMartin Mulders
LizJessica Rühle
AnnieDaniela Tweesmann
JuneJane-Lynn Steinbrunn
MonaVeronica Appeddu
Hunyak, KittyMaria Joachimstaller
Kittys Mann, StaatsanwaltRobert Johansson
AaronRichard Patrocinio
RichterChristopher Bolam
Gerichtsdiener, Ein ArztLeopold Lachnit
  
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 06.12.2024 19:30Opernhaus, Hannover
Mi, 11.12.2024 19:30Opernhaus, Hannover
Do, 19.12.2024 19:30Opernhaus, Hannover
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