Harald Höbinger, Brigitte Oelke (Rose) © Anna Kolata
Harald Höbinger, Brigitte Oelke (Rose) © Anna Kolata

Gypsy (2024 - 2026)
Bühnen, Halle (Saale)

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Viele Musicaldarstellerinnen beklagen zurecht, dass es ab einem gesetzteren Alter kaum noch große Charakterrollen in bekannten Stoffen zu spielen gibt. Die vielleicht größte Ausnahme stellt der Broadway-Hit „Gypsy“ dar, in dem die Traumrolle vieler Musicaldivas in Form der Figur Mama Rose in glorreichem Rampenlicht steht. Bei den Bühnen Halle übernimmt Brigitte Oelke diese Herkulesaufgabe und entpuppt sich abermals als Naturgewalt.

Ethel Merman, Angela Lansbury, Bernadette Peters, Patti LuPone, Imelda Staunton und Audra McDonald – sie alle haben „Gypsy“ zu einem der US-Musicalstandards gemacht und die Rolle der Rose zum absoluten Kronjuwel der weiblichen Hauptrollen gekürt. Hierzulande wurde das Musical höchstselten auf die Bühne gebracht, weswegen das Interesse der hiesigen Broadwayfans groß sein dürfte. Louisa Proskes Inszenierung setzt auf vordergründige Komik und Groteske, die dem inhärent bleiernen Stoff eine gut verdauliche Leichtfüßigkeit verschafft. Mit zahlreichen situationskomischen Momenten, der rekurrierenden Kuh-Thematik (Mama Rose schafft es partout nicht, von ihrer Inszenierungsidee mit einer fröhlich tanzenden Kuh gänzlich abzusehen) und einigen eingeworfenen Dialekten zwischen Berlinerisch, Brandenburgisch und Thüringisch und zumeist jugendsprachlichen Soziolekten und Modewörtern wie „hopsnehmen“, „jemanden pushen“ oder der allseits gehypten „Dubai-Schokolade“ bricht sie das mitunter etwas angestaubte Buch auf und sorgt für Amüsement. Iris Schuhmachers und Frank Thannhäusers deutsche Übersetzungen wirken immer noch realitätsnah und frisch, sodass der Stoff authentisch auf der Bühne erscheint. Über einige Längen kann die Inszenierung nicht hinweghelfen und schafft durch langwierige Umbauten und ungenutztes Darstellungspotenzial sogar noch einige mehr als nötig. Die vielleicht längste Ouverture des Musicaltheaters verbringt das Publikum mit Starren auf den roten Vorhang, obwohl direkt am Anfang ein intensives, mimenhaftes Schauspiel der Hauptdarstellerin erhoffen lies, dass die Zeit darstellerisch ausfüllend genutzt werden würde.

Optisch kann die Inszenierung allemal punkten: Darko Petrovics Bühnenbild erinnert an die Broadway- und West-End-Revivals von „Gypsy“ und spielt mit den Präsentationsformen des Theaters. Showvorhänge verdecken eine mit Requisiten vollgestellte Backstage-Halle, die stimmig als Hauptkulisse für das Vaudeville-Leben der Hauptfiguren steht, die immer auf Tour von Theater zu Theater gehen. Größere Bühnenelemente mimen auch Roses sozialen Abstieg: Von dem Zimmer beim Vater zur eigenen Bedarfsgemeinschaftswohnung bis hin zu einem Wohnwagen wird deutlich, dass Mama Rose der Armut verfällt. Im krassen Kontrast steht dies zu den glamourösen Bühnenbildern gegen Ende des Stücks, die den Wohlstand und Starstatus ihrer Tochter Gypsy Rose Lee in Form von großen Showbühnen und einem opulenten Künstlerzimmer veranschaulichen. Petrovics gerade bei den Hauptcharakteren am Broadway-Original orientierten Kostüme unterstreichen genau diese Entwicklung und trumpfen zudem im Burlesque-Part der Geschichte mit einigen glitzernden Hinguckern auf. Louisa Proske gelingt es mit Petrovics Auge für stimmige Ausstattung und Marie-Christin Zeissets wie aus den 1920ern gegriffenen Choreographien ein verblüffend nahes Bild der Vaudeville-Ära zu kreieren, das auch den Zuschauern, die mit diesem sehr amerikanischen Thema wenig vertraut sind, einen vielschichtigen Einblick verschafft. Choreographische Highlights im besten Vaudeville-Stil stellen die Anfangsszenen zu „Lasst euch unterhalten“ und dem instrumentalen „Baby June und ihre Zeitungsboys“ dar, wobei die Steppeinlage zu „Nur das Mädchen fehlt dazu“ der Showstopper dieser Inszenierung ist.

Einwandfreie Tontechnik und Abmischung lassen das von Bartholomew Berzonsky geleitete Orchester erstrahlen. Gerade die großen, bläserstarken Big-Band-Showmelodien begeistern. Das Ensemble, das neben zahlreichen motivierten und harmonisch miteinander wirkenden Kinderdarstellern auch durch einen leibhaftigen Schoßhund hervorsticht, weiß zu gefallen. Die junge Baby June wird von Isabelle Mojzis mit zuckersüß aufgesetztem Showgirl-Charme gegeben – sie grinst, tanzt, quietscht und purzelt sich in die Herzen des Publikums, ganz wie von Mama Rose gewünscht. Aurelia Bucher gibt als Baby Louise das perfekte, schüchtern-pragmatische Gegenstück. Die beiden Kids wirken zusammen mit Brigitte Oelke als sie stets antreibende Helikoptermutter wie ein waschechter Familien-Act der Vaudeville-Zeit.

Robert Sellier und Julia Preußler brillieren im zweiten Akt als frivole Gestalten der Nacht, die mit den Namen Elektra und Mazeppa, in urkomische Kostüme gewandet, das Burlesquetheater anheizen. Susanne Jansen macht das Stripperinnen-Trio als Tessie Tura im Song „Du brauchst ein geiles Gimmick“ perfekt und beeindruckt mit ihrer Wandelbarkeit in der Doppelrolle als abgebrühte Showmaster-Sekretärin Miss Cratchit. Harald Höbinger und Florian Ulrich Kranich mimen zusammen mit Sellier und Fabio Kopf das frische Jungsensemble unter Mama Roses Fittichen. Kopf beeindruckt durch seinen starken Gesang, ausdrucksvoll-sehnsüchtiges Schauspiel und seine flotten Stepptanzmoves in „Nur das Mädchen fehlt dazu“.

Den Hauptdarstellern gelingt es trotz des großen Comedy-Fokus in dieser Inszenierung, ihre Figuren mit Tiefe und Gefühl zu zeichnen: Charlotte Vogel verkörpert als erwachsene June eine symbiotische Weiterentwicklung ihrer Figur, die wie eine gegenseitige Kopie ihren kindlichen Gegenpart in Körpersprache, Ausstrahlung und Stimmführung auf der Showbühne fortsetzt. Ihren Ausbruch aus den Fängen ihrer Mutter spielt Vogel überzeugend und lässt für das Publikum wegen ihres im ersten Akt übersprühenden Bühnencharismas den Schmerz der Mutter über den Verlust ihres Kindes im zweiten Teil greifbar machen. Gerd Vogel spielt das Klischee eines amerikanischen Mannes im mittleren Alter ohne Frau und Kinder ausfüllend und erhält die Sympathie der Zuschauer ob seiner Beziehung mit der sehr anstrengenden und egozentrisch-narzisstischen Rose. In „Du kommst doch nicht los von mir“ und „Zusammen“ darf er aus seiner Haut fahren und extrovertierter Showman sein, was ihm gut zu Gesicht steht.

Laura Magdalena Goblirsch gelingt Louises oder „Gypsys“ Wandel vom introvertierten und unterdrückten Mauerblümchen zur Burlesque-Diva mit Herzschmerz, Frust, Wut und der großen, ihr implementierten Selbstunsicherheit mit spielerischem Geschick, subtilem Schauspiel und Freude an Komik. Ihr Duett mit ihrer Bühnenschwester zu „Wenn Mama nen Mann hätt“ bildet einen eindrucksvollen Kontrast zum in sich gekehrten Hoffnungslied „Kleines Lamm“  – und nach ihrer allmählichen Wandlung zur Sexgöttin während ihrer ausgedehnten Reprise von „Lasst euch unterhalten“ hat sie das Publikum gänzlich um ihren Finger gewickelt.

Brigitte Oelke bringt alles mit, was eine Mama Rose haben muss: Überlebensgroße Ausstrahlung, ausuferndes Schauspiel, Gewandtheit in den großen Selbstbeweihräucherungsmonologen und den gewissen Star-Faktor. Da verzeiht man einer Diva nur allzu gerne die nicht wenigen Texthänger, die Oelke mit ihrer Ausstrahlung in ihr expressives Spiel fast schon einzubinden scheint. Mit vollem Stimmklang schmettert sie „Manch einer“, gibt Comedy-Gold zu „Mr. Goldstein“ von sich, bei dem kein Auge trocken bleibt und feiert mit den beiden Aktfinalen „Du wirst gebettet auf Rosen“ und dem triumphalen „Rose’s Song“ gleich zwei ikonische Divenmomente. Oelkes Rose, die klassische narzisstische Bühnenmutter, kommt am Ende nach der finalen Konfrontation mit Gypsy zu einer lang überfälligen Selbsteinsicht, die zwar das Trauma ihrer Kinder nicht rückgängig macht, doch einen gesunden Neuanfang mit ihrer jüngsten Tochter in Aussicht stellt. Aber so ganz schafft Rose es sich nicht, von der ewigen Sehnsucht nach Ruhm zu lösen, schließt doch das Stück mit Oelkes sehnsüchtigem Augenaufschlag gen Scheinwerferlicht: Ein Blick einer großen Schauspielerin sagt mehr als tausend Worte.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungYonatan Cohen
Bartholomew Berzonsky
InszenierungLouisa Proske
AusstattungDarko Petrovic
ChoreografieMarie-Christin Zeisset
ChoreinstudierungBartholomew Berzonsky
DramaturgiePatric Seibert
 
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CAST (AKTUELL)
Onkel Jocko / Pastey / PhilFlorian Ulrich Krannich
RoseBrigitte Oelke
Pop / Weber / Cigar / Bourgeron-CochonHarald Höbinger
(Patric Seibert)
HerbieGerd Vogel
Louise / Gypsy Rose LeeLaura Magdalena Goblirsch
JuneCharlotte Vogel
TulsaFabio Kopf
George / Reicher Mann / Yonkers / ElektraRobert Sellier
Tessie Tura / Miss CratchittSusanne Jansen
MazeppaJulia Preußler
OrchesterStaatskapelle Halle
ChorKinder-
Jugendchor der Oper Halle
TanzBallettakademie am Opernhaus Halle
KomparserieStatisterie der Oper Halle
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 23.11.2024 19:30Oper, Halle (Saale)Premiere
Sa, 30.11.2024 19:30Oper, Halle (Saale)
Do, 12.12.2024 19:30Oper, Halle (Saale)
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